Netanjahu fehlen 7 Mandate, Israels Wahl wird zum Machtpoker

Netanjahu fehlen 7 Mandate, Israels Wahl wird zum Machtpoker


Die jüngsten Zahlen der israelischen Parlamentswahl verändern die Ausgangslage für die Regierungsbildung. Netanjahus Lager bleibt bei 54 Sitzen, während das Bündnis um Gadi Eisenkot auf 49 Mandate zulegt. Die arabischen Parteien kommen auf 17 Sitze und könnten den Ausschlag geben.

Netanjahu fehlen 7 Mandate, Israels Wahl wird zum Machtpoker
Bildnachweis: Symbolbild / KI

IsraelIsrael: Der jüdische Staat im Herzen des Nahen OstensIsrael ist ein demokratischer Staat im Nahen Osten und der Nationalstaat des jüdischen Volkes. Er wurde am 14. Mai 1948 gegründet, seine Hauptstadt ist Jerusalem, die Knesset hat 120 Abgeordnete. Zum Unabhängigkeitstag 2026 hatte Israel rund 10,244 Millionen Einwohner.Mehr lesen hat gewählt, doch die Entscheidung über die künftige Regierung ist weiterhin offen. Nach der Parlamentswahl vom 27. Oktober zeichnet sich ein schwieriges Kräfteverhältnis ab, das sowohl Ministerpräsident Benjamin Netanjahu als auch seinen wichtigsten Herausforderer Gadi Eisenkot vor erhebliche Probleme stellt. Während Netanjahus Likud-Partei ihre Stellung als stärkste Einzelpartei behauptet, fehlt seinem politischen Lager die notwendige Mehrheit in der Knesset. Gleichzeitig könnten die arabischen Parteien mit ihren Mandaten entscheidenden Einfluss auf die Regierungsbildung erhalten.

Nach dem am Mittwochmittag vom israelischen Nachrichtensender N12 veröffentlichten Auszählungsstand waren rund 77 Prozent der Stimmen erfasst. Dabei wurden 4.421.561 Wählerstimmen berücksichtigt. Auf Grundlage dieser Stimmen ergibt sich eine vorläufige Verteilung von 54 Mandaten für Netanjahus bisheriges politisches Lager, 49 Sitzen für das Veränderungslager um Eisenkot und 17 Mandaten für die beiden arabischen Parteien beziehungsweise Wahlbündnisse.

Damit fehlen Netanjahu sieben Sitze zur absoluten Mehrheit von 61 Mandaten. Eisenkot wiederum benötigt zwölf weitere Abgeordnete, um mit seinem eigenen Lager eine Mehrheit zu erreichen. Gemeinsam mit den arabischen Parteien käme sein Lager rechnerisch auf 66 Sitze. Ob sich daraus tatsächlich eine Regierung bilden ließe, ist allerdings eine völlig andere Frage.

Die Entwicklung der Auszählung zeigt, wie stark sich die politischen Kräfteverhältnisse innerhalb weniger Stunden verändern können. Am Mittwochvormittag hatten zwischenzeitliche Berechnungen Netanjahus Lager bereits 56 Sitze zugerechnet, während das Veränderungslager auf 48 und die arabischen Parteien auf 16 Mandate kamen. Später fiel Netanjahus Bündnis auf 54 Sitze zurück. Bei 76,8 Prozent ausgezählter Wahlurnen wurden Eisenkots Lager sogar nur 47 und den arabischen Parteien 19 Mandate zugerechnet.

Die neueren Zahlen von N12 zeigen nun eine erneute Verschiebung: Eisenkots Lager verbessert sich auf 49 Sitze, während die arabischen Parteien auf 17 Mandate zurückfallen. Netanjahus Bündnis verharrt bei 54 Sitzen. Damit ist der Abstand zwischen den beiden großen politischen Lagern auf fünf Mandate geschrumpft.

Besonders wichtig ist dabei, dass es sich weiterhin um vorläufige Mandatsberechnungen handelt. Das endgültige Wahlergebnis steht noch aus, und die ausstehenden Stimmen können die Verteilung erneut verändern.

Likud bleibt stärkste Partei, aber Netanjahu fehlt der Weg zur Mehrheit

Nach der aktuellen N12-Berechnung erreicht der Likud unter Benjamin Netanjahu 27 Mandate. Damit liegt die Partei vor Yashar, der Partei seines Herausforderers Gadi Eisenkot, die auf 22 Sitze kommt. Das Bündnis B'Yachad von Naftali Bennett und Yair Lapid erreicht 12 Mandate.

