Wenn die Chanukkia lieber an einen „neutralen Ort“ geht, hat Neukölln ein Problem

Wenn die Chanukkia lieber an einen „neutralen Ort“ geht, hat Neukölln ein Problem


Jahrelang stand die Chanukkia im Rathaus Neukölln als sichtbares Zeichen jüdischen Lebens. Nun nimmt Hillel sie dort weg und verlegt die Chanukka-Feier an einen anderen Ort. Über den Zusammenhang mit dem Wahlsieg der Linken gibt es widersprüchliche Aussagen. Die politische Symbolik bleibt trotzdem verheerend.

Wenn die Chanukkia lieber an einen „neutralen Ort“ geht, hat Neukölln ein Problem
Bildnachweis: Pixabay

Man kann lange darüber streiten, was genau der letzte Auslöser war. Man kann Presseberichte dementieren, Formulierungen präzisieren und darauf hinweisen, dass ein neues Veranstaltungskonzept geplant sei. Am Ende bleibt jedoch ein Bild, das sich kaum wegdiskutieren lässt: Eine jüdische Organisation nimmt ihre Chanukkia aus dem Rathaus Neukölln und will das Lichterfest künftig an einem anderen, nach einer zunächst bekannt gewordenen Mitteilung ausdrücklich „neutralen Ort“ feiern.

Für einen Bezirk, der sich seit Jahren damit schmückt, jüdisches Leben sichtbar machen zu wollen, ist das ein politisches Alarmsignal.

Hillel Deutschland stellte am Mittwoch klar, die Verlegung sei nicht wegen des Wahlsiegs der Linken beschlossen worden. In diesem Jahr werde Chanukka in einem neuen Format und an einem anderen Ort gefeiert. Ob zusätzlich auch in Neukölln öffentlich Kerzen entzündet werden, sei noch offen. Der Verein betonte zugleich, die Lage in Berlin und besonders in Neukölln mit Sorge zu beobachten.

Damit ist die ursprüngliche Darstellung, Hillel habe die Feier allein wegen des Wahlergebnisses abgesagt, so nicht haltbar.

Nur verschwindet damit das eigentliche Problem nicht.

Zuvor war eine Mitteilung einer Hillel-Vertreterin an den scheidenden Bezirksbürgermeister Martin Hikel bekannt geworden. Darin hieß es nach Berichten ausdrücklich: Nachdem nun die Wahlergebnisse vorlägen, solle ein Termin vereinbart werden, um die Chanukkia aus dem Rathaus zu entfernen. Sie solle an einem „neutralen Ort“ öffentlich angezündet werden.

Diese Formulierung steht im Raum. Ebenso steht im Raum, dass Hillel einen direkten ursächlichen Zusammenhang mit dem Wahlausgang inzwischen zurückweist.

Beides gehört zur Wahrheit.

Ein jüdisches Symbol verlässt ausgerechnet jetzt das Rathaus

Die Chanukkia war keine belanglose Dekoration im Foyer. Die Chanukka-Feier gehörte mit rund 250 Teilnehmern zu den größten Veranstaltungen im Neuköllner Rathaus. Seit Jahren wurde dort öffentlich gezeigt, dass jüdisches Leben in diesem Bezirk nicht versteckt werden soll.

Martin Hikel beschreibt den Abzug deshalb als Schock. Mit der Chanukkia verschwinde ein Symbol dafür, dass jüdisches Leben in Neukölln wieder sichtbar stattfinde.

Gerade dieser Satz wiegt schwer.

Denn die politische und gesellschaftliche Umgebung hat sich nicht im luftleeren Raum entwickelt. Nach dem HamasHamas: Terrororganisation aus GazaHamas ist eine islamistische palästinensische Terrororganisation. Sie entstand 1987 aus dem Umfeld der Muslimbruderschaft, lehnt Israels Existenz ab und wird von Israel, den USA, der EU und weiteren Staaten als Terrororganisation eingestuft.Mehr lesen-Massaker vom 7. Oktober7. Oktober 2023: Das Hamas-Massaker, das Israel veränderteDer 7. Oktober 2023 war der Tag des Hamas-Massakers in Israel. Terroristen aus Gaza ermordeten etwa 1.200 Menschen, vor allem Zivilisten, und verschleppten mehr als 240 Geiseln in den Gazastreifen.Mehr lesen 2023 wurden auf der Sonnenallee Süßigkeiten verteilt. Hikel selbst erklärte bereits früher öffentlich, dass Juden in Neukölln mit Kippa im schlimmsten Fall mit Angriffen rechnen müssten und nicht sicher sein könnten, dass Umstehende ihnen helfen.

Und dann ist da die politische Entwicklung der vergangenen Monate.

Die Linke erreichte bei der Bezirkswahl rund 32 Prozent und wurde stärkste Kraft. Ihr Kandidat für das Amt des Bezirksbürgermeisters ist Ahmed Abed. Derselbe Ahmed Abed sorgte bereits 2025 für einen Eklat, als der Bürgermeister der israelischen Neuköllner Partnerstadt Bat Yam, Tzvika Brot, im Rathaus zu Gast war. Abed rief ihm zu, er sei nicht willkommen, und bezeichnete ihn später als „Völkermörder“.

Das war kein Hörfehler und kein später fehlinterpretiertes Posting. Der Vorgang fand im politischen Zentrum des Bezirks statt, in genau jenem Rathaus, aus dem Hillel nun seine Chanukkia entfernt.

