Frankreichs Juden leben längst unter Bewachung

Kurzfristig benötigt
Bitte helfen Sie jetzt - jeder Beitrag zählt
haOlam-news.de wird privat getragen und verursacht eigene laufende Kosten. Die bisherigen Beiträge reichen nicht, um die nächsten laufenden Verpflichtungen zu decken. Wenn haOlam-news.de so weiterarbeiten soll, brauchen wir jetzt kurzfristig . Bitte geben Sie, was Sie können. Schon 10 Euro helfen sofort; wer mehr geben kann, hilft besonders. Fragen? redaktion@haolam.de
Ohne weitere Hilfe müssen wir den Umfang reduzieren.

Frankreichs Juden leben längst unter Bewachung


Bewaffnete Wachen vor Schulen, Hass auf Universitäten und 1.320 antisemitische Vorfälle in nur einem Jahr. Frankreich schützt seine Juden, doch der Judenhass ist längst aus der gesellschaftlichen Schmuddelecke herausgetreten.

Frankreichs Juden leben längst unter Bewachung
Bildnachweis: Symbolbild

Für Yossef Murciano begann die Erkenntnis mit 15 Jahren. Am 19. März 2012 versammelten sich Schüler seiner jüdischen Schule in Paris zum Morgengebet, als die Nachricht aus Toulouse eintraf. Ein islamistischer Terrorist hatte vor der jüdischen Schule Ozar Hatorah einen Lehrer, dessen zwei kleine Söhne und ein achtjähriges Mädchen ermordet. Murcianos Schule wurde abgeriegelt. Bereits am folgenden Tag standen Polizei und Soldaten davor. Heute ist Murciano Präsident des Verbandes jüdischer Studenten in Frankreich, UEJF. Er kann sich nach eigenen Worten kaum noch an eine Zeit erinnern, in der jüdische Schulen und Einrichtungen nicht bewacht wurden.

Was für andere Bürger eine außergewöhnliche Sicherheitsmaßnahme wäre, ist für eine ganze Generation französischer Juden Normalität geworden.

Toulouse war nicht der Anfang und blieb nicht das Ende. Frankreich erlebte die Entführung, Folter und Ermordung von Ilan Halimi, den Anschlag auf die jüdische Schule in Toulouse, den Terrorangriff auf den koscheren Supermarkt Hypercacher sowie die Tötungen von Sarah Halimi und Mireille Knoll. Yonathan Arfi, Präsident des Dachverbandes CRIF, beschreibt deshalb eine Entwicklung, die lange vor dem Hamas Massaker7. Oktober 2023: Das Hamas-Massaker, das Israel veränderteDer 7. Oktober 2023 war der Tag des Hamas-Massakers in Israel. Terroristen aus Gaza ermordeten etwa 1.200 Menschen, vor allem Zivilisten, und verschleppten mehr als 240 Geiseln in den Gazastreifen.Mehr lesen vom 7. Oktober 20237. Oktober 2023: Das Hamas-Massaker, das Israel veränderteDer 7. Oktober 2023 war der Tag des Hamas-Massakers in Israel. Terroristen aus Gaza ermordeten etwa 1.200 Menschen, vor allem Zivilisten, und verschleppten mehr als 240 Geiseln in den Gazastreifen.Mehr lesen begann. Während Frankreich in den 1990er Jahren noch einige Dutzend antisemitische Vorfälle jährlich verzeichnete, seien es seit 2000 Hunderte und seit 2023 Tausende.

Die amtlichen Zahlen bestätigen, dass die Lage keineswegs nur subjektiv als bedrohlicher wahrgenommen wird. Das französische Innenministerium registrierte 2025 insgesamt 1.320 antisemitische Vorfälle. Das waren zwar 16 Prozent weniger als 2024, doch das Ministerium bezeichnet das Niveau weiterhin als historisch hoch. 53 Prozent aller antireligiösen Vorfälle Frankreichs richteten sich gegen Juden, obwohl sie weniger als ein Prozent der Bevölkerung ausmachen.

Der jüdische Sicherheitsdienst SPCJ dokumentierte zudem 126 körperliche Gewalttaten. 67,4 Prozent aller antisemitischen Vorfälle richteten sich gegen Menschen und nicht lediglich gegen Gebäude oder Gegenstände. Betroffen waren 431 Gemeinden in 88 der 101 französischen Départements. JudenhassAntisemitismus: Judenhass in alten und neuen FormenAntisemitismus bezeichnet Judenhass und Feindschaft gegen Juden. Er reicht von Vorurteilen und Verschwörungserzählungen bis zu Ausgrenzung, Bedrohung und Gewalt.Mehr lesen ist damit längst kein ausschließliches Problem einzelner Pariser Vororte oder besonders belasteter Großstadtviertel mehr.

Der Hass muss sich nicht mehr verstecken

Vielleicht ist genau das die tiefgreifendste Veränderung.

