Israel warnt vor F-35 für Erdogans Türkei
Mit Irans Schwächung rückt Ankara in Jerusalems Blick. Netanyahu kämpft in Washington gegen mögliche F-35 für Erdogan, weil Israel eine neue Machtverschiebung im Nahen Osten fürchtet.

Bildnachweis: The White House from Washington, DC
IsraelIsrael: Der jüdische Staat im Herzen des Nahen OstensIsrael ist ein demokratischer Staat im Nahen Osten und der Nationalstaat des jüdischen Volkes. Er wurde am 14. Mai 1948 gegründet, seine Hauptstadt ist Jerusalem, die Knesset hat 120 Abgeordnete. Zum Unabhängigkeitstag 2026 hatte Israel rund 10,244 Millionen Einwohner.Mehr lesen richtet seinen Blick zunehmend auf die Türkei. Während Iran durch amerikanische und israelische Schläge, innere Unruhe und den Verlust regionaler Handlungsfähigkeit an Stärke verliert, wächst in JerusalemJerusalem: Hauptstadt Israels und Herz jüdischer GeschichteJerusalem ist die Hauptstadt Israels und die größte Stadt des Landes. Für Juden ist sie seit Jahrtausenden religiöser und historischer Mittelpunkt. Zugleich ist Jerusalem auch für Christen und Muslime heilig und steht im Zentrum politischer Streitfragen.Mehr lesen die Sorge vor einem neuen strategischen Rivalen. Die Türkei unter Recep Tayyip Erdogan versucht, genau in jene Lücke zu stoßen, die ein geschwächter Iran hinterlässt. Deshalb führt Benjamin Netanyahu in den Vereinigten Staaten nun eine öffentliche Kampagne gegen einen möglichen Verkauf amerikanischer F-35 Kampfjets an Ankara. Für Israel geht es dabei nicht um ein einzelnes Rüstungsgeschäft. Es geht um das Machtgleichgewicht der kommenden Jahre.
Der israelische Ministerpräsident sagte in einem Interview, Geschichte lehre, dass beim Niedergang einer regionalen Macht eine andere aufsteige. Israels Aufgabe sei es, schneller aufzusteigen als alle anderen. Genau so muss man Netanyahus Warnung vor der Türkei verstehen. Iran ist geschwächt, aber nicht verschwunden. Doch Ankara baut längst an der nächsten regionalen Ordnung: Einfluss in Syrien, eine wachsende eigene Rüstungsindustrie, moderne Drohnen, Marineprojekte, eigene Kampfflugzeugpläne und der Versuch, auch in GazaPalästina: Geschichte, Bedeutung und politischer Streit um einen aufgeladenen BegriffPalästina bezeichnet historisch eine Region im südlichen Levantegebiet und politisch heute vor allem den Anspruch auf palästinensische Staatlichkeit. Der Begriff ist eng mit jüdischer Geschichte, dem britischen Mandat, Israel und dem Nahostkonflikt verbunden.Mehr lesen eine Rolle zu spielen. Aus Jerusalemer Sicht entsteht daraus keine Randbedrohung, sondern ein neues strategisches Zentrum.
Netanyahu warnte bei CNN, Erdogans Türkei habe aggressive Ambitionen, sei keine Kraft für Frieden und Sicherheit und F-35 in türkischer Hand würden das Machtgleichgewicht in der Region zerstören. Auch gegenüber Fox News sprach er sich gegen F-35 und gegen Triebwerke für türkische Kampfflugzeuge aus, weil Israels qualitative militärische Überlegenheit vor allem auf seiner Luftüberlegenheit beruhe. Genau daran rührt der mögliche Verkauf.
Die Sorge ist nicht aus der Luft gegriffen. Erdogan stellt sich seit Jahren offen gegen Israel, nutzt eine scharfe antiisraelische Sprache und präsentiert die Türkei als Schutzmacht islamischer Interessen. Gleichzeitig ist die Türkei Mitglied der NATO, militärisch stark, geographisch entscheidend und für Washington nicht einfach ersetzbar. Genau diese Mischung macht Ankara aus israelischer Sicht gefährlich: ideologisch feindselig, strategisch ehrgeizig, militärisch fähig und zugleich in westliche Strukturen eingebunden.
