Israels Wahl 2026: Die Sperrklausel kann über ganze politische Blöcke entscheiden
Ungewöhnlich viele Parteien kämpfen um den Einzug in die Knesset. Die Wahlen 2019 und 2022 zeigen, wie wenige Tausend Stimmen über Mehrheiten entscheiden können. 2026 ist das Risiko noch größer.

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Bei israelischen Wahlen richtet sich der Blick gewöhnlich auf die großen Parteien und die Frage, wer stärkste Kraft wird. Bei der Wahl zur 26. Knesset am 27. Oktober könnte die entscheidende Schlacht jedoch viel weiter unten stattfinden. Ungewöhnlich viele Parteien bewegen sich derzeit im Bereich der Sperrklausel, und schon wenige Zehntausend Stimmen können darüber entscheiden, ob ein politischer Block mehrere Mandate gewinnt oder verliert.
Die israelische Sperrklausel liegt bei 3,25 Prozent der gültigen Stimmen. Eine Liste, die darunter bleibt, erhält kein einziges Mandat. Ihre Stimmen werden bei der Sitzverteilung nicht berücksichtigt. Das klingt zunächst nach einem technischen Detail des Wahlrechts, hat aber in der extrem polarisierten israelischen Parteienlandschaft enorme politische Folgen. Die Zentrale Wahlkommission bestätigt für die Wahl am 27. Oktober weiterhin die Schwelle von 3,25 Prozent.
Wie hoch die notwendige absolute Stimmenzahl sein wird, hängt von der Wahlbeteiligung ab. N12 rechnet derzeit mit einem deutlich höheren Wert als noch 2022. Eine Analyse des Taub Center kam bei einer angenommenen Wahlbeteiligung von 75 Prozent auf etwa 180.000 Stimmen, während andere Berechnungen mit etwas niedrigerer Beteiligung von ungefähr 160.000 bis 170.000 Stimmen ausgehen. Sicher ist deshalb weniger die genaue Zahl als der Trend: Eine kleine Partei braucht diesmal erheblich mehr Stimmen, um überhaupt in die Knesset einzuziehen.
Genau deshalb werden die kommenden Tage bis zur endgültigen Einreichung der Listen so wichtig. N12 zählt derzeit eine ungewöhnlich große Zahl politischer Projekte, die entweder knapp oberhalb oder unterhalb der Sperrklausel liegen könnten. Dazu gehören unter anderem Ofer Winter, Bezalel Smotrich, Avi Maoz, verschiedene Bündnispläne um Moshe Feiglin und Michael Ben Ari, Gilad Erdan und Yuli Edelstein, Hili Tropper und Yoaz Hendel sowie Benny Gantz und weitere kleinere Listen. Auch im ultraorthodoxen Lager gibt es kleinere Projekte, die Stimmen von den etablierten Parteien abziehen könnten.
Es ist unwahrscheinlich, dass all diese Listen tatsächlich getrennt antreten werden. Bündnisse, Rückzüge und Zusammenschlüsse gehören gerade in den letzten Tagen vor Listenschluss zur israelischen Wahltradition. Doch genau das macht die gegenwärtige Phase so entscheidend. Wer jetzt aus persönlichem Ehrgeiz auf einer eigenen Liste besteht, kann am Wahlabend nicht nur selbst scheitern, sondern dem eigenen politischen Lager mehrere Mandate kosten.
Eine aktuelle N12-Umfrage zeigt, wie schnell das passieren kann. Ofer Winter erreicht darin vier Mandate und würde damit die Sperrklausel überwinden. Gleichzeitig fällt die Religiös-Zionistische Partei von Bezalel Smotrich darunter. In dieser Konstellation schrumpft der derzeitige Koalitionsblock nach der N12-Berechnung auf 49 Mandate. Das ist nur eine Momentaufnahme, zeigt aber exakt das Problem: Eine neue Partei muss einem politischen Lager nicht automatisch zusätzliche Sitze bringen. Sie kann vorhandene Stimmen lediglich so neu verteilen, dass am Ende ein Teil davon verloren geht.
2019 und 2022 zeigen, wie brutal die Sperrklausel wirken kann
IsraelIsrael: Der jüdische Staat im Herzen des Nahen OstensIsrael ist ein demokratischer Staat im Nahen Osten und der Nationalstaat des jüdischen Volkes. Er wurde am 14. Mai 1948 gegründet, seine Hauptstadt ist Jerusalem, die Knesset hat 120 Abgeordnete. Zum Unabhängigkeitstag 2026 hatte Israel rund 10,244 Millionen Einwohner.Mehr lesen hat diese Erfahrung bereits mehrfach gemacht. Bei der Wahl im April 2019 entfielen nach der N12-Auswertung fast 370.000 Stimmen auf Parteien, die nicht in die Knesset einzogen. Das entsprach rechnerisch mehr als zehn Mandaten. Besonders dramatisch war der Fall Naftali Bennett: Seiner damaligen Partei HaYamin HeHadash fehlten lediglich 1.453 Stimmen zum Einzug.
