„From the river to the sea“ klingt wie eine Protestformel. Tatsächlich meint die Parole das Gebiet zwischen Jordan und Mittelmeer, also auch den Staat Israel.
„From the river to the sea“ bedeutet auf Deutsch „vom Fluss bis zum Meer“. Gemeint ist der Raum zwischen dem Jordan und dem Mittelmeer. In diesem Gebiet liegt der Staat Israel. Genau deshalb ist die Parole nicht harmlos. Wer „From the river to the sea, Palestine will be free“ ruft, spricht nicht nur über Gaza oder Teile von Judäa und Samaria. Die geografische Aussage umfasst Israel selbst.
Die Parole wird in pro-palästinensischen Demonstrationen, auf Plakaten, in sozialen Netzwerken, an Universitäten und in politischen Kampagnen verwendet. Ihre Anhänger erklären sie häufig als Forderung nach Freiheit, Gleichheit oder Selbstbestimmung für Palästinenser. Doch diese Erklärung reicht nicht aus, weil die Parole einen konkreten Raum beschreibt, in dem Israel bereits existiert. Wenn dort „Palästina frei“ sein soll, stellt sich die entscheidende Frage: Frei wovon? Frei von Besatzung? Frei von Israel? Frei von jüdischer Selbstbestimmung? Frei von Juden?
Diese Frage ist kein sprachliches Detail. Sie entscheidet darüber, ob der Satz als politische Kritik, als Maximalforderung oder als Vernichtungsformel verstanden wird. Für viele Juden und Israelis klingt die Parole nicht wie ein abstrakter Ruf nach Bürgerrechten. Sie klingt wie die Forderung, den jüdischen Staat von der Landkarte zu streichen.
Der geografische Kern der Parole
Der Jordan liegt östlich von Israel und Judäa und Samaria. Das Mittelmeer liegt westlich von Israel. Zwischen beiden liegt nicht nur ein möglicher palästinensischer Staat, sondern Israel in seinen international anerkannten Grenzen, Jerusalem, Tel Aviv, Haifa, Beer Schewa, Netanja, Aschdod, Aschkelon, Nazareth und viele weitere Orte. Dort leben Juden, Araber, Drusen, Christen, Muslime, Beduinen und andere Bürger Israels.
Deshalb kann die Parole nicht so behandelt werden, als gehe es nur um ein Ende israelischer Kontrolle über palästinensische Gebiete. Sie beschreibt nicht „Gaza und Judäa und Samaria“. Sie beschreibt das ganze Gebiet zwischen Jordan und Mittelmeer. Genau darin liegt ihre politische Wucht. Wer diese Formel verwendet, muss erklären, was mit Israel in diesem Raum geschehen soll.
Eine Zwei-Staaten-Lösung meint zwei nationale Gemeinwesen nebeneinander: Israel als jüdischen Staat und einen palästinensischen Staat. „From the river to the sea“ meint dem Wortlaut nach einen einzigen Raum. In vielen Kontexten ist damit nicht Frieden neben Israel gemeint, sondern ein Palästina anstelle Israels. Die Anti-Defamation League bewertet die Parole deshalb als Forderung nach einem palästinensischen Staat auf dem gesamten Gebiet zwischen Jordan und Mittelmeer, was die Beseitigung des jüdischen Staates bedeuten würde.
Historische und politische Verwendung
Die Parole ist älter als der Krieg nach dem Hamas-Massaker vom 7. Oktober 2023. Sie wurde über Jahrzehnte in verschiedenen antiisraelischen, palästinensischen und linksradikalen Zusammenhängen benutzt. Auch Organisationen wie Hamas und PFLP, die Israel nicht als jüdischen Staat akzeptieren, haben Varianten dieser Aussage verwendet. Gerade diese Geschichte macht den Satz so belastet.
Die Formel wirkt so stark, weil sie einfach ist. Sie braucht keine Karte, keine Fußnote, keine Erklärung. Sie setzt ein Bild in den Kopf: ein zusammenhängendes Palästina vom Jordan bis zum Mittelmeer. Doch in diesem Bild verschwindet Israel. Das ist der Grund, weshalb jüdische Organisationen, israelische Stimmen und viele Beobachter die Parole als antisemitisch oder mindestens als klar israelfeindlich einstufen.
Das American Jewish Committee unterscheidet zwar nach Kontext, bewertet die Verwendung aber dann als antisemitisch, wenn sie zur Auslöschung Israels, zur Vertreibung oder Bedrohung von Juden oder zur Einschüchterung jüdischer Menschen genutzt wird. Diese Unterscheidung ist wichtig: Nicht jeder, der die Parole nachspricht, versteht ihre ganze Geschichte. Aber Unwissen macht die Wirkung nicht unschädlich. Wer einen Satz ruft, der für viele Juden die Abschaffung ihres Staates bedeutet, trägt Verantwortung für diese Wirkung.
