Juden in Großbritannien fast neunmal häufiger von religiöser Hasskriminalität betroffen

Juden in Großbritannien fast neunmal häufiger von religiöser Hasskriminalität betroffen


Neue Regierungszahlen zeigen 3.162 judenfeindliche Straftaten innerhalb eines Jahres. Gemessen an ihrer Bevölkerungszahl trifft die registrierte Hasskriminalität keine andere Religionsgemeinschaft so stark.

Juden in Großbritannien fast neunmal häufiger von religiöser Hasskriminalität betroffen
Bildnachweis: Symbolbild / KI

Drei Jahre nach dem HamasHamas: Terrororganisation aus GazaHamas ist eine islamistische palästinensische Terrororganisation. Sie entstand 1987 aus dem Umfeld der Muslimbruderschaft, lehnt Israels Existenz ab und wird von Israel, den USA, der EU und weiteren Staaten als Terrororganisation eingestuft.Mehr lesen-Massaker vom 7. Oktober7. Oktober 2023: Das Hamas-Massaker, das Israel veränderteDer 7. Oktober 2023 war der Tag des Hamas-Massakers in Israel. Terroristen aus Gaza ermordeten etwa 1.200 Menschen, vor allem Zivilisten, und verschleppten mehr als 240 Geiseln in den Gazastreifen.Mehr lesen 2023 gehört AntisemitismusAntisemitismus: Judenhass in alten und neuen FormenAntisemitismus bezeichnet Judenhass und Feindschaft gegen Juden. Er reicht von Vorurteilen und Verschwörungserzählungen bis zu Ausgrenzung, Bedrohung und Gewalt.Mehr lesen in Großbritannien weiterhin zu den gravierendsten Problemen der inneren Sicherheit. Neue Zahlen des britischen Innenministeriums zeigen, dass die Polizei in England und Wales innerhalb eines Jahres 3.162 religiös motivierte Straftaten gegen Juden registriert hat. Gegenüber dem vorherigen Berichtszeitraum bedeutet das einen Anstieg um zehn Prozent. Besonders erschütternd ist jedoch der Vergleich mit anderen Religionsgemeinschaften: Gemessen an ihrer Bevölkerungszahl sind Juden mit großem Abstand die am stärksten betroffene Gruppe in der polizeilichen Statistik.

Der am 8. Oktober 2026 veröffentlichte Bericht des Home Office erfasst den Zeitraum vom 1. April 2025 bis zum 31. März 2026. Demnach kamen auf jeweils 10.000 jüdische Einwohner rechnerisch 117 registrierte religiöse Hassdelikte. Bei Muslimen waren es 13. Damit lag die gegen Juden gerichtete Kriminalitätsrate rund neunmal so hoch. Dieser Unterschied ist besonders bemerkenswert, weil die jüdische Gemeinschaft nur einen kleinen Teil der britischen Bevölkerung ausmacht.

In absoluten Zahlen wurden mehr religiös motivierte Straftaten gegen Muslime erfasst. Ihre Zahl stieg um 15 Prozent von 4.479 auf 5.132 Fälle. Gegen Juden nahm sie von 2.874 auf 3.162 zu. Beide Entwicklungen sind besorgniserregend. Der Vergleich pro Einwohner zeigt jedoch, dass die jüdische Minderheit in einem außergewöhnlichen Verhältnis zu ihrer Größe betroffen ist.

Dabei handelt es sich um polizeilich registrierte Straftaten und nicht um eine vollständige Erfassung sämtlicher antisemitischer Vorfälle. Beleidigungen, Bedrohungen und Angriffe werden nicht immer angezeigt. Zudem können unterschiedliche Meldegewohnheiten und Erfassungsverfahren die Zahlen beeinflussen. Dennoch dokumentiert die Statistik ein anhaltend hohes Niveau judenfeindlicher Kriminalität, das sich nicht mit einzelnen Demonstrationen oder kurzfristigen politischen Spannungen erklären lässt.

Nach dem 7. Oktober blieb die Bedrohung dauerhaft hoch

Insgesamt registrierten die Polizeibehörden in England und Wales 146.825 Hassdelikte, sieben Prozent mehr als im Vorjahr. Die Zahl der religiös motivierten Straftaten stieg um 13 Prozent auf 11.419 Fälle. Auch rassistisch motivierte Delikte nahmen zu.

