Drei Tage nach Linke-Wahlparty: Ibrahim Ibrahim gedenkt „Märtyrern“ des Iran

Drei Tage nach Linke-Wahlparty: Ibrahim Ibrahim gedenkt „Märtyrern“ des Iran


Gerade erst sorgten seine Bilder von der Wahlparty der Berliner Linken für Schlagzeilen. Nun dokumentiert das Jüdische Forum JFDA Ibrahim Ibrahim auf einer Kundgebung des VPNK: Schweigeminute für „Märtyrer“ bis in die Islamische Republik Iran, „Intifada“-Rufe und Israel als „zionistisches Gebilde“.

Drei Tage nach Linke-Wahlparty: Ibrahim Ibrahim gedenkt „Märtyrern“ des Iran
Bildnachweis: Symbolbild / KI

Drei Tage nach der Debatte über seinen Auftritt auf einer Wahlparty der Berliner Linken steht Ibrahim Ibrahim erneut auf einer Bühne. Diesmal nicht zwischen feiernden Parteimitgliedern, sondern bei einer propalästinensischen Kundgebung in Berlin, die das Jüdische Forum für Demokratie und gegen AntisemitismusAntisemitismus: Judenhass in alten und neuen FormenAntisemitismus bezeichnet Judenhass und Feindschaft gegen Juden. Er reicht von Vorurteilen und Verschwörungserzählungen bis zu Ausgrenzung, Bedrohung und Gewalt.Mehr lesen, JFDA, dokumentiert hat.

Das vom JFDA veröffentlichte Video ist deshalb wichtiger als ein weiteres Foto von einer Wahlparty. Es zeigt, welche Aussagen auf der Kundgebung fallen und in welchem politischen Umfeld Ibrahim selbst öffentlich auftritt.

Nach der vom JFDA veröffentlichten Übersetzung ruft Ibrahim zu einer Schweigeminute für „Märtyrer“ in PalästinaPalästina: Geschichte, Bedeutung und politischer Streit um einen aufgeladenen BegriffPalästina bezeichnet historisch eine Region im südlichen Levantegebiet und politisch heute vor allem den Anspruch auf palästinensische Staatlichkeit. Der Begriff ist eng mit jüdischer Geschichte, dem britischen Mandat, Israel und dem Nahostkonflikt verbunden.Mehr lesen, Libanon, Syrien, Jemen und Irak auf. Ausdrücklich nennt er auch die „Märtyrer der Islamischen Republik Iran“.

Die Aufzählung ist bemerkenswert. Iran hat über Jahre ein Netzwerk verbündeter Terrororganisationen und Milizen in genau diesen Regionen aufgebaut und unterstützt. Dazu gehören die HamasHamas: Terrororganisation aus GazaHamas ist eine islamistische palästinensische Terrororganisation. Sie entstand 1987 aus dem Umfeld der Muslimbruderschaft, lehnt Israels Existenz ab und wird von Israel, den USA, der EU und weiteren Staaten als Terrororganisation eingestuft.Mehr lesen und der Palästinensische Islamische Dschihad, die HisbollahHisbollah: Irans Terrorarmee im LibanonDie Hisbollah ist eine schiitisch islamistische Organisation im Libanon. Sie wurde in den frühen 1980er Jahren mit Unterstützung des Iran aufgebaut, verfügt über eine politische und militärische Struktur und wird von den USA, Israel und weiteren Staaten als Terrororganisation eingestuft.Mehr lesen im Libanon, schiitische MilizenSchiitenmilizen: Irans bewaffnete Netzwerke im Nahen OstenSchiitenmilizen sind bewaffnete Gruppen mit schiitischem Hintergrund, die besonders im Irak und in Syrien aktiv sind. Viele von ihnen werden vom Iran unterstützt, ausgebildet oder politisch beeinflusst und gehören zum regionalen Netzwerk der Quds-Einheit und der Revolutionsgarden.Mehr lesen in Irak und Syrien sowie die HuthisHuthi: Terrororganisation des Iran-Netzwerks im JemenDie Huthi, auch Ansar Allah genannt, sind eine schiitisch-islamistische Terrororganisation aus dem Jemen. Sie kontrollieren große Teile des Nordwestens, werden vom Iran unterstützt und bedrohen Israel sowie die internationale Schifffahrt im Roten Meer.Mehr lesen im Jemen. Die Bezeichnung dieses Netzwerkes als iranische „Achse des WiderstandsAchse des Widerstands: Irans Terrornetzwerk gegen Israel„Achse des Widerstands“ ist die Eigenbezeichnung eines von Iran unterstützten Netzwerks aus Terrororganisationen und Milizen. Dazu zählen unter anderem Hisbollah, Hamas, Islamischer Dschihad, Huthi und proiranische Milizen im Irak und in Syrien. Das Netzwerk bedroht Israel mit Raketen, Drohnen, Terroranschlägen und Stellvertreterkrieg.Mehr lesen“ stammt aus dem politischen Sprachgebrauch Teherans und seiner Verbündeten.

