Israel als Dauerziel: Wie die UN ihren doppelten Maßstab zum System gemacht haben
15 Israel-Resolutionen in einem Jahr, ein eigener Tagesordnungspunkt und jahrzehntelange Sonderbehandlung: Die Voreingenommenheit gegenüber Israel ist bei den UN längst strukturell verankert.

Bildnachweis: U.S. Department of the Interior
Wer verstehen will, warum IsraelIsrael: Der jüdische Staat im Herzen des Nahen OstensIsrael ist ein demokratischer Staat im Nahen Osten und der Nationalstaat des jüdischen Volkes. Er wurde am 14. Mai 1948 gegründet, seine Hauptstadt ist Jerusalem, die Knesset hat 120 Abgeordnete. Zum Unabhängigkeitstag 2026 hatte Israel rund 10,244 Millionen Einwohner.Mehr lesen den Vereinten Nationen mit so tiefem Misstrauen begegnet, muss nicht bei Benjamin Netanyahu anfangen. Man kann in einer Moschee in Sanaa beginnen.
Dort wuchs der Jemenit Luai Ahmed auf. Nach seiner Schilderung hörte er schon als Kind beim Freitagsgebet Sätze, in denen Allah um Wohlstand gebeten wurde und anschließend darum, die Juden zu töten und Israel zu vernichten. Die Gemeinde antwortete jeweils mit "Amen". Juden kannte Ahmed damals nicht. Israel kannte er vor allem als Feindbild.
Jahre später stand derselbe Mann in Genf vor einem Gremium der Vereinten Nationen und stellte eine andere Frage: Warum taucht Israel in einem Bericht 188 Mal auf, während das islamische Regime in Iran überhaupt nicht erwähnt wird? Warum interessiert sich die internationale Menschenrechtsindustrie so intensiv für den jüdischen Staat, während Hunderttausende Tote im Jemen, in Syrien oder Sudan kaum eine vergleichbare politische Energie auslösen?
Ahmeds Lebensweg ist außergewöhnlich. Die Frage, die er stellt, ist es nicht.
Denn die Sonderbehandlung Israels bei den Vereinten Nationen lässt sich nicht nur mit Gefühlen, politischen Sympathien oder israelischem Misstrauen erklären. Sie steht in Resolutionen, Tagesordnungen und institutionellen Strukturen schwarz auf weiß.
Das Problem ist nicht, dass Israel kritisiert wird.
Das Problem ist, dass für Israel Regeln gelten, die für praktisch kein anderes Land der Welt gelten.
Vom "Zionismus ist Rassismus" zum institutionalisierten Sonderfall Israel
Die Geschichte dieser Schieflage reicht Jahrzehnte zurück.
1975 verabschiedete die UN-Generalversammlung die Resolution 3379. Darin wurde der ZionismusZionismus: Das Recht der Juden auf SelbstbestimmungZionismus bezeichnet die jüdische Nationalbewegung, die für die Rückkehr des jüdischen Volkes in seine historische Heimat und für jüdische Selbstbestimmung im Land Israel eintrat. Der moderne Zionismus entstand im 19. Jahrhundert als Antwort auf Antisemitismus, Verfolgung und Entrechtung.Mehr lesen, also die nationale Selbstbestimmungsbewegung des jüdischen Volkes, ausdrücklich als "eine Form von Rassismus und rassischer Diskriminierung" bezeichnet.
72 Staaten stimmten dafür.
Israels damaliger UN-Botschafter Chaim Herzog ging anschließend zum Rednerpult, hielt die Resolution hoch und zerriss sie vor den Delegierten. Für das jüdische Volk sei dieses Dokument nichts weiter als ein Stück Papier, erklärte er.
Es dauerte 16 Jahre, bis die Vereinten Nationen den Beschluss zurücknahmen. 1991 wurde Resolution 3379 aufgehoben. Der Satz "Zionismus ist Rassismus" verschwand aus dem geltenden Beschlussbestand.
Das politische Prinzip dahinter verschwand nicht.
Besonders sichtbar ist es heute im UN-Menschenrechtsrat. Dort existiert mit Tagesordnungspunkt 7 ein eigener, dauerhaft wiederkehrender Punkt ausschließlich für Israel und die palästinensischen Gebiete.
