Slogans, Blockaden, Medienstrategie: Hinter den weltweiten Anti-Israel-Protesten steckt ein internationales Netzwerk

Slogans, Blockaden, Medienstrategie: Hinter den weltweiten Anti-Israel-Protesten steckt ein internationales Netzwerk


Wo weltweit scheinbar unabhängige Anti-Israel-Proteste stattfanden, war vieles längst vorbereitet. Ein Londoner Bündnis lieferte Slogans, Grafiken, Aktionsformen und eine gemeinsame Strategie für den 10. Oktober.

Slogans, Blockaden, Medienstrategie: Hinter den weltweiten Anti-Israel-Protesten steckt ein internationales Netzwerk
Bildnachweis: unplash

Die Bilder kamen aus Berlin, Washington, Kuala Lumpur, Kanada, Südafrika und zahlreichen weiteren Städten. Demonstranten erhoben ähnliche Vorwürfe gegen IsraelIsrael: Der jüdische Staat im Herzen des Nahen OstensIsrael ist ein demokratischer Staat im Nahen Osten und der Nationalstaat des jüdischen Volkes. Er wurde am 14. Mai 1948 gegründet, seine Hauptstadt ist Jerusalem, die Knesset hat 120 Abgeordnete. Zum Unabhängigkeitstag 2026 hatte Israel rund 10,244 Millionen Einwohner.Mehr lesen, verlangten Sanktionen und Waffenembargos, störten den öffentlichen Betrieb oder versuchten, staatliche und wirtschaftliche Einrichtungen unter Druck zu setzen.

Auf den ersten Blick wirkte vieles wie eine weltweite Welle voneinander unabhängiger Proteste.

Dokumente der Organisatoren zeigen nun ein anderes Bild.

Wochen vor dem dritten Jahrestag des HamasHamas: Terrororganisation aus GazaHamas ist eine islamistische palästinensische Terrororganisation. Sie entstand 1987 aus dem Umfeld der Muslimbruderschaft, lehnt Israels Existenz ab und wird von Israel, den USA, der EU und weiteren Staaten als Terrororganisation eingestuft.Mehr lesen-Massakers vom 7. Oktober 20237. Oktober 2023: Das Hamas-Massaker, das Israel veränderteDer 7. Oktober 2023 war der Tag des Hamas-Massakers in Israel. Terroristen aus Gaza ermordeten etwa 1.200 Menschen, vor allem Zivilisten, und verschleppten mehr als 240 Geiseln in den Gazastreifen.Mehr lesen hatte die in London ansässige Global Alliance for PalestinePalästina: Geschichte, Bedeutung und politischer Streit um einen aufgeladenen BegriffPalästina bezeichnet historisch eine Region im südlichen Levantegebiet und politisch heute vor allem den Anspruch auf palästinensische Staatlichkeit. Der Begriff ist eng mit jüdischer Geschichte, dem britischen Mandat, Israel und dem Nahostkonflikt verbunden.Mehr lesen, kurz GAFP, eine internationale Mobilisierung vorbereitet. Das Netzwerk stellte beteiligten Gruppen nicht nur einen gemeinsamen Termin zur Verfügung. Es lieferte politische Kernbotschaften, fertige Slogans, digitale Grafiken, mehrsprachige Kampagnenmaterialien, Musterbriefe für Parlamente und konkrete Vorschläge dafür, wie der normale Betrieb in Städten, Universitäten und Unternehmen gestört werden sollte.

Fox News identifizierte 179 beteiligte Organisationen. Die JerusalemJerusalem: Hauptstadt Israels und Herz jüdischer GeschichteJerusalem ist die Hauptstadt Israels und die größte Stadt des Landes. Für Juden ist sie seit Jahrtausenden religiöser und historischer Mittelpunkt. Zugleich ist Jerusalem auch für Christen und Muslime heilig und steht im Zentrum politischer Streitfragen.Mehr lesen Post kam bei ihrer Auswertung auf 181. Die GAFP selbst beschreibt sich als breites internationales Netzwerk und spricht von einer weltweiten Mobilisierung von Gruppen aus Gewerkschaften, Hochschulen und sogenannten zivilgesellschaftlichen Bewegungen.

Auf einer interaktiven Karte des Bündnisses waren nach der Auswertung von Fox News 322 Aktionen zwischen dem 9. und 11. Oktober verzeichnet.

Das bedeutet nicht, dass jede Anti-Israel-Demonstration der vergangenen Tage zentral aus London gesteuert wurde.

Aber es bedeutet sehr wohl, dass die Vorstellung einer ausschließlich spontanen internationalen Protestwelle nicht trägt.

Für einen erheblichen Teil der Mobilisierung existierte ein vorher ausgearbeitetes politisches Drehbuch.

Es ging ausdrücklich nicht nur um Demonstrationen

Bereits am 17. August kündigte die Global Alliance for Palestine ihren „Global Day of Action“ für den 10. Oktober an. Das Zeitfenster wurde bewusst auf den Zeitraum vom 9. bis 11. Oktober ausgeweitet.

