RIAS meldet 8725 antisemitische Vorfälle und Deutschland gewöhnt sich daran
Fast 24 antisemitische Vorfälle pro Tag: Der neue RIAS-Bericht zeigt, wie tief Judenhass in Deutschland sitzt. Besonders bitter ist, wie alltäglich diese Gefahr geworden ist.

Deutschland hat sich an eine Zahl gewöhnt, an die sich kein demokratisches Land gewöhnen darf: 8.725 antisemitische Vorfälle haben die RIAS-Meldestellen für das Jahr 2025 dokumentiert. Das sind rechnerisch fast 24 Fälle pro Tag. Nicht in einem fernen Krisengebiet, nicht in einer gescheiterten Ordnung, sondern mitten in Deutschland. Auf Straßen, im Internet, an Universitäten, in Bus und Bahn, an Gedenkorten, vor Synagogen, im Wohnumfeld und im Alltag jüdischer Bürger.
Der neue Jahresbericht des Bundesverbandes der Recherche- und Informationsstellen AntisemitismusAntisemitismus: Judenhass in alten und neuen FormenAntisemitismus bezeichnet Judenhass und Feindschaft gegen Juden. Er reicht von Vorurteilen und Verschwörungserzählungen bis zu Ausgrenzung, Bedrohung und Gewalt.Mehr lesen ist deshalb mehr als eine Statistik. Er ist eine Bestandsaufnahme über ein Land, das sehr viel über Erinnerungskultur spricht und zugleich nicht verhindern kann, dass Juden wieder regelmäßig bedroht, beleidigt, beschmiert, angegriffen und eingeschüchtert werden. 2025 wurden vier Fälle extremer Gewalt dokumentiert, 178 körperliche Angriffe, 257 Bedrohungen, 413 Sachbeschädigungen und 103 Massenzuschriften. Der größte Block fällt unter „verletzendes Verhalten“, also unter Beleidigungen, Schmierereien, antisemitische Parolen und andere Formen offener Herabsetzung. Genau dort zeigt sich, wie breit das Problem inzwischen in den Alltag eingesickert ist.
Josef Schuster, Präsident des Zentralrats der Juden in Deutschland, nannte die Zahlen keine statistischen Ausreißer, sondern die bedrückende Realität in Deutschland. Er sprach von einer Verfestigung des Antisemitismus auf Rekordniveau. Der Antisemitismusbeauftragte der Bundesregierung, Felix Klein, warnte, Antisemitismus sei in Deutschland scheinbar ungebremst auf dem Vormarsch. Man kann diese Sätze als Alarm verstehen. Man kann sie aber auch als Eingeständnis lesen: Die Warnungen werden seit Jahren lauter, doch die Lage wird nicht grundsätzlich besser.
Besonders auffällig ist, dass RIAS 2025 die bisher höchste Zahl antisemitischer Vorfälle mit rechtsextremem Hintergrund seit Beginn des bundesweiten Vergleichs 2020 registrierte. 807 Fälle wurden dieser Kategorie zugeordnet, nach 562 im Jahr zuvor. Zugleich bleibt antiisraelischer Aktivismus der größte eindeutig zuordenbare politisch-weltanschauliche Hintergrund mit 1.970 Fällen. Links-antiimperialistische Weltanschauungen wurden in 501 Fällen genannt. Bei 4.935 Vorfällen war keine eindeutige Zuordnung möglich. Gerade diese Mischung macht die deutsche Debatte so schwierig und so unbequem: Antisemitismus kommt nicht aus nur einer Ecke. Er tritt rechts auf, links, islamistisch, verschwörungsideologisch, akademisch verkleidet, aktivistisch getarnt und manchmal einfach als brutale Alltagsverachtung.
