50.000 Migranten, 67 Tote: Und Israel soll schuld sein
Nach dem Grenzzusammenbruch in Ceuta verbreiten rechte und linke Influencer dieselbe Verschwörung: Jerusalem habe den Ansturm geplant. Als angeblicher Beweis dient ein Beitrag von Yair Netanyahu aus dem Jahr 2019.

Bildnachweis: Symbolbild / KI generiert
Eine europäische Außengrenze bricht innerhalb weniger Stunden zusammen, Zehntausende Menschen gelangen aus Marokko nach Ceuta, mindestens 67 sterben im Meer oder im Gedränge. Spaniens Sicherheitskräfte sind von der Masse überrascht, Madrid muss Soldaten entsenden und vor der Küste eine 500 Meter lange schwimmende Sperre verlegen. Doch während noch nach den tatsächlichen Ursachen des beispiellosen Ansturms gesucht wird, steht für einige ein Schuldiger bereits fest: IsraelIsrael: Der jüdische Staat im Herzen des Nahen OstensIsrael ist ein demokratischer Staat im Nahen Osten und der Nationalstaat des jüdischen Volkes. Er wurde am 14. Mai 1948 gegründet, seine Hauptstadt ist Jerusalem, die Knesset hat 120 Abgeordnete. Zum Unabhängigkeitstag 2026 hatte Israel rund 10,244 Millionen Einwohner.Mehr lesen.
Rechte und linke Extremisten verbreiteten am Wochenende nahezu dieselbe Erzählung. Israel habe gemeinsam mit den Vereinigten Staaten und Marokko eine „islamische Invasion“ Spaniens organisiert, um die Regierung von Ministerpräsident Pedro Sánchez zu bestrafen oder zu stürzen. Beweise dafür legte keiner der Urheber vor. Stattdessen genügte ein mehr als sieben Jahre alter Beitrag von Yair Netanyahu, dem Sohn des israelischen Ministerpräsidenten, um aus Vermutungen einen angeblichen Geheimplan zu formen.
Die amerikanische Kommentatorin Candace Owens verbreitete einen Beitrag Yair Netanyahus aus dem Jahr 2019. Darin hatte er Spanien angeboten, Israel werde keine Organisationen finanzieren, die eine Abtretung Ceutas und Melillas forderten, wenn Madrid im Gegenzug keine Gruppen in Israel mehr unterstütze, die einen Verzicht auf Judäa und SamariaJudäa und Samaria: Israels historisches Kernland im politischen StreitJudäa und Samaria bezeichnen historische Landschaften zwischen Jerusalem, dem Jordantal und den zentralen Höhenzügen des Landes Israel. In Israel ist der Begriff gebräuchlich. International wird das Gebiet oft anders bezeichnet und politisch als umstritten eingeordnet.Mehr lesen verlangten. In einem vorausgehenden Beitrag hatte er Araber und Muslime provokant aufgefordert, bei der angeblichen „Befreiung besetzter islamischer Gebiete“ zunächst in Ceuta und Melilla anzufangen. Die Äußerungen lösten damals auch bei spanischen Unterstützern Israels und in den jüdischen Gemeinden der beiden Städte Kritik aus.
Der Beitrag war polemisch, unnötig und politisch unklug. Er ist aber kein Einsatzbefehl, kein Regierungsdokument und schon gar kein Beleg dafür, dass Israel sieben Jahre später Zehntausende Menschen an der marokkanischen Grenze mobilisiert hätte. Zwischen einer provokanten Wortmeldung im Jahr 2019 und dem Massenansturm vom Juli 2026 gibt es keinen nachgewiesenen organisatorischen, finanziellen oder politischen Zusammenhang.
Von ganz rechts bis ganz links: Israel als geheimer Drahtzieher
Das hinderte Candace Owens nicht daran, den alten Beitrag als entscheidenden Hinweis zu präsentieren. Noch weiter ging der amerikanische Verschwörungsideologe Alex Jones. Er behauptete, Israel habe eine „islamische Invasion Spaniens“ gestartet und die amerikanische Regierung unterstütze Netanyahus angeblichen Plan, Migranten aus Marokko nach Spanien zu schicken. Auch dafür gibt es keinerlei Beleg.