Nicht für Iran.
Nicht für Nordkorea.
Nicht für China.
Nicht für Syrien.
Nicht für Russland.
Für Israel.
Andere Länder und Konflikte werden unter allgemeinen oder jeweils beschlossenen Verfahren behandelt. Israel dagegen besitzt seinen eigenen fest eingebauten Platz auf der Tagesordnung. Die Beschäftigung mit dem jüdischen Staat ist damit nicht bloß Ergebnis einer aktuellen Krise oder einzelner Entscheidungen. Sie gehört zur institutionellen Architektur des Gremiums.
Genau darin liegt der Unterschied zwischen Kritik und struktureller Voreingenommenheit.
Noch deutlicher wird das beim Blick auf die Generalversammlung. Nach der Auswertung von UN Watch wurden 2025 insgesamt 15 Israel-bezogene Resolutionen verabschiedet. Gegen zahlreiche autoritär regierte Staaten wie Saudi-Arabien, Venezuela oder Kuba gab es keine vergleichbare länderspezifische Resolution. Iran und Nordkorea kamen jeweils auf eine.
Man muss daraus nicht schließen, dass jede einzelne Resolution gegen Israel unbegründet ist. Man muss auch nicht behaupten, andere Staaten würden bei den Vereinten Nationen überhaupt nicht kritisiert.
Der Befund ist auch ohne Übertreibung deutlich genug.
Ein winziger demokratischer Staat mit weniger als zehn Millionen Einwohnern beschäftigt Teile des UN-Systems Jahr für Jahr in einem Umfang, den selbst einige der brutalsten Regime der Welt nicht erreichen.
Das ist kein normaler Maßstab.
Es ist ein Sondermaßstab.
Gerade der Menschenrechtsrat macht das Problem besonders sichtbar. Über Israel stimmen dort auch Staaten ab, deren Regierungen selbst wegen schwerster Menschenrechtsverletzungen kritisiert werden. China, Kuba, Katar oder andere autoritäre Staaten können Teil eines Systems sein, das Resolutionen über die Menschenrechtslage einer Demokratie verabschiedet.
Formal ist das vollkommen korrekt. Die Staaten werden gewählt und besitzen dieselben Rechte wie andere Mitglieder.
Politisch bleibt die Absurdität bestehen.
Ein Gremium wird nicht automatisch glaubwürdig, nur weil "Menschenrechte" über seiner Tür steht.
Seit dem HamasHamas: Terrororganisation aus GazaHamas ist eine islamistische palästinensische Terrororganisation. Sie entstand 1987 aus dem Umfeld der Muslimbruderschaft, lehnt Israels Existenz ab und wird von Israel, den USA, der EU und weiteren Staaten als Terrororganisation eingestuft.Mehr lesen-Massaker vom 7. Oktober7. Oktober 2023: Das Hamas-Massaker, das Israel veränderteDer 7. Oktober 2023 war der Tag des Hamas-Massakers in Israel. Terroristen aus Gaza ermordeten etwa 1.200 Menschen, vor allem Zivilisten, und verschleppten mehr als 240 Geiseln in den Gazastreifen.Mehr lesen 2023 ist dieses Misstrauen in Israel noch größer geworden.
UN-Generalsekretär António Guterres löste wenige Wochen nach dem Massaker Empörung aus, als er erklärte, die Angriffe der Hamas seien "nicht in einem Vakuum" erfolgt. Zur vollständigen Einordnung gehört, dass Guterres die Terrorangriffe der Hamas im selben Auftritt ausdrücklich verurteilte und erklärte, palästinensische Beschwerden könnten die Ermordung und Entführung von Zivilisten nicht rechtfertigen.
Doch genau dieser eine Satz traf in Israel einen Nerv. Während Familien noch um Ermordete trauerten und Geiseln in GazaPalästina: Geschichte, Bedeutung und politischer Streit um einen aufgeladenen BegriffPalästina bezeichnet historisch eine Region im südlichen Levantegebiet und politisch heute vor allem den Anspruch auf palästinensische Staatlichkeit. Der Begriff ist eng mit jüdischer Geschichte, dem britischen Mandat, Israel und dem Nahostkonflikt verbunden.Mehr lesen festgehalten wurden, klang die Formulierung für viele Israelis wie der Versuch, ein Massaker unmittelbar historisch und politisch zu kontextualisieren.