Seit dem 7. Oktober 20237. Oktober 2023: Das Hamas-Massaker, das Israel veränderteDer 7. Oktober 2023 war der Tag des Hamas-Massakers in Israel. Terroristen aus Gaza ermordeten etwa 1.200 Menschen, vor allem Zivilisten, und verschleppten mehr als 240 Geiseln in den Gazastreifen.Mehr lesen hat sich diese Lage dramatisch verändert. Damals ermordeten die HamasHamas: Terrororganisation aus GazaHamas ist eine islamistische palästinensische Terrororganisation. Sie entstand 1987 aus dem Umfeld der Muslimbruderschaft, lehnt Israels Existenz ab und wird von Israel, den USA, der EU und weiteren Staaten als Terrororganisation eingestuft.Mehr lesen und andere Terrorgruppen in IsraelIsrael: Der jüdische Staat im Herzen des Nahen OstensIsrael ist ein demokratischer Staat im Nahen Osten und der Nationalstaat des jüdischen Volkes. Er wurde am 14. Mai 1948 gegründet, seine Hauptstadt ist Jerusalem, die Knesset hat 120 Abgeordnete. Zum Unabhängigkeitstag 2026 hatte Israel rund 10,244 Millionen Einwohner.Mehr lesen mehr als tausend Menschen, verschleppten Geiseln und lösten eine weltweite Welle antisemitischer Reaktionen aus. In Deutschland stieg die Zahl der von RIAS dokumentierten Vorfälle von 2.610 im Jahr 2022 auf 4.886 im Jahr 2023 und dann auf über 8.700 in den Jahren 2024 und 2025. Das ist keine kurze Erregungskurve mehr. Es ist eine neue Normalität auf einem Niveau, das vor wenigen Jahren noch als Schock gegolten hätte.
Auffällig ist auch: Der Krieg im Nahen Osten dient vielen nicht zur politischen Analyse, sondern als Anlass, Juden in Deutschland verantwortlich zu machen, Israel zu dämonisieren oder jüdische Einrichtungen zu bedrohen. 68 Prozent aller dokumentierten Vorfälle ordnete RIAS dem israelbezogenen Antisemitismus zu. Das bedeutet nicht, dass jede Kritik an Israel antisemitisch wäre. Es bedeutet aber, dass sich hinter angeblicher Israelkritik immer wieder alte Muster zeigen: Dämonisierung des jüdischen Staates, Gleichsetzung mit dem NationalsozialismusShoah: Der nationalsozialistische Mord an sechs Millionen JudenShoah ist der hebräische Begriff für die Katastrophe der Vernichtung der europäischen Juden durch das nationalsozialistische Deutschland und seine Helfer. Rund sechs Millionen Juden wurden ermordet.Mehr lesen, Absprechen des Existenzrechts, Kollektivschuld gegen Juden, offene Feindseligkeit gegen Israelis oder gegen Menschen, die als jüdisch wahrgenommen werden.
Das zeigt auch der öffentliche Raum. RIAS nennt 3.506 Vorfälle auf offener Straße. Das Internet folgt mit 2.314 Fällen. Wer jüdisch sichtbar ist, wer einen Davidstern trägt, wer Hebräisch spricht, wer vor einer Synagoge steht oder auch nur als Israeli erkannt wird, kann in Deutschland nicht mehr davon ausgehen, einfach unbehelligt zu bleiben. Das ist eine bittere Wahrheit, weil sie den Kern des Problems trifft: Antisemitismus ist nicht nur eine Gefahr für Gebäude, Gedenktafeln oder statistische Kategorien. Er trifft Menschen in ihrem Leben. Er verändert Wege, Kleidung, Sprache, Verhalten, Schulwahl, Sicherheitsgefühl und Vertrauen.
Deutschland antwortet darauf oft mit Ritualen. Es gibt Betroffenheit, Jahrestage, Reden, Resolutionen, Aktionspläne und Pressekonferenzen. Das alles ist nicht wertlos. Aber es reicht offensichtlich nicht. Wenn jedes Jahr neue Höchststände oder stabile Rekordniveaus gemeldet werden, darf Politik nicht so tun, als sei das Problem vor allem durch weitere Bekundungen zu lösen. Wer Judenhass bekämpfen will, muss ihn dort benennen, wo er tatsächlich auftritt. Nicht nur dort, wo es politisch bequem ist.