Am anderen politischen Rand verbreitete die spanische Aktivistin Ana Alcalde, die wegen ihrer Teilnahme an einer Gaza-FlottilleGlobal Sumud: Politische Gaza-Flottille gegen IsraelGlobal Sumud bezeichnet eine internationale Gaza-Flottille, die sich als humanitäre Mission darstellt, aber ausdrücklich die israelische Seeblockade brechen will. Aus israelischer Sicht ist sie eine politische Kampagne, die Hamas-Kontext, Terrorgefahr und Sicherheitsfragen ausblendetMehr lesen auch „Gaza Barbie“ genannt wird, eine fast identische Geschichte. Israel und US-Präsident Donald Trump hätten die Krise herbeigeführt, um die angeblich fortschrittliche Regierung von Pedro Sánchez zu Fall zu bringen. Ihre ersten Beiträge erschienen bereits wenige Stunden nach Beginn der massenhaften Grenzübertritte, zu einem Zeitpunkt, als weder die Zahl der Eingereisten noch die Abläufe an der Grenze zuverlässig festgestellt waren.
Bemerkenswert ist nicht nur die Geschwindigkeit, mit der die Behauptungen verbreitet wurden. Bemerkenswert ist, wie mühelos sich äußerste Rechte und äußerste Linke auf dieselbe Erzählung verständigen. Für die einen steuert Israel angeblich eine muslimische Massenmigration, um Europa zu zerstören. Für die anderen bestraft der jüdische Staat eine linke Regierung für ihre Kritik am Krieg gegen HamasHamas: Terrororganisation aus GazaHamas ist eine islamistische palästinensische Terrororganisation. Sie entstand 1987 aus dem Umfeld der Muslimbruderschaft, lehnt Israels Existenz ab und wird von Israel, den USA, der EU und weiteren Staaten als Terrororganisation eingestuft.Mehr lesen. Der politische Ausgangspunkt ist verschieden, doch das Muster bleibt gleich: Hinter einer komplizierten Krise wird eine verborgene israelische Macht vermutet, die Staaten lenkt, Bevölkerungsbewegungen auslöst und Regierungen beseitigt.
Damit wird ein altes antisemitisches Denkmodell an die Gegenwart angepasst. Früher waren es angeblich Juden, die Revolutionen, Kriege oder Wirtschaftskrisen zugleich auslösten und kontrollierten. Heute wird „Israel“ an dieselbe Stelle gesetzt. Widersprüchliche politische Lager können sich dadurch gegenseitig bestätigen, ohne Fakten vorlegen zu müssen. Ein alter Beitrag, ein diplomatischer Konflikt und Marokkos Beziehungen zu Israel werden nebeneinandergestellt. Aus zeitlicher Nähe und politischer Abneigung entsteht anschließend die Behauptung eines Plans.
Die Wirklichkeit ist weniger bequem und für Spanien erheblich unangenehmer. Nach Angaben der Behörden gelangten seit Donnerstag etwa 50.000 Menschen auf dem Landweg oder durch das Wasser nach Ceuta. Rund 48.000 kehrten innerhalb von zwei Tagen nach Marokko zurück. Mindestens 67 Menschen kamen ums Leben, darunter Ertrunkene und Menschen, die beim Versuch, den Wellenbrecher und die Grenzanlagen zu überwinden, erdrückt wurden. Spanien verlegte daraufhin eine schwimmende Sperre, verstärkte Polizei und Militär und erklärte, die Übergänge seien in der Nacht zum Samstag weitgehend zum Stillstand gekommen.
Innenminister Fernando Grande-Marlaska machte Schleusernetzwerke und irreführende Berichte über ein Urteil des Obersten Gerichtshofs verantwortlich. Das Gericht hatte entschieden, dass Menschen, die auf dem Meer abgefangen werden, nicht ohne individuelles Verfahren unmittelbar zurückgewiesen werden dürfen, wenn dort keine bauliche Grenzsperre besteht. Nach Auffassung Madrids verbreiteten Schleuser daraus die vereinfachte Botschaft, wer Ceuta schwimmend erreiche, könne nicht mehr zurückgebracht werden.
