Pogrom: Wenn Hass zur Jagd auf Juden wird

Ein Pogrom ist keine spontane Wut. Es ist kollektive Gewalt gegen eine Minderheit, oft vorbereitet durch Hass, Gerüchte, Duldung und Entmenschlichung.

Ein Pogrom ist eine gewaltsame, meist kollektive Ausschreitung gegen eine religiöse, ethnische oder soziale Minderheit. Der Begriff wird besonders mit antijüdischer Gewalt verbunden. Ein Pogrom kann Plünderungen, Misshandlungen, Vergewaltigungen, Brandstiftung, Zerstörung von Wohnungen, Geschäften und Gebetshäusern, Vertreibung und Mord umfassen. Es ist kein gewöhnlicher Straßenkrawall und keine bloße Unruhe. Ein Pogrom richtet sich gegen Menschen, weil sie zu einer bestimmten Gruppe gehören.

Das Wort stammt aus dem Russischen und bedeutet sinngemäß Verwüstung oder Zerstörung. International bekannt wurde es vor allem durch antijüdische Gewaltexzesse im Russischen Reich des 19. und frühen 20. Jahrhunderts. Die Form kollektiver antijüdischer Gewalt ist jedoch deutlich älter. Schon im Mittelalter wurden jüdische Gemeinden in Europa durch religiöse Hetze, Gerüchte, soziale Spannungen, Habgier und staatliches Versagen angegriffen, geplündert, vertrieben oder ermordet.

Dieser Unterschied ist wichtig: Der Begriff Pogrom wurde erst später geprägt und verbreitet, aber das Muster gab es lange vorher. Juden wurden als Gruppe markiert, entwürdigt und für Krisen verantwortlich gemacht, die sie nicht verursacht hatten. Dann folgte Gewalt. Häuser brannten, Synagogen wurden zerstört, Menschen wurden erschlagen, verbrannt, beraubt oder zur Flucht gezwungen. Oft war die Obrigkeit zu schwach, zu gleichgültig oder selbst beteiligt. Für die Opfer bedeutete das: Sie standen nicht nur einer wütenden Menge gegenüber, sondern einem Umfeld, das ihren Schutz aufgegeben hatte.

Pogrom und Antisemitismus

Pogrome gegen Juden sind eng mit antisemitischen Erzählungen verbunden. Immer wieder wurden Juden für wirtschaftliche Not, Seuchen, politische Niederlagen, religiöse Spannungen, gesellschaftliche Veränderungen oder Kriege verantwortlich gemacht. Der Antisemitismus lieferte den Tätern eine Erklärung, die keine Wahrheit brauchte. Er machte aus Nachbarn Feinde und aus Schutzlosen angebliche Bedrohungen.

Diese Mechanik ist erschreckend einfach. Zuerst wird eine Gruppe markiert. Dann wird ihr eine Schuld zugeschrieben. Dann wird behauptet, die Gemeinschaft müsse sich wehren. Am Ende stehen Menschen vor brennenden Häusern und nennen ihre Gewalt Gerechtigkeit. Genau deshalb ist der Begriff Pogrom so schwer. Er beschreibt nicht nur Gewalt, sondern den Moment, in dem eine Gesellschaft den Schutz ihrer Minderheit aufgibt.

Bei vielen Pogromen war der Staat nicht abwesend, sondern beteiligt oder bewusst untätig. Polizei und Behörden griffen zu spät ein, schauten weg, ließen Täter gewähren oder stellten sich auf deren Seite. Manchmal profitierten Herrscher, Städte, Nachbarn oder Schuldner von der Vertreibung und Enteignung jüdischer Gemeinden. Diese Duldung oder Mitwirkung ist für den Begriff wichtig. Ein Pogrom bedeutet oft, dass die Opfer erkennen: Die Gewalt kommt nicht nur von einzelnen Tätern. Sie kommt aus einer Ordnung, die sie nicht mehr schützt.

Antijüdische Gewalt im Mittelalter

Antijüdische Pogromgewalt gab es lange bevor das Wort Pogrom international bekannt wurde. Bereits im Mittelalter wurden jüdische Gemeinden in Europa immer wieder Opfer kollektiver Gewalt. Besonders einschneidend waren die Verfolgungen während des Ersten Kreuzzugs ab 1096. In Städten des Rheinlands, darunter Speyer, Worms und Mainz, wurden jüdische Gemeinden angegriffen. Juden wurden zur Taufe gezwungen, ermordet oder in den Tod getrieben. Häuser wurden geplündert, religiöse Stätten geschändet, Gemeinden ausgelöscht.