Der frühere israelische Sicherheitsberater Giora Eiland brachte die Sorge auf eine Formel. Iran habe versucht, Israel mit einem schiitischen Feuerring zu umgeben. Die Türkei scheine nun auf einen sunnitischen Feuerring hinzuarbeiten. Diese Warnung trifft den Kern. HisbollahHisbollah: Irans Terrorarmee im LibanonDie Hisbollah ist eine schiitisch islamistische Organisation im Libanon. Sie wurde in den frühen 1980er Jahren mit Unterstützung des Iran aufgebaut, verfügt über eine politische und militärische Struktur und wird von den USA, Israel und weiteren Staaten als Terrororganisation eingestuft.Mehr lesen, HamasHamas: Terrororganisation aus GazaHamas ist eine islamistische palästinensische Terrororganisation. Sie entstand 1987 aus dem Umfeld der Muslimbruderschaft, lehnt Israels Existenz ab und wird von Israel, den USA, der EU und weiteren Staaten als Terrororganisation eingestuft.Mehr lesen, HouthisHuthi: Terrororganisation des Iran-Netzwerks im JemenDie Huthi, auch Ansar Allah genannt, sind eine schiitisch-islamistische Terrororganisation aus dem Jemen. Sie kontrollieren große Teile des Nordwestens, werden vom Iran unterstützt und bedrohen Israel sowie die internationale Schifffahrt im Roten Meer.Mehr lesen und schiitische MilizenSchiitenmilizen: Irans bewaffnete Netzwerke im Nahen OstenSchiitenmilizen sind bewaffnete Gruppen mit schiitischem Hintergrund, die besonders im Irak und in Syrien aktiv sind. Viele von ihnen werden vom Iran unterstützt, ausgebildet oder politisch beeinflusst und gehören zum regionalen Netzwerk der Quds-Einheit und der Revolutionsgarden.Mehr lesen waren über Jahre Teherans Druckmittel gegen Israel. Wenn Ankara in Syrien, Gaza, im östlichen Mittelmeer und über islamistische Netzwerke eigenen Einfluss aufbaut, entsteht eine andere, aber ebenfalls gefährliche Umklammerung.
Donald Trump sieht Erdogan offenbar freundlicher. Beim NATO Gipfel in Ankara lobte er den türkischen Präsidenten als außergewöhnlichen Führer und stellte die Möglichkeit eines F-35 Geschäfts wieder in den Raum. Später klang er vorsichtiger und sagte, eine endgültige Entscheidung sei noch nicht gefallen. Reuters berichtete zudem, dass US Verteidigungsminister Pete Hegseth ein geplantes Treffen mit Netanyahu abgesagt habe, bei dem es auch um israelische Sorgen wegen eines möglichen F-35 Verkaufs an die Türkei gehen sollte.
Für Netanyahu ist das ein ungewöhnlicher Moment. Er stellt sich öffentlich gegen eine politische Linie Trumps, obwohl er den amerikanischen Präsidenten sonst als zentralen Verbündeten behandelt. Das zeigt, wie ernst Jerusalem die Lage nimmt. Der Streit um F-35 für die Türkei ist für Israel kein Nebenschauplatz, sondern eine Frage der regionalen Überlebensordnung. Israel kann mit Spannungen umgehen. Es kann mit schwierigen Nachbarn umgehen. Aber es kann nicht akzeptieren, dass ein offen feindseliger und machtbewusster Erdogan mit modernster amerikanischer Tarnkappentechnik ausgestattet wird.
Noch kommt hinzu, dass die Türkei wegen des Kaufs russischer S-400 Luftabwehrsysteme bereits aus dem F-35 Programm ausgeschlossen wurde. In Washington gibt es weiterhin rechtliche und politische Hürden für eine Rückkehr Ankaras in dieses Programm. Genau deshalb versucht Netanyahu, den Widerstand jetzt zu verstärken, solange die Entscheidung noch nicht gefallen ist. Es geht nicht darum, einen fertigen Vertrag zu stoppen, sondern eine gefährliche Richtung rechtzeitig zu blockieren.
Israel steht dabei nicht allein. Griechenland, Zypern und Armenier sehen die Türkei ebenfalls mit großer Sorge, wenn auch aus anderen Gründen. Griechenland blickt auf türkische Drohungen, Luftraumverletzungen und Streit im Ägäischen Meer. Zypern lebt bis heute mit der türkischen Besetzung des Nordteils der Insel. Armenier erinnern an den Völkermord und an Ankaras anhaltende Weigerung, historische Verantwortung zu übernehmen. Für all diese Gruppen ist ein militärisch stärkerer Erdogan keine beruhigende Vorstellung.
