Mahmud Abbas und die Holocaust-Lüge: Wie ein Geschichtsfälscher zum Friedenspartner des Westens wurde
Ein Buch voller antisemitischer Verschwörungstheorien, jahrzehntelange Holocaust-Verzerrung und erschreckende Umfrageergebnisse. Der Fall Abbas wirft eine unbequeme Frage auf: Was weiß der Westen über die Ideologie der palästinensischen Führung und warum zieht er daraus so wenige Konsequenzen?

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Mahmud AbbasPLO: Die Organisation zwischen Terrorgeschichte, Oslo und MachtverlustDie PLO ist die Palästinensische Befreiungsorganisation. Sie wurde 1964 gegründet, wurde später international als Vertreterin der Palästinenser anerkannt und spielte im Oslo-Prozess eine zentrale Rolle.Mehr lesen ist seit mehr als zwei Jahrzehnten eine der bekanntesten Persönlichkeiten der palästinensischen Politik. In europäischen Hauptstädten wird er empfangen, bei internationalen Konferenzen spricht er über Frieden, Selbstbestimmung und eine Zweistaatenlösung. Westliche Regierungen behandeln ihn seit Jahren als politischen Gesprächspartner, dessen Mitwirkung für eine diplomatische Lösung des Nahostkonflikts erforderlich sei. Doch zu seiner Biografie gehört ein Buch, das mit dieser Rolle kaum vereinbar erscheint. Darin wird die Ermordung von sechs Millionen europäischen Juden infrage gestellt und der zionistischen Bewegung eine Mitverantwortung an der nationalsozialistischen Judenvernichtung zugeschrieben.
Das Buch trägt den Titel „Die andere Seite: Die geheime Beziehung zwischen Nazismus und ZionismusZionismus: Das Recht der Juden auf SelbstbestimmungZionismus bezeichnet die jüdische Nationalbewegung, die für die Rückkehr des jüdischen Volkes in seine historische Heimat und für jüdische Selbstbestimmung im Land Israel eintrat. Der moderne Zionismus entstand im 19. Jahrhundert als Antwort auf Antisemitismus, Verfolgung und Entrechtung.Mehr lesen“. Es erschien 1984 und basiert auf einer wissenschaftlichen Arbeit, die Abbas zwei Jahre zuvor in der Sowjetunion verfasst hatte. Was zunächst wie eine historische Untersuchung erscheinen soll, entpuppt sich bei näherem Hinsehen als antisemitische VerschwörungserzählungProtokolle der Weisen von Zion: Die tödlichste Fälschung des modernen AntisemitismusDie „Protokolle der Weisen von Zion“ sind eine antisemitische Fälschung aus dem frühen 20. Jahrhundert. Sie behaupten wahrheitswidrig, Juden planten die Weltherrschaft, und wurden weltweit zur Rechtfertigung von Judenhass benutzt.Mehr lesen. Ihre politische Botschaft ist ebenso einfach wie perfide: Nicht allein die nationalsozialistischen Täter sollen für die Vernichtung der europäischen JudenShoah: Der nationalsozialistische Mord an sechs Millionen JudenShoah ist der hebräische Begriff für die Katastrophe der Vernichtung der europäischen Juden durch das nationalsozialistische Deutschland und seine Helfer. Rund sechs Millionen Juden wurden ermordet.Mehr lesen verantwortlich gewesen sein, sondern auch jene jüdische NationalbewegungZionismus: Das Recht der Juden auf SelbstbestimmungZionismus bezeichnet die jüdische Nationalbewegung, die für die Rückkehr des jüdischen Volkes in seine historische Heimat und für jüdische Selbstbestimmung im Land Israel eintrat. Der moderne Zionismus entstand im 19. Jahrhundert als Antwort auf Antisemitismus, Verfolgung und Entrechtung.Mehr lesen, deren Ziel eine sichere Heimstätte für das jüdische Volk war.
Damit wird Geschichte nicht lediglich falsch interpretiert. Die Verantwortung für ein beispielloses Menschheitsverbrechen wird teilweise auf die Seite seiner Opfer verschoben. Und genau diese Denkweise ist keine längst überwundene Episode aus der politischen Vergangenheit des palästinensischen Präsidenten. Sie taucht in seinen späteren öffentlichen Äußerungen wieder auf, teilweise Jahrzehnte nach der Veröffentlichung seines Buches.
