Globale Intifada: Die Parole, die Gewalt gegen Israel exportiert

„Globale Intifada“ meint nicht nur Protest. Neue Kampagnen kartieren Fabriken, Häfen und Schiffe, um Druck, Blockaden und Sabotage gegen Israel auszuweiten.

„Globale Intifada“ ist die deutsche Entsprechung der Parole „Globalize the Intifada“ oder „Globalise the Intifada“. Sie wird in antiisraelischen Protestmilieus, an Universitäten, in sozialen Netzwerken und bei Kampagnen gegen Israel verwendet. Wörtlich bedeutet sie, die Intifada zu globalisieren, also den Aufstand gegen Israel weltweit auszuweiten.

Das ist kein neutraler Begriff. „Intifada“ bedeutet im Arabischen zwar allgemein Erhebung oder Abschütteln. Im israelisch-palästinensischen Konflikt steht der Begriff aber konkret für zwei Gewaltphasen: die Erste Intifada ab 1987 und die Zweite Intifada ab 2000. Besonders die Zweite Intifada ist in Israel mit Selbstmordanschlägen, Schussangriffen, Bombenanschlägen, Messerattacken und ermordeten Zivilisten verbunden. Cafés, Busse, Hotels, Restaurants, Einkaufsstraßen und Familienfeiern wurden zu Tatorten.

Wer heute eine „globale Intifada“ fordert, benutzt deshalb keinen unschuldigen Protestbegriff. Die Parole trägt die Erinnerung an Gewalt gegen Israelis in sich. Das Wort „global“ verschärft sie zusätzlich. Es bedeutet, dass der Kampf gegen Israel nicht auf den Nahen Osten begrenzt bleiben soll, sondern weltweit stattfinden soll: auf Straßen, an Universitäten, vor Synagogen, an Häfen, bei Unternehmen, bei Kulturveranstaltungen, in sozialen Netzwerken und zunehmend auch gegen wirtschaftliche Infrastruktur.

Vom Slogan zur Zielkarte

Der aktuelle Anlass zeigt, warum dieser Eintrag wichtig ist. Laut einem Bericht der Jerusalem Post vom 1. Juni 2026 veröffentlichte Global Intifada im Rahmen einer sogenannten „Genocide Supply Chain“ Karten und Angaben zu Fabriken, Häfen, Schiffsrouten und Unternehmen, die angeblich mit der militärischen Infrastruktur Israels verbunden seien. Ziel sei es, Lieferketten zu stören und die IDF zu „entwaffnen“. Der Bericht beschreibt, dass nicht nur mit Israel verbundene Einrichtungen, sondern auch westliche Verteidigungsfirmen ohne direkte Israel-Verträge ins Visier geraten.

Damit wird aus einer Parole ein operatives Raster. Es geht nicht mehr nur um Demonstrationsrufe oder Plakate. Es geht um die Veröffentlichung von Orten, Bewegungen, Häfen, Fabriken und angeblichen Verbindungen. Die Kampagne arbeitet laut Bericht mit Vertrauenswerten, also Einschätzungen, wie sicher eine Verbindung zu Israel angeblich sei. Genannt wurden etwa ein britischer Hersteller für F-16-Bremsschirme mit angeblich 95 Prozent Sicherheit, ein Glasgower Schiffbaustandort mit 65 Prozent Sicherheit wegen seiner Rolle in einem allgemeinen maritimen Technologieumfeld und ein Unternehmen in Washington, obwohl die Karte selbst keine bekannten Israel-Verträge nannte.

Das ist der entscheidende Punkt: Die „Globale Intifada“ erweitert den Zielraum. Nicht nur israelische Unternehmen werden markiert. Auch Firmen, Häfen, Werften oder Dienstleister, die Teil westlicher Verteidigungs- oder Technologieketten sind, können als Ziel erscheinen. Aus politischem Aktivismus wird damit eine Logik der Verdächtigung: Wer irgendwie mit Verteidigung, Logistik, Technologie oder westlichen Sicherheitsstrukturen verbunden ist, kann in den Kreis der angeblichen Israel-Unterstützer geraten.

Sabotage als „direkte Aktion“

Besonders brisant ist, dass der Bericht nicht nur von Protest oder Boykott spricht. Die Kampagne ermutige Hafenarbeiter, verdächtige Schiffe nicht zu bedienen, rufe Aktivisten zu Streikposten auf und verweise auf Gruppen wie Palestine Action, deren „direct action“ häufig Vandalismus und Sabotageaktionen gegen Hersteller bedeute. In einem Instagram-Beitrag sei der Stil solcher Aktionen ausdrücklich aufgegriffen worden.

Hier zeigt sich, warum der Begriff „Globale Intifada“ nicht verharmlost werden darf. Er kann als Aufruf zu weltweitem Druck, zu Blockaden, zu Einschüchterung und zu Angriffen auf Sachwerte verstanden werden. Wenn Karten mit Zielorten veröffentlicht werden, entsteht ein praktisches Handbuch für Aktivismus, der sehr schnell in Sachbeschädigung, Störung kritischer Abläufe oder Gefährdung von Menschen münden kann.

Das ist keine gewöhnliche Israelkritik. Eine Regierung zu kritisieren, ist legitim. Gegen Waffenlieferungen zu demonstrieren, ist politisch möglich. Aber die Veröffentlichung von Zielkarten, verbunden mit Sabotage-Rhetorik, verschiebt die Grenze. Dann geht es nicht mehr um Meinung, sondern um die organisierte Störung von Infrastruktur und um die Markierung von Menschen, Betrieben und Orten.