Das gemeinsame Motto lautete „End the Genocide, Defend the Land“.

Schon diese Wortwahl macht deutlich, dass die Organisatoren den weiterhin juristisch umstrittenen Genozidvorwurf gegen Israel nicht als Vorwurf oder politische Bewertung präsentierten, sondern als feststehende Grundlage der Kampagne.

Das Ziel ging weit über klassische Kundgebungen hinaus.

Die eigenen Unterlagen der GAFP sprechen ausdrücklich davon, den politischen und wirtschaftlichen Alltag zu stören und öffentlichen Protest in politischen Druck umzuwandeln.

Vorgeschlagen wurden unter anderem Sitzblockaden, Arbeitsniederlegungen, Aktionen an Hochschulen, Demonstrationen vor Unternehmen und Behörden sowie Blockaden wirtschaftlicher Einrichtungen.

In den von Jerusalem Post und Fox News ausgewerteten Materialien finden sich noch deutlichere Formulierungen.

Aktivisten sollten Plätze lahmlegen, Regierungsgebäude umzingeln und nach Auffassung der Organisatoren „mitschuldige“ Unternehmensstandorte blockieren.

Ein Kampagnenpapier betont ausdrücklich, es handele sich nicht lediglich um einen symbolischen Marsch oder eine gewöhnliche Demonstration.

Der normale Ablauf sollte unterbrochen werden.

Damit verbindet das Bündnis Straßenmobilisierung und politische Lobbyarbeit ganz bewusst miteinander.

Parallel zu den Demonstrationen stellte die GAFP Musterschreiben für Abgeordnete und Regierungsstellen bereit. Gefordert wurden sofortige Waffenembargos gegen Israel, Sanktionen, parlamentarische Debatten sowie die Aussetzung von Handelsabkommen und institutionellen Partnerschaften.

Aus Demonstranten sollten also nicht nur Teilnehmer einer Kundgebung werden.

Sie sollten Bestandteil einer international abgestimmten Druckkampagne sein.

Auch die Sprache wurde vorbereitet

Besonders aufschlussreich sind die Vorgaben zur Kommunikation.

Das Konzeptpapier enthält einen eigenen Abschnitt zum „Communications FramingFraming: Wie Sprache Wahrnehmung lenktFraming bedeutet, dass Informationen durch Sprache, Auswahl, Bilder und Zusammenhänge in einen bestimmten Deutungsrahmen gesetzt werden. Dadurch kann dieselbe Tatsache unterschiedlich wahrgenommen werden.Mehr lesen“. Beteiligte Gruppen sollten ihre Botschaften diszipliniert, glaubwürdig, dringlich und zugleich so formulieren, dass sie nicht ignoriert werden könnten.

Auch konkrete Parolen wurden bereitgestellt.

Eine davon lautet sinngemäß: „Von jeder Straße eine Forderung: Genozid beenden, Besatzung beenden.“

Eine andere erklärt: „Israel tötet. Die Medien rechtfertigen.“

In anderen Materialien wird Israel ein „Vernichtungskrieg“ vorgeworfen.

Die Kampagne sollte damit nicht nur Menschen auf Straßen mobilisieren. Sie sollte zugleich einen einheitlichen Deutungsrahmen erzeugen.

Israel erscheint darin nahezu ausschließlich als Täter.

Der 7. Oktober, die Hamas-Terrororganisation, die Geiseln und die israelischen Sicherheitsgründe treten dagegen in den Hintergrund oder verschwinden aus der zentralen Erzählung vollständig.

Das ist politisch von erheblicher Bedeutung.

Denn wenn dieselben Begriffe, Bilder und Botschaften gleichzeitig in unterschiedlichen Ländern auftauchen, entsteht der Eindruck eines weltweiten gesellschaftlichen Konsenses.

Tatsächlich können identische Botschaften aber auch deshalb gleichzeitig sichtbar werden, weil ein internationales Netzwerk sie bereits vorher formuliert und verteilt hat.

Genau das zeigen die jetzt öffentlich ausgewerteten Kampagnenunterlagen.

Auch die visuellen Materialien wurden zentral vorbereitet. Grafiken, Transparente und Schilder standen in mehreren Sprachen zur Verfügung. Die Kampagne verband damit politische Botschaft, Bildsprache und Aktionsform.

Die örtlichen Gruppen mussten nicht bei null beginnen.

Sie erhielten ein fertiges Werkzeugpaket.

Die GAFP selbst betont allerdings, dass ihre Struktur dezentral sei. Beteiligte Organisationen handelten eigenständig, und die Allianz übernehme keine Verantwortung für sämtliche Äußerungen oder Aktionen ihrer Mitglieder.

Diese Einschränkung ist wichtig.

Internationale Koordination bedeutet nicht automatisch zentrale Befehlsgewalt über jeden Demonstranten und jede lokale Gruppe.

