Drei jüdische Frauen in London angegriffen: Täter schlug selbst neben einem Kinderwagen zu
Ein Mann soll im Londoner Stadtteil Hackney gezielt jüdische Frauen attackiert haben. Eine Mutter war mit ihrem Baby unterwegs, als sie angegriffen wurde. Gegen den 33-jährigen Verdächtigen wurde inzwischen Anklage erhoben.

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Drei jüdische Frauen sind am Montag im Nordosten Londons auf offener Straße angegriffen worden. Mindestens zwei Opfer wurden ins Gesicht beziehungsweise gegen den Kopf geschlagen. Eine der betroffenen Frauen schob einen Kinderwagen mit ihrem Baby. Die Polizei nahm einen 33-jährigen Verdächtigen fest und untersucht den Vorfall als mutmaßlich antisemitischAntisemitismus: Judenhass in alten und neuen FormenAntisemitismus bezeichnet Judenhass und Feindschaft gegen Juden. Er reicht von Vorurteilen und Verschwörungserzählungen bis zu Ausgrenzung, Bedrohung und Gewalt.Mehr lesen motivierte Gewalt. Inzwischen wurde gegen den Mann Anklage wegen dreifacher Körperverletzung erhoben.
Die Angriffe ereigneten sich am 19. Oktober gegen 13.40 Uhr im Bereich Clapton Common im Londoner Stadtbezirk Hackney, unweit des jüdisch geprägten Viertels Stamford Hill. Dort gehören orthodoxe jüdische Familien seit Generationen zum Stadtbild. Viele Menschen sind aufgrund ihrer Kleidung unmittelbar als Juden erkennbar.
Nach Angaben der jüdischen Sicherheitsorganisation Shomrim meldete sich zunächst eine erkennbar jüdische Frau, die von einem Mann ins Gesicht geschlagen worden war. Freiwillige der Organisation trafen kurz darauf ein und wurden nach eigenen Angaben Zeugen eines weiteren Angriffs.
Videoaufnahmen zeigen, wie ein Mann auf eine Frau mit Kinderwagen zuläuft und zweimal gegen ihren Kopf schlägt. Anschließend entfernt er sich, während andere Personen ihm folgen.
Der Angriff erfolgte auf einer öffentlichen Straße. Die Frau war mit ihrem Kind unterwegs, nicht auf einer politischen Demonstration und nicht bei einer Veranstaltung über IsraelIsrael: Der jüdische Staat im Herzen des Nahen OstensIsrael ist ein demokratischer Staat im Nahen Osten und der Nationalstaat des jüdischen Volkes. Er wurde am 14. Mai 1948 gegründet, seine Hauptstadt ist Jerusalem, die Knesset hat 120 Abgeordnete. Zum Unabhängigkeitstag 2026 hatte Israel rund 10,244 Millionen Einwohner.Mehr lesen.
Gerade das macht die Aufnahmen so erschütternd. Eine Mutter, die ihr Kind im Kinderwagen durch London schiebt, wird unvermittelt zum Ziel körperlicher Gewalt.
Die drei betroffenen Frauen erlitten nach Angaben der Polizei leichte Verletzungen. Das Baby wurde in den bislang veröffentlichten Mitteilungen nicht als verletzt gemeldet.
Jüdische Sicherheitshelfer hielten den Verdächtigen fest
Eine entscheidende Rolle bei der Festnahme spielte Shomrim, eine jüdische Freiwilligenorganisation, die sich in London um Nachbarschaftssicherheit und die Zusammenarbeit mit der Polizei kümmert.
Ihre Helfer hielten den mutmaßlichen Angreifer fest, bis Beamte der Metropolitan Police eintrafen. Die Polizei bestätigte ausdrücklich, dass Shomrim den Verdächtigen vor ihrer Ankunft gestellt hatte.
Am 21. Oktober teilte die Metropolitan Police mit, dass gegen Abdisamad Siad aus Islington Anklage erhoben wurde. Der 33-Jährige muss sich wegen drei Körperverletzungen verantworten. Eine weitere Anklage wegen vorsätzlicher schwerer Körperverletzung betrifft einen gesonderten Vorfall vom 16. Oktober, bei dem eine ihm bekannte Frau angegriffen worden sein soll.
Siad sollte noch am Mittwoch vor dem Highbury Corner Magistrates' Court erscheinen.
Die Angriffe auf die drei jüdischen Frauen werden nach den bisherigen Polizeimitteilungen als möglicher antisemitischer Hassvorfall untersucht. Die strafrechtliche Anklage allein stellt jedoch noch keine gerichtliche Feststellung eines antisemitischen Tatmotivs dar.
Die betroffenen Frauen berichteten gegenüber Shomrim, sie gingen davon aus, wegen ihrer jüdischen Identität angegriffen worden zu sein. Nach Darstellung der Organisation habe der Mann gezielt jüdische Frauen attackiert.