Nach dem 7. Oktober 2023
Nach dem Terrorangriff der Hamas auf Israel am 7. Oktober 2023 bekam die Parole eine noch härtere Bedeutung. An diesem Tag wurden israelische Zivilisten ermordet, Familien ausgelöscht, Frauen, Männer, Kinder und Alte verschleppt, Gemeinden im Süden Israels angegriffen und Geiseln in den Gazastreifen gebracht. Wenn kurz danach „From the river to the sea“ gerufen wurde, konnte das in Israel und in jüdischen Gemeinden kaum als neutrale Friedensforderung verstanden werden.
Der Zeitpunkt ist entscheidend. Eine Parole, die Israel geografisch ausblendet, wurde nach einem Massaker verwendet, dessen Täter die Zerstörung Israels anstreben. Dadurch wurde der Satz für viele nicht nur zu einer radikalen politischen Forderung, sondern zu einem Signal der Verachtung gegenüber jüdischem Leben. Wer nach dem 7. Oktober „vom Fluss bis zum Meer“ ruft, muss wissen, dass der Satz nicht im luftleeren Raum steht. Er fällt in eine Wirklichkeit aus Ermordeten, Geiseln, Raketen, Antisemitismus und jüdischer Angst.
Das bedeutet nicht, dass jede Person, die die Parole benutzt, bewusst zur Ermordung von Juden aufruft. Aber es bedeutet, dass der Satz eine objektive historische und politische Last trägt. In einer Debatte über Israel kann man nicht so tun, als sei nur die eigene Absicht wichtig. Auch die Bedeutung für diejenigen zählt, die mit dieser Parole bedroht werden.
Rechtliche Debatte in Deutschland
In Deutschland ist die rechtliche Bewertung der Parole umstritten und stark vom Zusammenhang abhängig. Nach dem Hamas-Verbot und dem Betätigungsverbot gegen Samidoun im November 2023 wurde die Verwendung der Parole von Behörden und Gerichten in mehreren Fällen geprüft. Das Bundesinnenministerium verbot Hamas und Samidoun und ordnete in diesem Zusammenhang auch Kennzeichen und Propagandabezüge ein. Die juristische Einordnung einzelner Parolen hängt jedoch vom konkreten Zusammenhang, Zeitpunkt, Begleitumständen und möglichen Bezügen zu verbotenen Organisationen ab.
Es gab in Deutschland Verurteilungen wegen der Verwendung der Parole, aber auch gerichtliche Entscheidungen, die pauschale Verbote kritisch sahen. Die Legal Tribune Online berichtete etwa über Verfahren, in denen Gerichte die Parole im Zusammenhang mit Hamas-Symbolik oder der Billigung von Straftaten strafrechtlich einordneten. Andere Entscheidungen betonten, dass nicht jede Verwendung ohne Prüfung des Einzelfalls automatisch strafbar sei. Daraus folgt: Politisch und moralisch kann eine Parole hochproblematisch sein, auch wenn ihre strafrechtliche Bewertung vom konkreten Fall abhängt.
Für ein journalistisches Lexikon ist diese Unterscheidung wichtig. Der Satz sollte nicht allein über Strafrecht erklärt werden. Entscheidend ist zuerst seine Bedeutung: Er beschreibt einen Raum, in dem Israel existiert, und wird häufig so verwendet, dass Israel in diesem Raum keinen Platz mehr hat.
Warum die Parole antisemitisch wirken kann
Antisemitisch wird die Parole besonders dort, wo sie jüdische Selbstbestimmung bestreitet. Das jüdische Volk hat eine jahrtausendealte Verbindung zum Land Israel. Der moderne Staat Israel entstand nicht als Zufall und nicht als fremder Fremdkörper ohne Vorgeschichte, sondern aus jüdischer Geschichte, Zionismus, internationaler Anerkennung, Verfolgungserfahrung und dem Recht des jüdischen Volkes auf nationale Selbstbestimmung.
Wenn eine Parole ein „freies Palästina“ vom Jordan bis zum Mittelmeer fordert, ohne Israel zu nennen, löscht sie dieses Recht aus. Sie kann damit genau das tun, was moderner Antizionismus oft versucht: nicht einzelne israelische Entscheidungen kritisieren, sondern den jüdischen Staat als solchen für illegitim erklären. Kritik an einer Regierung, an Siedlungspolitik, an militärischen Entscheidungen oder an konkreten Gesetzen ist möglich und legitim. Die Forderung nach einem Ende Israels als jüdischem Staat ist etwas anderes.
Der Satz ist auch deshalb gefährlich, weil er scheinbar weich klingt. Er enthält keine offene Drohung, keine Waffe, kein direktes Wort wie „vernichten“. Doch seine Landkarte ist eindeutig. Zwischen Jordan und Mittelmeer ist kein zusätzlicher leerer Raum. Dort ist Israel. Wenn Israel in der Parole nicht vorkommt, verschwindet es aus der Vorstellung.