Teheran gegen Taiwan: Israel erkennt die neue Grenze der Amerika-Garantie
Amir Baram benennt den strategischen Unterschied zwischen Jerusalem und Washington.
Für Israel ist Iran eine existenzielle Bedrohung, für die USA ein regionales Dauerproblem neben China, Taiwan und dem Indo-Pazifik.

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Amir Baram hat auf der Herzliya-Konferenz ausgesprochen, was in JerusalemJerusalem: Hauptstadt Israels und Herz jüdischer GeschichteJerusalem ist die Hauptstadt Israels und die größte Stadt des Landes. Für Juden ist sie seit Jahrtausenden religiöser und historischer Mittelpunkt. Zugleich ist Jerusalem auch für Christen und Muslime heilig und steht im Zentrum politischer Streitfragen.Mehr lesen seit Monaten immer deutlicher spürbar ist: IsraelIsrael: Der jüdische Staat im Herzen des Nahen OstensIsrael ist ein demokratischer Staat im Nahen Osten und der Nationalstaat des jüdischen Volkes. Er wurde am 14. Mai 1948 gegründet, seine Hauptstadt ist Jerusalem, die Knesset hat 120 Abgeordnete. Zum Unabhängigkeitstag 2026 hatte Israel rund 10,244 Millionen Einwohner.Mehr lesen und die USA sehen Iran als Gefahr, aber sie sehen nicht dieselbe Rangordnung der Gefahr. Für Israel steht Teheran im Zentrum der eigenen Sicherheit. Für Washington ist Iran ein gefährliches, aber nicht alles bestimmendes Problem. Amerikas Blick geht längst weiter nach Osten, nach China, Taiwan und in den Indo-Pazifik. Barams Satz bringt diese Verschiebung auf den Punkt: „Wir denken an Teheran, sie denken an Taiwan.“
Das ist kein Bruch der Allianz. Es ist etwas Nüchterneres und vielleicht Schwierigeres: eine Verschiebung der strategischen Prioritäten. Baram sagte, der Unterschied liege nicht darin, wie Israel und Amerika die iranische Bedrohung verstehen, sondern darin, welchen Platz diese Bedrohung im jeweiligen nationalen Denken einnimmt. Für Israel ist Iran eine existenzielle Gefahr. Für die USA ist Iran eine chronische regionale Herausforderung, während China und der Indo-Pazifik die zentrale Bühne amerikanischer Machtplanung bleiben.
Diese Diagnose ist wichtig, weil sie illusionslos ist. In Israel wird amerikanische Zurückhaltung oft als Schwäche, Naivität oder Wegsehen vor Warnzeichen verstanden. Baram warnt vor dieser verkürzten Sicht. In Washington werde dieselbe Politik als kaltes, kalkuliertes Risikomanagement gesehen. Die USA müssen Munition, Flugzeugträger, Luftabwehr, Abschreckung und politische Aufmerksamkeit zwischen mehreren Krisenräumen verteilen. Ein langer Krieg im Nahen Osten stört aus amerikanischer Sicht die Vorbereitung auf eine mögliche Konfrontation um Taiwan.
Für Israel klingt das gefährlich. Und das ist es auch. Denn Teheran ist für Jerusalem keine ferne Regionalmacht, sondern der Kopf einer Achse aus RevolutionsgardenIslamische Revolutionsgarden: Machtzentrum des iranischen RegimesDie Islamischen Revolutionsgarden sind eine mächtige militärische, politische und wirtschaftliche Organisation der Islamischen Republik Iran. Sie wurden nach der Revolution von 1979 gegründet, unterstehen dem Obersten Führer und steuern über die Quds-Einheit Irans regionales Terrornetzwerk.Mehr lesen, HisbollahHisbollah: Irans Terrorarmee im LibanonDie Hisbollah ist eine schiitisch islamistische Organisation im Libanon. Sie wurde in den frühen 1980er Jahren mit Unterstützung des Iran aufgebaut, verfügt über eine politische und militärische Struktur und wird von den USA, Israel und weiteren Staaten als Terrororganisation eingestuft.Mehr lesen, HamasHamas: Terrororganisation aus GazaHamas ist eine islamistische palästinensische Terrororganisation. Sie entstand 1987 aus dem Umfeld der Muslimbruderschaft, lehnt Israels Existenz ab und wird von Israel, den USA, der EU und weiteren Staaten als Terrororganisation eingestuft.Mehr lesen, Islamischem Dschihad und HuthiHuthi: Terrororganisation des Iran-Netzwerks im JemenDie Huthi, auch Ansar Allah genannt, sind eine schiitisch-islamistische Terrororganisation aus dem Jemen. Sie kontrollieren große Teile des Nordwestens, werden vom Iran unterstützt und bedrohen Israel sowie die internationale Schifffahrt im Roten Meer.Mehr lesen. Iran baut Raketen, Drohnen, Atomfähigkeiten und Stellvertreterarmeen nicht als abstraktes Machtprojekt auf, sondern mit direkter Wirkung auf Israels Städte, Grenzen, Seewege und Luftverteidigung. Was in Washington als ein Konfliktraum unter mehreren erscheint, kann in Israel über Leben und Tod entscheiden.
