BDS: Boykottkampagne gegen Israel

BDS steht für „Boycott, Divestment and Sanctions“ und bezeichnet eine internationale Kampagne, die Israel wirtschaftlich, kulturell, akademisch und politisch isolieren will.

BDS steht für „Boycott, Divestment and Sanctions“, auf Deutsch Boykott, Desinvestitionen und Sanktionen. Gemeint ist eine internationale Kampagne, die Israel wirtschaftlich, kulturell, wissenschaftlich, akademisch und politisch unter Druck setzen will. Ihre Unterstützer rufen dazu auf, israelische Waren nicht zu kaufen, Kooperationen mit israelischen Hochschulen, Künstlern, Firmen oder Institutionen zu beenden und Staaten sowie internationale Organisationen zu Sanktionen gegen Israel zu bewegen.

Die Kampagne entstand im Umfeld palästinensischer Organisationen und wurde 2005 mit einem internationalen Aufruf bekannt. Seitdem tritt BDS in sehr unterschiedlichen Formen auf: als Boykottaufruf gegen Waren aus Israel, als Druck auf Universitäten, keine Partnerschaften mit israelischen Einrichtungen zu pflegen, als Kampagne gegen Auftritte israelischer Künstler, als Forderung an Unternehmen, Investitionen in Israel oder in israelbezogene Projekte zu beenden, oder als politischer Druck auf Parlamente, Kommunen und öffentliche Einrichtungen.

Befürworter beschreiben BDS als gewaltfreie Menschenrechtskampagne. Sie verweisen auf die Lage der Palästinenser, auf den Konflikt um Gaza, auf Judäa und Samaria, auf Siedlungsfragen, auf Menschenrechte und auf das Völkerrecht. In dieser Selbstdarstellung erscheint BDS als politisches Mittel, um Israel zu einer Änderung seiner Politik zu zwingen.

Kritiker widersprechen dieser Darstellung deutlich. Sie sehen in BDS nicht nur Kritik an einzelnen Entscheidungen israelischer Regierungen, sondern eine Kampagne, die Israel als Staat insgesamt isolieren und moralisch ächten soll. Der entscheidende Punkt ist dabei nicht, dass israelische Politik kritisiert wird. Kritik an Regierungen, Gesetzen, Militäreinsätzen oder politischen Parteien ist legitim und gehört zur demokratischen Debatte. Problematisch wird BDS nach Ansicht vieler Kritiker dort, wo Israel als einziger Staat weltweit auf diese Weise herausgegriffen, zum Sonderfall erklärt und mit umfassendem Boykott belegt wird.

Besonders schwer wiegt der Vorwurf, dass BDS häufig nicht zwischen israelischer Regierungspolitik und der Existenz Israels als jüdischem Staat unterscheidet. In Teilen der Bewegung wird Israel nicht als demokratischer Staat mit umstrittener Politik behandelt, sondern als grundsätzlich illegitimes Projekt. Damit rückt BDS aus Sicht vieler Beobachter in die Nähe eines israelbezogenen Antisemitismus, der jüdische Selbstbestimmung nicht als legitimes Recht anerkennt.

Der Deutsche Bundestag verurteilte die BDS Bewegung am 17. Mai 2019 in einem gemeinsamen Antrag von CDU/CSU, SPD, FDP und Bündnis 90/Die Grünen. Der Beschluss trug den Titel „Der BDS Bewegung entschlossen entgegentreten, Antisemitismus bekämpfen“. Darin heißt es, Argumentationsmuster und Methoden der BDS Bewegung seien antisemitisch. Der Bundestag stellte außerdem fest, dass Aufrufe, israelische Künstler nicht auftreten zu lassen oder Waren aus Israel zu kennzeichnen, an die dunkelsten Kapitel deutscher Geschichte erinnerten. Der Beschluss war politisch bedeutsam, auch wenn er kein Gesetz ist. Er machte deutlich, dass große Teile des deutschen Parlaments BDS nicht als gewöhnliche Protestform betrachten, sondern als Gefahr für jüdisches Leben und für das Existenzrecht Israels.

Auch die Anti-Defamation League bewertet BDS kritisch. Nach ihrer Einschätzung zielt die Kampagne nicht nur auf politischen Druck, sondern auf die Delegitimierung Israels durch diplomatische, finanzielle, akademische, berufliche und kulturelle Isolierung. Besonders problematisch ist aus dieser Sicht, dass BDS nicht selten auch jüdische Menschen außerhalb Israels trifft, wenn sie Israel unterstützen oder sich zum Existenzrecht des jüdischen Staates bekennen.

Für die Einordnung von BDS spielt die IHRA Arbeitsdefinition von Antisemitismus eine wichtige Rolle. Die International Holocaust Remembrance Alliance beschreibt Antisemitismus als bestimmte Wahrnehmung von Juden, die sich als Hass gegen Juden ausdrücken kann. Zu den erläuternden Beispielen gehört auch israelbezogener Antisemitismus, etwa wenn dem jüdischen Volk das Recht auf Selbstbestimmung abgesprochen wird, indem behauptet wird, die Existenz Israels sei ein rassistisches Unterfangen. Auch doppelte Standards gegenüber Israel können nach dieser Definition antisemitisch sein, wenn Israel Anforderungen ausgesetzt wird, die an keinen anderen demokratischen Staat gestellt werden.

