„Traut keinem Juden“: Offener Judenhass mitten in Berlin

„Traut keinem Juden“: Offener Judenhass mitten in Berlin


Mitten im Berliner Tiergarten haben Unbekannte zwei Skulpturen mit antisemitischen Parolen beschmiert. Die Botschaften richten sich ausdrücklich gegen Juden. Der Staatsschutz ermittelt, während die Zahl judenfeindlicher Vorfälle in der Hauptstadt seit Jahren erschreckend hoch bleibt.

„Traut keinem Juden“: Offener Judenhass mitten in Berlin
Bildnachweis: Pixabay

Mitten im Großen Tiergarten in Berlin haben Unbekannte zwei öffentliche Skulpturen mit offen antisemitischen Parolen beschmiert. Auf den Sockeln eines Bären und eines Stiers nahe dem Venus-Bassin standen in roter Farbe die Sätze „Traut keinem Juden“ und „Der Jude mordet“. Es handelt sich um judenfeindliche HetzeVolksverhetzung: Wenn Hass strafbar wirdVolksverhetzung ist eine Straftat nach § 130 StGB. Gemeint sind unter anderem Hassaufrufe, Gewaltforderungen oder menschenwürdeverletzende Hetze gegen nationale, religiöse, ethnische oder andere geschützte Gruppen.Mehr lesen, die Menschen allein aufgrund ihrer jüdischen Zugehörigkeit pauschal als unglaubwürdig und gefährlich darstellt.

Entdeckt wurden die Schmierereien am Dienstagmorgen, dem 3. November 2026. Passanten bemerkten die Schriftzüge und verständigten die Polizei. Nach bisherigen Erkenntnissen waren die Parolen im Laufe des Montags oder in der darauffolgenden Nacht angebracht worden. Die eingesetzten Polizeibeamten machten die Schriftzüge zunächst unkenntlich. Eine professionelle Reinigung der betroffenen Kunstwerke wurde veranlasst.

Die Berliner Polizei veröffentlichte am Mittwoch unter der Vorgangsnummer 1463 eine entsprechende Mitteilung. Darin bezeichnet sie die Schmierereien ausdrücklich als volksverhetzend. Die weiteren Ermittlungen hat der Polizeiliche Staatsschutz des Landeskriminalamtes übernommen. Angaben zu Tatverdächtigen oder möglichen Hintergründen liegen bislang nicht vor.

Besonders erschreckend ist die Unverblümtheit der beiden Parolen. Hier wird nicht unter dem Vorwand einer Kritik an der israelischen Regierung argumentiert. Es geht auch nicht um eine politische Auseinandersetzung über den Krieg im Nahen Osten. Die Botschaften richten sich unmittelbar gegen Juden als Menschen.

Der Satz „Traut keinem Juden“ bedient das jahrhundertealte antisemitische Vorurteil, Juden seien grundsätzlich hinterlistig und nicht vertrauenswürdig. Die Behauptung „Der Jude mordet“ greift ebenfalls auf ein bekanntes Muster judenfeindlicher PropagandaDesinformation: Gezielte Täuschung der ÖffentlichkeitDesinformation bezeichnet bewusst verbreitete falsche oder irreführende Informationen. Ziel ist häufig, Menschen zu täuschen, Vertrauen zu zerstören, Konflikte zu verschärfen oder politische Entscheidungen zu beeinflussen.Mehr lesen zurück: Jüdischen Menschen wird kollektiv eine besondere Neigung zu Gewalt und Verbrechen zugeschrieben.

Solche Formulierungen erinnern an die Sprache antisemitischer Hetze, wie sie auch während der nationalsozialistischen Herrschaft verbreitet wurde. Dass sie im Jahr 2026 wieder öffentlich in der deutschen Hauptstadt auftauchen, ist mehr als eine gewöhnliche Sachbeschädigung.

Berlin verzeichnet weiterhin Tausende antisemitische Vorfälle

Der Vorfall im Tiergarten steht in einem größeren Zusammenhang. Nach dem im Mai 2026 veröffentlichten Jahresbericht der Recherche- und Informationsstelle AntisemitismusAntisemitismus: Judenhass in alten und neuen FormenAntisemitismus bezeichnet Judenhass und Feindschaft gegen Juden. Er reicht von Vorurteilen und Verschwörungserzählungen bis zu Ausgrenzung, Bedrohung und Gewalt.Mehr lesen Berlin (RIAS) wurden im Jahr 2025 insgesamt 2.197 antisemitische Vorfälle in der Hauptstadt dokumentiert. Das entspricht durchschnittlich etwa sechs Vorfällen täglich.

Zum Vergleich: Zwischen 2018 und 2022 registrierte die Meldestelle im Jahresdurchschnitt weniger als 1.000 Fälle. Nach dem Terrorangriff der HamasHamas: Terrororganisation aus GazaHamas ist eine islamistische palästinensische Terrororganisation. Sie entstand 1987 aus dem Umfeld der Muslimbruderschaft, lehnt Israels Existenz ab und wird von Israel, den USA, der EU und weiteren Staaten als Terrororganisation eingestuft.Mehr lesen auf IsraelIsrael: Der jüdische Staat im Herzen des Nahen OstensIsrael ist ein demokratischer Staat im Nahen Osten und der Nationalstaat des jüdischen Volkes. Er wurde am 14. Mai 1948 gegründet, seine Hauptstadt ist Jerusalem, die Knesset hat 120 Abgeordnete. Zum Unabhängigkeitstag 2026 hatte Israel rund 10,244 Millionen Einwohner.Mehr lesen am 7. Oktober 20237. Oktober 2023: Das Hamas-Massaker, das Israel veränderteDer 7. Oktober 2023 war der Tag des Hamas-Massakers in Israel. Terroristen aus Gaza ermordeten etwa 1.200 Menschen, vor allem Zivilisten, und verschleppten mehr als 240 Geiseln in den Gazastreifen.Mehr lesen stieg die Zahl erheblich an und verharrt seither auf einem deutlich höheren Niveau.