Diese Gewalt war nicht nur der Fanatismus einzelner Täter. Sie wurde durch Predigten, religiöse Feindbilder, Gerüchte und soziale Spannungen begünstigt. Das alte christliche Bild vom Juden als angeblichem Gottesmörder machte Juden in vielen Gesellschaften verwundbar. Es schuf einen geistigen Raum, in dem Gewalt gegen jüdische Menschen als religiös oder moralisch gerechtfertigt erscheinen konnte. Genau darin liegt die erschreckende Kontinuität: Bevor ein Pogrom körperlich beginnt, hat es im Denken oft schon stattgefunden.

Auch während der Pestzeit im 14. Jahrhundert kam es zu schweren antijüdischen Verfolgungen. Juden wurden beschuldigt, Brunnen vergiftet und die Seuche verursacht zu haben. Diese Behauptungen waren falsch, aber sie wirkten tödlich. In zahlreichen Städten wurden Juden vertrieben, verbrannt, erschlagen oder enteignet. Besonders die Verfolgungen der Jahre 1348 und 1349 zeigen ein Grundmuster späterer Pogrome: Eine Krise erschüttert die Gesellschaft, ein Gerücht liefert eine Schuldgruppe, die Obrigkeit schützt die Opfer nicht oder profitiert von ihrer Enteignung, und die Menge verwandelt Angst in Gewalt.

Diese mittelalterlichen Gewalttaten sind für das Verständnis des Begriffs unverzichtbar. Sie zeigen, dass Pogrome nicht erst mit moderner Politik, Nationalismus oder dem Russischen Reich begannen. Der moderne Begriff beschreibt ein älteres Muster: Juden werden kollektiv beschuldigt, entrechtet, beraubt und angegriffen, weil eine Mehrheit oder eine Machtstruktur sie nicht als gleichwertige Menschen schützt.

Pogrome im Russischen Reich

Der Begriff Pogrom wurde besonders durch antijüdische Gewalt im Russischen Reich bekannt. Im 19. und frühen 20. Jahrhundert kam es dort zu schweren Ausschreitungen gegen jüdische Gemeinden. Besonders bekannt wurden die Pogrome nach der Ermordung Zar Alexanders II. 1881 sowie das Pogrom von Kischinew 1903. In Kischinew wurden Juden ermordet, misshandelt, Frauen vergewaltigt, Häuser geplündert und Geschäfte zerstört.

Diese Pogrome wirkten weit über ihre Orte hinaus. Sie erschütterten jüdische Gemeinden in Europa und stärkten bei vielen Juden die Erkenntnis, dass rechtliche Duldung und Anpassung keinen verlässlichen Schutz boten. Auch die zionistische Bewegung wurde durch solche Erfahrungen geprägt. Wenn Juden immer wieder erleben mussten, dass sie in europäischen Gesellschaften verfolgt, beraubt oder ermordet werden konnten, wurde die Forderung nach jüdischer Selbstbestimmung nicht abstrakt, sondern existenziell.

Die Pogrome im Russischen Reich zeigen auch, wie eng Massengewalt und staatliche Verantwortung verbunden sein können. Selbst dort, wo Behörden nicht jeden Angriff direkt organisierten, trugen sie Verantwortung, wenn sie Juden nicht schützten, Täter nicht bestraften oder eine antisemitische Atmosphäre duldeten. Ein Pogrom ist deshalb nicht nur die Tat einer Menge. Es ist auch ein Urteil über die Ordnung, in der eine solche Menge handeln kann.

Pogrome im Nahen Osten und in arabischen Ländern

Antijüdische Pogromgewalt war kein ausschließlich europäisches Phänomen. Auch im Nahen Osten und in arabischen oder muslimisch geprägten Gesellschaften gab es schwere Gewalt gegen Juden. Das ist wichtig, weil jüdische Geschichte nicht nur die Geschichte Europas ist. Juden lebten über Jahrhunderte auch in Nordafrika, im Irak, im Jemen, in Syrien, Ägypten, Persien und anderen Regionen. Ihre Lage unterschied sich je nach Zeit, Herrschaft und Ort erheblich, aber auch dort konnten antisemitische Hetze, politische Krisen und religiöse Aufladung in Gewalt umschlagen.

Das Massaker von Hebron 1929 war ein besonders einschneidendes Ereignis. Arabische Gewalttäter ermordeten jüdische Bewohner der Stadt, darunter Angehörige einer alten jüdischen Gemeinde, die nicht erst durch moderne zionistische Einwanderung entstanden war. Dieses Ereignis zeigt, wie gefährlich religiöse Hetze, Gerüchte und politische Aufladung werden können, wenn sie sich gegen jüdisches Leben richten. Es widerlegt zugleich die falsche Vorstellung, jüdische Präsenz in Hebron oder im Land Israel sei nur ein modernes politisches Projekt ohne ältere Wurzeln gewesen.

