Israel ist mehr als Netanjahu, Gaza und Krieg was Deutschland häufig übersieht
Kaum ein anderes Land wird in Deutschland so intensiv politisch bewertet wie Israel. Doch zwischen der öffentlichen Debatte und der tatsächlichen israelischen Gesellschaft liegen erhebliche Unterschiede. Wer Israel verstehen will, muss sich mit den Menschen, ihren Erfahrungen und ihren politischen Widersprüchen beschäftigen, statt sie auf wenige vertraute Schlagworte zu reduzieren.

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Über IsraelIsrael: Der jüdische Staat im Herzen des Nahen OstensIsrael ist ein demokratischer Staat im Nahen Osten und der Nationalstaat des jüdischen Volkes. Er wurde am 14. Mai 1948 gegründet, seine Hauptstadt ist Jerusalem, die Knesset hat 120 Abgeordnete. Zum Unabhängigkeitstag 2026 hatte Israel rund 10,244 Millionen Einwohner.Mehr lesen wird in Deutschland ununterbrochen diskutiert. Über Benjamin Netanjahu, den GazastreifenPalästina: Geschichte, Bedeutung und politischer Streit um einen aufgeladenen BegriffPalästina bezeichnet historisch eine Region im südlichen Levantegebiet und politisch heute vor allem den Anspruch auf palästinensische Staatlichkeit. Der Begriff ist eng mit jüdischer Geschichte, dem britischen Mandat, Israel und dem Nahostkonflikt verbunden.Mehr lesen, militärische Operationen, Siedlungen und die Haltung der israelischen Regierung. Doch eine Frage bleibt in diesen Auseinandersetzungen häufig auf der Strecke: Wie gut kennen wir eigentlich die Menschen, über deren Land wir so selbstverständlich urteilen?
Israel ist eine Gesellschaft mit tiefen politischen Gegensätzen, unterschiedlichen religiösen Traditionen, verschiedenen familiären Herkunftsgeschichten und sehr unterschiedlichen Vorstellungen darüber, wie das Land regiert werden sollte. Diese Unterschiede verschwinden jedoch oft hinter der vereinfachenden Gegenüberstellung von linken und rechten Israelis, religiösen und säkularen Bürgern oder Befürwortern und Gegnern Netanjahus.
Besonders problematisch wird diese Verkürzung, wenn europäische Vorstellungen von Politik auf Israel übertragen werden, ohne dessen historische und sicherheitspolitische Wirklichkeit ausreichend zu berücksichtigen. Eine israelische Forderung nach militärischer Stärke entsteht unter anderen Bedingungen als eine vergleichbare Forderung in Deutschland. Die Ablehnung bestimmter politischer Zugeständnisse kann Ausdruck nationalistischer Überzeugungen sein, sie kann aber ebenso aus konkreten Erfahrungen mit Terroranschlägen, gescheiterten Verhandlungen oder der Angst vor weiteren Angriffen entstehen.
Wer diese Unterschiede nicht untersucht, versteht möglicherweise die politischen Positionen einzelner Israelis, aber nicht die Gründe, weshalb sie entstanden sind.
Eine Gesellschaft, die in keine einfache Schublade passt
Bereits die gesellschaftliche Zusammensetzung Israels widerspricht zahlreichen Vorstellungen, die in europäischen Debatten immer wieder auftauchen.
Nach den vom israelischen Statistikamt veröffentlichten Angaben für 2025 bezeichneten sich 42,7 Prozent der erwachsenen jüdischen Israelis als säkular. Weitere 33,5 Prozent verstanden sich als traditionell, mit unterschiedlichen Graden religiöser Bindung. Rund 12 Prozent bezeichneten sich als religiös und 11,4 Prozent als ultraorthodox.
Diese Zahlen beschreiben keine politischen Lager. Ein traditioneller Israeli muss nicht rechts wählen, ein säkularer Israeli nicht links. Religiöse Identität, wirtschaftliche Interessen und sicherheitspolitische Überzeugungen lassen sich nicht einfach miteinander gleichsetzen.
Hinzu kommt die Vielfalt der Herkunftsgeschichten. Israel wurde nicht ausschließlich von europäischen Juden aufgebaut. Familien aus Marokko, dem Irak, dem Iran, dem Jemen und zahlreichen weiteren Ländern prägen die Gesellschaft ebenso wie Nachkommen europäischer Einwanderer. Viele dieser Familien haben eigene Erfahrungen mit Verfolgung, Diskriminierung, Vertreibung und dem Verlust ihrer früheren Heimat.
