Zwei 14-Jährige, Bombenbaupläne und Anschlagsfantasien: Italien hebt junges Neonazi-Netzwerk aus
17 Verdächtige, 14 davon minderjährig: In Neonazi-Chats kursierten Holocaustleugnung, Judenhass, Waffenanleitungen und Pläne für Anschläge auf Synagoge, Moschee und Schule.

Bildnachweis: Symbolbild / KI
Messer, Nazi-Symbole, Anleitungen für Sprengsätze und Jugendliche, die online darüber diskutieren, Menschen wegen ihrer Herkunft, Religion oder sexuellen Orientierung anzugreifen: Italienische Ermittler sind gegen ein rechtsextremes Netzwerk vorgegangen, bei dem vor allem das Alter der Beteiligten erschreckt. Von 17 Beschuldigten sind 14 minderjährig, mindestens zwei von ihnen erst 14 Jahre alt. ROS-Carabinieri und die Staatsschutzabteilung DIGOS durchsuchten Wohnungen und digitale Geräte in zahlreichen italienischen Städten.
Anders als zunächst in einzelnen englischsprachigen Berichten dargestellt, handelt es sich nach italienischen Quellen nicht um bereits rechtskräftig „angeklagte“ Personen. Gegen sie wird wegen PropagandaDesinformation: Gezielte Täuschung der ÖffentlichkeitDesinformation bezeichnet bewusst verbreitete falsche oder irreführende Informationen. Ziel ist häufig, Menschen zu täuschen, Vertrauen zu zerstören, Konflikte zu verschärfen oder politische Entscheidungen zu beeinflussen.Mehr lesen und Anstiftung zu Straftaten aus rassistischen und religiösen Motiven, teilweise unter terroristischen Erschwernisgründen, ermittelt. Die Unschuldsvermutung gilt. Die Durchsuchungen liefen unter anderem in Rom, Mailand, Bologna, Genua, Palermo, Verona, Trient und weiteren Städten.
Vom Hitler-Kult zur Anleitung für Anschläge
Im Zentrum der Ermittlungen stehen zwei private Online-Gruppen: die „Chat del Nuovo Ordine Europeo“ und der „Fronte Fascista Italiano“. Nach Angaben der Ermittler wurden dort Hitler und die SS verherrlicht, der HolocaustShoah: Der nationalsozialistische Mord an sechs Millionen JudenShoah ist der hebräische Begriff für die Katastrophe der Vernichtung der europäischen Juden durch das nationalsozialistische Deutschland und seine Helfer. Rund sechs Millionen Juden wurden ermordet.Mehr lesen geleugnet und antisemitische, rassistische sowie homophobe Inhalte verbreitet. Hinzu kamen Videos von Hinrichtungen und Massakern sowie Material über frühere rechtsextreme Terroranschläge. Besonders häufig soll der Christchurch-Attentäter Brenton Tarrant glorifiziert worden sein, der 2019 bei Angriffen auf zwei Moscheen 51 Menschen ermordete.
Die Ermittler fanden jedoch offenbar nicht nur Propaganda. In den Gruppen kursierten Anleitungen zum Umgang mit Schuss- und Stichwaffen, Selbsttrainingsmaterial sowie Hinweise zur Herstellung improvisierter Sprengsätze. Laut ANSA und RaiNews wurden sogar mögliche Anschlagsziele diskutiert: eine Synagoge, eine Moschee und eine Schule. Damit geht es längst nicht mehr um Jugendliche, die im Internet mit verbotener Symbolik provozieren. Die Ermittlungen beschäftigen sich mit der Frage, ob aus ideologischer Radikalisierung konkrete Gewaltvorbereitung werden konnte.
Bei den Durchsuchungen stellten die Behörden Messer und andere Hieb- und Stichwaffen, Nazi-Fahnen und entsprechende Devotionalien sowie Computer, Mobiltelefone und weitere elektronische Geräte sicher. Außerdem sollen Mitglieder Propaganda der internationalen weißen Suprematistengruppe „The Base“ verbreitet haben. Diese Materialien werden nun ausgewertet.
Besonders verstörend ist eine weitere Facette: Einige Verdächtige sollen gemeinsam Online-Spiele genutzt haben, um virtuelle Tötungen von Angehörigen ethnischer Minderheiten nachzustellen. Gewaltfantasie, Neonazi-Propaganda und spielerische Simulation liefen damit offenbar innerhalb derselben digitalen Umgebung ineinander.
Antisemitismus als Teil einer umfassenden Gewaltideologie
Juden waren ausdrücklich eines der Feindbilder dieser Gruppen. HolocaustleugnungHolocaustleugnung: Antisemitische GeschichtsfälschungHolocaustleugnung bezeichnet die vollständige oder teilweise Leugnung der Shoah. Sie bestreitet, verharmlost oder verfälscht die nationalsozialistische Ermordung von rund sechs Millionen Juden und gilt als zentrale Form antisemitischer Geschichtsfälschung.Mehr lesen und antisemitische HetzeVolksverhetzung: Wenn Hass strafbar wirdVolksverhetzung ist eine Straftat nach § 130 StGB. Gemeint sind unter anderem Hassaufrufe, Gewaltforderungen oder menschenwürdeverletzende Hetze gegen nationale, religiöse, ethnische oder andere geschützte Gruppen.Mehr lesen standen neben Hass gegen Schwarze, Homosexuelle und andere Minderheiten. Dass gleichzeitig über eine Synagoge als mögliches Anschlagsziel gesprochen worden sein soll, zeigt, wie schnell digitaler JudenhassAntisemitismus: Judenhass in alten und neuen FormenAntisemitismus bezeichnet Judenhass und Feindschaft gegen Juden. Er reicht von Vorurteilen und Verschwörungserzählungen bis zu Ausgrenzung, Bedrohung und Gewalt.Mehr lesen in eine sicherheitsrelevante Dimension kippen kann.
Gerade das Alter der Verdächtigen macht den Fall besonders brisant. Hier soll sich keine abgeschottete Gruppe alter Neonazi-Kader getroffen haben. Ermittler stießen auf ein Netzwerk, das überwiegend aus Jugendlichen bestand und dessen Radikalisierung über digitale Plattformen verlief. Zwei der Beteiligten sollen gerade einmal 14 Jahre alt sein.
Die italienischen Behörden untersuchen nun, wie weit einzelne Beteiligte tatsächlich gehen wollten und ob aus Fantasien bereits konkrete Vorbereitungshandlungen entstanden waren. Dass Sprengstoffanleitungen, Waffenmaterial und mögliche Anschlagsziele gemeinsam in denselben Netzwerken auftauchten, erklärt jedenfalls, warum ROS und DIGOS den Fall nicht als jugendliche Provokation behandeln.
Der vielleicht beunruhigendste Befund liegt deshalb nicht in einem einzelnen Messer oder einer Nazi-Fahne. Es ist die Kombination: Jugendliche, Holocaustleugnung, antisemitische Feindbilder, Verehrung von Massenmördern und zugleich Wissen darüber, wie aus Hass eine Bombe werden kann.
Autor: Redaktion
Artikel veröffentlicht am: Montag, 28. September 2026