Antisemitismus: Judenhass in alten und neuen Formen

Antisemitismus ist Hass auf Juden. Er zeigt sich offen, versteckt, religiös, politisch, rassistisch oder gegen Israel gerichtet.

Antisemitismus bezeichnet Feindschaft, Hass, Vorurteile, Diskriminierung oder Gewalt gegen Juden als Juden. Er kann sich gegen einzelne jüdische Menschen, gegen jüdische Gemeinden, gegen Synagogen, Schulen, Friedhöfe und Einrichtungen richten. Er kann aber auch dort auftreten, wo der jüdische Staat Israel mit Bildern, Vorwürfen und Maßstäben angegriffen wird, die aus der Geschichte des Judenhasses stammen oder jüdische Selbstbestimmung grundsätzlich infrage stellen.

Der Begriff Antisemitismus ist historisch jünger als der Hass, den er beschreibt. Judenfeindschaft existiert seit der Antike und hat über Jahrhunderte immer neue Formen angenommen. Der moderne Begriff „Antisemitismus“ wurde im 19. Jahrhundert geprägt. Er sollte damals den Hass auf Juden scheinbar wissenschaftlich und rassisch begründen. Genau darin liegt eine besondere Gefahr: Antisemitismus gibt sich selten offen als bloßer Hass zu erkennen. Er sucht Begründungen, Masken und Vorwände. Mal religiös, mal politisch, mal sozial, mal wirtschaftlich, mal kulturell, mal angeblich antikapitalistisch, mal angeblich antikolonial. Der Kern bleibt dennoch derselbe: Juden werden nicht als einzelne Menschen wahrgenommen, sondern als Projektionsfläche für Angst, Neid, Wut und Verschwörungsdenken.

Antisemitismus unterscheidet sich von vielen anderen Formen des Hasses durch seine besondere Struktur. Juden werden nicht nur abgewertet. Ihnen wird häufig zugleich eine geheime Macht zugeschrieben. Antisemitische Denkmuster behaupten, Juden kontrollierten Medien, Banken, Regierungen, Kriege, Krisen, Migration, Seuchen oder gesellschaftliche Veränderungen. Dadurch wird aus einer Minderheit ein angeblich übermächtiger Gegner gemacht. Diese Vorstellung ist irrational, aber politisch gefährlich, weil sie Schuldige für komplexe Probleme liefert. Wer antisemitisch denkt, muss die Welt nicht mehr verstehen. Er muss nur noch „die Juden“ verantwortlich machen.

Historisch trat Judenfeindschaft in verschiedenen Formen auf. Der religiöse Antijudaismus stellte Juden als Gegner des Christentums dar und prägte über Jahrhunderte Bilder von Schuld, Verrat und Fremdheit. Der moderne rassistische Antisemitismus machte daraus im 19. und 20. Jahrhundert eine angeblich biologische Feindschaft. Juden galten nicht mehr nur als Menschen mit einer anderen Religion, sondern als angeblich unveränderliche Gruppe. Diese Entmenschlichung war eine Voraussetzung für Entrechtung, Verfolgung und schließlich für die Schoa, den nationalsozialistischen Massenmord an sechs Millionen Juden.

Nach 1945 verschwand Antisemitismus nicht. Er veränderte seine Sprache. In Deutschland und Europa trat er oft als sogenannter sekundärer Antisemitismus auf. Dabei wird nicht immer offen gegen Juden gehetzt. Stattdessen richtet sich der Zorn gegen die Erinnerung an die Verbrechen. Typisch sind Sätze, die einen „Schlussstrich“ fordern, die Erinnerungskultur verächtlich machen oder Juden unterstellen, sie nutzten die Schoa für politische oder finanzielle Vorteile aus. Diese Form des Antisemitismus ist besonders perfide, weil sie die Opfergeschichte umdreht: Nicht die Verbrechen stehen im Mittelpunkt, sondern die angebliche Zumutung, an sie erinnert zu werden.

Eine weitere Form ist der Verschwörungsantisemitismus. Er arbeitet mit alten Bildern in neuer Sprache. Aus „Weltjudentum“ werden „globale Eliten“, aus antijüdischen Legenden werden Behauptungen über Finanzmacht, Medienmacht oder geheime Netzwerke. Nicht jede Kritik an Eliten, Banken oder Medien ist antisemitisch. Antisemitisch wird sie dort, wo Juden direkt oder indirekt als verborgene Drahtzieher einer feindlichen Weltordnung dargestellt werden. Gerade in Krisenzeiten verbreiten sich solche Muster schnell. Pandemie, Krieg, Inflation, Migration oder politische Unsicherheit können als Nährboden dienen, wenn Menschen einfache Schuldige suchen.