Der Historiker Georges Bensoussan widerspricht der häufig verwendeten Vorstellung eines völlig neuen Antisemitismus. Für ihn verändert sich die äußere Form, nicht der Kern. Früher seien Juden des Gottesmordes beschuldigt worden, heute des Völkermordes. Besonders seit dem 7. Oktober sei jedoch eine gesellschaftliche Hemmschwelle gefallen. Antisemitische Sprache, die noch vor wenigen Jahren beschämend gewesen wäre, werde heute offen ausgesprochen.

Auch die Psychoanalytikerin und Autorin Judith Cohen-Solal beobachtet, wie die Trennung zwischen „Juden“ und „Zionisten“ zunehmend verschwindet. Das Wort ZionistZionismus: Das Recht der Juden auf SelbstbestimmungZionismus bezeichnet die jüdische Nationalbewegung, die für die Rückkehr des jüdischen Volkes in seine historische Heimat und für jüdische Selbstbestimmung im Land Israel eintrat. Der moderne Zionismus entstand im 19. Jahrhundert als Antwort auf Antisemitismus, Verfolgung und Entrechtung.Mehr lesen werde als Schimpfwort gebraucht und ermögliche es, alte Feindbilder in eine scheinbar politische Sprache zu kleiden. Zugleich weist sie darauf hin, dass der französische Staat Antisemitismus klar verurteilt und jüdisches Leben weiterhin möglich ist. Gerade diese Gleichzeitigkeit beschreibt die Lage Frankreichs treffend: Der Staat schützt Juden, während Teile der Gesellschaft die Atmosphäre für sie zunehmend unerträglich machen.

Diese Unterscheidung ist wichtig. Frankreich ist kein antisemitischer Staat. Polizei und Armee schützen jüdische Schulen und Synagogen. Das Innenministerium erfasst antisemitische Straftaten und bezeichnet sie öffentlich als Angriff auf die Republik.

Doch ein demokratischer Staat darf sich nicht damit zufriedengeben, Juden erfolgreich zu bewachen.

Eine Gesellschaft hat ein Problem, wenn eine jüdische Schule bewaffnete Sicherheitskräfte benötigt, damit Kinder dort lernen können. Sie hat ein noch größeres Problem, wenn dieser Zustand nach Jahren niemandem mehr außergewöhnlich erscheint.

Besonders sichtbar wird die Verschiebung an den Universitäten. Murciano berichtet, dass Forderungen wie „Zionisten raus aus unserem Campus“ inzwischen immer häufiger zu hören seien. Früher habe es „Juden raus“ geheißen, heute werde ein anderes Wort benutzt, die Haltung dahinter sei dieselbe. Jüdische Studenten würden teilweise unter Druck gesetzt, sich öffentlich von IsraelIsrael: Der jüdische Staat im Herzen des Nahen OstensIsrael ist ein demokratischer Staat im Nahen Osten und der Nationalstaat des jüdischen Volkes. Er wurde am 14. Mai 1948 gegründet, seine Hauptstadt ist Jerusalem, die Knesset hat 120 Abgeordnete. Zum Unabhängigkeitstag 2026 hatte Israel rund 10,244 Millionen Einwohner.Mehr lesen zu distanzieren. Die unausgesprochene Forderung laute, ein akzeptabler Jude könne nur sein, wer jede Verbindung zum jüdischen Staat zurückweise.

Frankreich hat darauf inzwischen auch gesetzgeberisch reagiert. 2025 wurde ein Gesetz zur Bekämpfung des Antisemitismus an HochschulenUniversitätsantisemitismus: Judenhass an HochschulenUniversitätsantisemitismus meint antisemitische Einstellungen, Parolen, Ausgrenzung oder Gewalt im Hochschulbereich. Dazu gehört auch israelbezogener Antisemitismus, wenn Israel dämonisiert, delegitimiert oder mit doppelten Maßstäben behandelt wird.Mehr lesen endgültig verabschiedet. Parallel brachte die Abgeordnete Caroline Yadan einen weitergehenden Gesetzentwurf gegen neue Erscheinungsformen des Antisemitismus ein. Darin geht es unter anderem um die Verherrlichung und Verharmlosung terroristischer Taten sowie öffentliche Aufrufe zur Zerstörung eines von Frankreich anerkannten Staates. Teile dieses Vorhabens lösten heftigen politischen und juristischen Streit aus.

Wenn aus Israelhass eine Erlaubnis wird

Yadan kennt die Folgen der Auseinandersetzung persönlich. Sie berichtet von antisemitischen Beleidigungen, Drohungen und Belästigungen wegen ihrer Haltung zu Israel und zum Antisemitismus. Nach dem 7. Oktober habe sich die Lage nochmals verschärft. Besonders erschreckend sei für sie gewesen, dass die Verbrechen der HamasHamas: Terrororganisation aus GazaHamas ist eine islamistische palästinensische Terrororganisation. Sie entstand 1987 aus dem Umfeld der Muslimbruderschaft, lehnt Israels Existenz ab und wird von Israel, den USA, der EU und weiteren Staaten als Terrororganisation eingestuft.Mehr lesen nicht nur relativiert, sondern teilweise als legitimer Widerstand dargestellt worden seien. Sie beschreibt diese Entwicklung mit einer drastischen Formulierung: Es entstehe der Eindruck einer gesellschaftlichen „Erlaubnis“, das Schlimmste gegen Juden zu sagen und letztlich auch zu tun.