Sollte sich dieser Verdacht bestätigen, wäre der Fall ein weiteres Beispiel dafür, dass jüdische Menschen in Europa nicht wegen eigener politischer Äußerungen, sondern allein aufgrund ihrer erkennbaren Zugehörigkeit zur jüdischen Gemeinschaft angegriffen werden.
Wenn selbst ein Spaziergang mit dem Baby gefährlich wird
Der Fall trifft die jüdische Gemeinschaft in London in einer ohnehin angespannten Situation. Seit dem HamasHamas: Terrororganisation aus GazaHamas ist eine islamistische palästinensische Terrororganisation. Sie entstand 1987 aus dem Umfeld der Muslimbruderschaft, lehnt Israels Existenz ab und wird von Israel, den USA, der EU und weiteren Staaten als Terrororganisation eingestuft.Mehr lesen-Massaker vom 7. Oktober7. Oktober 2023: Das Hamas-Massaker, das Israel veränderteDer 7. Oktober 2023 war der Tag des Hamas-Massakers in Israel. Terroristen aus Gaza ermordeten etwa 1.200 Menschen, vor allem Zivilisten, und verschleppten mehr als 240 Geiseln in den Gazastreifen.Mehr lesen 2023 berichten jüdische Organisationen über ein hohes Ausmaß antisemitischer Anfeindungen, Drohungen und Übergriffe.
Die Organisation Community Security Trust registrierte allein im ersten Halbjahr 2026 insgesamt 1.926 antisemitische Vorfälle in Großbritannien. Damit lag die Zahl erneut auf einem außergewöhnlich hohen Niveau.
Die jüngsten Angriffe in Hackney machen sichtbar, welche Auswirkungen diese Bedrohung im Alltag haben kann. Es geht nicht nur um politische Parolen, Demonstrationen oder Hass im Internet. Es geht um Menschen, die auf dem Weg zum Einkaufen, zur Arbeit oder mit ihren Kindern körperlich angegriffen werden.
Die Betroffenen müssen sich für nichts rechtfertigen. Nicht für israelische Regierungsentscheidungen, nicht für den Krieg im GazastreifenPalästina: Geschichte, Bedeutung und politischer Streit um einen aufgeladenen BegriffPalästina bezeichnet historisch eine Region im südlichen Levantegebiet und politisch heute vor allem den Anspruch auf palästinensische Staatlichkeit. Der Begriff ist eng mit jüdischer Geschichte, dem britischen Mandat, Israel und dem Nahostkonflikt verbunden.Mehr lesen und nicht für ihre jüdische Identität.
Wenn eine Frau mit Kinderwagen auf offener Straße attackiert wird, steht keine politische Kontroverse im Vordergrund. Im Mittelpunkt stehen eine Gewalttat und der Schutz der Opfer.
Londons Bürgermeister Sadiq Khan verurteilte die Übergriffe. Niemand dürfe wegen seiner Religion beschimpft oder angegriffen werden. Er verwies auf die Festnahme und auf verstärkte Polizeistreifen in den betroffenen Stadtteilen.
Die Metropolitan Police kündigte ebenfalls zusätzliche Präsenz an. Chief Inspector Erica Crawshaw erklärte, die Angriffe seien alarmierend und belastend. Die Polizei arbeite mit Vertretern der jüdischen Gemeinschaft zusammen und bitte weitere mögliche Opfer oder Zeugen, sich zu melden.
Diese Maßnahmen sind notwendig. Sie werfen aber auch die Frage auf, weshalb jüdische Nachbarschaftsorganisationen mittlerweile eine so bedeutende Rolle beim unmittelbaren Schutz ihrer Gemeinden übernehmen müssen.
Dass Shomrim den Verdächtigen noch vor Eintreffen der Polizei festhalten konnte, zeigt die Handlungsfähigkeit der Freiwilligen. Zugleich verdeutlicht es das Sicherheitsbedürfnis einer Gemeinschaft, die sich zunehmend gezwungen sieht, eigene Schutzstrukturen zu unterhalten.
Für die jüdischen Frauen in Hackney wird die Festnahme den Angriff nicht ungeschehen machen. Die Videoaufnahmen dokumentieren eine Gewalttat, die ohne erkennbare vorherige Auseinandersetzung erfolgte.
Die Justiz muss nun die individuelle strafrechtliche Verantwortung des Angeklagten feststellen. Ebenso bleibt zu klären, ob antisemitischer Hass das Motiv für die Angriffe war.
Fest steht bereits, dass drei jüdische Frauen verletzt wurden und dass eine Mutter selbst mit ihrem Baby im Kinderwagen nicht vor der Gewalt verschont blieb.
Eine Gesellschaft, in der jüdische Menschen für einen gewöhnlichen Spaziergang besonderen Schutz benötigen, hat ein ernstes Sicherheitsproblem. Es reicht nicht aus, solche Angriffe nach jeder neuen Tat zu verurteilen. Entscheidend ist, dass Täter verfolgt werden und jüdisches Leben ohne Angst möglich bleibt.
Autor: Redaktion
Artikel veröffentlicht am: Mittwoch, 21. Oktober 2026