Die Gemeinsame Liste kommt auf 11 Sitze, die Demokraten auf 8 und Israel Beiteinu auf 7 Mandate. Im bisherigen Regierungslager erreichen Vereinigtes Tora-Judentum, Schas und Otzma Yehudit jeweils 7 Mandate. Das Bündnis aus Religiösem ZionismusZionismus: Das Recht der Juden auf SelbstbestimmungZionismus bezeichnet die jüdische Nationalbewegung, die für die Rückkehr des jüdischen Volkes in seine historische Heimat und für jüdische Selbstbestimmung im Land Israel eintrat. Der moderne Zionismus entstand im 19. Jahrhundert als Antwort auf Antisemitismus, Verfolgung und Entrechtung.Mehr lesen und Zehut kommt auf 6 Sitze. Die arabische Partei Ra'am unter Mansour Abbas erreicht ebenfalls 6 Mandate.

Damit stehen Netanjahu zwar mehrere politische Partner zur Verfügung, mit denen er bereits zusammengearbeitet hat. Gemeinsam erreichen sie nach diesem Auszählungsstand jedoch lediglich 54 der insgesamt 120 Sitze. Die bisherige Regierungsmehrheit wäre damit verloren.

Netanjahu selbst hatte bereits in der Wahlnacht deutlich gemacht, dass er eine nationale Rechtsregierung bilden will. Vor seinen Anhängern in JerusalemJerusalem: Hauptstadt Israels und Herz jüdischer GeschichteJerusalem ist die Hauptstadt Israels und die größte Stadt des Landes. Für Juden ist sie seit Jahrtausenden religiöser und historischer Mittelpunkt. Zugleich ist Jerusalem auch für Christen und Muslime heilig und steht im Zentrum politischer Streitfragen.Mehr lesen verwies er auf die sicherheitspolitischen Herausforderungen des Landes und die militärischen Erfolge der vergangenen Jahre. Insbesondere die Auseinandersetzung mit dem Iran und die Zusammenarbeit mit US-Präsident Donald Trump standen im Mittelpunkt seiner Rede.

Der Ministerpräsident setzt damit weiter auf seine sicherheitspolitische Erfahrung. Israel hat seit dem Massaker der Terrororganisation HamasHamas: Terrororganisation aus GazaHamas ist eine islamistische palästinensische Terrororganisation. Sie entstand 1987 aus dem Umfeld der Muslimbruderschaft, lehnt Israels Existenz ab und wird von Israel, den USA, der EU und weiteren Staaten als Terrororganisation eingestuft.Mehr lesen vom 7. Oktober 20237. Oktober 2023: Das Hamas-Massaker, das Israel veränderteDer 7. Oktober 2023 war der Tag des Hamas-Massakers in Israel. Terroristen aus Gaza ermordeten etwa 1.200 Menschen, vor allem Zivilisten, und verschleppten mehr als 240 Geiseln in den Gazastreifen.Mehr lesen mehrere schwere Kriege und militärische Auseinandersetzungen erlebt. Die Bedrohung durch den Iran und die Terrororganisation HisbollahHisbollah: Irans Terrorarmee im LibanonDie Hisbollah ist eine schiitisch islamistische Organisation im Libanon. Sie wurde in den frühen 1980er Jahren mit Unterstützung des Iran aufgebaut, verfügt über eine politische und militärische Struktur und wird von den USA, Israel und weiteren Staaten als Terrororganisation eingestuft.Mehr lesen sowie die Sicherheitslage im GazastreifenPalästina: Geschichte, Bedeutung und politischer Streit um einen aufgeladenen BegriffPalästina bezeichnet historisch eine Region im südlichen Levantegebiet und politisch heute vor allem den Anspruch auf palästinensische Staatlichkeit. Der Begriff ist eng mit jüdischer Geschichte, dem britischen Mandat, Israel und dem Nahostkonflikt verbunden.Mehr lesen prägen die politischen Entscheidungen des Landes bis heute.

Gerade unter diesen Bedingungen betrachtet Netanjahu eine Regierung, die auf die Unterstützung arabischer Parteien angewiesen wäre, als sicherheitspolitisches Risiko. Er lehnt insbesondere eine Zusammenarbeit ab, bei der Parteien, die grundlegende Positionen seiner Regierung zur nationalen Sicherheit nicht teilen, über die Stabilität einer Koalition entscheiden könnten.