Besonders wichtig ist heute der israelbezogene Antisemitismus. Kritik an Israel ist nicht automatisch antisemitisch. Israel ist eine Demokratie mit Parteien, Gerichten, Medien, Streit, Fehlern und scharfen inneren Debatten. Wie jeder Staat kann und darf Israel kritisiert werden. Antisemitisch wird Israelkritik aber dort, wo Israel dämonisiert, delegitimiert oder mit doppelten Standards behandelt wird. Wer Israel das Existenzrecht abspricht, jüdische Selbstbestimmung ablehnt, Israel mit nationalsozialistischen Verbrechen gleichsetzt oder Juden weltweit für Handlungen der israelischen Regierung verantwortlich macht, überschreitet die Grenze zur antisemitischen Argumentation.

Die IHRA Arbeitsdefinition von Antisemitismus ist international eine wichtige Grundlage zur Einordnung solcher Fälle. Sie beschreibt Antisemitismus als eine bestimmte Wahrnehmung von Juden, die sich als Hass gegen Juden ausdrücken kann. Die Definition verweist auch darauf, dass sich antisemitische Erscheinungsformen gegen jüdische und nichtjüdische Personen, gegen Eigentum, gegen jüdische Einrichtungen und gegen religiöse Stätten richten können. Die IHRA nennt Beispiele, darunter auch Formen israelbezogenen Antisemitismus, etwa die Leugnung des Rechts des jüdischen Volkes auf Selbstbestimmung oder die Anwendung doppelter Standards gegenüber Israel. Die Definition ist nicht rechtsverbindlich, wird aber von vielen Staaten, Institutionen und Organisationen als Orientierung genutzt.

In der wissenschaftlichen und politischen Debatte gibt es unterschiedliche Definitionen und Schwerpunkte. Einige Ansätze betonen stärker die historische Entwicklung der Judenfeindschaft, andere die Gegenwartsformen, wieder andere die Frage, wie Israelkritik und Antisemitismus voneinander abzugrenzen sind. Diese Debatte ist wichtig, darf aber nicht zur Ausrede werden, Antisemitismus kleinzureden. Für Betroffene ist nicht entscheidend, ob eine antisemitische Aussage in eine wissenschaftliche Kategorie passt. Entscheidend ist, dass jüdische Menschen bedroht, beschimpft, ausgegrenzt oder verantwortlich gemacht werden für Dinge, mit denen sie nichts zu tun haben.

Antisemitismus zeigt sich im Alltag oft leiser, als viele glauben. Er beginnt nicht erst beim Anschlag auf eine Synagoge. Er beginnt bei Witzen über Juden, bei Gerüchten über jüdische Macht, bei Beschimpfungen auf Schulhöfen, bei Drohungen in sozialen Netzwerken, bei Schmierereien auf jüdischen Friedhöfen, bei der Angst, eine Kippa oder einen Davidstern sichtbar zu tragen. Er zeigt sich, wenn jüdische Kinder in Schulen für Israel verantwortlich gemacht werden. Er zeigt sich, wenn jüdische Studenten an Universitäten unter Druck geraten, weil sie sich nicht von Israel lossagen. Er zeigt sich, wenn jüdische Gemeinden Sicherheitsmaßnahmen brauchen, um beten, lernen oder feiern zu können.

Seit dem 7. Oktober 2023 ist diese Realität noch deutlicher geworden. Der Terrorangriff der Hamas auf Israel und der Krieg, der darauf folgte, wurden weltweit von einer Welle antisemitischer Vorfälle begleitet. Viele jüdische Menschen berichten seither von wachsender Angst, offener Feindseligkeit und dem Gefühl, ihre jüdische Identität verbergen zu müssen. Die Europäische Grundrechteagentur dokumentierte in ihrer dritten Erhebung, dass Antisemitismus für jüdische Menschen in Europa ein schwerwiegendes und alltägliches Problem ist. Solche Befunde zeigen, dass Antisemitismus nicht nur ein historisches Thema ist. Er ist Gegenwart.