Diese Überschneidung ist für Jerusalem wichtig. Früher versuchte Israel in Washington oft allein, amerikanische Entscheidungen zu beeinflussen. Diesmal kann ein breiteres Bündnis entstehen: israelische, griechische, zypriotische und armenische Interessen treffen sich im Widerstand gegen eine Aufrüstung der Türkei. Genau in diesem Zusammenhang bekommt auch Israels jüngste Anerkennung des Völkermords an den Armeniern eine zusätzliche Bedeutung. Sie war moralisch längst überfällig, aber sie hat zugleich eine politische Wirkung in Washington. Israel stellt sich damit an die Seite einer einflussreichen armenisch amerikanischen Gemeinschaft, die seit Jahrzehnten gegen eine Stärkung der Türkei kämpft.
Man muss es nüchtern sagen: Netanyahu nutzt hier nicht nur historische Erinnerung. Er nutzt politische Realitäten. Diplomatie besteht nicht nur aus Reden zwischen Regierungen, sondern auch aus Bündnissen, Gruppen, Mehrheiten und Druck in Parlamenten. Wenn Erdogan glaubt, Einwände Israels, Griechenlands oder anderer Staaten hätten in seiner Welt keinen Platz, dann zeigt genau diese Arroganz, warum solche Einwände in Washington umso lauter werden müssen.
Die eigentliche Frage reicht aber über F-35 hinaus. Wenn Iran tatsächlich an regionalem Gewicht verliert, entsteht eine neue Ordnung im Nahen Osten. Wer füllt den Raum? Saudi Arabien? Die Vereinigten Arabischen Emirate? Israel? Die Türkei? Oder ein gefährliches Gemisch aus allen? Für Israel wäre eine Türkei, die in Syrien Fuß fasst, Gaza beeinflussen will, eigene Waffenproduktion ausbaut und zugleich amerikanische F-35 erhält, ein strategischer Albtraum.
Das heißt nicht, dass Ankara morgen Teheran ersetzt. Die Türkei ist kein Iran. Sie ist kein schiitisches Revolutionsregime, sondern ein sunnitisch geprägter Machtstaat mit NATO Mitgliedschaft, imperialer Erinnerung, islamistischer Innenpolitik und großem regionalem Ehrgeiz. Gerade diese andere Form macht sie gefährlich. Iran bedroht Israel offen als Feind. Die Türkei kann gleichzeitig Partner des Westens, Gegner Israels und Ordnungsmacht in der Region spielen. Das ist komplizierter, aber nicht weniger ernst.
Israel muss deshalb mehr tun als warnen. Giora Eiland hat recht: Klagen ist kein Arbeitsplan. Jerusalem braucht Partner, klare rote Linien, starke Präsenz in Washington und eine langfristige Strategie für die östliche Mittelmeerregion. Die Zusammenarbeit mit Griechenland und Zypern, die Nähe zu armenisch amerikanischen Organisationen und der Widerstand gegen F-35 für Ankara sind Bausteine. Aber sie reichen nicht aus, wenn die Türkei tatsächlich zum entscheidenden strategischen Gegner des nächsten Jahrzehnts wird.
Für Israel bleibt die wichtigste Lehre klar. Luftüberlegenheit ist kein Luxus. Sie ist das Rückgrat der Abschreckung. Wer einem feindseligen Erdogan modernste amerikanische Tarnkappenflugzeuge liefert, schwächt nicht nur Israel. Er verändert die gesamte regionale Rechnung. Und er sendet ein fatales Signal: Wer lange genug Druck macht, wer mit Moskau Geschäfte macht, wer Israel bedroht und dennoch NATO Partner bleibt, bekommt am Ende doch Zugang zur modernsten westlichen Technik.
Das darf nicht geschehen.
Iran bleibt gefährlich. Seine Stellvertreter sind nicht verschwunden. Sein Regime ist nicht gefallen. Doch die strategische Landkarte verschiebt sich. Und auf dieser Karte wird die Türkei für Israel zu einem Problem, das nicht erst beginnt, wenn die ersten F-35 in Ankara landen. Es beginnt jetzt, mit der Frage, ob Washington Erdogan die Mittel gibt, den neuen Nahen Osten zu seinen Gunsten zu formen.
Autor: Redaktion
Artikel veröffentlicht am: Freitag, 10. Juli 2026