Die eigentliche Brisanz liegt deshalb nicht allein in den historischen Aussagen von Abbas. Sie liegt in einer grundsätzlichen Frage: Wie kann ein Politiker, der antisemitische Geschichtsfälschungen verbreitet und später erneut aufgegriffen hat, international als glaubwürdiger Partner für einen dauerhaften Frieden gelten? Und welche Folgen hat es für eine Gesellschaft, wenn solche Vorstellungen nicht nur in politischen Randgruppen auftreten, sondern von ihrer obersten Führung verbreitet werden?
Ein Buch, eine Ideologie und vier Jahrzehnte der Geschichtsfälschung
Abbas' Buch entstand vor dem Hintergrund der sowjetischen Unterstützung für die palästinensische NationalbewegungPalästinenser: Herkunft, Begriffswandel und politische IdentitätPalästinenser bezeichnet heute meist palästinensische Araber mit eigener nationaler Identität. In der Mandatszeit konnte der Begriff jedoch allgemein Bewohner des britischen Mandatsgebiets Palästina meinen, auch Juden.Mehr lesen. In seiner wissenschaftlichen Arbeit von 1982 beschäftigte er sich mit den angeblichen Beziehungen zwischen nationalsozialistischer Führung und zionistischer Bewegung. Die 1984 erschienene Buchfassung entwickelte daraus eine weitreichende Verschwörungsthese.
Abbas stellte die historisch gesicherte Zahl von rund sechs Millionen ermordeten Juden infrage. Er führte deutlich niedrigere Zahlen an und unterstellte der zionistischen Bewegung ein politisches Interesse daran, die Opferzahl zu übertreiben. Dahinter stand die Behauptung, das Ausmaß des Holocaust sei für die internationale Unterstützung der jüdischen Nationalbewegung und später Israels gezielt instrumentalisiert worden.
Diese Darstellung widerspricht der überwältigenden historischen Beweislage. Die Ermordung von etwa sechs Millionen europäischen Juden ist durch nationalsozialistische Dokumente, Deportationslisten, Einsatzgruppenberichte, Lagerunterlagen, demografische Untersuchungen, Täterzeugnisse und Aussagen von Überlebenden umfassend dokumentiert. Es handelt sich nicht um eine von zionistischen Organisationen aufgestellte politische Zahl, sondern um das Ergebnis jahrzehntelanger historischer Forschung.
Besonders schwer wiegt die zweite zentrale Behauptung des Buches. Abbas stellte die zionistische Bewegung als Partner nationalsozialistischer Politik dar. Eine wichtige Rolle spielt dabei das Haavara-Abkommen von 1933, das die Auswanderung deutscher Juden nach dem damaligen britischen Mandatsgebiet PalästinaUN-Teilungsplan 1947: Der abgelehnte Weg zu zwei StaatenDer UN-Teilungsplan von 1947 war Resolution 181 der UN-Generalversammlung. Er schlug die Teilung des britischen Mandatsgebiets Palästina in einen jüdischen und einen arabischen Staat vor, mit Jerusalem unter internationaler Verwaltung.Mehr lesen erleichtern sollte. Das Abkommen ermöglichte jüdischen Emigranten unter bestimmten Bedingungen, Teile ihres Vermögens durch Warenexporte zu transferieren. Die Vereinbarung war unter jüdischen Organisationen umstritten und wurde unter den Bedingungen zunehmender nationalsozialistischer Verfolgung getroffen.
Aus der Existenz dieser Vereinbarung eine gemeinsame Verantwortung für den Holocaust abzuleiten, ist historisch unhaltbar. Die Verfolgung und Ermordung der europäischen Juden waren Ausdruck der nationalsozialistischen Rassenideologie und wurden von NS-Deutschland und seinen Helfern organisiert und durchgeführt. Die Bemühungen jüdischer Organisationen, Menschen aus Deutschland herauszubringen, machen sie nicht zu Mittätern der späteren Vernichtung.
Die ideologische Bedeutung dieser Verdrehung reicht weit über eine wissenschaftliche Kontroverse hinaus. Wenn die jüdische Nationalbewegung als Mitverantwortliche für den Holocaust dargestellt wird, erscheint die Entstehung Israels nicht mehr als Teil der Geschichte jüdischer Selbstbestimmung, sondern als Ergebnis eines angeblichen Betrugs. Der historische Anspruch jüdischer Menschen auf Sicherheit und nationale Selbstbestimmung soll dadurch moralisch entwertet werden.
Das ist ein entscheidender Bestandteil dieser Form des Antizionismus. Nicht lediglich einzelne Entscheidungen israelischer Regierungen werden kritisiert, sondern die historische und moralische Legitimität des jüdischen Staates wird durch eine antisemitische Erzählung grundsätzlich angegriffen.