Ein weiteres Beispiel ist der Farhud im Irak 1941. In Bagdad wurden Juden ermordet, verletzt, beraubt und gedemütigt. Häuser und Geschäfte wurden geplündert. Der Farhud gehört zur Geschichte der Gewalt gegen Juden in arabischen und muslimisch geprägten Ländern und steht für eine Seite jüdischer Erfahrung, die in westlichen Debatten oft zu wenig beachtet wird. Auch diese Geschichte ist wichtig, wenn man verstehen will, warum Israel für viele Juden nicht nur ein Staat unter Staaten ist, sondern ein Schutzraum nach Jahrhunderten der Verwundbarkeit.

Das Novemberpogrom 1938

In Deutschland ist der Begriff Pogrom besonders mit der Gewalt vom 9. und 10. November 1938 verbunden. Lange wurde dafür der Begriff „Kristallnacht“ verwendet. Viele lehnen ihn heute ab, weil er die Gewalt verharmlosen kann, als ginge es vor allem um zerbrochenes Glas. Treffender sind Novemberpogrom oder Reichspogromnacht.

In dieser Nacht und den folgenden Tagen wurden im Deutschen Reich Synagogen in Brand gesetzt, jüdische Geschäfte zerstört, Wohnungen verwüstet, Juden misshandelt, verhaftet und ermordet. Zehntausende jüdische Männer wurden in Konzentrationslager verschleppt. Die Gewalt war nicht einfach spontan. Sie wurde von der nationalsozialistischen Führung ausgelöst, organisiert, gelenkt und von staatlichen Stellen ermöglicht. Die Feuerwehr schützte vielerorts nicht die Synagogen, sondern nur benachbarte nichtjüdische Gebäude. Der Staat griff nicht ein, um Juden zu schützen. Der Staat war der Täter.

Das Novemberpogrom markierte eine neue Stufe der nationalsozialistischen Judenverfolgung. Die Entrechtung war längst im Gang. Die Nürnberger Gesetze hatten Juden bereits zu Bürgern minderen Rechts gemacht. Doch die Gewalt von 1938 zeigte öffentlich, dass jüdisches Leben in Deutschland nicht mehr sicher war. Aus Diskriminierung, Ausgrenzung und Raub wurde offene, staatlich gelenkte Zerstörung. Wenige Jahre später führte diese Entwicklung in die Shoah, den systematischen Mord an etwa sechs Millionen Juden.

Pogrom, Massaker und Völkermord

Ein Pogrom ist nicht dasselbe wie ein Völkermord, kann aber Teil einer Entwicklung zum Völkermord sein. Ein Pogrom beschreibt meist eine konkrete Gewaltexplosion gegen eine Minderheit, häufig in einer Stadt, einem Dorf oder einer Region. Ein Massaker bezeichnet vor allem das Töten vieler Menschen. Ein Völkermord ist der planmäßige Versuch, eine nationale, ethnische, rassische oder religiöse Gruppe ganz oder teilweise zu vernichten.

Diese Begriffe überschneiden sich, sind aber nicht beliebig austauschbar. Das Novemberpogrom war für sich genommen noch nicht die Shoah, aber es war ein wichtiger Schritt in der Radikalisierung, die später in den industriell organisierten Judenmord führte. Ein Pogrom kann ein Signal sein: Die Täter testen, wie weit sie gehen können. Die Zuschauer lernen, was geschehen darf. Die Opfer verstehen, dass ihre Sicherheit zerbrochen ist.

Gerade deshalb ist der Begriff so ernst. Er beschreibt den Moment, in dem Gewalt nicht mehr versteckt wird. Sie findet auf Straßen statt, vor Nachbarn, vor Fenstern, vor Behörden. Menschen sehen, wie andere geschlagen, gedemütigt oder abgeführt werden. Manche machen mit. Manche plündern. Manche schweigen. Manche senken den Blick. Ein Pogrom offenbart nicht nur die Täter. Es offenbart auch die Umgebung.

Der 7. Oktober 2023 und die Pogrom-Debatte

Nach dem Hamas-Massaker vom 7. Oktober 2023 wurde der Begriff Pogrom wieder häufiger verwendet. Terroristen drangen aus dem Gazastreifen nach Israel ein, ermordeten Zivilisten, verübten Massaker in Gemeinden und auf einem Musikfestival, verschleppten Menschen als Geiseln und richteten Gewalt gezielt gegen Juden und Israelis. Viele beschrieben diesen Tag als das schwerste antisemitische Massaker seit der Shoah.