Das JFDA dokumentiert auf der Veranstaltung zudem „IntifadaIntifada: Ein Wort für Terror gegen IsraelIntifada bedeutet wörtlich etwa „Abschütteln“. Politisch bezeichnet der Begriff vor allem zwei palästinensische Gewaltwellen gegen Israel. Besonders die Zweite Intifada wurde durch Selbstmordanschläge, Schussangriffe und Terror gegen israelische Zivilisten geprägt. Heute wird der Begriff oft leichtfertig als Parole benutzt.Mehr lesen“-Rufe. IsraelIsrael: Der jüdische Staat im Herzen des Nahen OstensIsrael ist ein demokratischer Staat im Nahen Osten und der Nationalstaat des jüdischen Volkes. Er wurde am 14. Mai 1948 gegründet, seine Hauptstadt ist Jerusalem, die Knesset hat 120 Abgeordnete. Zum Unabhängigkeitstag 2026 hatte Israel rund 10,244 Millionen Einwohner.Mehr lesen wird von der Bühne nicht mit seinem Namen bezeichnet, sondern als „zionistisches Gebilde“. In Richtung eines israelischen Gegendemonstranten ist nach Angaben des JFDA außerdem „Palästina ist unser Land“ zu hören.

Video: Jüdisches Forum für Demokratie und gegen Antisemitismus (JFDA), Dokumentation und Übersetzung der Kundgebung vom 23. September 2026

Damit liegt für die aktuelle Debatte nicht lediglich die Bewertung politischer Gegner Ibrahims vor. Die Äußerungen können im vom JFDA veröffentlichten Video unmittelbar nachvollzogen werden. Das JFDA betreibt nach eigenen Angaben Feldbeobachtungen, Recherchen und Analysen insbesondere zu Antisemitismus und Demokratiefeindlichkeit.

Das VPNK steht seit Jahren im Blick des Verfassungsschutzes

Besondere Bedeutung erhält der Auftritt durch das Vereinigte Palästinensische Nationalkomitee, kurz VPNK, als dessen Vertreter Ibrahim öffentlich auftritt.

Der Berliner Verfassungsschutz nennt das VPNK im aktuellen Bericht für 2025 ausdrücklich als einen der „prägenden Akteure“ der verfassungsschutzrelevanten israelfeindlichen Szene. Nach Angaben der Behörde war diese Szene im vergangenen Jahr erneut für zahlreiche Veranstaltungen verantwortlich, „auf denen das Existenzrecht IsraelsExistenzrecht Israels: Das Recht des jüdischen Staates auf SicherheitDas Existenzrecht Israels bezeichnet das Recht des jüdischen Staates, als souveräner Staat sicher und anerkannt zu bestehen. Wer Israel dieses Recht abspricht, kritisiert nicht nur eine Regierung, sondern stellt jüdische Selbstbestimmung grundsätzlich infrage.Mehr lesen negiert und der Terror der HAMAS gefeiert wurde“.

Noch konkreter wird der Verfassungsschutz bei der Zusammensetzung des Netzwerkes. Bereits für 2024 stellte die Behörde fest, dass Anhänger der islamistischen Terrororganisation Hamas und der säkular-linksnationalistischen Terrororganisation PFLPPFLP: Marxistische Terrororganisation gegen IsraelDie PFLP ist eine 1967 gegründete marxistisch leninistische palästinensische Organisation. Sie lehnt Israel ab, setzt auf bewaffneten Kampf und wird von den USA und der EU als Terrororganisation geführt.Mehr lesen unter der Dachbezeichnung VPNK eng zusammenarbeiteten und gemeinsam Versammlungen organisierten. Dabei seien regelmäßig auch Hamas-Anhänger als Redner aufgetreten.