Abbas war zur Zeit der Veröffentlichung kein unbedeutender Außenseiter. Er gehörte bereits seit Jahrzehnten zur palästinensischen Nationalbewegung und stieg später zu einer ihrer zentralen Führungsfiguren auf. 2005 wurde er zum Präsidenten der Palästinensischen Autonomiebehörde gewählt. Seine reguläre Amtszeit endete 2009, doch er blieb ohne erneute Präsidentschaftswahl im Amt. Die FatahFatah: Von Arafats Kampfbewegung zur erstarrten Machtpartei der PalästinenserFatah ist eine säkular-nationalistische palästinensische Bewegung, die Ende der 1950er Jahre um Jassir Arafat entstand. Sie wurde zur dominierenden Kraft in der PLO und prägt bis heute die Palästinensische Autonomiebehörde.Mehr lesen und die von ihr dominierte Palästinensische Autonomiebehörde blieben die maßgeblichen politischen Institutionen in den von ihnen kontrollierten Teilen Judäas und Samarias.
Es wäre möglich gewesen, seine frühen Schriften als ideologischen Irrweg zu behandeln, von dem er sich im Laufe seiner politischen Entwicklung eindeutig distanziert hätte. Tatsächlich bezeichnete Abbas den Holocaust später mehrfach als schreckliches Verbrechen. Doch gerade die weitere Entwicklung zeigt, wie problematisch es wäre, diese Bekenntnisse mit einer grundlegenden Abkehr von seinen früheren Vorstellungen gleichzusetzen.
Am 30. April 2018 hielt Abbas vor dem Palästinensischen Nationalrat in Ramallah eine Rede, in der er behauptete, die jahrhundertelange Verfolgung der europäischen Juden sei nicht auf deren Religion zurückzuführen gewesen, sondern auf ihr angebliches gesellschaftliches Verhalten. Er verwies insbesondere auf Geldverleih und Bankgeschäfte.
Damit griff er auf eines der ältesten antisemitischen Feindbilder Europas zurück. Die Vorstellung, Juden hätten durch Geldgeschäfte selbst die Feindschaft ihrer Umgebung verursacht, gehört seit Jahrhunderten zum ideologischen Kern antisemitischer HetzeVolksverhetzung: Wenn Hass strafbar wirdVolksverhetzung ist eine Straftat nach § 130 StGB. Gemeint sind unter anderem Hassaufrufe, Gewaltforderungen oder menschenwürdeverletzende Hetze gegen nationale, religiöse, ethnische oder andere geschützte Gruppen.Mehr lesen. Dass ein politischer Führer diese Erzählung im Zusammenhang mit dem Holocaust wiederholt, bedeutet nichts anderes, als die Verantwortung der Täter zugunsten einer angeblichen Mitschuld der Opfer zu relativieren.
Die internationale Empörung war erheblich. Das United States Holocaust Memorial Museum verurteilte Abbas' Behauptungen ausdrücklich. Die nationalsozialistische Judenverfolgung beruhte auf rassistischem AntisemitismusAntisemitismus: Judenhass in alten und neuen FormenAntisemitismus bezeichnet Judenhass und Feindschaft gegen Juden. Er reicht von Vorurteilen und Verschwörungserzählungen bis zu Ausgrenzung, Bedrohung und Gewalt.Mehr lesen und auf der Vorstellung, das jüdische Volk müsse aus der deutschen und europäischen Gesellschaft entfernt und schließlich vernichtet werden. Ein tatsächliches Verhalten jüdischer Menschen war dafür nicht ausschlaggebend.
Wenige Tage später entschuldigte sich Abbas bei Menschen, die sich durch seine Rede verletzt fühlten, und erklärte, er verurteile Antisemitismus in allen Formen. Den Holocaust bezeichnete er als eines der abscheulichsten Verbrechen der Geschichte. Entscheidend ist allerdings, dass seine Erklärung keine umfassende sachliche Widerlegung der zuvor verbreiteten Geschichtsfälschung enthielt.
Vier Jahre später folgte der nächste internationale Eklat, diesmal ausgerechnet im deutschen Bundeskanzleramt.
Am 16. August 2022 stand Abbas bei einer gemeinsamen Pressekonferenz neben Bundeskanzler Olaf Scholz. Ein Journalist fragte ihn, ob er sich angesichts des bevorstehenden 50. Jahrestages des palästinensischen Terroranschlags auf die israelische Olympiamannschaft in München entschuldigen wolle. Bei dem Anschlag von 1972 wurden elf israelische Sportler und Betreuer sowie ein deutscher Polizist getötet.
