Nach dem 7. Oktober hieß es plötzlich „die Juden“, US-Behörde verklagt katholischen Klinikriesen

Nach dem 7. Oktober hieß es plötzlich „die Juden“, US-Behörde verklagt katholischen Klinikriesen


Ein erfolgreicher jüdischer Chirurg soll jahrelang antisemitisch angefeindet worden sein. Nach dem Hamas-Massaker eskalierte die Lage, wenige Wochen später verlor er seinen Arbeitsplatz.

Nach dem 7. Oktober hieß es plötzlich „die Juden“,  US-Behörde verklagt katholischen Klinikriesen
Bildnachweis: Pixabay / Symbolbild

Ein jüdischer Orthopäde arbeitet jahrelang erfolgreich in einem großen amerikanischen Kliniksystem, übertrifft nach Angaben einer US-Bundesbehörde sogar die Produktivitätsziele seines Arbeitgebers und wird von Patienten öffentlich gelobt. Dann ermordet die HamasHamas: Terrororganisation aus GazaHamas ist eine islamistische palästinensische Terrororganisation. Sie entstand 1987 aus dem Umfeld der Muslimbruderschaft, lehnt Israels Existenz ab und wird von Israel, den USA, der EU und weiteren Staaten als Terrororganisation eingestuft.Mehr lesen am 7. Oktober 20237. Oktober 2023: Das Hamas-Massaker, das Israel veränderteDer 7. Oktober 2023 war der Tag des Hamas-Massakers in Israel. Terroristen aus Gaza ermordeten etwa 1.200 Menschen, vor allem Zivilisten, und verschleppten mehr als 240 Geiseln in den Gazastreifen.Mehr lesen in IsraelIsrael: Der jüdische Staat im Herzen des Nahen OstensIsrael ist ein demokratischer Staat im Nahen Osten und der Nationalstaat des jüdischen Volkes. Er wurde am 14. Mai 1948 gegründet, seine Hauptstadt ist Jerusalem, die Knesset hat 120 Abgeordnete. Zum Unabhängigkeitstag 2026 hatte Israel rund 10,244 Millionen Einwohner.Mehr lesen rund 1.200 Menschen. Am Arbeitsplatz des Arztes beginnt nach Darstellung der amerikanischen Gleichstellungsbehörde EEOC eine Welle von Bemerkungen, in denen plötzlich „die Juden“ für den Terrorangriff verantwortlich gemacht werden. Wenig später werden seine Operationszeiten reduziert, er wird von Besprechungen ausgeschlossen und schließlich entlassen.

Nun verklagt die US-Regierung Mercy Health Physicians Youngstown und den Mutterkonzern Bon Secours Mercy Health.

Die Vorwürfe sind noch nicht gerichtlich bewiesen. Aber schon die Tatsache, dass die Equal Employment Opportunity Commission nach eigener Untersuchung und einem gescheiterten außergerichtlichen Einigungsversuch selbst vor ein Bundesgericht zieht, macht den Fall bemerkenswert. Die Behörde wirft dem Kliniksystem nicht irgendeinen arbeitsrechtlichen Streit vor. Ihre Anklage lautet ausdrücklich: Der Arzt sei wegen seiner Religion und wegen seiner jüdischen Identität diskriminiert und schließlich entlassen worden.

Nach US-Medien handelt es sich bei dem Betroffenen um den Orthopäden Dr. Ian Walton. Er war seit 2016 für Mercy Health tätig, hatte eine Facharztausbildung in orthopädischer Chirurgie abgeschlossen und später eine Zusatzqualifikation in Sportmedizin erworben. 2020 erhielt er seine Facharztanerkennung. Nach Darstellung der EEOC entwickelte Walton bei Mercy eine erfolgreiche Praxis und übertraf die Produktivitätsvorgaben des Unternehmens.