Zwar lag die Gesamtzahl 2025 unter dem Wert des Vorjahres, doch die Entwicklung zeigt keine Rückkehr zur Situation vor dem 7. Oktober. Nach Angaben von RIAS bleibt auch 2026 das Meldeaufkommen hoch. Neben körperlichen Angriffen, Bedrohungen und Diskriminierungen werden weiterhin zahlreiche antisemitische Schmierereien und öffentliche Hetzparolen dokumentiert.

Die Auswirkungen gehen weit über einzelne Tatorte hinaus. RIAS berichtet, dass jüdische Menschen aufgrund antisemitischer Anfeindungen bestimmte Orte und Situationen meiden und ihre Teilnahme am öffentlichen Leben einschränken. Öffentliche Hetze trägt damit zu einem Klima bei, in dem jüdische Einwohner sich zunehmend bedroht fühlen.

Besonders deutlich wurde dies bereits im April 2026, als in Berlin-Mitte an einer Hauswand die englischsprachige Aufforderung „Kill all Jews“ entdeckt wurde. Im Juli wurde nach Angaben der Meldestelle ein Vorsitzender einer jüdischen Gemeinde auf dem Weg zu einem Gottesdienst antisemitisch mit dem Tod bedroht. Der Täter zeigte dabei mehrfach den Hitlergruß.

Die Schmierereien im Tiergarten reihen sich in diese Entwicklung ein, ohne dass daraus auf die Identität oder die politische Ausrichtung der bislang unbekannten Täter geschlossen werden könnte.

Der Tatort besitzt zudem eine besondere öffentliche Bedeutung. Der Große Tiergarten gehört zu den bekanntesten Parkanlagen Berlins und liegt im Zentrum der Hauptstadt. Die betroffenen Tierfiguren stehen rund um die Skulptur „Amazone zu Pferd“ in der Nähe des Venus-Bassins. Nicht weit entfernt befindet sich das Mahnmal für die im NationalsozialismusShoah: Der nationalsozialistische Mord an sechs Millionen JudenShoah ist der hebräische Begriff für die Katastrophe der Vernichtung der europäischen Juden durch das nationalsozialistische Deutschland und seine Helfer. Rund sechs Millionen Juden wurden ermordet.Mehr lesen verfolgten und ermordeten Zeugen Jehovas.

Antisemitische Parolen an einem solchen Ort sind für zahlreiche Menschen sichtbar. Sie verbreiten eine Botschaft der Ausgrenzung und Feindseligkeit im öffentlichen Raum, unabhängig davon, ob die Verfasser damit ein konkretes politisches Ziel verfolgen.

Entscheidend ist auch die klare Unterscheidung zwischen Israelkritik und Judenhass. Die beiden Schriftzüge lassen keinen sachlichen Bezug zu Entscheidungen der israelischen Regierung erkennen. Sie unterstellen vielmehr sämtlichen Juden negative Eigenschaften beziehungsweise Verbrechen. Der antisemitische Charakter ergibt sich unmittelbar aus ihrem Wortlaut.

Die schnelle Unkenntlichmachung durch die Polizei verhindert zunächst, dass die Parolen weiter sichtbar bleiben. Die Entfernung der Farbe allein löst jedoch nicht das Problem, das hinter solchen Taten steht.

In Berlin werden seit Jahren Programme gegen Antisemitismus gefördert, die Polizei erfasst politisch motivierte Straftaten und jüdische Einrichtungen stehen unter besonderen Sicherheitsvorkehrungen. Gleichzeitig zeigen die dokumentierten Vorfälle, dass judenfeindliche Botschaften weiterhin offen auf Straßen, an Gebäuden und an öffentlichen Kunstwerken verbreitet werden.

Für die betroffenen jüdischen Menschen ist dabei kaum entscheidend, ob die Hetze von Rechtsextremisten, Islamisten oder anderen antisemitischen Milieus ausgeht. Die Botschaft richtet sich gegen sie als Juden. Welche Hintergründe im konkreten Fall vorliegen, müssen die Ermittler klären.

Bislang gibt es keine öffentlich bekannt gewordenen Angaben zu Tatverdächtigen. Der Polizeiliche Staatsschutz untersucht die Schmierereien. Ob die Verantwortlichen identifiziert und strafrechtlich zur Rechenschaft gezogen werden können, ist offen.

Der Vorfall verdeutlicht damit erneut ein Problem, das sich nicht auf einzelne beschädigte Kunstwerke reduzieren lässt: In der deutschen Hauptstadt werden Juden wieder öffentlich und pauschal zu Feindbildern erklärt. Dass solche Botschaften mitten in Berlin auftauchen, während die Erinnerungsarbeit an die nationalsozialistische Judenverfolgung zum offiziellen Selbstverständnis Deutschlands gehört, macht den Widerspruch besonders deutlich.



Autor: Redaktion

Artikel veröffentlicht am: Freitag, 6. November 2026

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