Jüdische Lehrer unter Druck: Antisemitismus frisst sich durch US-Gewerkschaften

Jüdische Lehrer unter Druck: Antisemitismus frisst sich durch US-Gewerkschaften


74 Prozent jüdischer Mitglieder von US-Lehrergewerkschaften zensieren sich selbst. Mehr als die Hälfte erlebte die Relativierung des 7. Oktober. Ein neuer ADL-Bericht spricht von strukturellem Versagen.

Jüdische Lehrer unter Druck: Antisemitismus frisst sich durch US-Gewerkschaften
Bildnachweis: Symbolbild / KI

Lehrergewerkschaften sollen ihre Mitglieder schützen, ihnen eine Stimme geben und dafür sorgen, dass niemand wegen seiner Herkunft oder Identität benachteiligt wird. Für viele jüdische Lehrer in den Vereinigten Staaten scheint dieses Versprechen jedoch nicht mehr zu gelten. Ein neuer Bericht der Anti-Defamation League zeichnet das Bild eines gewerkschaftlichen Umfelds, in dem Juden ihre Meinung zurückhalten, sich aus Aktivitäten zurückziehen und teilweise sogar ihre jüdische Identität verbergen.

Die Zahlen sind deutlich. 73,6 Prozent der befragten jüdischen Gewerkschaftsmitglieder geben an, sich in gewerkschaftlichen Räumen selbst zu zensieren. 70 Prozent fürchten, dass es ihrem Ruf oder sogar ihrer beruflichen Stellung schaden könnte, wenn sie offen ansprechen, wie Juden innerhalb ihrer Gewerkschaft behandelt werden. Fast die Hälfte, 47,6 Prozent, hat deshalb die eigene Beteiligung an Gewerkschaftsaktivitäten bereits reduziert.

ADL-Chef Jonathan Greenblatt spricht deshalb nicht von einigen wenigen Extremisten, sondern von einem „strukturellen und kulturellen Versagen“. Die Organisation untersuchte die Erfahrungen von 307 jüdischen Mitgliedern amerikanischer Lehrergewerkschaften und ergänzte die Befragung durch Fokusgruppen. Die Ergebnisse zeigen, dass sich das Problem längst nicht mehr auf einzelne politische Resolutionen zum NahostkonfliktPalästina: Geschichte, Bedeutung und politischer Streit um einen aufgeladenen BegriffPalästina bezeichnet historisch eine Region im südlichen Levantegebiet und politisch heute vor allem den Anspruch auf palästinensische Staatlichkeit. Der Begriff ist eng mit jüdischer Geschichte, dem britischen Mandat, Israel und dem Nahostkonflikt verbunden.Mehr lesen beschränkt. Es reicht von der Relativierung des HamasHamas: Terrororganisation aus GazaHamas ist eine islamistische palästinensische Terrororganisation. Sie entstand 1987 aus dem Umfeld der Muslimbruderschaft, lehnt Israels Existenz ab und wird von Israel, den USA, der EU und weiteren Staaten als Terrororganisation eingestuft.Mehr lesen-Massakers vom 7. Oktober über offene Feindseligkeit gegenüber Zionisten bis hinein in gewerkschaftlich verbreitete Bildungsprogramme.

Besonders erschreckend ist der Umgang mit dem 7. Oktober 20237. Oktober 2023: Das Hamas-Massaker, das Israel veränderteDer 7. Oktober 2023 war der Tag des Hamas-Massakers in Israel. Terroristen aus Gaza ermordeten etwa 1.200 Menschen, vor allem Zivilisten, und verschleppten mehr als 240 Geiseln in den Gazastreifen.Mehr lesen. 51,8 Prozent der Befragten erklärten, innerhalb des vergangenen Jahres erlebt zu haben, wie die Gräueltaten des Hamas-Angriffs heruntergespielt oder bestritten wurden. 48,9 Prozent hörten das Wort „ZionistZionismus: Das Recht der Juden auf SelbstbestimmungZionismus bezeichnet die jüdische Nationalbewegung, die für die Rückkehr des jüdischen Volkes in seine historische Heimat und für jüdische Selbstbestimmung im Land Israel eintrat. Der moderne Zionismus entstand im 19. Jahrhundert als Antwort auf Antisemitismus, Verfolgung und Entrechtung.Mehr lesen“ als Schimpfwort. 43,7 Prozent berichteten von Rednern bei Gewerkschaftsveranstaltungen, die Gewalt gegen JudenPogrom: Wenn Hass zur Jagd auf Juden wirdEin Pogrom ist eine kollektive Gewalttat gegen eine Minderheit, besonders gegen Juden. Der Begriff wurde durch antijüdische Gewalt im Russischen Reich bekannt, die Form der Gewalt ist jedoch viel älter.Mehr lesen oder IsraelIsrael: Der jüdische Staat im Herzen des Nahen OstensIsrael ist ein demokratischer Staat im Nahen Osten und der Nationalstaat des jüdischen Volkes. Er wurde am 14. Mai 1948 gegründet, seine Hauptstadt ist Jerusalem, die Knesset hat 120 Abgeordnete. Zum Unabhängigkeitstag 2026 hatte Israel rund 10,244 Millionen Einwohner.Mehr lesen rechtfertigten. Weitere 36,8 Prozent begegneten Rechtfertigungen für das Handeln der Hamas.

