Erstmals eine Jüdin an der UN-Spitze? Rebeca Grynspan und die schwierige Frage nach Israel

Erstmals eine Jüdin an der UN-Spitze? Rebeca Grynspan und die schwierige Frage nach Israel


Die frühere Vizepräsidentin Costa Ricas führt die jüngste Vorabstimmung zur Nachfolge von António Guterres an. Ihre jüdische Familiengeschichte ist eng mit der Schoah verbunden. Doch ihre Haltung zu Israel lässt sich daraus nicht ableiten.

Erstmals eine Jüdin an der UN-Spitze? Rebeca Grynspan und die schwierige Frage nach Israel
Bildnachweis: UNCTAD

Erstmals in der Geschichte der Vereinten Nationen könnte eine jüdische Frau das Amt des UN-Generalsekretärs übernehmen. Rebeca Grynspan, ehemalige Vizepräsidentin Costa Ricas und bisherige Leiterin der UN-Handelsorganisation UNCTAD, liegt bei den informellen Abstimmungen im Sicherheitsrat an der Spitze des Bewerberfeldes. Die 70-Jährige erhielt am Freitag neun zustimmende Stimmen, fünf ablehnende Stimmen und eine Enthaltung.

Doch hinter diesen Zahlen verbirgt sich ein erhebliches Hindernis: Zwei der fünf ständigen Mitglieder des Sicherheitsrats haben ihre Bewerbung abgelehnt. Da die Vereinigten Staaten, Russland, China, Frankreich und Großbritannien ein Vetorecht besitzen, reicht eine einfache Mehrheit nicht aus. Ohne Einigung dieser Staaten kann Grynspan nicht zur Generalsekretärin gewählt werden.

Die Entscheidung ist dennoch bemerkenswert. Seit der Gründung der Vereinten Nationen 1945 stand weder eine Frau noch ein Jude an der Spitze der Organisation. Grynspan könnte gleich beide historischen Grenzen überwinden.

Ihre persönliche Geschichte ist eng mit der Verfolgung europäischer Juden verbunden. Ihre Eltern Manuel Grynspan Burstin und Sara Mayufis Schapiro flohen 1936 vor dem NationalsozialismusShoah: Der nationalsozialistische Mord an sechs Millionen JudenShoah ist der hebräische Begriff für die Katastrophe der Vernichtung der europäischen Juden durch das nationalsozialistische Deutschland und seine Helfer. Rund sechs Millionen Juden wurden ermordet.Mehr lesen aus Polen nach Costa Rica. Ihre mütterlichen Großeltern blieben zurück und wurden während der SchoahShoah: Der nationalsozialistische Mord an sechs Millionen JudenShoah ist der hebräische Begriff für die Katastrophe der Vernichtung der europäischen Juden durch das nationalsozialistische Deutschland und seine Helfer. Rund sechs Millionen Juden wurden ermordet.Mehr lesen ermordet.

Grynspan wurde in San José geboren. Sie studierte Wirtschaftswissenschaften, arbeitete als Forscherin und übernahm später zahlreiche politische Ämter. Von 1994 bis 1998 war sie zweite Vizepräsidentin Costa Ricas. Es folgten Führungsaufgaben in internationalen Organisationen, unter anderem beim Entwicklungsprogramm der Vereinten Nationen.

Seit 2021 leitet sie die UN-Handelsorganisation UNCTAD. Während ihrer Amtszeit spielte sie eine wichtige Rolle bei den internationalen Verhandlungen über Getreideexporte aus der Ukraine.

Jüdische Herkunft ist noch keine politische Position

Für IsraelIsrael: Der jüdische Staat im Herzen des Nahen OstensIsrael ist ein demokratischer Staat im Nahen Osten und der Nationalstaat des jüdischen Volkes. Er wurde am 14. Mai 1948 gegründet, seine Hauptstadt ist Jerusalem, die Knesset hat 120 Abgeordnete. Zum Unabhängigkeitstag 2026 hatte Israel rund 10,244 Millionen Einwohner.Mehr lesen ist Grynspans mögliche Wahl von besonderem Interesse. Die Vereinten Nationen stehen seit Jahren wegen ihres Umgangs mit dem jüdischen Staat in der Kritik. Israelische Regierungsvertreter und Organisationen wie UN Watch werfen Teilen der UN vor, Israel unverhältnismäßig häufig zu verurteilen, während schwere Menschenrechtsverletzungen anderer Staaten vergleichsweise wenig Aufmerksamkeit erhalten.