Hinzu kamen Aufrufe in sozialen Netzwerken, sich an der Grenze zu versammeln. Die „New York Times“ berichtete nach Gesprächen mit Migranten außerdem, einzelne marokkanische Polizisten hätten Menschen zum Grenzübertritt gedrängt. Einer der Befragten gab an, Beamte hätten ihm gesagt, er solle nach Spanien gehen. Diese Aussagen sind noch kein Beweis für einen staatlich angeordneten marokkanischen Plan, sie verdienen aber eine ernsthafte Untersuchung. Spaniens Innenminister erklärte dagegen, Marokko sei ein zuverlässiger Partner und es habe keine Geheimdiensthinweise auf einen bevorstehenden Massenansturm gegeben.
Spaniens Versagen verschwindet hinter der Israel-Lüge
Gerade diese offenen Widersprüche zeigen, wie unseriös die Israel-Erzählung ist. Es gibt reale Fragen zur Rolle marokkanischer Sicherheitskräfte, zu Schleusernetzwerken, zur Verbreitung des Gerichtsurteils und zur mangelhaften Vorbereitung Spaniens. Die spanische Polizeigewerkschaft AUGC erklärte, an der Grenze seien zu wenige Beamte eingesetzt gewesen, um den Massenansturm aufzuhalten. Zugleich steht die Regierung Sánchez wegen ihrer Legalisierung Hunderttausender Migranten und ihrer vergleichsweise offenen Migrationspolitik unter Druck.
Über all das muss gestritten werden. Madrid muss erklären, weshalb es keine Warnung gab, warum die Grenze so schnell zusammenbrach und wie Zehntausende Menschen nahezu gleichzeitig mobilisiert werden konnten. Spanien darf sich nicht hinter Marokko, Brüssel oder humanitären Formeln verstecken. Eine Regierung, die eine europäische Außengrenze verwaltet, trägt Verantwortung für deren Schutz.
Doch gerade weil Spanien schwere Fragen beantworten muss, ist die Ablenkung auf Israel so verführerisch. Wer JerusalemJerusalem: Hauptstadt Israels und Herz jüdischer GeschichteJerusalem ist die Hauptstadt Israels und die größte Stadt des Landes. Für Juden ist sie seit Jahrtausenden religiöser und historischer Mittelpunkt. Zugleich ist Jerusalem auch für Christen und Muslime heilig und steht im Zentrum politischer Streitfragen.Mehr lesen zum geheimen Drahtzieher erklärt, muss nicht mehr über das Versagen spanischer Behörden, widersprüchliche Migrationssignale oder das schwierige Verhältnis zwischen Madrid und Rabat sprechen. Eine komplexe Krise wird auf einen angeblichen israelischen Racheplan reduziert. Der Schuldige steht fest, bevor die Untersuchung begonnen hat.
Die spanische Regierung selbst hat Israel nicht für die Ereignisse verantwortlich gemacht. Ministerpräsident Sánchez bezeichnete den Massenübertritt als Angriff auf die territoriale Unversehrtheit Spaniens. Grande-Marlaska verwies auf Schleuser, Falschinformationen und die besondere rechtliche Lage an der Seegrenze. Keine spanische Behörde legte Hinweise auf eine israelische Beteiligung vor. Auch internationale Berichte über mögliche Einflussnahme erwähnen marokkanische Kräfte, soziale Netzwerke und Schleuser, nicht Israel.
Das hält die Verschwörung nicht auf, denn sie benötigt keine Belege. Ihr Zweck besteht nicht darin, die Ereignisse in Ceuta zu erklären. Ihr Zweck besteht darin, Israel für jedes Chaos haftbar zu machen, das sich politisch nutzen lässt. Ein alter Beitrag wird aus seinem zeitlichen Zusammenhang gerissen, eine diplomatische Auseinandersetzung zur Drohung umgedeutet und Marokkos Beziehungen zu Jerusalem als Beweis einer gemeinsamen Operation ausgegeben.
Die 67 Toten verdienen mehr als eine solche Instrumentalisierung. Sie starben in einer Krise, deren tatsächliche Ursachen untersucht und politisch verantwortet werden müssen. Spanien muss sich seiner eigenen Grenzpolitik stellen, Marokko muss das Verhalten seiner Sicherheitskräfte erklären, und Schleusernetzwerke müssen verfolgt werden. Israel zum allmächtigen Urheber zu erklären, löst keine dieser Aufgaben. Es offenbart nur, wie schnell aus politischem Hass eine Verschwörung wird und wie zuverlässig am Ende wieder der jüdische Staat als Schuldiger herhalten soll.
Autor: Redaktion
Artikel veröffentlicht am: Sonntag, 2. August 2026