Schiitenmilizen: Irans bewaffnete Netzwerke im Nahen Osten

Schiitenmilizen sind zentrale Werkzeuge iranischer Machtpolitik. Im Irak, in Syrien und darüber hinaus bedrohen sie Israel, US-Truppen und regionale Stabilität.

Schiitenmilizen sind bewaffnete Gruppen mit schiitischem religiösem oder politischem Hintergrund, die besonders im Irak und in Syrien eine wichtige Rolle spielen. Der Begriff ist ein Sammelbegriff. Er bezeichnet keine einzelne Organisation, sondern ein ganzes Spektrum bewaffneter Akteure. Manche dieser Gruppen sind eng mit Iran verbunden, andere sind stärker lokal verwurzelt, viele verbinden religiöse Identität, politische Macht, militärische Gewalt und regionale Bündnisse.

Für Israel sind Schiitenmilizen vor allem deshalb wichtig, weil viele von ihnen Teil des iranischen Stellvertreternetzwerks sind. Iran nutzt solche Gruppen, um Einfluss im Irak, in Syrien, im Libanon und in weiteren Konflikträumen auszuüben. Der Council on Foreign Relations beschreibt Irans regionales bewaffnetes Netzwerk als Geflecht aus Gruppen, das Teheran mit Waffen, Geld, Ausbildung und Beratung unterstützt, um seinen Einfluss über die eigenen Grenzen hinaus auszudehnen.

Ursprung und Entwicklung

Die Bedeutung schiitischer Milizen im Irak wuchs besonders nach dem Sturz Saddam Husseins 2003. Der Irak war zuvor von einem sunnitisch dominierten Machtapparat geprägt. Nach 2003 entstanden neue politische und bewaffnete Kräfte, darunter schiitische Parteien und Milizen. Iran nutzte diese Lage, um seinen Einfluss im Nachbarland auszubauen. Die Quds-Einheit der Revolutionsgarden wurde dabei zur zentralen Schnittstelle für Ausbildung, Finanzierung, Waffenlieferungen und politische Steuerung.

Ein weiterer Schub kam ab 2014 mit dem Vormarsch des Islamischen Staates. Als ISIS große Gebiete im Irak eroberte, wurden schiitische Milizen Teil der Mobilisierung gegen den Islamischen Staat. Viele wurden im Rahmen der Popular Mobilization Forces, kurz PMF, arabisch Hashd al Shaabi, organisiert. Diese Kräfte spielten im Kampf gegen ISIS eine wichtige Rolle. Zugleich wuchs damit aber auch der Einfluss Iran-naher Gruppen im irakischen Staat. Einige Milizen wurden zu hybriden Akteuren: offiziell eingebunden, politisch vertreten, aber weiterhin mit eigener bewaffneter Macht und Loyalitäten gegenüber Teheran.

Irak und die Volksmobilisierungskräfte

Die Popular Mobilization Forces entstanden 2014 im Kampf gegen ISIS. Sie umfassen unterschiedliche Gruppen, darunter auch starke Iran-nahe Schiitenmilizen. Formal wurden sie in staatliche Strukturen eingebunden. In der Praxis behalten einzelne Milizen eigene Führungen, Ideologien, Waffenstrukturen und politische Netzwerke. Genau das macht sie so schwer einzuordnen: Sie sind teils Staat, teils Partei, teils Miliz, teils iranisches Einflussinstrument.

Für den Irak ist das ein dauerhaftes Problem. Solche Gruppen können einerseits Sicherheit gegen gemeinsame Feinde herstellen, andererseits untergraben sie staatliche Souveränität, wenn sie eigenständig handeln, politische Gegner bedrohen oder Angriffe auf ausländische Kräfte ausführen. Das NESA Center beschrieb die PMF 2025 als irakischen Sicherheitsdienst, den Iran infiltriert habe und nutze, um erheblichen Einfluss im Irak auszuüben.

Iran und die Quds-Einheit

Die Quds-Einheit ist für viele Schiitenmilizen die wichtigste ausländische Verbindung. Sie gehört zu den Islamischen Revolutionsgarden und ist für Auslandseinsätze, verdeckte Operationen und die Unterstützung verbündeter Gruppen zuständig. Nach Angaben des Council on Foreign Relations unterstützt die Quds-Einheit bewaffnete Gruppen in Afghanistan, Irak, Libanon, den palästinensischen Gebieten, Jemen und weiteren Regionen mit Training, Waffen, Geld und militärischer Beratung.

