Tochter von Shoah-Überlebenden führt im Rennen um Guterres-Nachfolge
Rebeca Grynspan liegt nach dem ersten Geheimvotum vorn. Ihre Wahl wäre historisch, doch ihre bisherige UN-Bilanz bietet keinen Anlass, die antiisraelische Schlagseite der Organisation bereits für überwunden zu halten.

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In den Vereinten Nationen zeichnet sich eine Personalentscheidung von historischer Bedeutung ab. Rebeca Grynspan, frühere Vizepräsidentin Costa Ricas und derzeitige Generalsekretärin der UN-Handels- und Entwicklungskonferenz UNCTAD, hat die erste nicht bindende Abstimmung im Sicherheitsrat über die Nachfolge von António Guterres gewonnen. Die 70-jährige Wirtschaftswissenschaftlerin erhielt zehn befürwortende Stimmen, eine ablehnende Stimme und vier Enthaltungen. Damit liegt sie vor der früheren Außenministerin Guyanas, Carolyn Rodrigues-Birkett, und dem argentinischen Generaldirektor der Internationalen Atomenergiebehörde, Rafael Grossi. Sollte Grynspan am Ende tatsächlich gewählt werden, wäre sie die erste Frau und zugleich die erste Person jüdischer Herkunft an der Spitze der Vereinten Nationen.
Ihre Lebensgeschichte verleiht dieser Möglichkeit eine besondere Bedeutung. Grynspans Eltern waren polnische Juden, die Europa vor der nationalsozialistischen Verfolgung verließen. Ihre Mutter musste ihre Eltern zurücklassen, die später in der ShoahShoah: Der nationalsozialistische Mord an sechs Millionen JudenShoah ist der hebräische Begriff für die Katastrophe der Vernichtung der europäischen Juden durch das nationalsozialistische Deutschland und seine Helfer. Rund sechs Millionen Juden wurden ermordet.Mehr lesen ermordet wurden. Nach dem Krieg lebten Grynspans Eltern zeitweise in Lagern für Vertriebene und versuchten, das damalige britische Mandatsgebiet Palästina zu erreichen. Die britischen Behörden hielten sie jedoch auf Zypern fest. Dort lernten sie sich kennen, heirateten später und fanden schließlich in Costa Rica eine neue Heimat. Grynspan spricht deshalb häufig davon, was Frieden, Schutz und die Aufnahme von Flüchtlingen für ihre eigene Familie bedeutet haben. Auch zu IsraelIsrael: Der jüdische Staat im Herzen des Nahen OstensIsrael ist ein demokratischer Staat im Nahen Osten und der Nationalstaat des jüdischen Volkes. Er wurde am 14. Mai 1948 gegründet, seine Hauptstadt ist Jerusalem, die Knesset hat 120 Abgeordnete. Zum Unabhängigkeitstag 2026 hatte Israel rund 10,244 Millionen Einwohner.Mehr lesen bestehen persönliche Verbindungen: Ihre Schwester wanderte dorthin aus, weitere Angehörige dienten nach Medienberichten in den israelischen Streitkräften.
Diese Biografie verdient Respekt. Sie darf jedoch nicht mit einer politischen Garantie verwechselt werden. Eine jüdische Herkunft macht eine Kandidatin weder automatisch zu einer Unterstützerin Israels noch schützt sie vor den Denkweisen und Abhängigkeiten eines Apparates, in dem die einseitige Behandlung des jüdischen Staates seit Jahrzehnten zur Gewohnheit geworden ist. Gerade deshalb wäre es ein Fehler, Grynspans frühe Führung im Auswahlverfahren bereits als israelischen Erfolg zu feiern. Entscheidend ist nicht, woher ihre Eltern kamen, sondern ob sie bereit wäre, die fest verankerten Doppelstandards innerhalb der Vereinten Nationen tatsächlich anzugreifen.
Eine historische Biografie ist noch kein politischer Neuanfang
Grynspan ist keine Außenseiterin, die mit dem bestehenden System brechen will. Sie gehört seit vielen Jahren zum inneren Kreis internationaler Organisationen, arbeitete unter anderem für das Entwicklungsprogramm der Vereinten Nationen und wurde 2021 von Guterres an die Spitze der UNCTAD berufen. Sie verfügt über erhebliche diplomatische Erfahrung, war an den Verhandlungen über ukrainische und russische Getreideexporte beteiligt und spricht offen über die Notwendigkeit einer schlankeren, beweglicheren und finanziell tragfähigen Organisation. Die Vereinten Nationen müssten sich stärker auf ihre wesentlichen Aufgaben konzentrieren, mehr vermitteln und dürften auf Kritik nicht reflexartig mit Selbstverteidigung reagieren, erklärte sie während ihres Wahlkampfes. Das sind vernünftige Ansätze.