Gleichzeitig blieb auch Moshe Feiglins Zehut draußen. Bennett und Feiglin banden zusammen Stimmen im Umfang von ungefähr sieben Mandaten aus dem politischen Lager Benjamin Netanyahus. Die Stimmen waren natürlich nicht automatisch Likud-Stimmen, und niemand kann wissen, wie sich diese Wähler ohne die beiden Listen entschieden hätten. Politisch war die Wirkung dennoch erheblich: Sie standen für die Mehrheitsbildung nicht mehr zur Verfügung.
Noch deutlicher wurde der Effekt 2022. Zwischen Netanyahus Lager und seinen Gegnern lagen nach der von N12 vorgenommenen Betrachtung der abgegebenen Stimmen lediglich rund 30.000 Stimmen, also weniger als der Gegenwert eines Mandats. Das Wahlergebnis im Parlament sah dagegen vollkommen anders aus: Netanyahus Lager erhielt 64 Sitze, das gegnerische Lager 56.
Der Grund lag nicht in einem überwältigenden Stimmenvorsprung, sondern wesentlich in der Sperrklausel. Meretz scheiterte denkbar knapp und verfehlte den Einzug um ungefähr 4.000 Stimmen. Auch Balad blieb draußen. Allein diese beiden Parteien erhielten zusammen knapp 290.000 Stimmen, die anschließend bei der Mandatsverteilung keine Rolle mehr spielten. Rechnet man sämtliche 2022 unterhalb der Sperrklausel gebliebenen Listen zusammen, waren es sogar mehr als 400.000 Stimmen. N12 beziffert diese Größenordnung auf rund zehn rechnerische Mandate.
Damit erklärt sich auch das scheinbare Paradox der Wahl 2022. Zwischen den Lagern lagen bei den tatsächlichen Wählern keine acht Mandate. Die Sitzverteilung machte daraus trotzdem ein Ergebnis von 64 zu 56.
2026 könnte dieses Problem noch größer werden
Die Ausgangslage ist diesmal besonders gefährlich, weil nicht nur zwei oder drei Parteien um die Sperrklausel kämpfen. Mehrere politische Projekte konkurrieren teilweise um fast dieselben Wählergruppen. Besonders auf der israelischen Rechten kann dadurch eine Situation entstehen, in der eine neue Partei zwar einige Prozent gewinnt, gleichzeitig aber eine andere Liste unter die 3,25-Prozent-Marke drückt.
Für Netanyahu bedeutet das eine ungewöhnliche strategische Herausforderung. Normalerweise versucht eine große Partei im Wahlkampf, möglichst viele Stimmen kleinerer Verbündeter zu sich zu ziehen. Bei einer Partei wie Smotrichs Religiösem ZionismusZionismus: Das Recht der Juden auf SelbstbestimmungZionismus bezeichnet die jüdische Nationalbewegung, die für die Rückkehr des jüdischen Volkes in seine historische Heimat und für jüdische Selbstbestimmung im Land Israel eintrat. Der moderne Zionismus entstand im 19. Jahrhundert als Antwort auf Antisemitismus, Verfolgung und Entrechtung.Mehr lesen kann genau das jedoch kontraproduktiv sein. Wenn der Likud einige zehntausend Stimmen gewinnt, Smotrich dadurch aber knapp unter die Sperrklausel fällt, kann das gesamte Lager am Ende deutlich mehr Mandate verlieren, als der Likud hinzugewonnen hat.
Dasselbe Problem existiert auf der anderen Seite. Gantz, Erdan, Tropper und Hendel konkurrieren um teilweise ähnliche Wählergruppen. Mehrere kleine Listen mit jeweils ein oder zwei Prozent können zusammen genügend Stimmen erhalten, um eine erhebliche Zahl von Mandaten zu repräsentieren, ohne dass auch nur einer ihrer Kandidaten in die Knesset einzieht. N12 hatte bereits Anfang August errechnet, dass in einer damaligen Umfrage 6,4 Prozent aller Stimmen an Parteien unterhalb der Sperrklausel gegangen wären. Rechnerisch wären damit fast acht Mandate aus der Sitzverteilung verschwunden.
Deshalb sagen Umfragen über die Stärke der politischen Blöcke derzeit weniger aus, als ihre Mandatszahlen vermuten lassen. Entscheidend ist nicht nur, wie viele Menschen Parteien eines bestimmten Lagers wählen wollen, sondern ob diese Stimmen in Listen gebündelt werden, die tatsächlich die Knesset erreichen.
Bis zur Schließung der Listen werden deshalb Zusammenschlüsse und Rückzüge mindestens so wichtig sein wie die großen Wahlkampfreden. Einige der heute diskutierten Parteien werden wahrscheinlich verschwinden, andere werden gemeinsame Listen bilden und wieder andere werden das Risiko eines eigenen Antritts eingehen.
Die Erfahrungen von 2019 und 2022 zeigen, was dabei auf dem Spiel steht. Eine Partei muss nicht Millionen Stimmen verlieren, um einen politischen Block die Mehrheit zu kosten. Manchmal reichen wenige Tausend.
Bei der Wahl 2026 könnte deshalb nicht die stärkste Partei die größte Überraschung liefern, sondern jene Liste, der am Ende einige tausend Stimmen zur Sperrklausel fehlen.
Autor: Redaktion
Artikel veröffentlicht am: Donnerstag, 27. August 2026