In der öffentlichen Debatte gibt es allerdings auch abweichende Einschätzungen. Die Jerusalem Declaration on Antisemitism unterscheidet stärker zwischen Antisemitismus und bestimmten Formen der Israelkritik. Sie betont, dass Boykottaufrufe gegen Israel nicht automatisch antisemitisch sein müssen. Diese Position wird von Unterstützern häufig angeführt, um BDS gegen den Vorwurf des Antisemitismus zu verteidigen. Kritiker halten dem entgegen, dass die konkrete Praxis der BDS Bewegung in vielen Fällen eben nicht bei sachlicher Kritik stehen bleibt, sondern Israel insgesamt delegitimiert und jüdische Selbstbestimmung infrage stellt.

Die Auseinandersetzung um BDS ist deshalb nicht nur eine Debatte über Nahostpolitik. Sie berührt Grundfragen jüdischer Sicherheit, politischer Verantwortung und historischer Sensibilität. In Deutschland besitzt diese Debatte eine besondere Schwere. Boykottaufrufe gegen jüdische oder israelische Geschäfte, Künstler, Wissenschaftler und Institutionen stehen hier nicht in einem geschichtslosen Raum. Sie wecken Erinnerungen an Ausgrenzung, Stigmatisierung und wirtschaftliche Ächtung von Juden. Genau deshalb reagieren jüdische Gemeinden, israelische Vertreter und viele demokratische Parteien besonders empfindlich, wenn Boykottkampagnen gegen Israel als moralisch harmlose Form des Protests dargestellt werden.

BDS ist zugleich ein Beispiel dafür, wie sich moderne Formen des Antisemitismus verändert haben. Antisemitismus tritt heute nicht immer offen als Judenhass auf. Er kann sich als Menschenrechtsrhetorik, als Antikolonialismus oder als vermeintlich progressive Solidarität tarnen. Nicht jede scharfe Kritik an Israel ist antisemitisch. Aber wenn Israel dämonisiert wird, wenn an den jüdischen Staat andere Maßstäbe angelegt werden als an alle anderen Staaten, wenn jüdische Selbstbestimmung bestritten wird oder wenn Juden weltweit für Israels Politik verantwortlich gemacht werden, ist eine Grenze überschritten.

Für Israel bedeutet BDS mehr als einen symbolischen Angriff. Die Kampagne zielt auf Isolation. Sie will Israel aus akademischen Netzwerken, kulturellen Räumen, wirtschaftlichen Beziehungen und politischen Partnerschaften herausdrängen. Gerade weil Israel ein kleines Land ist, das auf internationale Kooperation angewiesen ist, wird Boykott dort nicht als abstrakte Meinungsäußerung wahrgenommen, sondern als Versuch, das Land aus der Gemeinschaft der Nationen zu lösen. Aus israelischer Sicht ist daran besonders problematisch, dass BDS den Kontext des Nahostkonflikts oft verkürzt. Terrorismus, Raketenangriffe, der 7. Oktober, die Rolle der Hamas, die Bedrohung durch Iran und die Sicherheitslage Israels treten in vielen BDS Darstellungen in den Hintergrund oder verschwinden ganz.

BDS bleibt daher ein politisch und gesellschaftlich hoch umstrittener Begriff. Wer ihn verwendet, sollte wissen, dass es nicht nur um Boykott als Druckmittel geht. Es geht um die Frage, ob Israel wie jeder andere Staat kritisiert wird oder ob der jüdische Staat als solcher aus der internationalen Ordnung gedrängt werden soll. Genau an dieser Stelle liegt der Kern der Kritik: BDS richtet sich in seiner Wirkung häufig nicht gegen einzelne politische Entscheidungen, sondern gegen Israel als Ganzes.

Quellen

  1. Deutscher Bundestag: Bundestag verurteilt Boykottaufrufe gegen Israel bundestag.de/webarchiv/textarchiv/2019/kw20-de-bds-642892
  2. Deutscher Bundestag: Antrag „Der BDS Bewegung entschlossen entgegentreten, Antisemitismus bekämpfen“, Bundestagsdrucksache 19/10191 dserver.bundestag.de/btd/19/101/1910191.pdf
  3. Anti-Defamation League: The Boycott, Divestment and Sanctions Campaign adl.org/resources/backgrounder/boycott-divestment-and-sanctions-campaign-bds
  4. IHRA: Working Definition of Antisemitism holocaustremembrance.com/resources/working-definition-antisemitism
  5. IHRA: Nicht rechtsverbindliche Arbeitsdefinition von Antisemitismus als PDF holocaustremembrance.com/wp-content/uploads/2024/01/IHRA-non-legally-binding-working-definition-of-antisemitism-1.pdf
  6. Bundeszentrale für politische Bildung: Antisemitismus in der BDS Kampagne bpb.de/themen/antisemitismus/dossier-antisemitismus/328693/antisemitismus-in-der-bds-kampagne/
  7. Jerusalem Declaration on Antisemitism, als abweichende Einordnung in der Debatte jerusalemdeclaration.org/

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