Damit verwischt eine Grenze, die in der öffentlichen Debatte gerne beschworen wird. Kritik an einer israelischen Regierung ist selbstverständlich keine antisemitische Handlung. Wenn jedoch jüdische Gewerkschaftsmitglieder als „Babykiller“, „Kolonialisten“ oder Unterstützer eines angeblichen Genozids beschimpft werden, wenn „Zionist“ zum Schimpfwort wird oder das Massaker vom 7. Oktober relativiert wird, geht es nicht mehr um eine normale Auseinandersetzung über israelische Politik.

36,5 Prozent der Befragten hatten erlebt, dass Juden mit solchen abwertenden Bezeichnungen angegriffen wurden. Ebenso viele berichteten davon, dass jüdische Mitglieder niedergeschrien, verspottet oder ihnen unlautere Motive unterstellt wurden, wenn sie widersprachen. 27,4 Prozent begegneten sogar Vergleichen von Juden oder Zionisten mit Nationalsozialisten. Mehr als die Hälfte, 53,4 Prozent, hatte außerdem den Eindruck, dass bestehende Regeln gegen Belästigung weniger konsequent angewandt wurden, wenn Juden oder Zionisten die Betroffenen waren.

Wenn jüdische Lehrer lieber schweigen

Der vielleicht schwerwiegendste Befund des Berichts liegt deshalb nicht in einem einzelnen antisemitischen Satz oder einer bestimmten Resolution. Er liegt in der Reaktion der Betroffenen.

Jüdische Lehrer berichten, dass sie Davidsterne nicht mehr offen tragen, ihre jüdische Identität verschweigen oder Gewerkschaftstreffen meiden. Andere versuchen weiterhin, innerhalb der Organisationen Widerstand zu leisten und Veränderungen durchzusetzen. Doch gerade jene, die sich an die Führung ihrer Gewerkschaft wandten, machten häufig schlechte Erfahrungen.

69,1 Prozent derjenigen, die Beschwerden über AntisemitismusAntisemitismus: Judenhass in alten und neuen FormenAntisemitismus bezeichnet Judenhass und Feindschaft gegen Juden. Er reicht von Vorurteilen und Verschwörungserzählungen bis zu Ausgrenzung, Bedrohung und Gewalt.Mehr lesen an Gewerkschaftsführungen richteten, erklärten, mit der Reaktion überhaupt nicht zufrieden gewesen zu sein. Kein einziger Befragter gab an, mit der Antwort der Führung „äußerst zufrieden“ gewesen zu sein. Die Betroffenen berichteten laut ADL davon, ignoriert oder abgewiesen worden zu sein oder vermittelt bekommen zu haben, ihre Sorgen seien nicht legitim.

Das trifft einen besonders empfindlichen Punkt. Eine Gewerkschaft kann nicht glaubwürdig Solidarität und Schutz vor Diskriminierung fordern, wenn jüdische Mitglieder den Eindruck gewinnen, dass diese Grundsätze für sie nur eingeschränkt gelten. Gerade Organisationen, die gesellschaftliche Gleichbehandlung zu einem wesentlichen Teil ihres Selbstverständnisses gemacht haben, müssen sich an diesem Anspruch messen lassen.

Auch bei Veranstaltungen und Lehrmaterialien stellt der ADL-Bericht erhebliche Probleme fest. 28,3 Prozent der Befragten erklärten, ihre Gewerkschaft habe während des vergangenen Jahres Programme zu Juden, Zionismus oder Israel organisiert oder beworben. Von dieser Gruppe bewerteten 78,2 Prozent diese Angebote als gegen Juden, Zionisten oder Israel voreingenommen. 44 Prozent erklärten zudem, israelfeindliche Rhetorik tauche zumindest gelegentlich sogar in Gewerkschaftsräumen auf, die sich eigentlich mit vollkommen anderen Themen beschäftigen.

Hinzu kommt die politische Ausrichtung mancher Gewerkschaften. 73,3 Prozent der Befragten empfinden Erklärungen zum Gaza-Krieg als Problem, wenn darin Hamas oder die Massaker vom 7. Oktober nicht ausdrücklich verurteilt werden. 71 Prozent sehen Resolutionen problematisch, in denen Israel pauschal Apartheid, Genozid oder ethnische Säuberung vorgeworfen werden. 68,1 Prozent stören sich an Forderungen, Verbindungen zu etablierten jüdischen Organisationen abzubrechen.