Im November 2025 erläuterte der Berliner Verfassungsschutz im Abgeordnetenhaus zudem, dass sich ein der Hamas zugerechnetes Personengeflecht nach dem Hamas-Betätigungsverbot unter dem Label VPNK neu formiert habe. Personen aus diesem Geflecht seien nach Behördenangaben im Organisationsteam sowie als Redner und Teilnehmer von VPNK-Versammlungen festgestellt worden.

Das bedeutet nicht, dass jeder Teilnehmer einer VPNK-Kundgebung Mitglied der Hamas oder PFLP wäre. Es bedeutet aber, dass das VPNK aus Sicht des Berliner Verfassungsschutzes keineswegs eine gewöhnliche pro-palästinensische Protestorganisation ist.

Die PFLP wird von der Europäischen Union weiterhin auf der Liste der Organisationen geführt, gegen die Maßnahmen zur Terrorismusbekämpfung gelten. Auch die Hamas steht auf dieser Liste. Die EU bestätigte beide Einträge zuletzt erneut im Juli 2026.

Erst die Wahlparty, jetzt die eigene Bühne

Politisch brisant wird die neue Aufnahme durch das, was nur drei Tage zuvor geschehen war.

Ibrahim war auf einer öffentlich zugänglichen Wahlparty der Linken in Berlin-Neukölln erschienen und wurde dort unter anderem mit dem Linken-Bundestagsabgeordneten Ferat Koçak fotografiert. Die Bilder lösten eine bundesweite Debatte aus. Medien und der Rechercheverein democ verwiesen dabei auf Ibrahims jahrelange Aktivitäten im PFLP-nahen beziehungsweise israelfeindlichen Umfeld.

Koçak erklärte anschließend, auf der Veranstaltung mit zahlreichen Gästen fotografiert worden zu sein und Ibrahims politischen Hintergrund dabei nicht geprüft zu haben. Er distanzierte sich ausdrücklich von Gewalt- und Terrorverherrlichung. Auch Vertreter der Linken betonten, aus Ibrahims Anwesenheit lasse sich keine politische oder organisatorische Zusammenarbeit mit der Partei ableiten.

Das ist für die Einordnung wichtig: Ein gemeinsames Foto auf einer offenen Wahlparty beweist keine politische Verbindung.

Ibrahim selbst stellte die Beziehung anschließend allerdings anders dar. In einem arabischsprachigen Facebook-Beitrag im Namen des VPNK erklärte er nach Medienberichten, dessen Mitglieder und Unterstützer hätten „aktiv“ zum Wahlerfolg der Linken beigetragen, unter anderem durch Mobilisierung, Öffentlichkeitsarbeit und direkten Kontakt mit Wählern. Die Partei hat eine entsprechende organisatorische Zusammenarbeit bislang nicht bestätigt.

haOlam hatte bereits nach der Wahl über die Kontroverse berichtet. Dabei ging es nicht nur um Ibrahim, sondern um eine Reihe von Auseinandersetzungen innerhalb und im Umfeld der Berliner Linken zu Israel, Antisemitismus und „Intifada“-Parolen.

Die jetzt vom JFDA dokumentierte Kundgebung fügt dieser Debatte einen neuen, wesentlich konkreteren Baustein hinzu.

Denn diesmal geht es nicht darum, mit wem Ibrahim auf einer Feier fotografiert wurde. Es geht um eine Bühne, auf der er selbst spricht.

Dort ruft er nach der JFDA-Übersetzung zu einer Schweigeminute auf, die ausdrücklich auch den „Märtyrern der Islamischen Republik Iran“ gilt. Von derselben Veranstaltung dokumentiert das JFDA die Bezeichnung Israels als „zionistisches Gebilde“ und „Intifada“-Rufe.

Das lässt zunächst keine Aussage darüber zu, welche Auffassungen einzelne Politiker oder Mitglieder der Linken vertreten. Es liefert aber zusätzliche belastbare Informationen über den Aktivisten, dessen Anwesenheit bei der Wahlparty wenige Tage zuvor für Aufsehen gesorgt hatte.

Die Frage, wer Ibrahim Ibrahim ist und in welchem politischen Umfeld er sich bewegt, lässt sich damit nicht mehr allein anhand von Fremdzuschreibungen diskutieren.

Das Video zeigt seine eigene Rede.



Autor: Redaktion

Artikel veröffentlicht am: Donnerstag, 24. September 2026

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