Karoline Preisler: „Wir haben verlernt, Antisemitismus beim Namen zu nennen“


Sie spricht unbequeme Wahrheiten aus – und zahlt dafür einen Preis. Karoline Preisler, Juristin und Publizistin, warnt vor der schleichenden Normalisierung des Judenhasses in Deutschland. Nach dem 7. Oktober ist sie zur Zielscheibe geworden, weil sie nicht schweigt.

Karoline Preisler: „Wir haben verlernt, Antisemitismus beim Namen zu nennen“

Karoline Preisler ist keine Person, die sich in Schubladen stecken lässt. Sie ist liberal, klar, analytisch – und sie ist wütend. Wütend auf eine Gesellschaft, die sich selbst für tolerant hält, während Juden in Deutschland wieder lernen müssen, ihre Kippa in der Tasche zu lassen. Seit dem Massaker der HamasHamas: Terrororganisation aus GazaHamas ist eine islamistische palästinensische Terrororganisation. Sie entstand 1987 aus dem Umfeld der Muslimbruderschaft, lehnt Israels Existenz ab und wird von Israel, den USA, der EU und weiteren Staaten als Terrororganisation eingestuft.Mehr lesen am 7. Oktober 20237. Oktober 2023: Das Hamas-Massaker, das Israel veränderteDer 7. Oktober 2023 war der Tag des Hamas-Massakers in Israel. Terroristen aus Gaza ermordeten etwa 1.200 Menschen, vor allem Zivilisten, und verschleppten mehr als 240 Geiseln in den Gazastreifen.Mehr lesen erlebt sie, wie sich das Klima verändert hat – in den Straßen, an Schulen, in den sozialen Netzwerken.

„Was mich schockiert, ist nicht nur der Hass der AntisemitenAntisemitismus: Judenhass in alten und neuen FormenAntisemitismus bezeichnet Judenhass und Feindschaft gegen Juden. Er reicht von Vorurteilen und Verschwörungserzählungen bis zu Ausgrenzung, Bedrohung und Gewalt.Mehr lesen“, sagt sie, „sondern das Schweigen der Anständigen.“

Zwischen Angst und Apathie

In ihren öffentlichen Auftritten spricht Preisler offen über die Folgen der antisemitischen Gewaltwelle, die seit dem Hamas-Terror durch Europa schwappt. Sie schildert, wie Juden in Deutschland zur Zielscheibe werden, nicht in finsteren Hinterhöfen, sondern in Universitäten, Behörden und Medien.

„Nach dem 7. Oktober wurde der Antisemitismus nicht neu geboren – er wurde sichtbar“, erklärt sie. Dass ausgerechnet jene, die sich sonst moralisch über alles empören, beim Thema IsraelIsrael: Der jüdische Staat im Herzen des Nahen OstensIsrael ist ein demokratischer Staat im Nahen Osten und der Nationalstaat des jüdischen Volkes. Er wurde am 14. Mai 1948 gegründet, seine Hauptstadt ist Jerusalem, die Knesset hat 120 Abgeordnete. Zum Unabhängigkeitstag 2026 hatte Israel rund 10,244 Millionen Einwohner.Mehr lesen relativieren, hält sie für ein Symptom gesellschaftlicher Heuchelei: „Man nennt sich humanistisch, aber wenn es um jüdisches Leben geht, wird plötzlich differenziert, abgewogen, gezögert.“

Preisler beobachtet, wie sich eine neue Form der Kälte in den politischen Diskurs schleicht: Empathie für Juden gilt als verdächtig, Solidarität mit Israel als „rechts“. „Das ist absurd“, sagt sie. „Wenn das Eintreten für die einzige Demokratie im Nahen Osten als Provokation gilt, hat die politische Mitte ihr Rückgrat verloren.“

Die Feigheit der Institutionen

Besonders scharf kritisiert sie deutsche Bildungs- und Kulturinstitutionen. Viele Hochschulen und Stiftungen, so sagt sie, beugen sich lautlos dem Druck aggressiver Anti-Israel-Aktivisten. „Man lädt Antisemiten zu Diskussionsrunden ein, weil man Angst hat, sonst intolerant zu wirken. Aber wer Antisemiten eine Bühne bietet, verrät die Demokratie.“