Für Deutschland hat das besondere Bedeutung. Wer über Antisemitismus spricht, spricht hier nicht über irgendein Vorurteil. Er spricht über eine Geschichte, die in Entrechtung, Deportation und Massenmord führte. Daraus folgt keine Pflicht, Israel kritiklos zu betrachten. Aber daraus folgt eine Pflicht zur Genauigkeit, zur Wachsamkeit und zur klaren Grenze. Jüdisches Leben darf nicht nur in Gedenkreden geschützt werden. Es muss im Alltag geschützt werden, in Schulen, auf Straßen, in Universitäten, in Medien, in Parteien und im Netz.

Antisemitismus ist kein Problem der Vergangenheit und kein Problem einer einzigen politischen Richtung. Er findet sich rechts, links, islamistisch, verschwörungsideologisch, religiös, säkular, gebildet und ungebildet. Er kann im Gewand nationalistischer Hetze auftreten, im Gewand vermeintlicher Kapitalismuskritik, im Gewand angeblicher Menschenrechtsrhetorik oder als Hass auf Israel. Gerade deshalb ist er so widerstandsfähig. Er passt sich an und sucht sich neue Worte.

Ein demokratischer Staat muss Antisemitismus klar benennen. Nicht jede unkluge Aussage ist bereits Judenhass. Nicht jede harte politische Kritik ist antisemitisch. Aber wer aus Angst vor Kontroversen nicht mehr benennt, was antisemitisch ist, lässt Betroffene allein. Antisemitismus lebt davon, dass er verharmlost, umgedeutet oder als bloße Meinung geschützt wird. Eine offene Gesellschaft darf genau das nicht zulassen. Sie muss streiten können, aber sie muss auch wissen, wo Streit endet und Entmenschlichung beginnt.

Antisemitismus ist deshalb mehr als ein Angriff auf Juden. Er ist ein Angriff auf die Grundlagen einer freien Gesellschaft. Wo Juden nicht sicher sind, ist auch die Demokratie nicht sicher. Denn Antisemitismus zerstört Vertrauen, Wahrheit und Verantwortung. Er ersetzt Denken durch Verdacht, Politik durch Feindbilder und Menschlichkeit durch Hass. Wer Antisemitismus bekämpft, verteidigt nicht nur jüdisches Leben. Er verteidigt die Würde des Menschen und die Fähigkeit einer Gesellschaft, Wahrheit von Wahn zu unterscheiden.

Quellen

  1. IHRA: Working Definition of Antisemitism holocaustremembrance.com/resources/working-definition-antisemitism
  2. IHRA: Nicht rechtsverbindliche Arbeitsdefinition von Antisemitismus als PDF holocaustremembrance.com/wp-content/uploads/2024/01/IHRA-non-legally-binding-working-definition-of-antisemitism-1.pdf
  3. Bundeszentrale für politische Bildung: Was heißt Antisemitismus? bpb.de/themen/antisemitismus/dossier-antisemitismus/was-heisst-antisemitismus/37945/was-heisst-antisemitismus/
  4. Bundeszentrale für politische Bildung: Definitionen von Antisemitismus bpb.de/themen/antisemitismus/dossier-antisemitismus/was-heisst-antisemitismus/555654/definitionen-von-antisemitismus/
  5. Bundeszentrale für politische Bildung: Geschichte des Antisemitismus bpb.de/themen/antisemitismus/dossier-antisemitismus/319011/geschichte-des-antisemitismus/
  6. Bundeszentrale für politische Bildung: Antizionismus bpb.de/themen/antisemitismus/dossier-antisemitismus/was-heisst-antisemitismus/glossar-antisemitismus/559741/antizionismus/
  7. UNESCO: Addressing anti-semitism through education unesco.org/en/articles/addressing-anti-semitism-through-education-guidelines-policymakers
  8. OSCE ODIHR und UNESCO: Addressing Anti-Semitism Through Education odihr.osce.org/odihr/383089
  9. European Union Agency for Fundamental Rights: Jewish People’s Experiences and Perceptions of Antisemitism, Third Survey fra.europa.eu/en/publication/2024/experiences-and-perceptions-antisemitism-third-survey
  10. European Union Agency for Fundamental Rights: PDF zur dritten Erhebung fra.europa.eu/sites/default/files/fra_uploads/fra-2024-experiences-perceptions-antisemitism-survey_en.pdf