Aber „dezentral“ bedeutet ebenso wenig „unkoordiniert“.

Wenn ein Netzwerk einen gemeinsamen Aktionstag festlegt, zentrale Botschaften entwickelt, Grafiken bereitstellt, Aktionsformen empfiehlt, parlamentarische Musterschreiben liefert und Hunderte Veranstaltungen international miteinander verbindet, handelt es sich offenkundig um organisierte politische Mobilisierung.

Berlin zeigt, warum dieser Hintergrund wichtig ist

Am 10. Oktober fand auch im Berliner Regierungsviertel die Demonstration „United4Palestine – No Peace on Stolen Land“ statt.

Nach Angaben der Berliner Polizei nahmen etwa 3.500 Menschen teil.

haOlam hat den Verlauf inzwischen ausführlich dokumentiert. Die Polizei sprach von einem weitgehend störungsfreien Verlauf. Die Aufzeichnungen des Jüdischen Forums für Demokratie und gegen AntisemitismusAntisemitismus: Judenhass in alten und neuen FormenAntisemitismus bezeichnet Judenhass und Feindschaft gegen Juden. Er reicht von Vorurteilen und Verschwörungserzählungen bis zu Ausgrenzung, Bedrohung und Gewalt.Mehr lesen zeigten jedoch eine wesentlich problematischere politische Ebene.

Zu sehen und zu hören waren unter anderem Verherrlichungen von Terrorführern, islamistische Parolen und politische Botschaften, die weit über Kritik an einzelnen Entscheidungen der israelischen Regierung hinausgingen.

Wichtig ist dabei eine saubere Abgrenzung: Aus den bislang ausgewerteten Unterlagen lässt sich nicht belegen, dass die Berliner Organisatoren von United4Palestine unmittelbar den Weisungen der GAFP unterstanden.

Die Berliner Demonstration fand jedoch exakt am internationalen Aktionstag statt und bewegte sich in jenem globalen politischen Umfeld, das durch die koordinierte Kampagne zusätzlich verstärkt wurde.

Schon vor der Demonstration wurden in Berlin eigene Schulungen angeboten. Teilnehmer sollten auf die Kundgebung vorbereitet werden und erhielten Hinweise zu Demonstrationsabläufen, möglichen Festnahmen und zum Verhalten gegenüber Behörden.

Die internationale und die lokale Mobilisierung liefen damit auf mehreren Ebenen gleichzeitig.

Gerade deshalb ist die neue Dokumentation relevant.

Sie zeigt, dass es falsch wäre, jede große Anti-Israel-Kundgebung lediglich als spontane Reaktion auf aktuelle Ereignisse zu betrachten.

Hinter einem Teil dieser Protestlandschaft stehen längst professionelle Strukturen.

Sie verfügen über internationale Netzwerke.

Sie planen Termine.

Sie produzieren politische Botschaften.

Sie stellen Material bereit.

Sie koordinieren öffentliche Aktionen und parlamentarischen Druck.

Und sie wissen genau, dass moderne politische Kämpfe nicht allein auf der Straße entschieden werden, sondern auch darüber, welche Bilder und Begriffe anschließend in Nachrichtensendungen, sozialen Netzwerken und Parlamenten dominieren.

Das israelische Außenministerium spricht deshalb von einem Versuch, Schlagzeilen und öffentliche Wahrnehmung gezielt zu beeinflussen.

Diese Bewertung stammt von einer Konfliktpartei und muss als solche kenntlich bleiben.

Die zugrunde liegende Koordination selbst ist jedoch keine israelische Behauptung.

Die Global Alliance for Palestine beschreibt die internationale Abstimmung auf ihrer eigenen Internetseite offen.

Sie spricht ausdrücklich von synchronisierten Aktionen über mehrere Kontinente und davon, öffentliche Empörung in politischen Druck umzuwandeln.

Damit bekommt auch die weltweite Protestwelle rund um den 7. Oktober einen anderen KontextKontextualisierung: Fakten verständlich einordnenKontextualisierung bedeutet, Informationen in einen Zusammenhang zu stellen. Sie hilft, Ereignisse nicht isoliert zu betrachten, sondern mit Vorgeschichte, Ursachen, Folgen und beteiligten Akteuren zu verstehen.Mehr lesen.

Dass Menschen in verschiedenen Ländern unabhängig voneinander gegen Israel demonstrieren, bleibt selbstverständlich möglich und geschieht täglich.

Aber parallel dazu existiert eine organisierte internationale Infrastruktur, deren erklärtes Ziel darin besteht, diese Proteste zusammenzuführen, ihre Sprache zu vereinheitlichen und ihre politische Wirkung zu verstärken.

Wer nur auf die einzelnen Demonstrationen schaut, sieht deshalb jeweils eine Menschenmenge in Berlin, Washington oder Kuala Lumpur.

Wer die Dokumente dahinter betrachtet, sieht das Netzwerk.



Autor: Redaktion

Artikel veröffentlicht am: Montag, 12. Oktober 2026

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