Roger Waters erklärt Israel für „vorbei“ und zeigt, dass es ihm längst nicht mehr um Israelkritik geht
James Hetfield will Metallica-Konzerte von politischer Agitation freihalten. Roger Waters antwortet mit persönlichen Beschimpfungen und dem Satz „Israel is over“. Deutlicher kann die Grenze zwischen Kritik an einer Regierung und der Delegitimierung eines ganzen Staates kaum sichtbar werden.

Bildnachweis: REPÚBLICA DE COLOMBIA
Roger Waters hat in wenigen Minuten selbst gezeigt, warum die Auseinandersetzung um seine jahrzehntelange Kampagne gegen IsraelIsrael: Der jüdische Staat im Herzen des Nahen OstensIsrael ist ein demokratischer Staat im Nahen Osten und der Nationalstaat des jüdischen Volkes. Er wurde am 14. Mai 1948 gegründet, seine Hauptstadt ist Jerusalem, die Knesset hat 120 Abgeordnete. Zum Unabhängigkeitstag 2026 hatte Israel rund 10,244 Millionen Einwohner.Mehr lesen nicht mit dem Hinweis erledigt werden kann, er sei eben ein besonders scharfer Kritiker der israelischen Regierung. In einem Interview mit der amerikanischen Moderatorin Katie Halper beschimpfte der frühere Pink-Floyd-Musiker Metallica-Frontmann James Hetfield zunächst als Idioten, sprach ihm musikalische Fähigkeiten und Intelligenz ab und hielt ihm mangelndes Mitgefühl vor. Dann wechselte Waters unvermittelt zum NahostkonfliktPalästina: Geschichte, Bedeutung und politischer Streit um einen aufgeladenen BegriffPalästina bezeichnet historisch eine Region im südlichen Levantegebiet und politisch heute vor allem den Anspruch auf palästinensische Staatlichkeit. Der Begriff ist eng mit jüdischer Geschichte, dem britischen Mandat, Israel und dem Nahostkonflikt verbunden.Mehr lesen und erklärte: „Israel is over.“
Dieser Satz ist der eigentliche Nachrichtenkern. Hetfield hatte Israel überhaupt nicht erwähnt. Er hatte bei einem Metallica-Konzert in der Sphere in Las Vegas lediglich erklärt, die Band wolle ihr Publikum nicht mit politischen Botschaften beeinflussen. Die Menschen hätten für Tickets bezahlt, seien teilweise weit gereist und sollten für einige Stunden den Ärger der Außenwelt vergessen können. Metallicas „Agenda“ bestehe aus Liebe, Energie und Heavy Metal. Waters reagierte darauf mit einer persönlichen Tirade und landete anschließend bei der Behauptung, Israel sei „vorbei“ und die PalästinenserPalästinenser: Herkunft, Begriffswandel und politische IdentitätPalästinenser bezeichnet heute meist palästinensische Araber mit eigener nationaler Identität. In der Mandatszeit konnte der Begriff jedoch allgemein Bewohner des britischen Mandatsgebiets Palästina meinen, auch Juden.Mehr lesen würden „nach Hause zurückkehren“.
Damit redet Waters nicht über Benjamin Netanyahu, eine israelische Koalition, Siedlungspolitik, militärische Entscheidungen oder den Gaza-Krieg. Er spricht über Israel selbst. Wer erklärt, ein bestehender Staat sei „vorbei“, kritisiert nicht dessen Regierung. Er stellt seine Fortexistenz infrage.
Genau diese Unterscheidung wird in der öffentlichen Debatte über Waters seit Jahren regelmäßig verwischt.
Hetfield wollte keine politische Predigt – Waters lieferte eine
Ausgangspunkt war Hetfields Ansprache am 10. Oktober in Las Vegas. Der Sänger dankte den Zuschauern für ihre Zeit, ihre Reisen und das Geld, das sie für den Konzertbesuch ausgegeben hatten. Metallica sei nicht da, um das Publikum wie manche anderen Entertainer mit politischen Botschaften zu beeinflussen. Die Band wolle für einige Stunden einen Raum schaffen, in dem Menschen den politischen und gesellschaftlichen Streit draußen lassen können.