Seine politischen Gegner bewerten die Lage anders. Sie werfen ihm vor, durch seine langjährige Regierungsführung zur gesellschaftlichen Spaltung beigetragen zu haben, und verweisen auf die Sicherheitsversäumnisse vor dem 7. Oktober. Für sie steht deshalb nicht allein die Frage einer neuen Koalition im Mittelpunkt, sondern ein grundlegender politischer Führungswechsel.

Das Problem für beide Seiten bleibt jedoch dasselbe: Die Wahl hat bislang keine eindeutige parlamentarische Mehrheit hervorgebracht.

Arabische Parteien werden zum entscheidenden Verhandlungspartner

Mit zusammen 17 Mandaten könnten die Gemeinsame Liste und Ra'am bei der Regierungsbildung erheblichen Einfluss gewinnen. Das bedeutet allerdings nicht, dass beide Parteien automatisch Teil einer von Eisenkot geführten Regierung werden könnten oder wollten.

Die politischen Unterschiede sind erheblich. Die Gemeinsame Liste vereint verschiedene arabische politische Strömungen, deren Positionen insbesondere in Fragen der nationalen Sicherheit, der palästinensischen Politik und des jüdischen Staatscharakters Israels deutlich von denen vieler zionistischer Parteien abweichen.

Ra'am unter Mansour Abbas verfolgt dagegen seit Jahren einen pragmatischeren Kurs. Die Partei war bereits an der parlamentarischen Unterstützung einer israelischen Regierung beteiligt und hat damit gezeigt, dass eine Zusammenarbeit zwischen arabischen und jüdischen Parteien grundsätzlich möglich ist.

Eine solche Zusammenarbeit setzt allerdings politische Vereinbarungen voraus. Gerade in den zentralen Fragen der nationalen Sicherheit bestehen zwischen den möglichen Partnern erhebliche Unterschiede.

Eisenkot selbst hatte Bedingungen für eine mögliche Kooperation mit arabischen Parteien formuliert. Dazu zählen die Anerkennung IsraelsExistenzrecht Israels: Das Recht des jüdischen Staates auf SicherheitDas Existenzrecht Israels bezeichnet das Recht des jüdischen Staates, als souveräner Staat sicher und anerkannt zu bestehen. Wer Israel dieses Recht abspricht, kritisiert nicht nur eine Regierung, sondern stellt jüdische Selbstbestimmung grundsätzlich infrage.Mehr lesen als jüdischer und demokratischer Staat sowie eine eindeutige Haltung gegenüber der Terrororganisation Hamas. Ob sämtliche für eine Mehrheit benötigten Abgeordneten diese Bedingungen akzeptieren würden, ist offen.

Der ehemalige Generalstabschef steht damit vor einem politischen Widerspruch: Einerseits könnte er mit Unterstützung arabischer Abgeordneter eine rechnerische Mehrheit gegen Netanjahu erreichen. Andererseits müsste er bei einer solchen Konstruktion sicherstellen, dass die Regierung gerade in sicherheitspolitischen Fragen handlungsfähig bleibt.

Hinzu kommen Unterschiede innerhalb seines eigenen Lagers. Politiker wie Naftali Bennett oder Avigdor Lieberman vertreten sicherheitspolitische Positionen, die sich erheblich von denen der Gemeinsamen Liste unterscheiden. Eine Koalition, die diese unterschiedlichen Kräfte vereinen soll, müsste deshalb weit mehr leisten als lediglich die Ablösung Netanjahus.

Aus den Reihen der arabischen Parteien ist bereits Druck auf das Veränderungslager zu vernehmen. Der Abgeordnete Ofer Cassif von der Gemeinsamen Liste warnte davor, durch eine Blockade der Regierungsbildung weitere Neuwahlen zu ermöglichen. Dies käme seiner Einschätzung nach Netanjahu zugute.

Die politische Bedeutung der arabischen Parteien liegt damit nicht ausschließlich in einer möglichen direkten Regierungsbeteiligung. Auch eine parlamentarische Unterstützung von außen könnte entscheidend werden. Eine Regierung könnte beispielsweise versuchen, bei bestimmten Abstimmungen auf zusätzliche Stimmen zurückzugreifen, ohne dass die betreffenden Parteien selbst Minister stellen.

Allerdings wäre eine solche Konstruktion angesichts der schwierigen sicherheitspolitischen Lage Israels mit erheblichen Herausforderungen verbunden. Eine Regierung, die bei wichtigen Entscheidungen auf wechselnde parlamentarische Mehrheiten angewiesen ist, könnte schnell unter Druck geraten.

