Judenhass in Tschechien explodiert, Europarat bestätigt alarmierende Entwicklung
Von 874 auf 4.694 registrierte antisemitische Vorfälle innerhalb von vier Jahren: Selbst das traditionell israelfreundliche Tschechien bleibt von der europäischen Welle des Judenhasses nicht verschont. Ein neuer Bericht des Europarats zeigt, wie sehr sich die Lage seit dem Hamas-Massaker verändert hat.

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Tschechien gehört seit Jahrzehnten zu den verlässlichsten europäischen Partnern Israels. Seine politische Führung hat wiederholt Solidarität mit dem jüdischen Staat gezeigt und sich gegen AntisemitismusAntisemitismus: Judenhass in alten und neuen FormenAntisemitismus bezeichnet Judenhass und Feindschaft gegen Juden. Er reicht von Vorurteilen und Verschwörungserzählungen bis zu Ausgrenzung, Bedrohung und Gewalt.Mehr lesen positioniert. Doch selbst in diesem vergleichsweise israelfreundlichen Umfeld hat die Judenfeindlichkeit dramatisch zugenommen. Die Europäische Kommission gegen Rassismus und Intoleranz (ECRI) des Europarats bestätigt in einem am 27. Oktober 2026 veröffentlichten Bericht eine besorgniserregende Entwicklung: Zwischen 2020 und 2024 stieg die Zahl der dokumentierten antisemitischen Vorfälle von 874 auf 4.694. Das entspricht einem Zuwachs von rund 437 Prozent.
Die Zahlen stammen vom Verband der jüdischen Gemeinden in Tschechien und waren bereits im November 2025 veröffentlicht worden. haOlam.de berichtete damals über den Anstieg und darüber, dass Tschechien trotz seiner vergleichsweise klaren Haltung an der Seite Israels zunehmend mit antisemitischen Anfeindungen konfrontiert ist. Neu ist nun, dass die unabhängige Menschenrechtskommission des Europarats die Entwicklung in ihre aktuelle Länderprüfung aufgenommen hat und ausdrücklich vor einer Zunahme judenfeindlicher HetzeVolksverhetzung: Wenn Hass strafbar wirdVolksverhetzung ist eine Straftat nach § 130 StGB. Gemeint sind unter anderem Hassaufrufe, Gewaltforderungen oder menschenwürdeverletzende Hetze gegen nationale, religiöse, ethnische oder andere geschützte Gruppen.Mehr lesen warnt.
Die Untersuchung beruht unter anderem auf einem Besuch von ECRI-Vertretern im November 2025 und einer Auswertung von Unterlagen bis März 2026. Sie betrachtet nicht ausschließlich Antisemitismus, sondern auch Rassismus, Diskriminierung und Hasskriminalität gegenüber anderen Bevölkerungsgruppen. Für die jüdische Gemeinschaft zeichnet sie ein Bild, das deutlich von der Situation zur vorherigen Länderprüfung abweicht.
Besonders auffällig ist die Entwicklung nach dem Terroranschlag der HamasHamas: Terrororganisation aus GazaHamas ist eine islamistische palästinensische Terrororganisation. Sie entstand 1987 aus dem Umfeld der Muslimbruderschaft, lehnt Israels Existenz ab und wird von Israel, den USA, der EU und weiteren Staaten als Terrororganisation eingestuft.Mehr lesen auf IsraelIsrael: Der jüdische Staat im Herzen des Nahen OstensIsrael ist ein demokratischer Staat im Nahen Osten und der Nationalstaat des jüdischen Volkes. Er wurde am 14. Mai 1948 gegründet, seine Hauptstadt ist Jerusalem, die Knesset hat 120 Abgeordnete. Zum Unabhängigkeitstag 2026 hatte Israel rund 10,244 Millionen Einwohner.Mehr lesen vom 7. Oktober 20237. Oktober 2023: Das Hamas-Massaker, das Israel veränderteDer 7. Oktober 2023 war der Tag des Hamas-Massakers in Israel. Terroristen aus Gaza ermordeten etwa 1.200 Menschen, vor allem Zivilisten, und verschleppten mehr als 240 Geiseln in den Gazastreifen.Mehr lesen. Während der Verband der jüdischen Gemeinden 2022 noch 2.277 antisemitische Vorfälle registrierte, waren es 2023 bereits 4.328. Im Jahr 2024 wurde mit 4.694 dokumentierten Fällen ein neuer Höchststand erreicht.
Der Anstieg von 2023 auf 2024 fiel mit 8,46 Prozent deutlich geringer aus als in den Vorjahren. Dennoch warnte die jüdische Gemeinschaft bei der Veröffentlichung ihrer Jahresstatistik ausdrücklich davor, darin eine Entspannung zu sehen. Nicht nur die Zahl, sondern auch die Schwere der Vorfälle habe sich nach dem 7. Oktober erheblich verändert.