Für die jüdische Bevölkerung fällt die langfristige Entwicklung besonders ins Gewicht. Nach Angaben des Innenministeriums blieb das Niveau antisemitischer Hasskriminalität seit Beginn des Krieges zwischen IsraelIsrael: Der jüdische Staat im Herzen des Nahen OstensIsrael ist ein demokratischer Staat im Nahen Osten und der Nationalstaat des jüdischen Volkes. Er wurde am 14. Mai 1948 gegründet, seine Hauptstadt ist Jerusalem, die Knesset hat 120 Abgeordnete. Zum Unabhängigkeitstag 2026 hatte Israel rund 10,244 Millionen Einwohner.Mehr lesen und der Hamas deutlich erhöht. Einen neuerlichen Anstieg verzeichneten die Behörden im Oktober 2025, nachdem Terroristen am jüdischen Feiertag Jom Kippur eine Synagoge in Manchester angegriffen hatten.

Bei dem Anschlag auf die Heaton Park Synagogue am 2. Oktober 2025 kamen zwei jüdische Gemeindemitglieder ums Leben. Der Angreifer Jihad Al-Shamie fuhr mit einem Fahrzeug auf das Gelände zu und attackierte anschließend Menschen mit einem Messer. Melvin Cravitz starb durch Messerstiche. Adrian Daulby wurde während des Polizeieinsatzes tödlich von einer Polizeikugel getroffen. Der Terroranschlag löste landesweit Bestürzung aus und verdeutlichte die Bedrohung jüdischer Einrichtungen.

Doch auch danach blieb es nicht bei verbalen Anfeindungen. Im März 2026 wurden vier Krankenwagen des jüdischen freiwilligen Rettungsdienstes Hatzola in Brand gesetzt. Ende April wurden im Londoner Stadtteil Golders Green zwei jüdische Männer bei getrennten Messerangriffen verletzt. Solche Taten machen deutlich, dass antisemitischer Hass keineswegs ausschließlich im Internet oder auf politischen Kundgebungen stattfindet.

Die Folgen reichen weit in den Alltag jüdischer Familien hinein. Synagogen, jüdische Schulen und Gemeindezentren benötigen umfangreiche Sicherheitsvorkehrungen. Für viele jüdische Bürger ist die Frage, ob sie religiöse Symbole offen tragen oder ihre Identität öffentlich zeigen können, längst mit persönlichen Sicherheitsüberlegungen verbunden.

Besonders beunruhigend ist, dass der neue Bericht keine Entspannung erkennen lässt. Während immer wieder politische Erklärungen gegen Antisemitismus veröffentlicht werden, bleibt die Zahl der registrierten Straftaten hoch. Das britische Innenministerium weist darauf hin, dass religiös motivierte Straftaten gegen Juden auch im aktuellen Berichtsjahr auf einem außergewöhnlichen Niveau verharren.

Bei der statistischen Einordnung ist allerdings eine Einschränkung wesentlich. Die Zahlen der Londoner Metropolitan Police sind zwar in den aktuellen Gesamtwerten enthalten, wurden wegen einer Änderung des Erfassungssystems aber aus bestimmten längerfristigen Vergleichen herausgenommen. Auch die Bevölkerungsquoten beruhen auf den Religionsangaben der Volkszählung von 2021. Die Werte beschreiben zudem die Zahl der registrierten Straftaten, nicht den Anteil der Menschen, die persönlich Opfer wurden. Das Home Office weist darauf hin, dass Opferbefragungen teilweise andere Verhältnisse ergeben. Die polizeiliche Statistik bleibt deshalb ein wichtiges Warnsignal, ersetzt aber keine umfassende Untersuchung sämtlicher antisemitischer Erfahrungen.

Jüdische Organisationen verlangen Konsequenzen

Der Community Security Trust (CST), der jüdische Einrichtungen schützt und antisemitische Vorfälle dokumentiert, reagierte mit deutlicher Besorgnis. Die neuen Zahlen bestätigten, dass antisemitische Hasskriminalität weiterhin ein inakzeptabel hohes Niveau erreiche. Nach Einschätzung der Organisation ist die jüdische Bevölkerung im Verhältnis zu ihrer Größe unverhältnismäßig stark betroffen.

Auch das Board of Deputies of British Jews fordert entschlossenere Maßnahmen. Der Dachverband jüdischer Gemeinden verwies darauf, dass Konflikte im Nahen Osten immer wieder als Anlass für Feindseligkeiten gegenüber britischen Juden genutzt würden. Entscheidend seien konsequente Strafverfolgung, wirksame Abschreckung und eine gesellschaftliche Auseinandersetzung mit extremistischen Ideologien.

Besonders scharf reagierte die Campaign Against Antisemitism. Die Organisation sieht in der anhaltenden Entwicklung ein Versagen der Strafverfolgungsbehörden. Ihrer Einschätzung nach habe die unzureichende Abschreckung dazu beigetragen, dass sich antisemitische Täter auch drei Jahre nach dem Hamas-Massaker weiterhin ermutigt fühlten.