Statt auf die Frage nach der Verantwortung für dieses Verbrechen einzugehen, sprach Abbas über angebliche israelische Massaker und verwendete die Formulierung „50 Holocausts“.
Die historische Verkehrung war kaum deutlicher vorstellbar. Im Land der Täter des nationalsozialistischen Völkermordes beschuldigte der palästinensische Präsident den jüdischen Staat, gleich fünfzig Holocausts begangen zu haben. Olaf Scholz widersprach ihm auf der Pressekonferenz nicht unmittelbar. Erst anschließend verurteilte der Bundeskanzler die Aussage öffentlich als unerträgliche Relativierung des Holocaust.
Das Verhalten des Kanzleramtes wurde zu Recht kritisiert. Abbas hatte nicht irgendeine historische Ungenauigkeit formuliert. Er hatte den Begriff für die systematische Vernichtung von sechs Millionen Juden benutzt, um den jüdischen Staat politisch anzugreifen. Die unverzügliche und unmissverständliche Zurückweisung wäre gerade an diesem Ort notwendig gewesen.
Doch auch dieser Eklat führte nicht dazu, dass die grundlegende Rolle von Abbas als internationalem Gesprächspartner dauerhaft infrage gestellt wurde.
Noch aufschlussreicher war eine Rede vor dem Revolutionsrat der Fatah im August 2023. Abbas behauptete erneut, Hitler habe Juden nicht deshalb verfolgt, weil sie Juden gewesen seien. Entscheidend sei vielmehr ihre angebliche gesellschaftliche Rolle gewesen, insbesondere im Zusammenhang mit Geld und Wucher.
Hinzu kam die Behauptung, aschkenasische Juden seien keine Semiten und hätten deshalb keinen ursprünglichen Zusammenhang mit dem historischen Judentum des Nahen Ostens. Auch diese Argumentation gehört zu den bekannten Versuchen, die historische Verbindung des jüdischen Volkes mit dem Land IsraelIsrael: Der jüdische Staat im Herzen des Nahen OstensIsrael ist ein demokratischer Staat im Nahen Osten und der Nationalstaat des jüdischen Volkes. Er wurde am 14. Mai 1948 gegründet, seine Hauptstadt ist Jerusalem, die Knesset hat 120 Abgeordnete. Zum Unabhängigkeitstag 2026 hatte Israel rund 10,244 Millionen Einwohner.Mehr lesen zu bestreiten. Der Begriff Antisemitismus bezeichnet jedoch eine bestimmte Form der Judenfeindschaft und hängt nicht davon ab, ob Menschen einer angeblichen sprachlichen oder ethnischen Kategorie von „Semiten“ zugeordnet werden können.
Die Rede löste erneut internationale Verurteilungen aus. Am 7. September 2023 erklärte der Europäische Auswärtige Dienst, Abbas habe falsche und grob irreführende Aussagen über Juden und Antisemitismus verbreitet. Diese verzerrten die Geschichte, verharmlosten den Holocaust und förderten Antisemitismus. Auch das United States Holocaust Memorial Museum verurteilte die Äußerungen.
Bemerkenswert ist die Abfolge: Bereits 2018 hatte Abbas wegen nahezu derselben Behauptung internationale Empörung ausgelöst und sich anschließend entschuldigt. Fünf Jahre später griff er wieder auf das gleiche antisemitische Erklärungsmuster zurück.
Wer einen Fehler erkennt, sich davon überzeugt distanziert und seine Haltung tatsächlich korrigiert, wiederholt ihn normalerweise nicht Jahre später in einer weiteren politischen Grundsatzrede. Bei Abbas lässt sich deshalb zumindest feststellen, dass seine öffentlichen Bekenntnisse gegen Antisemitismus nicht zu einem dauerhaften Verzicht auf entsprechende Geschichtsfälschungen geführt haben.
Ob er selbst jedes Detail seiner Aussagen glaubt, bleibt eine andere Frage. Niemand kann allein aus öffentlichen Reden zuverlässig auf die inneren Überzeugungen eines Politikers schließen. Es ist denkbar, dass Abbas seine Thesen tatsächlich für historische Wahrheiten hält. Ebenso ist möglich, dass er sie bewusst zur politischen Mobilisierung einsetzt oder beide Motive miteinander verbindet.
Aber für die gesellschaftliche Wirkung spielt diese Unterscheidung nur eine begrenzte Rolle. Ein Präsident, der antisemitische Vorstellungen öffentlich verbreitet, trägt unabhängig von seinen persönlichen Motiven Verantwortung dafür, dass solche Vorstellungen politische Legitimation erhalten.