Das Verhältnis zerbrach weiter.
Dann gibt es Francesca Albanese.
Die italienische Juristin ist UN-Sonderberichterstatterin für die palästinensischen Gebiete und längst eine der umstrittensten Figuren im gesamten UN-System. Sie wirft Israel ApartheidApartheidvorwurf gegen Israel: Kampfbegriff, Rechtsvorwurf und VerzerrungDer Apartheidvorwurf gegen Israel behauptet, Israel errichte ein System systematischer Herrschaft über Palästinenser. Kritiker sehen darin eine falsche Gleichsetzung mit Südafrika und eine Delegitimierung des jüdischen Staates.Mehr lesen, Kolonialismus und Völkermord vor. Gleichzeitig wird sie selbst seit Jahren wegen Äußerungen kritisiert, die weit über gewöhnliche Kritik an einer israelischen Regierung hinausgehen.
Bereits 2014 schrieb Albanese über die Macht einer "jüdischen Lobby" in den Vereinigten Staaten. Später räumte sie ein, diese Formulierung sei falsch gewesen und sie würde sie heute nicht mehr verwenden.
Das eigentliche Problem ist aber größer als eine einzelne alte Äußerung.
Wenn eine Person mit einem offiziellen Mandat der Vereinten Nationen Israel regelmäßig mit maximalen völkerrechtlichen und moralischen Vorwürfen überzieht, muss an ihre Neutralität ein besonders strenger Maßstab angelegt werden. Genau dieses Vertrauen ist bei großen Teilen der israelischen Öffentlichkeit längst verloren gegangen.
Israel kann sich die UN trotzdem nicht schenken
Die naheliegende Reaktion wäre, den Vereinten Nationen den Rücken zu kehren.
David Ben-Gurion prägte schon 1955 den bis heute berühmten Ausdruck "Um Schmum", sinngemäß: UN hin oder her.
Der Frust ist verständlich.
Ein Staat wird permanent verurteilt, bekommt einen eigenen Tagesordnungspunkt, erlebt Gremien mit autoritären Mitgliedstaaten als moralische Richter und sieht zugleich, wie Terrororganisationen und Regime die Sprache der Menschenrechte für ihre eigenen politischen Ziele benutzen.
Warum sollte Israel dieses Spiel überhaupt noch mitspielen?
Weil ein leerer israelischer Stuhl die Voreingenommenheit nicht beseitigt.
Er macht sie nur unwidersprochen.
Die Vereinten Nationen sind trotz aller Probleme eine globale Bühne. Für weite Teile der Welt sind ihre Berichte, Resolutionen und Vertreter wichtige Informationsquellen. UN-Organisationen verteilen Lebensmittel, betreiben Schulen und Flüchtlingshilfe und besitzen für Millionen Menschen eine Autorität, die westliche Regierungen oder israelische Institutionen niemals erreichen werden.
Wer diese Bühne räumt, überlässt sie seinen Gegnern.
Deshalb ist Luai Ahmeds Geschichte so interessant.
Er kommt nicht aus JerusalemJerusalem: Hauptstadt Israels und Herz jüdischer GeschichteJerusalem ist die Hauptstadt Israels und die größte Stadt des Landes. Für Juden ist sie seit Jahrtausenden religiöser und historischer Mittelpunkt. Zugleich ist Jerusalem auch für Christen und Muslime heilig und steht im Zentrum politischer Streitfragen.Mehr lesen, Tel Aviv oder New York. Er kommt aus dem Jemen. Er wuchs nach eigener Darstellung mit offen antisemitischen Gebeten auf. Noch vor einigen Jahren hätte er sich kaum vorstellen können, freiwillig mit einem Juden zu sprechen.
Heute steht er vor den Vereinten Nationen und fragt arabische und muslimische Vertreter, warum sie sich stärker für Israel interessieren als für die Massaker, die Muslime anderen Muslimen antun.