Ausgerechnet Mercy Health selbst veröffentlichte 2020 auf seinem eigenen Internetauftritt den Bericht einer Patientin, die Walton ausdrücklich für seine Behandlung lobte. Sie schilderte, wie andere Ärzte ihre langjährigen Knieschmerzen zuvor nicht ernst genommen hätten und Walton schließlich die Ursache gesucht, sie behandelt und ihr geholfen habe. Das beweist selbstverständlich nichts über die späteren Diskriminierungsvorwürfe. Es zeigt aber, dass Walton Jahre vor seiner Kündigung vom eigenen Kliniksystem öffentlich als Teil einer positiven Patientengeschichte präsentiert wurde.

Nach dem Hamas-Massaker eskalierte der Hass

Antisemitische Bemerkungen soll Walton laut EEOC allerdings bereits während seiner Beschäftigung erlebt haben. Nach dem 7. Oktober 2023 habe sich die Situation dramatisch verschärft. Behördenchefin Andrea Lucas spricht von einem regelrechten Schwall von Kommentaren am Arbeitsplatz, in denen „die Juden“ für den Hamas-Angriff verantwortlich gemacht worden seien.

Dieser Vorwurf ist besonders verstörend.

Hamas-Terroristen drangen am 7. Oktober nach Israel ein, ermordeten Männer, Frauen und Kinder und verschleppten Menschen als Geiseln nach GazaPalästina: Geschichte, Bedeutung und politischer Streit um einen aufgeladenen BegriffPalästina bezeichnet historisch eine Region im südlichen Levantegebiet und politisch heute vor allem den Anspruch auf palästinensische Staatlichkeit. Der Begriff ist eng mit jüdischer Geschichte, dem britischen Mandat, Israel und dem Nahostkonflikt verbunden.Mehr lesen. Und ausgerechnet ein jüdischer Arzt in Ohio soll anschließend an seinem Arbeitsplatz mit Aussagen konfrontiert worden sein, die Juden für diesen Angriff verantwortlich machten.

Damit wäre genau jener Mechanismus sichtbar, der nach dem 7. Oktober weltweit immer wieder zu beobachten war: Nicht die Terrororganisation muss sich vor Juden rechtfertigen, sondern Juden werden plötzlich für Israel, den Nahostkonflikt oder sogar für Gewalt verantwortlich gemacht, deren Opfer Juden selbst geworden sind.

Nach Angaben der EEOC blieb es nicht bei Worten. Walton sei von geplanten Besprechungen ausgeschlossen worden, seine Operationszeiten seien reduziert worden. Im November 2023, nur wenige Wochen nach dem Hamas-Massaker, wurde sein Vertrag beendet. Die Behörde erklärt, ihm sei ausdrücklich mitgeteilt worden, dass seine Entlassung nicht auf seiner Arbeitsleistung beruhe. Die EEOC-Vorsitzende fasste die Darstellung noch schärfer zusammen: Ihm sei letztlich kein nachvollziehbarer Grund genannt worden.

Die Behörde sieht darin einen Verstoß gegen Title VII des Civil Rights Act von 1964. Das amerikanische Bundesrecht verbietet Benachteiligungen im Arbeitsleben unter anderem wegen Religion und ethnischer beziehungsweise rassischer Zuschreibung. Die Klage wurde beim Bundesgericht für den nördlichen Bezirk von Ohio eingereicht.

Mercy Health weist die Vorwürfe bislang nicht öffentlich im Detail zurück. Ein Sprecher des Konzerns erklärte gegenüber dem Fachmedium Becker’s lediglich, Bon Secours Mercy Health heiße Menschen aller Glaubensrichtungen und Hintergründe willkommen. Wegen des laufenden Gerichtsverfahrens werde man keine weiteren Angaben machen.

Damit bleibt entscheidend, was das Gericht aus den Vorwürfen macht. Eine Klage ist kein Urteil, und auch eine Bundesbehörde kann mit ihrer Einschätzung vor Gericht scheitern.

Doch die Anschuldigungen stehen in einem bemerkenswerten Kontrast zu dem Selbstbild des Unternehmens.