Gerade die erneute Verwendung derselben Feindbilder macht es schwierig, Abbas' Äußerungen als vereinzelte Entgleisungen oder bloße Missverständnisse zu erklären. Zwischen seiner wissenschaftlichen Arbeit von 1982 und der Fatah-Rede von 2023 liegen mehr als vier Jahrzehnte. Die ideologischen Verbindungslinien sind dennoch unübersehbar.
Wie tief reicht der Antisemitismus und warum schaut der Westen immer wieder weg?
Die Frage, ob Abbas selbst an seine Behauptungen glaubt, ist wichtig. Für die Zukunft israelisch-palästinensischer Beziehungen ist jedoch eine zweite Frage noch bedeutsamer: Wie viele Menschen in der palästinensischen Gesellschaft teilen solche Überzeugungen, und welche Rolle spielen politische Führung, Medien und Bildung bei ihrer Verbreitung?
Eine der aufschlussreichsten Untersuchungen dazu veröffentlichte die Anti-Defamation League (ADL) im Mai 2014. Für ihre internationale Studie „Global 100“ ließ die Organisation mehr als 53.000 Erwachsene in 102 Ländern und Gebieten zu antisemitischen Einstellungen befragen. Untersucht wurde die Zustimmung zu elf klassischen antisemitischen Stereotypen, darunter Vorstellungen über jüdischen Einfluss, Geld und Macht. Wer mindestens sechs dieser Vorurteile zustimmte, wurde im entsprechenden Index als Träger antisemitischer Einstellungen erfasst.
Das Ergebnis für Judäa und SamariaJudäa und Samaria: Israels historisches Kernland im politischen StreitJudäa und Samaria bezeichnen historische Landschaften zwischen Jerusalem, dem Jordantal und den zentralen Höhenzügen des Landes Israel. In Israel ist der Begriff gebräuchlich. International wird das Gebiet oft anders bezeichnet und politisch als umstritten eingeordnet.Mehr lesen sowie den GazastreifenPalästina: Geschichte, Bedeutung und politischer Streit um einen aufgeladenen BegriffPalästina bezeichnet historisch eine Region im südlichen Levantegebiet und politisch heute vor allem den Anspruch auf palästinensische Staatlichkeit. Der Begriff ist eng mit jüdischer Geschichte, dem britischen Mandat, Israel und dem Nahostkonflikt verbunden.Mehr lesen war erschütternd: 93 Prozent der Befragten erfüllten dieses Kriterium. Kein anderes untersuchtes Land oder Gebiet erreichte einen höheren Wert. Zum Vergleich lag der weltweite Durchschnitt bei 26 Prozent.
Diese Zahlen dürfen nicht falsch interpretiert werden. Die Untersuchung stammt aus dem Jahr 2014 und ist keine aktuelle Befragung des Jahres 2026. Sie beweist auch nicht, dass 93 Prozent der Palästinenser den Holocaust leugnen oder die konkreten Behauptungen aus Abbas' Buch unterstützen. Gemessen wurde vielmehr die Zustimmung zu einer Reihe antisemitischer Stereotype.
Dennoch lässt sich das Ergebnis nicht einfach beiseiteschieben. Wenn eine Untersuchung eine derart weitverbreitete Zustimmung zu antisemitischen Vorstellungen feststellt, stellt sich zwangsläufig die Frage nach den gesellschaftlichen Voraussetzungen. Antisemitismus in diesem Ausmaß entsteht nicht ausschließlich durch einzelne Reden eines Präsidenten. Er kann durch familiäre Überlieferungen, politische PropagandaDesinformation: Gezielte Täuschung der ÖffentlichkeitDesinformation bezeichnet bewusst verbreitete falsche oder irreführende Informationen. Ziel ist häufig, Menschen zu täuschen, Vertrauen zu zerstören, Konflikte zu verschärfen oder politische Entscheidungen zu beeinflussen.Mehr lesen, gesellschaftliche Normen, religiöse Agitation, Medien und Unterrichtsinhalte verstärkt und weitergegeben werden.
Umgekehrt wäre es ebenso falsch, aus dieser Untersuchung abzuleiten, jeder Palästinenser sei Antisemit oder jede Kritik an Israel entspringe automatisch dem Judenhass. Die Haltung gegenüber israelischer Politik, die Einstellung zur Existenz Israels und die Zustimmung zu klassischen antisemitischen Vorurteilen sind unterschiedliche Gegenstände, die auch unterschiedlich untersucht werden müssen.
