Universitätsantisemitismus: Judenhass an Hochschulen

Universitätsantisemitismus beschreibt Judenhass im akademischen Raum, oft getarnt als politische Haltung. Seit dem 7. Oktober 2023 ist das Problem an vielen Hochschulen offener sichtbar.

Universitätsantisemitismus bezeichnet antisemitische Haltungen, Handlungen und Strukturen im Umfeld von Hochschulen, Universitäten, Forschungseinrichtungen und studentischen Milieus. Er kann sich offen zeigen, etwa durch Beschimpfungen jüdischer Studierender, Schmierereien, Drohungen, Übergriffe oder die Billigung von Gewalt gegen Juden. Er kann aber auch verdeckt auftreten, etwa wenn jüdische Studierende wegen ihrer tatsächlichen oder zugeschriebenen Nähe zu Israel ausgegrenzt werden, wenn israelische Wissenschaftler pauschal boykottiert werden oder wenn Terror gegen Israelis als legitimer Widerstand verharmlost wird.

Besonders deutlich wurde das Thema nach dem Massaker der Hamas am 7. Oktober 2023 in Israel. An zahlreichen Hochschulen in Europa und Nordamerika kam es danach zu Protesten, Besetzungen, Boykottaufrufen und Parolen, bei denen nicht nur israelische Regierungspolitik kritisiert wurde, sondern immer wieder auch Israel als jüdischer Staat grundsätzlich angegriffen wurde. Der Deutsche Bundestag stellte Anfang 2025 ausdrücklich fest, dass Antisemitismus und Israelfeindlichkeit keinen Platz an Schulen und Hochschulen haben dürfen. Dabei wurde der Zusammenhang zwischen dem Terrorangriff vom 7. Oktober, dem Krieg gegen die Hamas und der Verschärfung der Debatten an Bildungseinrichtungen hervorgehoben.

Formen und Erscheinungsbilder

Universitätsantisemitismus ist kein einheitliches Phänomen. Er kommt in rechten, linken, islamistischen, verschwörungsideologischen und scheinbar antikolonialen Milieus vor. Im Hochschulkontext tritt er häufig in einer akademisch klingenden Sprache auf. Judenhass wird dann nicht immer direkt ausgesprochen, sondern über Begriffe wie „Zionismus“, „Kolonialismus“, „Apartheid“ oder „Befreiungskampf“ transportiert. Entscheidend ist nicht, ob Israel kritisiert wird. Kritik an israelischer Politik ist selbstverständlich möglich. Antisemitisch wird eine Aussage, wenn Israel dämonisiert, delegitimiert oder anders behandelt wird als andere Staaten, oder wenn jüdische Menschen weltweit für das Handeln Israels verantwortlich gemacht werden.

Die IHRA-Arbeitsdefinition beschreibt Antisemitismus als eine bestimmte Wahrnehmung von Juden, die sich als Hass gegenüber Juden ausdrücken kann. Sie nennt ausdrücklich auch Erscheinungsformen, die sich gegen Israel richten können, wenn Israel als jüdisches Kollektiv verstanden wird. Zugleich macht die Definition klar, dass Kritik an Israel, die mit der Kritik an anderen Staaten vergleichbar ist, nicht als antisemitisch gelten muss.

Für jüdische Studierende bedeutet Universitätsantisemitismus oft mehr als eine politische Kontroverse. Viele erleben Unsicherheit, sozialen Druck oder das Gefühl, sich für Israel, den Zionismus oder sogar für ihr Jüdischsein rechtfertigen zu müssen. Wenn Vorlesungen, Seminare, studentische Gruppen oder Campusflächen zu Orten werden, an denen jüdische Perspektiven verdrängt oder als störend behandelt werden, verliert die Hochschule ihren Anspruch auf offene Debatte.

Daten, Studien und politische Reaktionen

In Deutschland rückte das Thema nach 2023 deutlich stärker in den Fokus von Politik, Wissenschaft und Hochschulleitungen. Eine vom damaligen Bundesbildungsministerium geförderte Schnellbefragung zu Antisemitismus an Hochschulen wurde 2024 veröffentlicht; 2025 folgten weitere Untersuchungen und Auswertungen. Forschung und Lehre berichtete 2025 über Ergebnisse, nach denen etwa sieben Prozent der befragten Studierenden antisemitischen Aussagen zustimmten. Bereits 2024 war über eine Befragung berichtet worden, nach der antisemitische Haltungen an Hochschulen zwar niedriger lagen als in der Gesamtbevölkerung, aber dennoch klar messbar waren.

Auch die Hochschulrektorenkonferenz befasst sich mit dem Thema. Ihr Projekt gegen Antisemitismus an Hochschulen soll Einrichtungen dabei unterstützen, antisemitische Vorfälle besser zu erkennen, Prävention zu stärken und handlungsfähige Strukturen zu schaffen. In den USA widmet sich unter anderem die Anti-Defamation League seit Jahren dem Thema Campus Antisemitism und fordert Hochschulen auf, jüdische Studierende besser zu schützen, Vorfälle konsequent zu erfassen und klare Regeln gegen Hass und Bedrohung durchzusetzen.

Der Begriff Universitätsantisemitismus ist deshalb wichtig, weil er zeigt, dass Judenhass nicht nur am Rand der Gesellschaft vorkommt. Er kann auch dort auftreten, wo Aufklärung, Wissenschaft und demokratische Streitkultur eigentlich besonders geschützt sein sollten. Gerade Hochschulen tragen eine besondere Verantwortung: Sie sollen kontroverse Debatten ermöglichen, aber sie dürfen nicht zulassen, dass jüdische Studierende, Lehrende oder Forscher aus Angst schweigen, Veranstaltungen meiden oder ihre Identität verbergen müssen.

Quellen

  1. Bundesministerium für Forschung, Technologie und Raumfahrt: Antisemitismus und pro-palästinensische Proteste an Hochschulen bmftr.bund.de/SharedDocs/Downloads/DE/2025/studie_antisemitismus_an_hs.pdf?__blob=publicationFile&v=1
  2. Deutscher Bundestag: Antisemitismus und Israelfeindlichkeit an Schulen und Hochschulen bundestag.de/dokumente/textarchiv/2025/kw05-de-antisemitismus-1035050
  3. International Holocaust Remembrance Alliance: Working Definition of Antisemitism holocaustremembrance.com/resources/working-definition-antisemitism
  4. Beauftragter der Bundesregierung für jüdisches Leben und den Kampf gegen Antisemitismus: IHRA-Definition antisemitismusbeauftragter.de/Webs/BAS/EN/fight-against-antisemitism/ihra-definition/ihra-definition-node.html
  5. Anti-Defamation League: Antisemitism on Campus adl.org/antisemitism-campus
  6. Hochschulrektorenkonferenz: Gegen Antisemitismus an Hochschulen hrk.de/themen/hochschulsystem/gegen-antisemitismus-an-hochschulen/

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