Bon Secours Mercy Health gehört zu den großen katholischen Gesundheitssystemen der Vereinigten Staaten. Das Unternehmen beschreibt seine Mission als Fortführung des „mitfühlenden Dienstes Jesu“. Zu den ausdrücklich veröffentlichten Unternehmenswerten gehört „Human Dignity“, menschliche Würde. Man verpflichte sich dazu, jedem Menschen respektvoll und inklusiv zu begegnen.

Sollten sich die Vorwürfe der EEOC bestätigen, wäre der Widerspruch kaum größer denkbar.

Ein katholisches Gesundheitsunternehmen, das sich Menschenwürde und Respekt auf die Fahnen schreibt, hätte dann zugelassen, dass ein jüdischer Arzt antisemitischAntisemitismus: Judenhass in alten und neuen FormenAntisemitismus bezeichnet Judenhass und Feindschaft gegen Juden. Er reicht von Vorurteilen und Verschwörungserzählungen bis zu Ausgrenzung, Bedrohung und Gewalt.Mehr lesen angefeindet, nach dem größten Massaker an Juden seit der ShoahShoah: Der nationalsozialistische Mord an sechs Millionen JudenShoah ist der hebräische Begriff für die Katastrophe der Vernichtung der europäischen Juden durch das nationalsozialistische Deutschland und seine Helfer. Rund sechs Millionen Juden wurden ermordet.Mehr lesen mit Schuldzuweisungen gegen „die Juden“ überzogen und schließlich aus dem Unternehmen gedrängt wurde.

Das Problem reicht längst über einen Arzt hinaus

haOlam hat bereits im August über eine internationale Fachauswertung zum Antisemitismus in Kliniken und medizinischen Hochschulen berichtet. Die Untersuchung zeigte, dass jüdische Ärzte, Studenten und Beschäftigte seit dem 7. Oktober zunehmend von Ausgrenzung, Anfeindungen und politischem Druck berichten. Manche verstecken ihre jüdische Identität, andere denken über Arbeitsplatzwechsel oder sogar Auswanderung nach.

Der Fall aus Ohio gibt diesem abstrakten Problem nun einen Namen und einen konkreten Arbeitsplatz.

Gerade im Gesundheitswesen ist das besonders erschreckend. Medizinische Einrichtungen sprechen ständig von Vielfalt, Respekt, Inklusion und der Würde jedes Menschen. Ein Krankenhaus sollte zu den letzten Orten gehören, an denen ein Mitarbeiter darüber nachdenken muss, ob seine Kippa, Familienfotos oder seine jüdische Herkunft berufliche Konsequenzen haben könnten.

Waltons jüdische Identität war nach der Klage offen sichtbar. In seinem Büro standen Familienbilder, auf denen Angehörige Kippot und Gebetsschals trugen. Er versteckte nicht, wer er war.

Warum sollte er auch?

Das ist letztlich die entscheidende Frage dieses Falls.

Wenn ein Arzt erfolgreich arbeitet, Patienten behandelt und seine beruflichen Ziele erfüllt, darf seine jüdische Identität weder vor noch nach einem Terroranschlag irgendeinen Einfluss auf seine berufliche Stellung haben. Und ein Jude in Ohio trägt keinerlei Verantwortung dafür, was eine Terrororganisation in Israel tut oder wie eine israelische Regierung anschließend handelt.

Sollten Mitarbeiter tatsächlich nach dem 7. Oktober „die Juden“ für das Hamas-Massaker verantwortlich gemacht haben, dann handelt es sich nicht um eine unbeholfene Nahostdebatte.

Dann ist es Judenhass.

Die EEOC hat nun entschieden, diesen Vorwurf nicht bei einer internen Beschwerdeakte zu belassen, sondern vor ein Bundesgericht zu bringen.

Dort muss Mercy Health antworten.

Und dort wird sich zeigen, ob ein Arzt tatsächlich seinen Arbeitsplatz verlor, obwohl das Problem nicht seine Arbeit war, sondern dass er Jude war.



Autor: Redaktion

Artikel veröffentlicht am: Dienstag, 29. September 2026

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