Genau deshalb ist Barams Aussage mehr als eine Analyse. Sie ist eine strategische Warnung an Israel selbst. Die Partnerschaft mit Amerika bleibt zentral, aber sie darf nicht auf gemeinsamen Werten allein ruhen. Baram sagte ausdrücklich, die künftige Sicherheitsbeziehung müsse auf harten Interessen beruhen. Ein starkes, unabhängiges und aktives Israel sei für die USA kein Problem, sondern ein Vorteil, weil es Amerika ermögliche, Ressourcen in Richtung Asien zu verlagern.
Das ist die neue Logik des kommenden Sicherheitsabkommens. Das derzeitige Memorandum of Understanding läuft 2028 aus. Anfang Juni bestätigte das israelische Verteidigungsministerium, dass Israel und die US-Regierung formelle Gespräche über einen neuen Rahmen der Sicherheitskooperation begonnen haben. Es geht also nicht um eine abstrakte Debatte, sondern um die militärische Grundlage der nächsten Dekade.
Für Israel bedeutet das: Die alte Formel reicht nicht mehr. Israel kann nicht nur sagen, es teile Werte mit Amerika. Es muss zeigen, dass es amerikanische Interessen stützt. Dass seine Stärke den Nahen Osten stabilisiert. Dass seine Verteidigungsindustrie, seine Geheimdienste, seine Luftverteidigung und seine operative Erfahrung für Washington einen strategischen Wert haben. Nicht als Bittsteller, sondern als Partner, der Lasten trägt.
Gleichzeitig darf Israel die Gefahr nicht beschönigen. Wenn Washington Iran als Problem verwaltet, während Teheran die nächste Runde vorbereitet, entsteht eine Lücke. In dieser Lücke liegen die größten Risiken: ein Abkommen, das HormusStraße von Hormus: Die gefährlichste Engstelle der WeltwirtschaftDie Straße von Hormus ist eine Meerenge zwischen Iran und Oman. Sie verbindet den Persischen Golf mit dem Golf von Oman und ist eine der wichtigsten Routen für Öl und Flüssigerdgas weltweit.Mehr lesen beruhigt, aber die Stellvertreter schont; technische Gespräche über Atomkontrolle, während Iran politisch und militärisch Zeit gewinnt; Druck auf Israel zur Zurückhaltung, während Hamas in GazaPalästina: Geschichte, Bedeutung und politischer Streit um einen aufgeladenen BegriffPalästina bezeichnet historisch eine Region im südlichen Levantegebiet und politisch heute vor allem den Anspruch auf palästinensische Staatlichkeit. Der Begriff ist eng mit jüdischer Geschichte, dem britischen Mandat, Israel und dem Nahostkonflikt verbunden.Mehr lesen, die Hisbollah im Libanon und die Huthi am Roten Meer weiter Teil derselben iranischen Strategie bleiben.
Baram spricht diese Spannung nicht mit antiamerikanischem Ton an. Gerade das macht seine Aussage stark. Er sagt nicht, Amerika habe Israel aufgegeben. Er sagt: Amerika denkt globaler, Israel muss das verstehen. Wer diese amerikanische Logik nicht versteht, wird sich falsche Erwartungen machen. Wer sie versteht, kann Israels Rolle neu definieren.
Das ist auch eine Antwort auf jene, die glauben, Israel müsse sich einfach amerikanischen Prioritäten unterordnen. Nein. Israel muss seine eigene Bedrohungswahrnehmung ernst nehmen. Kein Staat würde von einem Verbündeten erwarten, eine existenzielle Gefahr als nachrangig zu behandeln, nur weil dieser Verbündete noch größere globale Sorgen hat. Die USA dürfen Taiwan im Blick haben. Israel muss Teheran im Blick behalten.
Die Kunst besteht darin, beides zusammenzubringen. Amerika braucht ein Israel, das stark genug ist, Iran und seine Stellvertreter einzudämmen, ohne ständig amerikanische Ressourcen zu binden. Israel braucht Amerika, aber es darf nicht davon abhängig werden, dass Washington in jedem Moment dieselbe Dringlichkeit empfindet wie Jerusalem. Zwischen Teheran und Taiwan entsteht damit die neue Achse der US-Israel-Beziehung.
Barams Botschaft ist unbequem, aber notwendig. Die Allianz bleibt. Doch sie wird härter, nüchterner und stärker von Interessen bestimmt. Für Israel ist das keine Niederlage. Es ist eine Aufforderung, strategisch erwachsener zu handeln.
Wer Teheran überleben will, darf nicht darauf warten, dass Washington immer zuerst an Teheran denkt.
Autor: David Goldberg
Artikel veröffentlicht am: Donnerstag, 2. Juli 2026