Gerade deshalb ist das Ergebnis der ADL so bedeutsam. Es ging bei der Untersuchung nicht einfach um Sympathie oder Antipathie gegenüber einem Staat, sondern um jahrhundertealte Vorurteile über Juden als Menschen und als religiöse oder ethnische Gemeinschaft.
Auch die Ergebnisse zur Kenntnis des Holocaust zeigen, wie groß das Problem historischer Unwissenheit und Geschichtsverzerrung sein kann. Weltweit hatte nach der ADL-Untersuchung lediglich eine knappe Mehrheit der Befragten überhaupt vom Holocaust gehört. Im Nahen Osten und Nordafrika waren es 38 Prozent. Unter denjenigen in dieser Region, die den Holocaust kannten, hielten ihn viele für einen Mythos oder für erheblich übertrieben.
Dabei handelt es sich um regionale Daten, nicht um einen gesonderten Nachweis dafür, was Palästinenser über die sechs Millionen jüdischen Opfer glauben. Aber sie verdeutlichen ein grundsätzliches Problem: Wo die Geschichte des Holocaust unbekannt bleibt oder nur durch politische Propaganda vermittelt wird, können Verschwörungserzählungen leichter auf Zustimmung stoßen.
Hier gewinnt die Verantwortung der palästinensischen Führung besonderes Gewicht. Wenn der Präsident selbst behauptet, Juden seien aufgrund angeblicher Geldgeschäfte verfolgt worden, dann verbreitet er nicht nur eine falsche historische These. Er bietet zugleich eine Erklärung an, mit der antisemitische Vorurteile gerechtfertigt erscheinen können.
Noch gefährlicher wird dieses Muster, wenn historische Fälschungen mit der politischen Delegitimierung IsraelsFrom the river to the sea: Die Parole gegen Israels Existenz„From the river to the sea“ bezeichnet das Gebiet vom Jordan bis zum Mittelmeer. In antiisraelischen Kontexten wird die Parole häufig als Forderung nach einem Palästina anstelle Israels verstanden.Mehr lesen verbunden werden. Die Behauptung, Zionisten hätten mit Nationalsozialisten zusammengearbeitet, richtet sich nicht nur gegen die Vergangenheit. Sie dient dazu, das gegenwärtige Israel moralisch zu belasten und jüdische Selbstbestimmung als Ergebnis einer historischen Verschwörung darzustellen.
Der jüdische Staat erscheint innerhalb dieser Erzählung nicht als Schutzraum eines Volkes, das über Jahrhunderte verfolgt wurde, sondern als angeblicher Nutznießer und Mitverursacher seiner eigenen Katastrophe. Damit werden Täter und Opfer vertauscht.
Das ist kein gewöhnlicher Streit über die Entstehung Israels und auch keine legitime historische Kritik an einzelnen zionistischen Politikern. Es handelt sich um eine Erzählung, die antisemitische Stereotype benutzt, um das jüdische Selbstbestimmungsrecht anzugreifen.
Gleichzeitig wäre es journalistisch unredlich, die palästinensische Gesellschaft ausschließlich anhand solcher Befunde zu beurteilen. Im September 2023 veröffentlichten 96 palästinensische Intellektuelle, Wissenschaftler, Künstler und andere Persönlichkeiten einen offenen Brief, in dem sie die antisemitischen Aussagen von Abbas ausdrücklich verurteilten. Sie wiesen jede Verharmlosung nationalsozialistischer Verbrechen und jede geschichtsrevisionistische Darstellung des Holocaust zurück.
Diese öffentliche Distanzierung verdient besondere Beachtung. Sie zeigt, dass es innerhalb der palästinensischen Gesellschaft Menschen gibt, die sich den antisemitischen Behauptungen ihrer eigenen Führung entgegenstellen. Zugleich macht sie deutlich, dass Abbas nicht ohne Weiteres als Sprecher sämtlicher Palästinenser betrachtet werden darf. Politische Macht, internationale Anerkennung und tatsächliche gesellschaftliche Zustimmung sind nicht dasselbe.
Gerade der Westen sollte diesen Unterschied ernst nehmen. Eine palästinensische Friedensperspektive lässt sich nicht dadurch fördern, dass internationale Regierungen einen einzelnen Führer unabhängig von seinen Aussagen immer wieder zum unverzichtbaren Repräsentanten erklären. Sie muss auch diejenigen Kräfte berücksichtigen, die Antisemitismus zurückweisen, demokratische Verantwortung einfordern und eine politische Zukunft ohne Verherrlichung von Gewalt anstreben.