CRIF Präsident Arfi sieht drei Bereiche, in denen antisemitische Vorurteile besonders stark geworden seien: Menschen, die von islamistischen Ideologien beeinflusst würden, Teile der radikalen Linken mit einem aggressiven antizionistischen Weltbild und junge Menschen, die über soziale Netzwerke mit Verschwörungserzählungen und Hass erreicht würden. Gleichzeitig warnt er ausdrücklich vor einer zu einfachen Gleichsetzung mit den 1930er Jahren. Damals habe staatlicher Antisemitismus geherrscht. Heute versuche der französische Staat, Judenhass zu bekämpfen, wenn auch nach seiner Einschätzung nicht ausreichend wirksam.

Gerade diese Differenzierung macht seine Warnung ernster und nicht schwächer.

Frankreichs Juden werden nicht vom Staat verfolgt. Der Staat stellt Polizisten vor ihre Schulen.

Doch warum sind diese Polizisten nötig?

Das ist die Frage, der Frankreich nicht ausweichen darf.

Wenn jüdische Kinder damit aufwachsen, dass bewaffnete Soldaten vor ihrer Schule zum Straßenbild gehören, wenn Studenten lernen, dass „Zionist“ genügt, um sie aus politischen Räumen auszuschließen, und wenn jüdische Politiker für die Verteidigung Israels mit Hass überzogen werden, reicht die Feststellung nicht mehr, die Republik lehne Antisemitismus ab.

Sie muss ihn auch gesellschaftlich zurückdrängen.

Murcianos eigene Reaktion darauf ist ernüchternd. Seine vier Kinder besuchen öffentliche Schulen. Gleichzeitig lernen sie Krav Maga, damit sie sich verteidigen können. Für ihn gehört diese Vorbereitung inzwischen dazu, jüdische Kinder auf ihre Zukunft vorzubereiten.

Das ist vielleicht die bedrückendste Aussage des gesamten Berichts.

Nicht weil Selbstverteidigung falsch wäre. Sondern weil jüdische Eltern in einem demokratischen europäischen Land überhaupt darüber nachdenken müssen, ihre Kinder körperlich auf Judenhass vorzubereiten.

Nach der SchoahShoah: Der nationalsozialistische Mord an sechs Millionen JudenShoah ist der hebräische Begriff für die Katastrophe der Vernichtung der europäischen Juden durch das nationalsozialistische Deutschland und seine Helfer. Rund sechs Millionen Juden wurden ermordet.Mehr lesen entstand in Europa das Versprechen, jüdisches Leben solle nicht nur geduldet, sondern selbstverständlich sein. Frankreich besitzt Europas größte jüdische Gemeinschaft und eine lange jüdische Geschichte. Gleichzeitig ist das Land zu einem der Orte geworden, an denen sich besonders früh zeigte, wie Islamismus, alter Antisemitismus, Verschwörungsdenken und ein entgrenzter IsraelhassAnti-Zionismus: Wenn Israelhass als Politik getarnt wirdAnti-Zionismus bezeichnet die Ablehnung des Zionismus und damit häufig die Ablehnung jüdischer Selbstbestimmung im Staat Israel. Nicht jede Kritik an israelischer Politik ist antisemitisch. Anti-Zionismus wird jedoch dort antisemitisch, wo Israel delegitimiert, dämonisiert oder mit doppelten Maßstäben behandelt wird.Mehr lesen ineinandergreifen können.

Arfi formuliert die Lage in einem bemerkenswerten Widerspruch: Französische Juden hätten seit der Schoah womöglich nie so viele Feinde innerhalb der Gesellschaft gehabt, vielleicht aber auch nie so viele Freunde. Das Problem sei, dass die Feinde sehr laut und die Freunde häufig zu still seien.

Genau daran entscheidet sich Frankreichs Zukunft.

Nicht daran, ob noch mehr Betonpoller vor Synagogen aufgestellt werden können. Nicht daran, wie viele Soldaten vor jüdischen Schulen stehen.

Sondern daran, ob eine demokratische Mehrheit bereit ist, deutlich zu machen, dass Juden in Frankreich keinen Personenschutz brauchen sollten, um selbstverständlich Franzosen und Juden sein zu können.



Autor: Redaktion

Artikel veröffentlicht am: Montag, 10. August 2026

haOlam-News unterstützen

haOlam-News ist auf die Unterstützung seiner Leserinnen und Leser angewiesen. Jeder Beitrag hilft, unabhängige Berichterstattung weiterzuführen.

Sie benötigen nicht zwingend ein PayPal-Konto. Im nächsten Schritt kann je nach PayPal-Anzeige auch eine Zahlung per Karte angeboten werden.

Sie möchten unsere Arbeit unterstützen, nutzen aber kein PayPal? Schreiben Sie uns kurz, wir melden uns mit den passenden Möglichkeiten.

Weitere interessante Artikel

Newsletter