Diese Unterstützung macht Schiitenmilizen zu einem zentralen Werkzeug iranischer Machtpolitik. Iran kann Druck ausüben, ohne immer direkt als Angreifer aufzutreten. Milizen greifen US-Stützpunkte an, bedrohen Gegner im Irak, operieren in Syrien, unterstützen Hisbollah-nahe Strukturen oder schaffen Korridore für Waffen und Einfluss. Für Israel ist besonders gefährlich, dass solche Milizen iranische Präsenz nahe Israels Grenzen verstärken können, vor allem in Syrien.

Bekannte Gruppen

Zu den bekanntesten Iran-nahen Schiitenmilizen gehören Kataib Hisbollah, Asaib Ahl al Haq, Harakat al Nujaba, Kataib Sayyid al Shuhada, Harakat Ansar Allah al Awfiya und Kataib al Imam Ali. Nicht alle Gruppen sind gleich groß, gleich einflussreich oder gleich eng an Teheran gebunden. Gemeinsam ist vielen jedoch eine antiamerikanische, antiisraelische und stark proiranische Ausrichtung.

Die USA führen mehrere dieser Gruppen als Terrororganisationen. Kataib Hisbollah und Asaib Ahl al Haq stehen auf der Liste ausländischer Terrororganisationen des US-Außenministeriums. Im September 2025 bezeichnete das US-Außenministerium zusätzlich Harakat al Nujaba, Kataib Sayyid al Shuhada, Harakat Ansar Allah al Awfiya und Kataib al Imam Ali als ausländische Terrororganisationen. Reuters berichtete, die USA begründeten dies unter anderem mit Angriffen auf die US-Botschaft in Bagdad und auf Stützpunkte mit US- und Koalitionspersonal.

Syrien und die Front gegen Israel

In Syrien spielten Schiitenmilizen eine wichtige Rolle im Bürgerkrieg. Iran brachte Kämpfer, Milizen und Berater aus mehreren Ländern in den syrischen Krieg ein, um seinen Einfluss zu sichern und strategische Räume zu kontrollieren. Dazu gehörten irakische, libanesische, afghanische und pakistanische schiitische Formationen. Viele dieser Gruppen waren eng mit den Revolutionsgarden und der Quds-Einheit verbunden.

Für Israel ist Syrien besonders wichtig, weil iranische Milizstrukturen dort nahe an Israels Grenzen heranrücken können. Israel führte in den vergangenen Jahren zahlreiche Angriffe gegen iranische Stellungen, Waffenlager, Milizziele und Transporte in Syrien durch. Ziel war es, eine dauerhafte iranische Militärinfrastruktur und präzise Waffenlieferungen an Hisbollah oder andere Gruppen zu verhindern. Schiitenmilizen sind damit nicht nur ein irakisches oder syrisches Thema, sondern Teil der israelischen Sicherheitslage.

Angriffe auf US-Truppen und westliche Ziele

Schiitenmilizen griffen wiederholt US-Truppen, diplomatische Einrichtungen und Stützpunkte im Irak und in Syrien an. Diese Angriffe erfolgen häufig mit Raketen, Drohnen oder Sprengsätzen. Viele Gruppen nutzen Tarnnamen oder Frontorganisationen, um Verantwortung zu verschleiern und Iran eine gewisse Distanz zu ermöglichen. Das US-Außenministerium erklärte 2025, Iran-nahe Milizen hätten Angriffe auf die US-Botschaft in Bagdad und auf Stützpunkte mit US- und Koalitionspersonal durchgeführt und dabei oft Aliasnamen oder Stellvertreterstrukturen genutzt, um Irans Beteiligung zu verdecken.

Diese Angriffe zeigen, dass Schiitenmilizen nicht nur lokale Akteure sind. Sie sind Teil eines regionalen Konflikts zwischen Iran, den USA, Israel und arabischen Staaten. Ihre Gewalt kann diplomatische Krisen, Luftschläge, Sanktionen und neue Eskalationen auslösen. Für Israel ist wichtig: Wenn Iran Druck auf die USA ausübt, geschieht dies oft über dieselben Netzwerke, die auch gegen Israel oder seine Partner eingesetzt werden können.

Hybride Macht: Miliz, Partei und Staat zugleich

Ein besonderes Merkmal vieler Schiitenmilizen ist ihr hybrider Charakter. Sie sind nicht immer nur bewaffnete Gruppen außerhalb des Staates. Manche haben politische Parteien, Sitze im Parlament, wirtschaftliche Netzwerke, Medienkanäle, religiöse Strukturen und Beziehungen zu staatlichen Sicherheitsapparaten. Dadurch können sie mit einem Fuß im Staat stehen und mit dem anderen außerhalb staatlicher Kontrolle handeln.