Diese Kritik muss mit den tatsächlichen Daten zur Strafverfolgung abgeglichen werden. Das Innenministerium berichtet für Hassdelikte insgesamt zuletzt von einem Anteil von rund zehn Prozent, der zu einer Anklage oder gerichtlichen Vorladung führte. Die Zahlen betreffen jedoch unterschiedliche Formen von Hasskriminalität und erlauben keine unmittelbare Aussage darüber, welcher Anteil der ausschließlich antisemitischen Delikte strafrechtlich verfolgt wurde. Dennoch bleibt die Frage berechtigt, ob die bestehenden Maßnahmen ausreichen, um jüdische Einrichtungen und Bürger wirksam zu schützen.

Die britische Regierung hatte im Sommer zusätzliche 250 Millionen Pfund für Sicherheitsmaßnahmen und Polizeischutz jüdischer Gemeinschaften über drei Jahre angekündigt. Zugleich wird die internationale Zusammenarbeit gegen Antisemitismus ausgebaut.

Außenminister Ed Miliband empfing am Montag Vertreter der sogenannten J7 Global Task Force, einem Zusammenschluss jüdischer Organisationen aus Großbritannien, den Vereinigten Staaten, Kanada, Deutschland, Frankreich, Argentinien und Australien. Bei den Gesprächen ging es unter anderem um den weltweiten Anstieg antisemitischer Vorfälle und die zunehmende Dämonisierung Israels. Miliband sagte zu, ein erstes Treffen der zuständigen Minister aus den sieben Ländern auszurichten.

Die Initiative zeigt, dass Antisemitismus längst nicht mehr allein als innerstaatliches Problem betrachtet wird. Jüdische Gemeinschaften in zahlreichen westlichen Demokratien berichten seit dem 7. Oktober 2023 über Bedrohungen, Angriffe und wachsenden gesellschaftlichen Druck.

Für Großbritannien kommt hinzu, dass auch das staatliche Gesundheitswesen zuletzt wegen antisemitischer Vorfälle in die Kritik geraten ist. Erst am Vortag berichtete haOlam über Beschäftigte des National Health Service, denen die Verbreitung judenfeindlicher Verschwörungserzählungen und die Verherrlichung von Gewalt vorgeworfen wird. Bereits ein offizieller Untersuchungsbericht hatte erhebliche Defizite beim Umgang mit Antisemitismus im Gesundheitswesen festgestellt.

Die neue Kriminalstatistik und diese Entwicklungen beschreiben unterschiedliche Bereiche desselben Problems. Während der Staat jüdische Einrichtungen mit zusätzlichen Sicherheitsmaßnahmen schützen muss, geht es zugleich um die Frage, ob Juden in Schulen, Universitäten, Krankenhäusern und im öffentlichen Raum ohne Feindseligkeiten leben können.

Ein besonderer Widerspruch liegt darin, dass jüdische Bürger für politische und militärische Entscheidungen Israels verantwortlich gemacht werden, auf die sie keinerlei Einfluss haben. Die Grenze zwischen Kritik an einer Regierung und Feindseligkeit gegenüber Juden wird überschritten, sobald jüdische Menschen wegen ihrer Religion, Herkunft oder vermeintlichen Verbundenheit mit Israel bedroht oder angegriffen werden. Das gilt unabhängig davon, welche Haltung sie selbst zur israelischen Politik vertreten.

Die aktuellen Zahlen belegen, dass Antisemitismus in England und Wales kein Randphänomen ist. 3.162 registrierte judenfeindliche Straftaten innerhalb eines Jahres bedeuten rechnerisch mehr als acht Fälle an jedem Tag. Hinter dieser Zahl stehen Bedrohungen, Angriffe und andere Straftaten, die das Sicherheitsgefühl einer ohnehin kleinen Minderheit beeinträchtigen.

Die britische Regierung hat zusätzliche Mittel und internationale Initiativen angekündigt. Ob damit eine nachhaltige Verbesserung erreicht wird, lässt sich erst anhand der weiteren Entwicklung beurteilen.

Für die jüdische Gemeinschaft bleibt vor allem eine Forderung entscheidend: Der Schutz vor antisemitischer Gewalt darf nicht davon abhängen, ob gerade ein besonders schwerer Anschlag die öffentliche Aufmerksamkeit auf das Problem lenkt. Sicherheit muss auch im Alltag gewährleistet sein.



Autor: Redaktion

Artikel veröffentlicht am: Mittwoch, 14. Oktober 2026

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