Hetfield nannte Roger Waters nicht. Er nannte überhaupt keinen Künstler. Seine Aussage fiel allerdings in eine Zeit, in der Musiker ihre Bühnen immer häufiger für politische Kampagnen nutzen und insbesondere der Nahostkonflikt auf Festivals und Konzerten präsent ist.
Waters fühlte sich dennoch offenbar herausgefordert. Im Gespräch mit Halper bezeichnete er Hetfield wiederholt mit dem englischen Schimpfwort „prick“, erklärte sinngemäß, dieser habe einen IQ von ungefähr drei, sei ein Niemand und nicht einmal ein richtiger Musiker. Einen akustischen Auftritt Metallicas bezeichnete er als erbärmlich.
Man kann Hetfields Haltung zur Trennung von Musik und Politik ablehnen. Musiker dürfen politisch sein. Pink Floyd selbst schuf große Werke, die von Krieg, Macht, Unterdrückung und Entfremdung handeln. Auch Metallica hat gesellschaftliche und politische Themen niemals vollständig aus seiner Musik herausgehalten.
Aber Waters diskutiert diese Frage nicht.
Er erklärt den Mann, der eine andere Vorstellung von der Rolle eines Konzerts hat, zunächst für dumm und musikalisch unfähig und belehrt ihn anschließend über Freundlichkeit und Empathie. Fast unmittelbar danach erklärt er den jüdischen Staat für „vorbei“.
Gerade dieser Übergang ist bemerkenswert.
Waters fordert Mitgefühl als moralische Grundhaltung, macht dieses Mitgefühl jedoch nicht sichtbar gegenüber Israelis, deren Staat er im nächsten Moment die Zukunft abspricht. In seiner politischen Erzählung erscheinen die Palästinenser als diejenigen, die „nach Hause“ zurückkehren sollen. Was mit den mehr als neun Millionen Menschen geschieht, die heute in Israel leben, welche staatliche Ordnung an die Stelle Israels treten soll und wie die jüdische Bevölkerung dort ihre nationale Selbstbestimmung und Sicherheit behalten soll, erklärt er nicht.
„Israel is over“ ist deshalb kein Friedensplan.
Es ist eine Parole.
Und sie richtet sich nicht gegen eine Regierung, sondern gegen den Fortbestand des Staates.
Die Grenze zur Delegitimierung ist hier nicht mehr versteckt
haOlam unterscheidet bewusst zwischen Kritik an Israel und israelbezogenem AntisemitismusAntisemitismus: Judenhass in alten und neuen FormenAntisemitismus bezeichnet Judenhass und Feindschaft gegen Juden. Er reicht von Vorurteilen und Verschwörungserzählungen bis zu Ausgrenzung, Bedrohung und Gewalt.Mehr lesen. Diese Trennung ist notwendig, gerade weil israelische Regierungen selbstverständlich kritisiert werden dürfen. Israel selbst ist eine Demokratie mit harten politischen Auseinandersetzungen. Netanyahu, seine Minister, Oppositionspolitiker, Militärentscheidungen und Gesetze werden täglich von Israelis selbst scharf angegriffen.
Etwas anderes geschieht, wenn nicht mehr eine Politik, sondern jüdische staatliche Selbstbestimmung grundsätzlich infrage gestellt wird.