Allein 2024 verabschiedete die UN-Generalversammlung nach Angaben von UN Watch 17 Resolutionen zu Israel. Auf sämtliche anderen Länder zusammen entfielen demnach sieben Resolutionen.

Vor diesem Hintergrund wäre eine jüdische Generalsekretärin ein historisches Novum. Doch die Erwartung, Grynspan werde allein wegen ihrer Herkunft eine grundsätzlich andere Israelpolitik verfolgen, wäre unbegründet.

Ihre persönliche Verbindung zu Israel ist durchaus vorhanden. Ihre Schwester Frida lebt im jüdischen Staat. Auch Angehörige der jüngeren Generation ihrer Familie haben in den israelischen Streitkräften gedient.

Politisch hat sich Grynspan zum NahostkonfliktPalästina: Geschichte, Bedeutung und politischer Streit um einen aufgeladenen BegriffPalästina bezeichnet historisch eine Region im südlichen Levantegebiet und politisch heute vor allem den Anspruch auf palästinensische Staatlichkeit. Der Begriff ist eng mit jüdischer Geschichte, dem britischen Mandat, Israel und dem Nahostkonflikt verbunden.Mehr lesen bislang jedoch vergleichsweise zurückhaltend geäußert. Die JerusalemJerusalem: Hauptstadt Israels und Herz jüdischer GeschichteJerusalem ist die Hauptstadt Israels und die größte Stadt des Landes. Für Juden ist sie seit Jahrtausenden religiöser und historischer Mittelpunkt. Zugleich ist Jerusalem auch für Christen und Muslime heilig und steht im Zentrum politischer Streitfragen.Mehr lesen Post fand nur wenige öffentliche Stellungnahmen, in denen sie sich unmittelbar mit Israel oder den Palästinensern beschäftigte.

Erst am 21. Oktober 2023, zwei Wochen nach dem HamasHamas: Terrororganisation aus GazaHamas ist eine islamistische palästinensische Terrororganisation. Sie entstand 1987 aus dem Umfeld der Muslimbruderschaft, lehnt Israels Existenz ab und wird von Israel, den USA, der EU und weiteren Staaten als Terrororganisation eingestuft.Mehr lesen-Massaker, veröffentlichte sie eine Erklärung, in der sie sich über die Todesopfer in Israel und im Gazastreifen entsetzt zeigte. Sie forderte den Schutz aller Zivilisten und sprach sich gegen Hass, Terrorismus, Gewalt und Krieg aus.

Im November 2023 verlangte sie außerdem die bedingungslose Freilassung ziviler Geiseln und die Einhaltung des humanitären Völkerrechts.

Bei einer Sitzung des UNCTAD-Leitungsgremiums verurteilte sie ausdrücklich den Hamas-Angriff vom 7. Oktober. Gleichzeitig kritisierte sie die Folgen israelischer Militärangriffe für Zivilisten und zivile Einrichtungen im Gazastreifen.

Ihre Aussagen entsprechen damit weitgehend der üblichen diplomatischen Sprache der Vereinten Nationen. Eine grundsätzlich neue Linie gegenüber Israel lässt sich daraus nicht erkennen.

UNCTAD und die Israel-Frage

Noch aufschlussreicher ist die Arbeit jener UN-Organisation, die Grynspan seit 2021 leitet.

UNCTAD veröffentlichte unter ihrer Führung mehrere Berichte über die wirtschaftliche Lage in den palästinensischen Gebieten. Darin werden die israelische Besatzung, militärische Operationen und Einschränkungen des Warenverkehrs als wesentliche Ursachen für wirtschaftliche Schäden beschrieben.

Diese Berichte sind Teil der institutionellen Arbeit der Organisation. Sie zeigen allerdings, dass eine jüdische Generalsekretärin keineswegs automatisch mit einer israelfreundlichen politischen Linie gleichzusetzen wäre.