Die Untersuchung zeigt damit nicht nur einen Konflikt um Israel. Sie beschreibt eine Situation, in der die Zugehörigkeit jüdischer Lehrer selbst zunehmend unter politischen Vorbehalt gerät.

Ausgerechnet dort, wo Vorbilder für Schüler arbeiten

Das Problem besitzt deshalb eine Bedeutung, die über die Gewerkschaften hinausreicht. Lehrergewerkschaften gehören in den USA zu den einflussreichen gesellschaftlichen Organisationen. Sie vertreten nicht nur Arbeitnehmerinteressen, sondern nehmen politischen Einfluss und wirken teilweise an Debatten über Unterrichtsinhalte und Bildungsprogramme mit.

Wenn sich antisemitische oder extrem einseitige Positionen in solchen Institutionen festsetzen, endet deren Wirkung nicht zwangsläufig an der Tür des Gewerkschaftsbüros. Besonders die Zahlen über geförderte Bildungsprogramme werfen deshalb Fragen auf. Lehrer gestalten den gesellschaftlichen Blick kommender Generationen mit. Wer das Massaker vom 7. Oktober relativiert oder jüdische Selbstbestimmung grundsätzlich als moralisches Verbrechen behandelt, vermittelt keine ausgewogene Auseinandersetzung mit dem Nahostkonflikt.

Allerdings besitzt die Studie eine methodische Grenze, die ebenfalls genannt werden muss. Die 307 Teilnehmer wurden über Netzwerke der ADL und über Weiterempfehlungen rekrutiert. Sie stammen aus 24 Bundesstaaten, mit besonders vielen Teilnehmern aus Kalifornien, Massachusetts und New York. Es handelt sich damit nicht um eine repräsentative Zufallsstichprobe aller jüdischen Lehrer oder aller Mitglieder amerikanischer Lehrergewerkschaften. Aus den Zahlen lässt sich deshalb nicht ableiten, dass beispielsweise exakt 73,6 Prozent sämtlicher jüdischer Lehrer in den USA dieselben Erfahrungen machen.

Das macht die dokumentierten Erfahrungen jedoch nicht bedeutungslos. Nahezu alle Befragten arbeiteten oder hatten an öffentlichen Schulen gearbeitet, die große Mehrheit war selbst Lehrer, und fast 94 Prozent waren in ihren lokalen Gewerkschaften aktiv. Der Bericht beschreibt damit die Erfahrungen einer konkret untersuchten Gruppe jüdischer Pädagogen, und diese Erfahrungen ergeben ein außerordentlich konsistentes Bild.

Bemerkenswert ist außerdem, dass die Betroffenen ihre Gewerkschaften keineswegs grundsätzlich ablehnen. 85 Prozent erklärten, dass sie, wenn man den Umgang mit Juden, Zionismus und Israel ausklammert, zumindest etwas zufrieden mit ihrer Gewerkschaft seien. Viele wollen ihre Organisationen nicht verlassen, sondern verlangen, dass deren eigener Anspruch auf Solidarität endlich auch für jüdische Mitglieder gilt.

Ihre Forderungen sind entsprechend wenig spektakulär. 75,9 Prozent wünschen eine eindeutige Verurteilung von Drohungen und Belästigungen gegen Juden. 73,3 Prozent verlangen eine ausgewogene, faktenbasierte Beschäftigung mit Antisemitismus. 71,7 Prozent fordern klare Regeln gegen Belästigungen aufgrund jüdischer Identität oder des Zionismus. Zwei Drittel wünschen sich außerdem, dass Lehrergewerkschaften weniger Resolutionen zu ausländischen Konflikten verabschieden und sich stärker auf ihre eigentlichen Aufgaben konzentrieren.

Gerade diese Forderungen zeigen, wie weit die Situation mancherorts bereits aus dem Gleichgewicht geraten ist. Jüdische Lehrer verlangen keine Sonderrechte. Sie verlangen, in Organisationen, deren Grundidee die Solidarität unter Arbeitnehmern ist, nicht schweigen zu müssen, weil sie Juden sind, Israel verteidigen oder sich gegen die Relativierung des 7. Oktober wenden.

Wenn fast drei Viertel der befragten jüdischen Mitglieder glauben, sich selbst zensieren zu müssen, hat eine Gewerkschaft ihr Schutzversprechen an diese Mitglieder nicht nur gelegentlich verfehlt.

Dann liegt tatsächlich ein institutionelles Problem vor.



Autor: Redaktion

Artikel veröffentlicht am: Freitag, 28. August 2026

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