Warum jüdische Gemeinden betroffen sind

„Globale Intifada“ bleibt nicht bei Israel. Genau das sagt der Begriff selbst. Er trägt den Konflikt in andere Länder. In der Praxis trifft antiisraelische Mobilisierung außerhalb Israels häufig nicht israelische Politiker oder Soldaten, sondern jüdische Gemeinden, jüdische Studierende, Synagogen, jüdische Schulen, israelische Restaurants, Kulturveranstaltungen und Menschen, die wegen ihrer jüdischen Identität mit Israel gleichgesetzt werden.

Das ist die antisemitische Gefahr dieser Parole. Sie kann Juden weltweit unter Rechtfertigungsdruck setzen. Sie kann jüdische Einrichtungen zu symbolischen Stellvertretern Israels machen. Sie kann ein Klima schaffen, in dem der Kampf gegen Israel in Berlin, London, New York, Paris oder Toronto gegen Juden vor Ort ausgetragen wird.

Die IHRA-Arbeitsdefinition nennt als mögliche antisemitische Beispiele unter anderem, Juden kollektiv für Handlungen des Staates Israel verantwortlich zu machen oder dem jüdischen Volk das Recht auf Selbstbestimmung abzusprechen. Genau in diesem Umfeld bewegt sich die Parole, wenn sie jüdische und israelische Räume weltweit unter Druck setzt.

Die Intifada-Geschichte

Die Erste Intifada begann 1987 und war geprägt von Demonstrationen, Steinwürfen, Molotowcocktails, Streiks, Zusammenstößen und Gewalt. Sie veränderte die internationale Wahrnehmung des Konflikts und führte indirekt zum Oslo-Prozess. Die Zweite Intifada ab 2000 wurde für Israel zu einer Terrorwelle. Selbstmordattentäter sprengten sich in Bussen, Restaurants, Hotels und Einkaufszentren in die Luft. Einer der bekanntesten Anschläge war das Passah-Massaker im Park Hotel in Netanja im März 2002.

Diese Geschichte kann nicht einfach aus dem Begriff gelöscht werden. Wenn Aktivisten behaupten, Intifada bedeute nur Widerstand, verschweigen sie die israelische Erfahrung. Für Israelis bedeutet Intifada nicht Theorie, sondern tote Kinder, zerfetzte Busse, zerstörte Cafés, Beerdigungen und Jahre der Angst.

Genau deshalb ist „Globale Intifada“ so schwerwiegend. Der Begriff nimmt ein historisch gewaltbeladenes Wort und ruft dazu auf, es weltweit auszuweiten.

Nach dem 7. Oktober 2023

Nach dem Hamas-Massaker vom 7. Oktober 2023 wurde die Parole noch bedrohlicher. Hamas-Terroristen ermordeten etwa 1.200 Menschen in Israel und verschleppten mehr als 240 Geiseln in den Gazastreifen. Wenn danach weltweit „Globalize the Intifada“ gerufen wird, hören viele Juden darin nicht Solidarität mit palästinensischen Zivilisten, sondern die Fortsetzung einer Gewaltlogik gegen Israel.

Der Zeitpunkt ist entscheidend. Wer nach einem antisemitischen Massaker an Israelis eine globale Intifada fordert, kann nicht glaubwürdig behaupten, es gehe nur um Frieden. Die Parole verschiebt den Blick weg von den Ermordeten, den Geiseln und der Verantwortung der Hamas. Sie erklärt den Kampf gegen Israel zur globalen Aufgabe.

Die neue Lieferkettenkampagne bestätigt diese Entwicklung. „Global“ heißt nicht nur rhetorisch global. Es bedeutet praktisch: Zielorte weltweit, Firmen weltweit, Häfen weltweit, Schiffe weltweit, Aktivisten weltweit. Damit wird der Begriff von einer Parole zu einer Strategie.

Quellen

  1. ADL: Hintergrund zur Parole „Globalize the Intifada“ und ihrer Deutung als Gewaltaufruf gegen Israel und jüdische Einrichtungen adl.org/resources/backgrounder/slogan-globalize-intifada
  2. AJC: Erklärung der Parole „Globalize the Intifada“ im Glossar antisemitischer Codes und antiisraelischer Slogans ajc.org/translatehate/Globalize-the-Intifada
  3. AJC: Einordnung, warum „Globalize the Intifada“ zur Bedrohung jüdischer Menschen führen kann ajc.org/news/what-does-globalize-the-intifada-mean-and-how-can-it-lead-to-targeting-jews-with-violence
  4. CAMERA: Medienhinweis zur Parole als Aufruf zur Gewalt gegen Juden weltweit camera.org/article/press-advisory-camera-reminds-media-globalize-the-intifada-is-a-call-for-violence-against-jews-everywhere/
  5. IHRA: Arbeitsdefinition von Antisemitismus mit Beispielen zu Israel, Delegitimierung und kollektiver Verantwortlichmachung von Juden holocaustremembrance.com/resources/working-definition-antisemitism
  6. USHMM: Hintergrund zu Holocaustverzerrung, Antisemitismus und der Bedeutung präziser Sprache bei Judenhass ushmm.org/antisemitism/holocaust-denial-and-distortion
  7. Britannica: Überblick zur Ersten und Zweiten Intifada im israelisch-palästinensischen Konflikt britannica.com/place/Palestine/The-intifada
  8. Jerusalem Post: Bericht vom 1. Juni 2026 über Global Intifada, veröffentlichte Karten, Zielorte, Häfen, Fabriken, Schiffe und Sabotageaufrufe jpost.com/

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