Hinzu kommen die Vorgänge, über die haOlam in den vergangenen Wochen ausführlich berichtet hat. Auf einer Wahlkampfveranstaltung der Neuköllner Linken erklangen „Yalla Yalla IntifadaIntifada: Ein Wort für Terror gegen IsraelIntifada bedeutet wörtlich etwa „Abschütteln“. Politisch bezeichnet der Begriff vor allem zwei palästinensische Gewaltwellen gegen Israel. Besonders die Zweite Intifada wurde durch Selbstmordanschläge, Schussangriffe und Terror gegen israelische Zivilisten geprägt. Heute wird der Begriff oft leichtfertig als Parole benutzt.Mehr lesen“ und „Death to the IDF“. Öffentliche Warnungen vor dem auftretenden Rapper hatte es bereits vorher gegeben. Auf der Wahlparty tauchte später ein Aktivist auf, über dessen Nähe beziehungsweise Unterstützung für die PFLPPFLP: Marxistische Terrororganisation gegen IsraelDie PFLP ist eine 1967 gegründete marxistisch leninistische palästinensische Organisation. Sie lehnt Israel ab, setzt auf bewaffneten Kampf und wird von den USA und der EU als Terrororganisation geführt.Mehr lesen berichtet wurde. Ein Mitschnitt aus einer internen Linken-Veranstaltung löste zusätzlich Streit aus, weil das Hamas-Massaker dort laut Medienbericht als „Widerstand“ bezeichnet worden sein soll.

Keiner dieser Vorgänge beweist, dass Hillel wegen eines einzelnen Linken-Politikers oder wegen des Wahlergebnisses die Chanukkia abzieht.

Aber ebenso unseriös wäre es, so zu tun, als existiere dieses politische Umfeld nicht.

Entscheidend ist nicht das Dementi, sondern das Ergebnis

Hillel hat jedes Recht, falsche oder verkürzte Darstellungen über seine Beweggründe zurückzuweisen. Gerade deshalb muss sauber unterschieden werden.

Es ist nicht belegt, dass die Linke-Wahl unmittelbar die Ursache für die Verlegung der Chanukka-Feier ist.

Belegt ist aber etwas anderes: Die Chanukkia verlässt das Neuköllner Rathaus. Die bisherige Feier dort wird in dieser Form nicht fortgesetzt. Hillel beobachtet die Entwicklung in Berlin und Neukölln nach eigener Aussage mit Sorge. Und die Organisation sucht für ihre zentrale Feier einen anderen Ort.

Das genügt bereits für eine unangenehme Frage: Wie weit ist Neukölln gekommen, wenn ausgerechnet ein öffentliches Gebäude, in dem jüdisches Leben demonstrativ sichtbar sein sollte, nicht mehr der Ort für diese Feier ist?

Man kann nun darüber diskutieren, ob „neutraler Ort“ organisatorisch, gesellschaftlich oder politisch gemeint war. Viel interessanter ist, warum ein Rathaus in einer deutschen Großstadt überhaupt in eine Situation gerät, in der dieses Wort fällt.

Jüdisches Leben wird in Sonntagsreden ständig als unverzichtbarer Teil Deutschlands bezeichnet. In Neukölln war die Chanukkia dafür ein sichtbares Zeichen. Sie stand nicht hinter einer Sicherheitsschleuse in einer jüdischen Einrichtung. Sie stand im Rathaus.

Jetzt geht sie.

Die Linke bestreitet, eine antisemitische Partei zu sein, und weist entsprechende pauschale Vorwürfe zurück. Das muss erwähnt werden. Aber das beendet weder die Diskussion über ihren Neuköllner Bezirksverband noch löscht es die konkreten Vorgänge der vergangenen Monate aus.

Ahmed Abeds Auftritt gegenüber dem Bürgermeister von Bat Yam bleibt geschehen. Die Intifada- und Todesparolen auf einer Linken-Veranstaltung bleiben geschehen. Die Auseinandersetzungen innerhalb der Partei über AntisemitismusAntisemitismus: Judenhass in alten und neuen FormenAntisemitismus bezeichnet Judenhass und Feindschaft gegen Juden. Er reicht von Vorurteilen und Verschwörungserzählungen bis zu Ausgrenzung, Bedrohung und Gewalt.Mehr lesen bleiben bestehen. Auch der Zentralrat der Juden und andere jüdische Stimmen haben deshalb wiederholt scharfe Kritik geäußert.

Und nun verschwindet ausgerechnet die Chanukkia aus dem Rathaus Neukölln.

Vielleicht ist genau das das stärkste Bild dieser ganzen Debatte.

Man braucht keine überzogene Behauptung darüber, wer Hillel zu welchem Schritt gezwungen habe. Man braucht auch keinen erfundenen direkten Zusammenhang mit einem Wahlergebnis.

Es reicht festzustellen, was am Ende übrig bleibt:

In einem Bezirk, in dem jüdisches Leben ohnehin unter erheblichem Druck steht, wird ein weithin sichtbares jüdisches Symbol aus dem Rathaus entfernt.

Das sollte in Neukölln niemand als bloße Änderung des Veranstaltungskonzepts abheften.



Autor: Redaktion

Artikel veröffentlicht am: Mittwoch, 30. September 2026

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