Gleichzeitig besitzt Grynspan umfangreiche diplomatische Erfahrung. Sie war an Verhandlungen beteiligt, die während des russischen Angriffskriegs gegen die Ukraine den Export großer Mengen Getreide ermöglichten. Ihre Bewerbung konzentriert sich vor allem auf die Handlungsfähigkeit und Reformbedürftigkeit der Vereinten Nationen.

In einem Interview mit Reuters kritisierte sie die zunehmende Risikoscheu der Organisation. Die UN müssten entschlossener handeln, bürokratische Strukturen reduzieren und Überschneidungen zwischen ihren zahlreichen Einrichtungen abbauen.

Genau darin liegt eine der größten Herausforderungen für die künftige Führung.

Die Vereinten Nationen sind durch internationale Konflikte, politische Blockaden und finanzielle Schwierigkeiten belastet. Im Sicherheitsrat verhindern die Vetomächte immer wieder gemeinsame Entscheidungen. Gleichzeitig steht die Organisation vor der Frage, wie sie ihre Glaubwürdigkeit gegenüber Staaten und Bevölkerungen zurückgewinnen kann, die ihre Arbeit zunehmend kritisch betrachten.

Für Israel gehört dazu auch die Aufarbeitung der schweren Vorwürfe gegen das UN-Palästinenserhilfswerk UNRWAUNRWA: Das UN-Hilfswerk, das den Flüchtlingsstatus vererbtUNRWA ist das 1949 gegründete UN-Hilfswerk für Palästina-Flüchtlinge. Es betreut heute rund 5,9 Millionen registrierte Personen und steht wegen vererbtem Flüchtlingsstatus, Schulmaterialien, Hamas-Vorwürfen und seiner politischen Dauerrolle in der Kritik.Mehr lesen im Zusammenhang mit dem Hamas-Terrorismus.

Ob Grynspan hier einen anderen institutionellen Ansatz verfolgen würde als António Guterres, ist nicht bekannt. Konkrete Zusagen für einen grundlegenden Kurswechsel gegenüber Israel liegen bislang nicht vor.

Eine historische Ernennung wäre deshalb zunächst genau das: ein historischer personeller Wechsel, noch kein Beweis für eine veränderte Politik.

Der Sicherheitsrat muss in den kommenden Wochen eine gemeinsame Empfehlung aussprechen. Neben Grynspan gehören Rafael Grossi aus Argentinien und Carolyn Rodrigues-Birkett aus Guyana zum Bewerberfeld. Auch weitere Kandidaturen sind noch möglich.

Guterres scheidet zum 31. Dezember 2026 aus dem Amt. Bis dahin muss die Nachfolge geklärt werden.

Rebeca Grynspan könnte als erste jüdische Frau an die Spitze der Vereinten Nationen gelangen. Ob sie dort tatsächlich neue Akzente im Umgang mit Israel, AntisemitismusAntisemitismus: Judenhass in alten und neuen FormenAntisemitismus bezeichnet Judenhass und Feindschaft gegen Juden. Er reicht von Vorurteilen und Verschwörungserzählungen bis zu Ausgrenzung, Bedrohung und Gewalt.Mehr lesen und internationalen Sicherheitsfragen setzen würde, lässt sich erst an konkreten Entscheidungen beurteilen.

Für Israel wäre deshalb weniger ihre Herkunft ausschlaggebend als ihre Bereitschaft, innerhalb der Vereinten Nationen gleiche Maßstäbe gegenüber allen Mitgliedstaaten durchzusetzen.



Autor: Redaktion

Artikel veröffentlicht am: Montag, 19. Oktober 2026

haOlam-News unterstützen

haOlam-News ist auf die Unterstützung seiner Leserinnen und Leser angewiesen. Jeder Beitrag hilft, unabhängige Berichterstattung weiterzuführen.

Sie benötigen nicht zwingend ein PayPal-Konto. Im nächsten Schritt kann je nach PayPal-Anzeige auch eine Zahlung per Karte angeboten werden.

Sie möchten unsere Arbeit unterstützen, nutzen aber kein PayPal? Schreiben Sie uns kurz, wir melden uns mit den passenden Möglichkeiten.

Weitere interessante Artikel

Newsletter