Das ist eine Stimme, die Israel selbst kaum ersetzen kann.
Ahmed berichtet auch über seine Zeit als Flüchtling in Schweden. Nach dem islamistischen Anschlag auf die Redaktion von Charlie Hebdo 2015 sei in seinem Flüchtlingszentrum gefeiert worden. Kuchen seien gebacken, Musik gespielt und der Terroranschlag bejubelt worden. Für ihn war das ein Wendepunkt.
Später lernte er erstmals persönlich einen Juden kennen.
Das jahrzehntelang eingeprägte Feindbild bekam plötzlich ein Gesicht. Und dieses Gesicht passte nicht zu dem, was ihm beigebracht worden war.
Genau deshalb ist die Auseinandersetzung bei den Vereinten Nationen wichtig.
Nicht jede Abstimmung wird gewonnen.
Nicht jede Resolution lässt sich verhindern.
Viele Mehrheiten stehen längst fest, bevor ein israelischer Diplomat überhaupt das Rednerpult erreicht.
Aber Schweigen wäre noch schlechter.
Auch der häufig erwähnte Einfluss Katars sollte dabei präzise betrachtet werden. Katar hat Projekte der Vereinten Nationen finanziert und unter anderem den Umbau eines großen Konferenzsaals im Palais des Nations in Genf unterstützt. Daraus folgt nicht, dass Doha den Menschenrechtsrat kontrolliert oder Resolutionen kaufen kann.
Es zeigt jedoch eine Realität internationaler Institutionen, die gerne ausgeblendet wird: Die UN sind kein über den Staaten schwebendes moralisches Gericht.
Sie bestehen aus Staaten.
Aus Demokratien und Diktaturen.
Aus Allianzen.
Aus wirtschaftlichen Interessen.
Aus regionalen Blöcken.
Aus Stimmenhandel und Diplomatie.
Wer im Menschenrechtsrat sitzt oder in der Generalversammlung abstimmt, legt seine nationalen Interessen nicht am Eingang ab.
Genau deshalb ist die Vorstellung problematisch, eine UN-Resolution sei allein aufgrund ihres Absenders bereits eine objektive moralische Wahrheit.
Die Geschichte liefert dafür das beste Beispiel.
1975 erklärte eine Mehrheit derselben Organisation den Zionismus zum Rassismus.
1991 erklärte eine andere Mehrheit diesen Beschluss für aufgehoben.
Der Zionismus hatte sich in diesen 16 Jahren nicht grundlegend verändert.
Die politischen Mehrheiten hatten sich verändert.
Das sollte man im Gedächtnis behalten, wenn heute UN-Abstimmungen als endgültiges moralisches Urteil über Israel präsentiert werden.
Israel muss sich Kritik stellen. Es muss Fehler untersuchen, eigenes Fehlverhalten verfolgen und sich an internationales Recht halten.
Aber Israel muss nicht akzeptieren, dass ausgerechnet der einzige jüdische Staat der Welt dauerhaft nach einem Maßstab beurteilt wird, der für andere Staaten nicht gilt.
Wer 15 Resolutionen gegen Israel beschließt, während zahlreiche Diktaturen gar keine vergleichbare Resolution erhalten, muss sich die Frage nach seinen Prioritäten gefallen lassen.
Wer einen permanenten Tagesordnungspunkt für Israel unterhält, muss erklären, warum kein anderes Land diese Behandlung erfährt.
Und wer Menschenrechte glaubwürdig verteidigen will, darf nicht schweigen, wenn JudenhassAntisemitismus: Judenhass in alten und neuen FormenAntisemitismus bezeichnet Judenhass und Feindschaft gegen Juden. Er reicht von Vorurteilen und Verschwörungserzählungen bis zu Ausgrenzung, Bedrohung und Gewalt.Mehr lesen, Terror und Unterdrückung von den politisch passenden Tätern ausgehen.
Die UN haben deshalb nicht einfach nur ein schwieriges Verhältnis zu Israel.
Sie haben ein strukturelles Israel-Problem.
Und genau deshalb darf Israel diese Bühne nicht aufgeben.
Autor: Redaktion
Artikel veröffentlicht am: Freitag, 28. August 2026