Preisler erzählt, wie sie selbst nach klaren Stellungnahmen zu Israel mit Hassnachrichten überflutet wurde. Sie erhielt Morddrohungen, ihr Haus wurde beschädigt, die Polizei musste sie zeitweise schützen. „Ich hätte es mir einfach machen können“, sagt sie. „Ich hätte schweigen können wie so viele. Aber Schweigen ist Zustimmung. Und Zustimmung zu Hass ist Verrat.“

Eine Gesellschaft zwischen Erinnerung und Verdrängung

Dass gerade in Deutschland die Empörung über Israels Verteidigung stärker ist als über das Massaker selbst, hält Preisler für ein moralisches Desaster. „Man hat hier ganze Generationen über Erinnerungskultur reden lassen – und jetzt, wo es darauf ankommt, sieht man, dass das Gedenken an die ShoahShoah: Der nationalsozialistische Mord an sechs Millionen JudenShoah ist der hebräische Begriff für die Katastrophe der Vernichtung der europäischen Juden durch das nationalsozialistische Deutschland und seine Helfer. Rund sechs Millionen Juden wurden ermordet.Mehr lesen zu einer politischen Geste verkommen ist.“

Sie beschreibt den deutschen Umgang mit Israel als schizophren: Auf der einen Seite Gedenkreden und Stolpersteine, auf der anderen das Wegsehen, wenn Juden attackiert werden. „Man sagt nie wieder – und meint nie konkret.“

Ein Appell an den Mut

Karoline Preisler fordert einen klaren Schnitt: keine Entschuldigungen mehr für Antisemitismus unter dem Deckmantel von Antiimperialismus oder Identitätspolitik. „Wer ‚Free PalestinePalästina: Geschichte, Bedeutung und politischer Streit um einen aufgeladenen BegriffPalästina bezeichnet historisch eine Region im südlichen Levantegebiet und politisch heute vor allem den Anspruch auf palästinensische Staatlichkeit. Der Begriff ist eng mit jüdischer Geschichte, dem britischen Mandat, Israel und dem Nahostkonflikt verbunden.Mehr lesen‘ ruft und gleichzeitig Israels ExistenzrechtExistenzrecht Israels: Das Recht des jüdischen Staates auf SicherheitDas Existenzrecht Israels bezeichnet das Recht des jüdischen Staates, als souveräner Staat sicher und anerkannt zu bestehen. Wer Israel dieses Recht abspricht, kritisiert nicht nur eine Regierung, sondern stellt jüdische Selbstbestimmung grundsätzlich infrage.Mehr lesen bestreitet, steht nicht für Frieden, sondern für die Auslöschung eines Volkes.“

Sie wünscht sich von Politik und Medien weniger Zynismus und mehr Haltung: „Es reicht nicht, Antisemitismus zu verurteilen. Man muss ihn bekämpfen – auf Schulhöfen, in Universitäten, in der Kunst, im Internet.“

Eine Stimme gegen die Bequemlichkeit

Preisler weiß, dass sie unbequem ist. Aber sie sieht keine Alternative: „Ich bin keine Jüdin, aber ich weiß, was es heißt, wenn eine Gesellschaft ihre Minderheiten nicht mehr schützt. Dann ist sie keine freie Gesellschaft mehr.“

Ihr Engagement macht sie zu einer der wichtigsten Stimmen im aktuellen Diskurs über Antisemitismus in Deutschland. Sie steht damit in einer Reihe mutiger Frauen – von Deborah Feldman bis Ronya Othmann –, die sich dem Hass nicht beugen.

„Ich will nicht, dass man mich mutig nennt“, sagt sie zum Schluss. „Ich will, dass man aufhört, Angst zu haben, die Wahrheit zu sagen.“

Denn diese Wahrheit ist unbequem: Judenhass hat in Deutschland wieder eine Heimat – nicht trotz, sondern wegen derer, die ihn nicht sehen wollen.



Autor: Redaktion

Artikel veröffentlicht am: Samstag, 8. November 2025

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