Doch aus israelischer Sicht enthält ihre bisherige Laufbahn auch deutliche Warnzeichen. Unter Grynspans Leitung veröffentlichte die UNCTAD mehrere Berichte über die palästinensische Wirtschaft, in denen Israel weitgehend als Hauptverursacher wirtschaftlicher Not dargestellt wurde. Sicherheitsmaßnahmen, israelische Steuereinbehalte und die Folgen militärischer Einsätze wurden ausführlich behandelt. Die Verantwortung der HamasHamas: Terrororganisation aus GazaHamas ist eine islamistische palästinensische Terrororganisation. Sie entstand 1987 aus dem Umfeld der Muslimbruderschaft, lehnt Israels Existenz ab und wird von Israel, den USA, der EU und weiteren Staaten als Terrororganisation eingestuft.Mehr lesen für den Aufbau einer TerrorinfrastrukturTerrorinfrastruktur: Wie Terrorgruppen Krieg in zivile Räume verlagernTerrorinfrastruktur bezeichnet Einrichtungen, Netzwerke und Strukturen, die Terrororganisationen für Angriffe, Waffenlagerung, Kommandoführung, Ausbildung, Raketenbeschuss, Tunnelbau oder Logistik nutzen. Besonders gefährlich wird sie, wenn sie in Wohngebieten, Schulen, Moscheen oder Krankenhäusern versteckt wird.Mehr lesen, die Zweckentfremdung von Geld und Baumaterialien, die jahrzehntelange politische Lähmung der Palästinensischen Autonomiebehörde sowie die wirtschaftlichen Folgen palästinensischer Gewalt spielten dagegen kaum oder gar keine erkennbare Rolle. Kritiker sehen darin keine ausgewogene wirtschaftliche Bestandsaufnahme, sondern die Fortsetzung jener politischen Einseitigkeit, die Israel bei zahlreichen UN-Gremien erlebt.
Grynspan darf dabei nicht für jede Formulierung eines umfangreichen UN-Berichts persönlich verantwortlich gemacht werden. Ebenso wäre es falsch, ihr zu unterstellen, sie habe den Terror der Hamas gebilligt. Nach dem Massaker vom 7. Oktober7. Oktober 2023: Das Hamas-Massaker, das Israel veränderteDer 7. Oktober 2023 war der Tag des Hamas-Massakers in Israel. Terroristen aus Gaza ermordeten etwa 1.200 Menschen, vor allem Zivilisten, und verschleppten mehr als 240 Geiseln in den Gazastreifen.Mehr lesen 2023 verurteilte sie die Hamas, forderte die Freilassung der Geiseln und erklärte, Terror und Hass seien kein Weg zum Frieden. Zugleich kritisierte sie israelische Angriffe, verlangte eine Waffenruhe und setzte sich für einen umfassenden Zugang der UN-Hilfsorganisationen zum GazastreifenPalästina: Geschichte, Bedeutung und politischer Streit um einen aufgeladenen BegriffPalästina bezeichnet historisch eine Region im südlichen Levantegebiet und politisch heute vor allem den Anspruch auf palästinensische Staatlichkeit. Der Begriff ist eng mit jüdischer Geschichte, dem britischen Mandat, Israel und dem Nahostkonflikt verbunden.Mehr lesen ein. Ihr bisheriges öffentliches Auftreten zeigt damit keine offene Feindschaft gegenüber Israel, aber auch keinen erkennbaren Bruch mit den vertrauten Erzählungen des UN-Systems.
Genau hier liegt die entscheidende Prüfung. Ein neuer Generalsekretär muss nicht jede israelische Entscheidung unterstützen. Israel braucht keinen Gefälligkeitsbeamten, sondern einen fairen Generalsekretär, der Terror klar von der Verteidigung gegen Terror unterscheidet, israelische Sicherheitsbedürfnisse ernst nimmt und nicht zulässt, dass der einzige jüdische Staat mit Maßstäben behandelt wird, die gegenüber autoritären Regimen kaum Anwendung finden. Die Wahl einer jüdischen Frau wäre symbolisch eindrucksvoll. Sie würde aber wenig verändern, wenn unter ihrer Leitung dieselben Berichte, dieselben politischen Mehrheiten und dieselben einseitigen Schuldzuweisungen fortgeführt würden.