Ob man den 7. Oktober als Pogrom, Massaker oder Terrorangriff bezeichnet, hängt vom begrifflichen Schwerpunkt ab. Terrorangriff beschreibt die organisierte Gewalt durch die Hamas. Massaker beschreibt das Töten wehrloser Menschen. Pogrom verweist auf die gezielte antijüdische Gewalt, die Jagd auf Menschen, das Eindringen in Häuser, die Ermordung von Familien, die Entmenschlichung der Opfer und den antisemitischen Vernichtungswillen. Gerade diese Nähe zur Pogromgeschichte macht den Begriff für viele Juden und Israelis so naheliegend.

Trotzdem sollte der Begriff nicht leichtfertig verwendet werden. Ein Pogrom ist kein allgemeines Schimpfwort für jede Gewalt. Der Begriff verlangt genaue Prüfung: Gibt es gezielte Gewalt gegen eine Gruppe? Wird sie wegen ihrer Identität angegriffen? Wird sie kollektiv verantwortlich gemacht? Gibt es Hetze, Duldung, Organisation oder eine Menge, die sich gegen Schutzlose richtet? Wenn diese Elemente zusammenkommen, ist der Begriff nicht übertrieben, sondern notwendig.

Warum der Begriff nicht verharmlost werden darf

Pogrom ist ein Wort mit Blut an den Rändern. Es sollte nicht für jede politische Auseinandersetzung verwendet werden. Wer den Begriff inflationär benutzt, nimmt ihm seine Schärfe. Wer ihn aber vermeidet, obwohl Juden oder andere Minderheiten als Gruppe angegriffen, gejagt, beraubt oder ermordet werden, verschleiert die Wahrheit.

Besonders gefährlich ist die Verharmlosung antijüdischer Pogrome. Sie beginnt oft mit Ausreden. Es sei nur Wut gewesen. Es sei eine Reaktion gewesen. Es sei wegen Politik gewesen. Es seien Einzelfälle gewesen. Solche Sätze verschieben den Blick von den Opfern zu den Motiven der Täter. Aber ein Mensch, dessen Haus brennt, wird nicht weniger Opfer, weil der Täter sich vorher eine Begründung zurechtgelegt hat.

Pogrome zeigen, was Antisemitismus praktisch bedeutet. Er bleibt nicht bei Worten. Er sucht irgendwann Körper, Türen, Fenster, Synagogen, Geschäfte, Friedhöfe, Schulen und Wohnungen. Er will nicht diskutieren. Er will markieren, demütigen, vertreiben, zerstören. Deshalb ist die frühe Sprache so wichtig. Wer Juden kollektiv beschuldigt, wer Israel dämonisiert, wer jüdische Angst verspottet, wer Terror relativiert, bereitet nicht automatisch ein Pogrom vor. Aber er bewegt sich in einem Raum, in dem Hemmschwellen sinken können.

Quellen

  1. https://www.britannica.com/topic/pogrom britannica.com/topic/pogrom
  2. https://encyclopedia.ushmm.org/content/en/article/pogroms encyclopedia.ushmm.org/content/en/article/pogroms
  3. https://encyclopedia.ushmm.org/content/en/article/kristallnacht encyclopedia.ushmm.org/content/en/article/kristallnacht
  4. https://www.yadvashem.org/holocaust/about/fate-of-jews/germany/cristalnacht.html yadvashem.org/holocaust/about/fate-of-jews/germany/cristalnacht.html
  5. https://www.bpb.de/kurz-knapp/lexika/lexikon-in-einfacher-sprache/250004/pogrom/ bpb.de/kurz-knapp/lexika/lexikon-in-einfacher-sprache/250004/pogrom/
  6. https://www.bpb.de/themen/antisemitismus/dossier-antisemitismus/ bpb.de/themen/antisemitismus/dossier-antisemitismus/
  7. https://www.jewishvirtuallibrary.org/pogroms jewishvirtuallibrary.org/pogroms
  8. https://www.jewishvirtuallibrary.org/the-hebron-massacre-of-1929 jewishvirtuallibrary.org/the-hebron-massacre-of-1929
  9. https://www.yadvashem.org/odot_pdf/Microsoft%20Word%20-%205918.pdf yadvashem.org/odot_pdf/Microsoft%20Word%20-%205918.pdf
  10. https://www.britannica.com/event/Crusades britannica.com/event/Crusades
  11. https://www.britannica.com/event/Black-Death britannica.com/event/Black-Death

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