Jude sein genügt: Wenn Israelhass zur Bedrohung für Juden weltweit wird
In Paris werden Juden wegen ihrer Kippa bedroht, in New York Menschen vor Synagogen eingeschüchtert. Wer jüdische Menschen für Israels Politik verantwortlich macht, verwandelt politische Feindschaft in Antisemitismus.

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Ein Jude in Paris muss Benjamin Netanjahu nicht unterstützen. Eine jüdische Schülerin in Frankreich muss die israelische Regierung nicht verteidigen. Und wer in New York eine Synagoge besucht, muss weder seine Haltung zum Gazakrieg erklären noch eine politische Gesinnungsprüfung bestehen. Diese Selbstverständlichkeit wird jüdischen Menschen zunehmend abgesprochen.
Was als Protest gegen IsraelIsrael: Der jüdische Staat im Herzen des Nahen OstensIsrael ist ein demokratischer Staat im Nahen Osten und der Nationalstaat des jüdischen Volkes. Er wurde am 14. Mai 1948 gegründet, seine Hauptstadt ist Jerusalem, die Knesset hat 120 Abgeordnete. Zum Unabhängigkeitstag 2026 hatte Israel rund 10,244 Millionen Einwohner.Mehr lesen beginnt, richtet sich immer wieder gegen Menschen, die mit den Entscheidungen der israelischen Regierung überhaupt nichts zu tun haben. Ihre jüdische Identität genügt, um sie zu Vertretern eines fremden Staates zu erklären und anschließend für dessen Politik verantwortlich zu machen.
Der israelische Journalist Zvika Klein hat diese Erfahrung selbst gemacht. 2015 ging er mit einer Kippa durch Paris. Er trug keine israelische Flagge, hielt keine politische Rede und sprach nicht über den NahostkonfliktPalästina: Geschichte, Bedeutung und politischer Streit um einen aufgeladenen BegriffPalästina bezeichnet historisch eine Region im südlichen Levantegebiet und politisch heute vor allem den Anspruch auf palästinensische Staatlichkeit. Der Begriff ist eng mit jüdischer Geschichte, dem britischen Mandat, Israel und dem Nahostkonflikt verbunden.Mehr lesen. Trotzdem wurde er beschimpft, bedroht und bespuckt. Ein Mann rief ihm eine propalästinensische Parole hinterher. In einem Viertel wurde die Situation so gefährlich, dass sein Begleitschutz den Versuch abbrach.
Das politische Bekenntnis, das seine Angreifer ihm zuschrieben, existierte allein in deren Köpfen. Sie sahen einen Juden und machten daraus Israel.
Neun Jahre später wurde dieser Mechanismus zur Gewalt gegen eine jüdische Einrichtung. Im August 2024 verübte ein Täter einen Brandanschlag auf eine Synagoge im südfranzösischen La Grande-Motte. Fahrzeuge brannten, ein Polizeibeamter wurde verletzt. Nach Angaben der französischen Ermittler wollte der Beschuldigte mit seiner Tat die palästinensische Sache unterstützen und eine Reaktion Israels provozieren.
Menschen in einer französischen Synagoge sollten damit für Entscheidungen einer Regierung in JerusalemJerusalem: Hauptstadt Israels und Herz jüdischer GeschichteJerusalem ist die Hauptstadt Israels und die größte Stadt des Landes. Für Juden ist sie seit Jahrtausenden religiöser und historischer Mittelpunkt. Zugleich ist Jerusalem auch für Christen und Muslime heilig und steht im Zentrum politischer Streitfragen.Mehr lesen bezahlen. Niemand musste ihnen erst eine politische Meinung nachweisen. Es genügte, dass sie Juden waren.
Auch Kinder erleben diese Zuschreibung. Eine Untersuchung des französischen jüdischen Dachverbands CRIF dokumentierte Aussagen jüdischer Schüler, die sich wegen Israels Politik gegenüber Mitschülern rechtfertigen sollten. Manche verschwiegen ihre jüdische Identität aus Angst vor Anfeindungen.
Damit wird AntisemitismusAntisemitismus: Judenhass in alten und neuen FormenAntisemitismus bezeichnet Judenhass und Feindschaft gegen Juden. Er reicht von Vorurteilen und Verschwörungserzählungen bis zu Ausgrenzung, Bedrohung und Gewalt.Mehr lesen nicht nur durch körperliche Gewalt sichtbar. Er beginnt bereits dort, wo jüdische Kinder lernen, dass ihre Zugehörigkeit zur jüdischen Gemeinschaft sie unter politischen Rechtfertigungszwang stellt.