Das bedeutet: Rechtsextremer Antisemitismus muss klar bekämpft werden, ohne Ausflüchte. Antisemitismus in migrantischen Milieus darf nicht aus Angst vor unbequemen Debatten beschönigt werden. Linker und antiimperialistischer IsraelhassAnti-Zionismus: Wenn Israelhass als Politik getarnt wirdAnti-Zionismus bezeichnet die Ablehnung des Zionismus und damit häufig die Ablehnung jüdischer Selbstbestimmung im Staat Israel. Nicht jede Kritik an israelischer Politik ist antisemitisch. Anti-Zionismus wird jedoch dort antisemitisch, wo Israel delegitimiert, dämonisiert oder mit doppelten Maßstäben behandelt wird.Mehr lesen darf nicht länger als moralische Weltverbesserung maskiert werden. Antisemitische HetzeVolksverhetzung: Wenn Hass strafbar wirdVolksverhetzung ist eine Straftat nach § 130 StGB. Gemeint sind unter anderem Hassaufrufe, Gewaltforderungen oder menschenwürdeverletzende Hetze gegen nationale, religiöse, ethnische oder andere geschützte Gruppen.Mehr lesen auf Demonstrationen muss Konsequenzen haben. Universitäten müssen jüdische Studenten schützen, statt Störer als politische Folklore zu behandeln. Und der Staat muss erkennen, dass die Sicherheit jüdischen Lebens nicht mit Gedenkreden beginnt, sondern mit Durchsetzung des Rechts im Alltag.
Der RIAS-Bericht zeigt außerdem eine große Dunkelziffer. Das ist entscheidend. Viele Betroffene melden Vorfälle nicht, weil sie keine Veränderung erwarten, weil sie den Aufwand scheuen, weil sie weitere Belastung vermeiden oder weil sie längst gelernt haben, bestimmte Dinge hinzunehmen. Diese Dunkelziffer ist der stille Teil der Statistik. Sie sagt: Die reale Lage jüdischer Menschen in Deutschland dürfte noch bedrückender sein, als die dokumentierten Zahlen zeigen.
Deutschland misst sich gern an seiner Vergangenheit. Doch die entscheidende Frage stellt sich in der Gegenwart. Was ist die Erinnerung an die Schoa wert, wenn jüdische Bürger heute wieder überlegen müssen, ob sie ein sichtbares Symbol tragen können? Was ist politische Verantwortung wert, wenn der Hass gegen Israel zum bequemsten Vorwand wird, um wieder gegen Juden zu sprechen? Was ist der Satz „Nie wieder“ wert, wenn er zwar feierlich gesprochen, aber im Alltag immer seltener durchgesetzt wird?
8.725 dokumentierte Fälle sind keine Randnotiz. Sie sind ein Befund. Fast 24 antisemitische Vorfälle pro Tag bedeuten: Deutschland hat kein Problem mit fehlender Sensibilisierung, sondern mit fehlender Konsequenz. Es fehlt nicht an Mahnungen. Es fehlt an Schutz, an klaren Grenzen, an Strafverfolgung, an politischer Ehrlichkeit und an gesellschaftlichem Widerspruch dort, wo Judenhass nicht laut brüllt, sondern beiläufig mitläuft.
Der RIAS-Bericht zwingt Deutschland zu einer unbequemen Erkenntnis: Antisemitismus ist nicht zurückgekehrt, weil er nie verschwunden war. Er hat nur neue Anlässe, neue Bühnen und neue Rechtfertigungen gefunden. Nach dem 7. Oktober hat sich gezeigt, wie dünn manche zivilisatorische Schicht tatsächlich war. Wer jüdisches Leben in Deutschland ernsthaft schützen will, darf diese Wahrheit nicht länger verwalten. Er muss handeln.
Autor: Redaktion
Artikel veröffentlicht am: Donnerstag, 18. Juni 2026