Die Auszählung ist noch nicht abgeschlossen

Eine zusätzliche Unsicherheit ergibt sich aus den Stimmen, die in einem gesonderten Verfahren ausgezählt werden. Dazu gehören insbesondere die Stimmzettel von Soldaten und ReservistenReservisten: Israels Bürger in UniformReservisten sind frühere Soldaten, die nach ihrem aktiven Dienst weiter für Einsätze, Übungen oder Kriegsfälle bereitstehen. In Israel heißen sie im Alltag oft Miluim und sind für die Verteidigungsfähigkeit des Landes besonders wichtig.Mehr lesen der israelischen Streitkräfte.

Nach Angaben der Armee lag die Wahlbeteiligung unter den Soldaten bei 79,9 Prozent. Gegenüber der Wahl von 2022 entspricht das einem Anstieg um 6,2 Prozentpunkte. Die Abstimmung wurde an zahlreichen Militärstandorten organisiert, darunter auch an israelischen Stellungen außerhalb des eigentlichen Staatsgebiets.

Die Stimmen werden gemeinsam mit weiteren Sonderstimmen ausgezählt. Dazu gehören unter anderem Stimmzettel von Patienten, medizinischem Personal, Gefangenen und israelischen Vertretern im Ausland.

Diese Auszählung ist besonders wichtig, weil selbst geringe Veränderungen des Stimmenanteils einzelner Parteien die Sitzverteilung beeinflussen können. In Israel gilt eine Sperrklausel von 3,25 Prozent. Parteien, die diese Schwelle knapp erreichen oder verfehlen, können dadurch erhebliche Verschiebungen bei der Mandatsverteilung auslösen.

Die Wahlbeteiligung lag insgesamt bei 77,7 Prozent und erreichte damit den höchsten Stand seit 1999. Das große Interesse der Wahlberechtigten unterstreicht die Bedeutung dieser Entscheidung für die israelische Gesellschaft.

Auch die Finanzmärkte reagierten am Mittwoch auf den unklaren Ausgang. Der israelische Schekel verlor zeitweise gegenüber dem US-Dollar an Wert. Die Unsicherheit über die Bildung einer stabilen Regierung wurde von Marktbeobachtern als Belastungsfaktor eingeordnet.

Eine zusätzliche politische Auseinandersetzung zeichnet sich bereits innerhalb der künftigen Knesset ab. Nach einem Bericht von N12 werden im Veränderungslager Überlegungen angestellt, den bisherigen Knessetpräsidenten Amir Ohana abzulösen. Als mögliche Nachfolger wurden unter anderem Oded Forer und Elazar Stern genannt. Eine endgültige Vereinbarung über einen solchen Schritt liegt allerdings nicht vor.

Diese Diskussion zeigt, dass sich die politischen Lager bereits auf die parlamentarischen Auseinandersetzungen nach der Wahl vorbereiten. Die Wahl des Knessetpräsidenten könnte zu einem frühen Test dafür werden, ob sich eine Mehrheit gegen Netanjahus bisherige Regierungskoalition organisieren lässt.

Nach Abschluss der Auszählung liegt der nächste entscheidende Schritt bei Staatspräsident Isaac Herzog. Er wird die gewählten Fraktionen konsultieren und anschließend einem Abgeordneten den Auftrag zur Regierungsbildung erteilen. Dabei ist nicht automatisch der Vorsitzende der stärksten Partei entscheidend. Ausschlaggebend ist vielmehr, wer die besten Aussichten besitzt, eine parlamentarisch tragfähige Regierung zusammenzustellen.

Für Netanjahu bedeutet das gegenwärtige Ergebnis eine schwierige Ausgangslage. Seine Partei behauptet sich zwar deutlich an der Spitze, doch seine bisherigen politischen Partner reichen für eine Mehrheit nicht aus. Eisenkot dagegen könnte rechnerisch mit Unterstützung der arabischen Parteien eine Mehrheit erreichen, müsste dafür aber erhebliche politische Gegensätze überwinden.

Israel steht damit vor Koalitionsverhandlungen, deren Ausgang noch nicht absehbar ist. Die nächsten Schritte hängen zunächst von der vollständigen Auszählung ab. Danach wird sich zeigen, ob Netanjahu zusätzliche Unterstützung gewinnen kann, Eisenkot eine parlamentarische Mehrheit organisiert oder das Land vor einer längeren Phase politischer Unsicherheit steht.



Autor: Redaktion

Artikel veröffentlicht am: Mittwoch, 28. Oktober 2026

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