Was soll eine weltweite Intifada bedeuten?
Am 19. November 2025 demonstrierten Gegner Israels vor der Park East Synagogue in Manhattan. Dort fand eine Informationsveranstaltung über die Einwanderung nach IsraelAliyah: Die jüdische Rückkehr nach IsraelAliyah bedeutet wörtlich „Aufstieg“ und bezeichnet die Einwanderung von Juden nach Israel. Der Begriff ist eng mit Zionismus, jüdischer Diaspora, Rückkehr nach Zion und dem israelischen Rückkehrgesetz von 1950 verbunden.Mehr lesen statt. Demonstranten riefen unter anderem „Globalize the IntifadaGlobale Intifada: Die Parole, die Gewalt gegen Israel exportiert„Globale Intifada“ oder „Globalize the Intifada“ ist eine antiisraelische Parole, die den Kampf gegen Israel weltweit ausweiten soll. Aktuelle Kampagnen nutzen Karten, Zielorte und Lieferkettenlisten gegen Firmen, Häfen und Schiffe.Mehr lesen“ und forderten, die Besucher einzuschüchtern.
Die Parole besitzt eine konkrete historische Bedeutung. Während der Zweiten IntifadaIntifada: Ein Wort für Terror gegen IsraelIntifada bedeutet wörtlich etwa „Abschütteln“. Politisch bezeichnet der Begriff vor allem zwei palästinensische Gewaltwellen gegen Israel. Besonders die Zweite Intifada wurde durch Selbstmordanschläge, Schussangriffe und Terror gegen israelische Zivilisten geprägt. Heute wird der Begriff oft leichtfertig als Parole benutzt.Mehr lesen wurden israelische Zivilisten in Bussen, Restaurants und auf öffentlichen Straßen durch Selbstmordanschläge ermordet. Beim Anschlag auf das Park Hotel in Netanja starben im März 2002 während eines Pessach-Seders 30 Menschen.
Wenn heute vor einer Synagoge zur weltweiten Intifada aufgerufen wird, ist es deshalb nicht verwunderlich, dass jüdische Besucher darin eine Drohung erkennen.
New Yorks Bürgermeister Zohran Mamdani hatte die Parole zunächst nicht eindeutig verurteilt. Später erklärte er nach einem Gespräch mit einer Rabbinerin, dass er ihre bedrohliche Wirkung auf jüdische New Yorker verstanden habe und von ihrer Verwendung abraten werde.
Als vor der Park East Synagogue demonstriert wurde, kritisierte sein Büro zwar die verwendeten Parolen. Zugleich stellte es die Rechtmäßigkeit der dort abgehaltenen Einwanderungsveranstaltung infrage.
Genau darin liegt ein grundlegendes Problem. Der Schutz jüdischer Religionsausübung darf nicht davon abhängen, ob die Besucher einer Synagoge Veranstaltungen organisieren, die der Bürgermeister politisch billigt.
Eine Synagoge ist kein Außenposten der israelischen Regierung. Eine jüdische Schule ist keine diplomatische Vertretung. Und ein Jude, der mit Kippa durch Paris geht, ist niemandem eine außenpolitische Erklärung schuldig.
Wer jüdische Menschen einschüchtert, um Druck auf Israel auszuüben, bekämpft nicht die Politik einer Regierung. Er greift Juden an, weil sie Juden sind.
Dieser Mechanismus verbindet die Erfahrungen aus Paris mit den Vorfällen in New York. Er erklärt, weshalb die Forderung nach einer weltweiten Intifada für viele Juden nicht wie eine abstrakte Protestparole klingt, sondern wie die Ankündigung, den Konflikt aus dem Nahen Osten vor ihre Haustüren zu tragen.
In einer freien Gesellschaft darf jeder Israels Regierung kritisieren. Ebenso darf jeder Jude Israel unterstützen, ablehnen oder überhaupt keine politische Meinung dazu haben.
Was niemals zur Voraussetzung jüdischen Lebens werden darf, ist die Pflicht, sich vor anderen für Israel zu rechtfertigen.
Wer eine Synagoge betreten möchte, muss keine politische Prüfung bestehen. Wer seine Kinder in eine jüdische Schule schickt, muss keine Erklärung zum Nahostkonflikt unterschreiben. Und wer mit einer Kippa durch eine europäische Großstadt geht, darf nicht zur Zielscheibe werden.
Jüdisches Leben braucht keine politische Rechtfertigung. Es braucht Sicherheit.
Autor: Redaktion
Artikel veröffentlicht am: Montag, 19. Oktober 2026