Diese Doppelrolle erschwert Gegenmaßnahmen. Wird gegen sie militärisch vorgegangen, können sie sich als Teil nationaler Sicherheitsstrukturen darstellen. Werden sie politisch eingebunden, behalten sie oft ihre Waffen und eigene Loyalitäten. Für den Irak bedeutet das eine ständige Schwächung staatlicher Autorität. Für Iran bedeutet es Einfluss. Für Israel und die USA bedeutet es ein schwer kalkulierbares Sicherheitsrisiko.

Antisemitische und antiisraelische Ideologie

Viele Iran-nahe Schiitenmilizen übernehmen Teile der iranischen Revolutionsideologie. Dazu gehören Feindbilder gegen Israel, die USA und westliche Staaten. Israel wird dabei nicht als normaler Staat betrachtet, sondern als illegitimer Feind. Diese Ideologie ist eng verbunden mit der sogenannten „Achse des Widerstands“, also dem von Iran geförderten Netzwerk aus Hisbollah, Hamas, Islamischem Dschihad, Huthi und schiitischen Milizen.

Der antiisraelische Charakter dieser Gruppen ist nicht nur Rhetorik. Er zeigt sich in Waffenflüssen, Drohungen, Angriffen, Unterstützung für andere Terrororganisationen und in der Bereitschaft, regionale Konflikte im Sinne Teherans zu führen. Deshalb sind Schiitenmilizen für Israel auch dann relevant, wenn sie geografisch nicht direkt an Israel grenzen.

Abgrenzung: Nicht alle Schiiten sind Milizen

Der Begriff Schiitenmilizen darf nicht mit Schiiten allgemein verwechselt werden. Schiiten sind eine große religiöse Gemeinschaft innerhalb des Islam mit vielen unterschiedlichen Traditionen, politischen Haltungen und nationalen Zugehörigkeiten. Millionen Schiiten haben nichts mit Milizen, Terror oder iranischer Politik zu tun. Der Lexikonbegriff meint bewaffnete politische Gruppen, nicht eine Religionsgemeinschaft als solche.

Diese Unterscheidung ist wichtig, um pauschale Feindbilder zu vermeiden. Kritik richtet sich gegen bewaffnete Milizen, Terrororganisationen, iranische Einflussnetzwerke und ihre Gewalt. Sie richtet sich nicht gegen Menschen wegen ihrer religiösen Zugehörigkeit. Für journalistische Genauigkeit ist diese Abgrenzung unverzichtbar.

Bedeutung für Israel

Für Israel sind Schiitenmilizen Teil des größeren iranischen Bedrohungsraums. Iran versucht, Israel nicht nur direkt, sondern über mehrere Fronten unter Druck zu setzen: Hisbollah im Libanon, Hamas und Islamischer Dschihad in Gaza, Huthi im Jemen sowie schiitische Milizen im Irak und in Syrien. Schiitenmilizen können Waffenwege sichern, Drohnen oder Raketen einsetzen, Angriffe auf US-Partner durchführen und Israel aus entfernteren Räumen bedrohen.

Besonders gefährlich ist die Verbindung zwischen lokaler Milizgewalt und iranischer Strategie. Eine einzelne Gruppe mag regional begrenzt erscheinen. Im Netzwerk betrachtet wird sie Teil einer größeren Architektur: Teheran baut Einflusszonen, schafft militärische Korridore, stärkt Terrorpartner und bindet Gegner an mehreren Fronten. Das ist der Kern des Stellvertreterkriegs.

Quellen

  1. Council on Foreign Relations: Iran’s Regional Armed Network cfr.org/articles/irans-regional-armed-network
  2. Council on Foreign Relations: Iran’s Revolutionary Guards cfr.org/backgrounders/irans-revolutionary-guards
  3. U.S. Department of State: Foreign Terrorist Organizations state.gov/foreign-terrorist-organizations
  4. U.S. Department of State: Terrorist Designations of Iran-Aligned Militia Groups state.gov/releases/office-of-the-spokesperson/2025/09/terrorist-designations-of-iran-aligned-militia-groups
  5. Reuters: US designates four Iran-aligned militias as terrorist organizations reuters.com/world/middle-east/us-designates-four-iran-aligned-militias-terrorist-organizations-2025-09-17/
  6. Federal Register: Foreign Terrorist Organization Designations of Harakat al-Nujaba, Kata'ib Sayyid al-Shuhada, Harakat Ansar Allah al-Awfiya, and Kata'ib al-Imam Ali federalregister.gov/documents/2025/09/18/2025-18014/foreign-terrorist-organization-designations-of-harakat-al-nujaba-kataib-sayyid-al-shuhada-harakat
  7. NESA Center: Iran’s Shadow Army: The PMF’s Growing Influence in Iraq nesa-center.org/csag-strategy-paper-irans-shadow-army-the-pmfs-growing-influence-in-iraq/

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