Wenn der Hass auf Israel zur Bedrohung für Juden wird
Der überwiegende Teil der dokumentierten Vorfälle ereignete sich im Internet. Antisemitische Beiträge in sozialen Netzwerken, Verschwörungserzählungen und die pauschale Verantwortlichmachung jüdischer Menschen für Entscheidungen der israelischen Regierung machten einen Großteil der Fälle aus. Die Dokumentation beruht auf öffentlich zugänglichen Quellen sowie Meldungen, deren Umfang unter anderem von der Erfassungsmethode und der Meldebereitschaft abhängt. Die Zahlen lassen sich deshalb nicht unmittelbar mit polizeilichen Kriminalstatistiken gleichsetzen.
Besonders schwer wiegt, dass antisemitische Hetze nicht auf digitale Räume beschränkt blieb. Der Verband registrierte 2024 vier körperliche Angriffe auf Menschen, die als jüdisch wahrgenommen wurden. In den vier Jahren zuvor waren insgesamt nur zwei solche Angriffe dokumentiert worden. Hinzu kamen zwölf Vorfälle, bei denen jüdisches Eigentum, Friedhöfe, Gedenkstätten oder andere Einrichtungen angegriffen oder beschädigt wurden.
Auch die gezielt gegen jüdische Personen, Einrichtungen oder Eigentum gerichteten Vorfälle nahmen deutlich zu. Ihre Zahl stieg von 24 im Jahr 2022 auf 118 im Jahr 2024. Die zunehmende Aggressivität ist deshalb nicht allein eine Frage der Verbreitung antisemitischer Aussagen, sondern betrifft unmittelbar die Sicherheit jüdischen Lebens.
Der Vorsitzende des Verbandes jüdischer Gemeinden, Petr Papoušek, hatte bereits bei der Vorstellung der Jahreszahlen vor einer Normalisierung antisemitischer Einstellungen gewarnt. Nach seiner Einschätzung hat sich insbesondere die Dämonisierung und Delegitimierung IsraelsFrom the river to the sea: Die Parole gegen Israels Existenz„From the river to the sea“ bezeichnet das Gebiet vom Jordan bis zum Mittelmeer. In antiisraelischen Kontexten wird die Parole häufig als Forderung nach einem Palästina anstelle Israels verstanden.Mehr lesen zunehmend als gesellschaftlich akzeptierte Ausdrucksform etabliert.
Bemerkenswert ist dabei die ideologische Zusammensetzung der erfassten Vorfälle. Antisemitische Inhalte wurden nicht nur rechtsextremen Kreisen zugeordnet. Auch aus linksextremen, islamistischen und verschwörungsideologischen Milieus dokumentierten die jüdischen Gemeinden zahlreiche Fälle. Als verbindendes Element identifizierte Papoušek eine Feindseligkeit gegenüber Israel, in der sich moderne politische Erzählungen mit traditionellen antisemitischen Vorstellungen vermischen.
Das bedeutet keineswegs, dass jede Kritik an der israelischen Regierung antisemitisch wäre. Entscheidend ist vielmehr, ob Juden kollektiv verantwortlich gemacht, antisemitische Feindbilder verbreitet oder Israel mit Maßstäben angegriffen wird, die in Judenhass und der Leugnung jüdischer Selbstbestimmung münden.
Die Zahlen machen deutlich, dass der Krieg im Nahen Osten nicht allein als außenpolitisches Thema wahrgenommen wird. Jüdische Menschen in Tschechien, die weder für die israelische Regierung noch für deren Entscheidungen verantwortlich sind, werden zunehmend zum Ziel politisch und ideologisch begründeter Feindseligkeit.
Der vereitelte Anschlag auf die Synagoge in Brünn
Wie gefährlich sich die Radikalisierung entwickeln kann, zeigte ein besonders schwerer Vorfall im Januar 2024. Damals wurde versucht, einen Brandanschlag auf eine Synagoge in Brünn zu verüben. Ein improvisierter Brandsatz beziehungsweise Sprengsatz funktionierte nicht wie vorgesehen, sodass der geplante Angriff scheiterte.
Die anschließenden internationalen Ermittlungen führten zur Festnahme von fünf Jugendlichen im Alter zwischen 13 und 18 Jahren. Nach Angaben der Ermittlungsbehörden waren die Verdächtigen durch islamistische PropagandaDesinformation: Gezielte Täuschung der ÖffentlichkeitDesinformation bezeichnet bewusst verbreitete falsche oder irreführende Informationen. Ziel ist häufig, Menschen zu täuschen, Vertrauen zu zerstören, Konflikte zu verschärfen oder politische Entscheidungen zu beeinflussen.Mehr lesen im Internet radikalisiert worden und hatten sich mit der Terrororganisation Islamischer Staat beschäftigt. Gegen zwei der Beschuldigten wurden strafrechtliche Vorwürfe im Zusammenhang mit einem geplanten terroristischen Angriff auf jüdische Ziele erhoben.