Für Deutschland ergibt sich daraus eine besondere Verantwortung. Die Bundesrepublik betont zu Recht ihre historische Verpflichtung gegenüber dem jüdischen Volk und der Sicherheit IsraelsStaatsräson: Bedeutung und Israels SicherheitStaatsräson meint ein grundlegendes Staatsinteresse, das als besonders wichtig für Bestand, Sicherheit oder Verantwortung eines Staates gilt. In Deutschland wird der Begriff häufig mit der Sicherheit Israels verbunden.Mehr lesen. Gleichzeitig hält sie seit Jahrzehnten diplomatische Beziehungen zur palästinensischen Führung aufrecht und unterstützt palästinensische Institutionen und die Bevölkerung mit erheblichen finanziellen Mitteln.
Diplomatische Kontakte sind nicht zwangsläufig eine Billigung sämtlicher Überzeugungen des Gesprächspartners. Auch mit politischen Führern, deren Ansichten man entschieden ablehnt, kann es notwendig sein zu verhandeln. Das gilt insbesondere dann, wenn Konflikte beendet, Geiseln befreit, Sicherheitsvereinbarungen getroffen oder humanitäre Probleme gelöst werden sollen.
Aber zwischen notwendiger Diplomatie und politischer Aufwertung besteht ein Unterschied. Wer einen Politiker trotz wiederholter antisemitischer Geschichtsfälschungen als wichtigen Friedenspartner präsentiert, muss zumindest erklären können, wie dessen Aussagen mit den Voraussetzungen eines dauerhaften Friedens vereinbar sein sollen.
Die Europäische Union hat Abbas' Aussagen 2023 eindeutig verurteilt. Zugleich erklärte sie, seine Behauptungen schadeten den Bemühungen um eine Zweistaatenlösung, für die sich Abbas selbst wiederholt ausgesprochen habe. Darin liegt allerdings ein bemerkenswerter Widerspruch: Eine Friedensordnung soll mit einem politischen Führer entwickelt werden, der öffentlich Vorstellungen verbreitet hat, welche die historische Legitimität und die Identität des jüdischen Volkes angreifen.
Natürlich ist es möglich, für die Errichtung eines palästinensischen Staates einzutreten und gleichzeitig antisemitische Vorstellungen zu vertreten. Gerade deshalb reicht das bloße Bekenntnis zu einer Zweistaatenlösung als Beweis für eine friedensorientierte Haltung nicht aus.
Frieden zwischen Israel und einem künftigen palästinensischen Staat setzt mehr voraus als eine Einigung über Grenzen, Sicherheitsregelungen und diplomatische Anerkennung. Er verlangt zumindest die Anerkennung, dass das jüdische Volk ein legitimes Recht auf seine eigene Geschichte, seine Identität und seine nationale Selbstbestimmung besitzt.
Wie soll ein dauerhaftes friedliches Zusammenleben entstehen, wenn historische Erzählungen verbreitet werden, in denen die Juden selbst eine Mitschuld an ihrer Vernichtung tragen und ihre nationale Bewegung als Komplizin Hitlers dargestellt wird?
Hinzu kommt die Frage nach den politischen Konsequenzen. Nach den Aussagen von 2018 folgten Verurteilungen und eine Entschuldigung. Nach dem Eklat im deutschen Kanzleramt 2022 folgten erneut Empörung und diplomatische Kritik. Nach der Fatah-Rede 2023 verurteilten die EU, amerikanische Vertreter und Holocaust-Gedenkinstitutionen die Äußerungen abermals.
Die diplomatischen Beziehungen wurden dadurch jedoch nicht grundsätzlich beendet. Westliche Regierungen hielten an ihrer Vorstellung fest, dass die Palästinensische Autonomiebehörde für eine politische Lösung des Konflikts eine wichtige Rolle spielen müsse.
Dafür können durchaus sicherheitspolitische und diplomatische Gründe angeführt werden. Der Zusammenbruch palästinensischer Verwaltungsstrukturen könnte zusätzliche Instabilität verursachen, und die Alternative zur Fatah wäre keineswegs zwangsläufig eine demokratischere oder friedlichere Führung. Die HamasHamas: Terrororganisation aus GazaHamas ist eine islamistische palästinensische Terrororganisation. Sie entstand 1987 aus dem Umfeld der Muslimbruderschaft, lehnt Israels Existenz ab und wird von Israel, den USA, der EU und weiteren Staaten als Terrororganisation eingestuft.Mehr lesen ist eine islamistische Terrororganisation, deren Ideologie und Gewalttaten zeigen, dass der palästinensische Machtkampf keine einfache Wahl zwischen gemäßigten und extremistischen Kräften bietet.