Israels UN-Botschafter Danny Danon hat deshalb den richtigen Maßstab genannt. Der nächste Generalsekretär müsse sich daran erinnern, dass die Organisation allen Mitgliedstaaten gleichermaßen dienen soll, und müsse gegen den nach seiner Einschätzung in Teilen des UN-Systems verankerten institutionellen AntisemitismusAntisemitismus: Judenhass in alten und neuen FormenAntisemitismus bezeichnet Judenhass und Feindschaft gegen Juden. Er reicht von Vorurteilen und Verschwörungserzählungen bis zu Ausgrenzung, Bedrohung und Gewalt.Mehr lesen vorgehen. Diese Forderung richtet sich nicht allein an Grynspan. Sie gilt für jeden Bewerber. Doch ihre Familiengeschichte macht die Frage besonders dringlich: Wird sie die Erinnerung an die Verfolgung ihrer Eltern lediglich als persönliche Erzählung verwenden, oder wird daraus die Bereitschaft entstehen, auch dann gegen JudenhassAntisemitismus: Judenhass in alten und neuen FormenAntisemitismus bezeichnet Judenhass und Feindschaft gegen Juden. Er reicht von Vorurteilen und Verschwörungserzählungen bis zu Ausgrenzung, Bedrohung und Gewalt.Mehr lesen und die Dämonisierung Israels vorzugehen, wenn mächtige Staatengruppen innerhalb der Vereinten Nationen Widerstand leisten?
Der Vorsprung kann an einer einzigen Vetomacht scheitern
Noch ist Grynspans Führung keineswegs eine Vorentscheidung. Bei der ersten geheimen Befragung verwendeten alle 15 Mitglieder des Sicherheitsrates gleich aussehende Stimmzettel. Deshalb ist unbekannt, ob ihre einzige ablehnende Stimme von einem der fünf ständigen Mitglieder China, Frankreich, Großbritannien, Russland oder den Vereinigten Staaten kam. Eine solche Stimme könnte im weiteren Verfahren zum Veto werden. Erst in späteren Abstimmungsrunden werden unterschiedlich gefärbte Stimmzettel eingesetzt, durch die sichtbar wird, ob eine Vetomacht einen Kandidaten ablehnt.
Carolyn Rodrigues-Birkett erreichte neun befürwortende Stimmen, zwei Gegenstimmen und vier Enthaltungen. Rafael Grossi kam auf sieben Zustimmungen, zwei Ablehnungen und sechs Enthaltungen. Die frühere chilenische Präsidentin Michelle Bachelet erhielt sechs positive und fünf negative Stimmen, Senegals früherer Präsident Macky Sall sechs Zustimmungen und sieben Ablehnungen. María Fernanda Espinosa aus Ecuador kam auf fünf befürwortende Stimmen, der ugandische Diplomat Olara Otunnu auf zwei. Weitere Bewerber können noch in das Verfahren eintreten. Von einem Konsens ist der Sicherheitsrat daher weit entfernt.
Am Ende muss der Sicherheitsrat einen Kandidaten mit mindestens neun Stimmen und ohne Veto empfehlen. Anschließend stimmt die Generalversammlung über die Ernennung ab, wobei dieser letzte Schritt bisher gewöhnlich nur noch die bereits ausgehandelte Entscheidung bestätigte. Mehrere Abstimmungsrunden dürften bis in den September oder Oktober hineinreichen. António Guterres scheidet am 31. Dezember 2026 nach zwei Amtszeiten aus, der neue Generalsekretär übernimmt zum Jahresbeginn 2027.
Auch Washington verlangt einen deutlichen Kurswechsel. US-Botschafter Mike Waltz fordert eine kleinere, zweckmäßigere und international wieder ernst zu nehmende Organisation. Für Israel müsste eine solche Erneuerung mehr bedeuten als Einsparungen und neue Verwaltungsstrukturen. Sie müsste die politische Kultur verändern: Berichte müssten Terrororganisationen und autoritäre Regime nach denselben Maßstäben beurteilen wie demokratische Staaten. Antisemitismus dürfte nicht länger als bloße Reaktion auf israelische Politik entschuldigt werden. UN-Einrichtungen müssten ihre Mitarbeiter, Lehrmaterialien, Finanzströme und Kontakte zu Terrororganisationen lückenlos überprüfen. Und ein Generalsekretär müsste bereit sein, gegen Mehrheiten aufzustehen, wenn diese Israel erneut zum Sonderfall machen.
Rebeca Grynspans Vorsprung ist deshalb zunächst eine bemerkenswerte Nachricht, aber kein Grund für Vorschussvertrauen. Ihre Wahl könnte eine historische Grenze durchbrechen und ein starkes Zeichen für Frauen sowie für jüdisches Leben setzen. Die Vereinten Nationen werden jedoch nicht dadurch gerechter, dass erstmals eine Frau jüdischer Herkunft an ihrer Spitze steht. Sie werden erst dann gerechter, wenn ihre Führung den Mut aufbringt, die Benachteiligung Israels nicht nur zu bedauern, sondern innerhalb des eigenen Hauses zu bekämpfen. An diesem Maßstab muss Grynspan gemessen werden. Nicht an ihrer Herkunft, sondern an ihren Entscheidungen.
Autor: Redaktion
Artikel veröffentlicht am: Freitag, 31. Juli 2026