Der Fall zeigt, dass antisemitische Radikalisierung nicht an nationalen Grenzen haltmacht. Ideologische Inhalte werden über internationale Netzwerke verbreitet und können auch sehr junge Menschen zu konkreten Gewalttaten bewegen.
Der Europarat verweist in seinem neuen Bericht allerdings auch auf positive Entwicklungen. Tschechien hat im Oktober 2025 eine nationale Strategie zur Bekämpfung des Antisemitismus für die Jahre 2025 bis 2030 verabschiedet. Sie soll den Schutz jüdischer Gemeinden verbessern, antisemitische Straftaten konsequenter verfolgen und die Bildungsarbeit über den HolocaustShoah: Der nationalsozialistische Mord an sechs Millionen JudenShoah ist der hebräische Begriff für die Katastrophe der Vernichtung der europäischen Juden durch das nationalsozialistische Deutschland und seine Helfer. Rund sechs Millionen Juden wurden ermordet.Mehr lesen stärken.
Dabei orientiert sich die Regierung auch an der Arbeitsdefinition des Antisemitismus der International Holocaust Remembrance Alliance (IHRA), die das tschechische Parlament bereits 2019 angenommen hatte. Diese Definition berücksichtigt ausdrücklich, dass sich Judenhass auch in bestimmten Formen der Feindseligkeit gegenüber Israel ausdrücken kann.
Weitere Fortschritte sieht die Kommission bei der Ausbildung von Polizisten und Staatsanwälten im Umgang mit Hasskriminalität sowie bei der Zusammenarbeit staatlicher Behörden mit betroffenen Minderheiten. Zugleich verlangt sie zusätzliche Maßnahmen gegen rassistische und andere menschenfeindliche Hetze, insbesondere in Schulen und sozialen Netzwerken.
Dass Tschechien seine staatlichen Schutzmaßnahmen ausbaut, unterscheidet die politische Reaktion von einer bloßen Verharmlosung des Problems. Es ändert jedoch nichts daran, dass die dokumentierten antisemitischen Vorfälle einen historischen Höchststand erreicht haben.
Die Entwicklung ist gerade deshalb bemerkenswert, weil Tschechien zu den europäischen Ländern gehört, deren politische Führung besonders deutlich an der Seite Israels steht. Nach dem Hamas-Massaker vom 7. Oktober 2023 reiste der damalige Außenminister Jan Lipavský als erster europäischer Außenminister nach Israel, um Solidarität zu demonstrieren. Auch in internationalen Gremien nahm Prag wiederholt Positionen ein, die sich von der israel-kritischen Haltung zahlreicher anderer europäischer Staaten unterschieden.
Dennoch schützt eine israelfreundliche Außenpolitik allein nicht vor antisemitischer Radikalisierung innerhalb der Gesellschaft. Die tschechischen Erfahrungen verdeutlichen, dass staatliche Solidarität mit Israel und die tatsächliche Sicherheit jüdischer Bürger unterschiedliche Herausforderungen darstellen.
Der Verband der jüdischen Gemeinden betont weiterhin, dass Tschechien im internationalen Vergleich ein vergleichsweise sicheres Land für Juden geblieben sei. Die vier registrierten körperlichen Angriffe des Jahres 2024 dürfen deshalb nicht mit der Gesamtzahl von 4.694 Vorfällen gleichgesetzt werden, von denen die große Mehrheit aus antisemitischen Veröffentlichungen im Internet bestand.
Gleichzeitig wäre es falsch, den massiven Anstieg allein wegen der vergleichsweise geringen Zahl körperlicher Übergriffe zu relativieren. Antisemitische Hetze kann ein gesellschaftliches Klima schaffen, in dem sich jüdische Menschen zunehmend bedroht fühlen und in dem einzelne Täter den Schritt von der verbalen Feindseligkeit zur Gewalt vollziehen.
Der neue Bericht des Europarats bestätigt somit eine Entwicklung, vor der die jüdischen Gemeinden seit Jahren warnen. Tschechien hat politische und rechtliche Schritte unternommen, um Antisemitismus entgegenzutreten. Doch die dokumentierten Zahlen zeigen, dass der Judenhass auch dort erheblich zugenommen hat, wo Israel politisch vergleichsweise starke Unterstützung erfährt.
Autor: Redaktion
Artikel veröffentlicht am: Samstag, 31. Oktober 2026