Die Arbeitsdefinition der International HolocaustShoah: Der nationalsozialistische Mord an sechs Millionen JudenShoah ist der hebräische Begriff für die Katastrophe der Vernichtung der europäischen Juden durch das nationalsozialistische Deutschland und seine Helfer. Rund sechs Millionen Juden wurden ermordet.Mehr lesen Remembrance Alliance nennt ausdrücklich als mögliches Beispiel antisemitischer Erscheinungsformen, dem jüdischen Volk sein Recht auf Selbstbestimmung abzusprechen. Nicht jede radikale antizionistische Aussage lässt sich deshalb automatisch und ohne KontextKontextualisierung: Fakten verständlich einordnenKontextualisierung bedeutet, Informationen in einen Zusammenhang zu stellen. Sie hilft, Ereignisse nicht isoliert zu betrachten, sondern mit Vorgeschichte, Ursachen, Folgen und beteiligten Akteuren zu verstehen.Mehr lesen als antisemitisch klassifizieren. Der Kontext bleibt entscheidend. Waters’ Satz macht diesen Kontext allerdings außergewöhnlich deutlich: Er sagt nicht, Israel müsse seine Politik ändern. Er sagt, Israel sei „vorbei“.
Damit bewegt sich seine Aussage genau in jenem Bereich, den die IHRA bei israelbezogenem Antisemitismus beschreibt: nicht Regierungskritik, sondern Delegitimierung jüdischer staatlicher Selbstbestimmung.
Waters wird diesen Vorwurf zurückweisen. Das tut er seit Jahren. Er erklärt regelmäßig, er bekämpfe Antisemitismus und richte sich ausschließlich gegen ZionismusZionismus: Das Recht der Juden auf SelbstbestimmungZionismus bezeichnet die jüdische Nationalbewegung, die für die Rückkehr des jüdischen Volkes in seine historische Heimat und für jüdische Selbstbestimmung im Land Israel eintrat. Der moderne Zionismus entstand im 19. Jahrhundert als Antwort auf Antisemitismus, Verfolgung und Entrechtung.Mehr lesen und Israel. Gerade deshalb ist sein aktueller Satz so aufschlussreich. Man muss ihm keine Position unterstellen. Man kann seine eigene Formulierung nehmen.
Israel soll nicht anders regiert werden.
Israel soll nach seiner Aussage „vorbei“ sein.
Waters gehört seit Jahren zu den prominentesten Unterstützern der BDS-BewegungBDS: Boykottkampagne gegen IsraelBDS ist eine gegen Israel gerichtete Boykottkampagne. Der Deutsche Bundestag verurteilte die Bewegung 2019 als antisemitisch.Mehr lesen. Er drängt andere Künstler dazu, Israel zu boykottieren, macht Konzerte und Interviews zu Bühnen seiner antiisraelischen Kampagne und greift Musiker öffentlich an, wenn sie sich seinem politischen Verständnis nicht anschließen. haOlam berichtete zuletzt über seinen Auftritt im Umfeld einer Querfront-Kundgebung am Brandenburger Tor und über Boykottkampagnen in Kunst und Kultur, in denen Israel zunehmend nicht als normaler Staat behandelt wird, dessen Politik man ablehnen kann, sondern als grundsätzlich illegitimes Gebilde.
Das aktuelle Interview fügt dieser langen Geschichte keinen komplizierten neuen Vorwurf hinzu.
Es vereinfacht sie.
James Hetfield sagt: Bei Metallica sollen Menschen für einige Stunden Musik hören können, ohne dass ihnen ein Musiker politische Botschaften aufzwingt.
Roger Waters antwortet, Hetfield sei ein Idiot, kein Musiker und ein empathieloser Mensch.
Und dann erklärt Waters Israel für „vorbei“.
Damit liefert er unfreiwillig eine ziemlich gute Erklärung dafür, warum viele Künstler und Konzertbesucher genau jene Trennung bevorzugen, die Hetfield verteidigt.
Es geht nicht darum, Musikern politische Meinungen zu verbieten.
Es geht darum, ob eine Bühne zur Musik oder zur politischen Missionierung genutzt wird.
Und es geht noch um etwas Grundsätzlicheres: Wer öffentlich über Empathie, Menschlichkeit und Gerechtigkeit spricht, kann nicht gleichzeitig so tun, als sei die Forderung nach dem Ende des jüdischen Staates lediglich eine besonders leidenschaftliche Form von „Israelkritik“.
Kritik will einen Staat verändern.
Waters’ Satz will ihn verschwinden sehen.
Autor: Redaktion
Artikel veröffentlicht am: Freitag, 16. Oktober 2026