Gerade diese schwierige Lage rechtfertigt jedoch nicht, antisemitische Aussagen aus der politischen Bewertung herauszurechnen. Die Frage darf nicht nur lauten, ob Abbas im Vergleich zur Hamas der weniger gefährliche Gesprächspartner ist. Entscheidend muss auch sein, welche politischen und gesellschaftlichen Veränderungen von einer Führung verlangt werden, die internationale Anerkennung, Unterstützung und letztlich einen eigenen Staat anstrebt.
Hier hat der Westen über viele Jahre ein Glaubwürdigkeitsproblem geschaffen. Einerseits wird Antisemitismus als Gefahr für demokratische Gesellschaften und als unvereinbar mit europäischen Werten beschrieben. Andererseits werden wiederholte antisemitische Geschichtsfälschungen führender palästinensischer Politiker häufig als diplomatische Störfälle behandelt, nach denen möglichst schnell zur bisherigen Tagesordnung zurückgekehrt werden soll.
Eine überzeugende Politik müsste beides miteinander verbinden: die Möglichkeit diplomatischer Gespräche und die unmissverständliche Forderung, HolocaustleugnungHolocaustleugnung: Antisemitische GeschichtsfälschungHolocaustleugnung bezeichnet die vollständige oder teilweise Leugnung der Shoah. Sie bestreitet, verharmlost oder verfälscht die nationalsozialistische Ermordung von rund sechs Millionen Juden und gilt als zentrale Form antisemitischer Geschichtsfälschung.Mehr lesen, antisemitische Verschwörungserzählungen und die Delegitimierung jüdischer Geschichte aus der politischen Führung und aus staatlich verantworteten Institutionen zu verdrängen.
Für Israel ist das keine akademische Debatte. Der jüdische Staat wurde nicht gegründet, um sich erneut von politischen Gegnern erklären lassen zu müssen, weshalb Juden angeblich selbst für ihre Verfolgung verantwortlich seien. Die Sicherheit Israels betrifft nicht nur militärische Bedrohungen und Terroranschläge, sondern auch die politische Kultur in seiner unmittelbaren Nachbarschaft.
Ein Friedensvertrag kann unterschrieben werden. Eine Botschaft kann eröffnet und eine Grenze international anerkannt werden. Doch wenn auf einer Seite die Überzeugung fortbesteht, die andere Seite sei aus einer historischen Verschwörung hervorgegangen und besitze deshalb keine wirkliche Legitimität, bleibt die Grundlage dieses Friedens zerbrechlich.
Das Beispiel Abbas führt damit zu einer unbequemen Erkenntnis. Seine persönliche Überzeugung lässt sich nicht abschließend feststellen, aber seine öffentlichen Aussagen sind dokumentiert. Es ist nicht notwendig, seine Gedanken zu kennen, um die politische Tragweite seiner Worte zu beurteilen. Wer über Jahrzehnte immer wieder antisemitische Geschichtsfälschungen verbreitet, kann nicht allein anhand seiner diplomatischen Selbstbeschreibung beurteilt werden.
Die entscheidende Frage richtet sich deshalb inzwischen ebenso sehr an Berlin, Brüssel und andere westliche Hauptstädte wie an Ramallah: Wie oft muss ein politischer Führer den Holocaust verzerren, bevor seine Glaubwürdigkeit als Friedenspartner ernsthaft und dauerhaft infrage gestellt wird?
Dass Mahmud Abbas vor mehr als vierzig Jahren ein Buch mit solchen Behauptungen veröffentlichte, ist historisch dokumentiert. Dass er wesentliche antisemitische Motive daraus auch Jahrzehnte später wieder aufgriff, ebenfalls. Dass westliche Regierungen trotzdem weiterhin mit seiner Führung zusammenarbeiten, ist politische Realität.
Was sich daraus ergibt, ist eine grundsätzliche Anklage gegen eine Diplomatie, die Antisemitismus zwar regelmäßig verurteilt, aus seiner wiederholten Verbreitung durch einen zentralen Gesprächspartner aber nur begrenzte Konsequenzen zieht. Wer einen dauerhaften Frieden mit Israel erreichen will, darf den Hass auf Juden nicht als unangenehmes Nebenthema behandeln. Er muss ihn als eines der Hindernisse begreifen, die einem wirklichen Frieden im Wege stehen.
Autor: Samuel Benning
Artikel veröffentlicht am: Dienstag, 13. Oktober 2026