Auch die arabischen Staatsbürger Israels sind kein einheitlicher politischer Block. Sie unterscheiden sich in ihren religiösen Zugehörigkeiten, politischen Überzeugungen und Vorstellungen über das Verhältnis zwischen ihrer eigenen Identität und dem israelischen Staat.
Wie unterschiedlich Israelis auf politische Fragen blicken, zeigen Untersuchungen des Israel Democracy Institute. Dessen Demokratieindex für 2025 dokumentiert nicht nur eine ausgeprägte politische Polarisierung, sondern auch erhebliche Unterschiede zwischen jüdischen und arabischen Bürgern bei der Bewertung staatlicher Institutionen und der Sicherheitslage.
Das Institut stellte zugleich fest, dass die Mehrheit der Israelis trotz ihrer Unzufriedenheit mit verschiedenen politischen Entwicklungen weiterhin in Israel leben möchte. Das Land wird von vielen Bürgern kritisch betrachtet, bleibt aber ihre Heimat, mit der sie sich eng verbunden fühlen.
Damit zeigt sich ein wesentlicher Unterschied zwischen gesellschaftlicher Kritik und grundsätzlicher Ablehnung des eigenen Staates. Ein Israeli kann Netanjahu ablehnen und gleichzeitig die israelischen Streitkräfte unterstützen. Er kann gegen bestimmte Entscheidungen der Regierung demonstrieren und dennoch überzeugt sein, dass Israel militärisch stark bleiben muss.
Genau diese Unterscheidung geht in politischen Debatten außerhalb Israels häufig verloren.
Warum Sicherheit in Israel keine gewöhnliche Parteifrage ist
Besonders deutlich wird das beim Umgang mit der israelischen Sicherheitspolitik.
In Deutschland werden Forderungen nach militärischer Härte oft unmittelbar in ein politisches Links-rechts-Schema eingeordnet. Für Israel ist das nur begrenzt geeignet. Der Schutz der Bevölkerung vor Terroranschlägen, Raketenbeschuss und militärischen Bedrohungen gehört nicht ausschließlich zum Programm rechter Parteien.
Das lässt sich anhand israelischer Untersuchungen belegen. Der Demokratieindex 2025 ergab, dass das Vertrauen in die israelischen Streitkräfte unter jüdischen Befragten aus dem linken, mittleren und rechten politischen Lager jeweils bei 84 Prozent lag.
Das ist ein bemerkenswertes Ergebnis. Während die Israelis über die politische Führung, die Justiz und zahlreiche gesellschaftliche Fragen heftig streiten, verbindet große Teile der jüdischen Bevölkerung ein hohes Vertrauen in die Institution, die für ihre militärische Verteidigung verantwortlich ist.
Noch deutlicher wird der Unterschied beim Vergleich mit der Regierung. Eine Untersuchung des Institute for National Security Studies vom Dezember 2025 ergab, dass 75 Prozent aller befragten Israelis hohes Vertrauen in die Streitkräfte hatten. Der Regierung vertrauten dagegen lediglich 23 Prozent in hohem Maße.
Die israelische Gesellschaft unterscheidet also zwischen dem Staat, seinen Sicherheitsinstitutionen und den Politikern, die ihn vorübergehend führen.
Wer die Unterstützung für militärische Selbstverteidigung automatisch als Zustimmung zu Netanjahu interpretiert, begeht deshalb einen grundlegenden analytischen Fehler.
Auch die Sicherheitsbedürfnisse der Bevölkerung lassen sich nicht ohne ihre Erfahrungen verstehen. Israelische Familien leben seit Jahrzehnten mit Terroranschlägen, Kriegen und Raketenalarm. Der 7. Oktober 20237. Oktober 2023: Das Hamas-Massaker, das Israel veränderteDer 7. Oktober 2023 war der Tag des Hamas-Massakers in Israel. Terroristen aus Gaza ermordeten etwa 1.200 Menschen, vor allem Zivilisten, und verschleppten mehr als 240 Geiseln in den Gazastreifen.Mehr lesen hat das Vertrauen vieler Bürger in den Schutz durch ihren eigenen Staat schwer erschüttert.
Diese Erfahrungen haben politische Folgen. Sie erklären nicht jede israelische Entscheidung und rechtfertigen nicht automatisch jede militärische Maßnahme. Aber sie gehören zu den Voraussetzungen, ohne die politische Positionen in Israel nicht angemessen beurteilt werden können.
Wer beispielsweise die Skepsis gegenüber einer palästinensischen Staatsgründung untersucht, muss deshalb mehr berücksichtigen als die politische Ideologie der Befragten. Dazu gehören Fragen nach der Kontrolle möglicher Grenzen, der Entwaffnung terroristischer Organisationen und der Gefahr weiterer Angriffe.
Eine Untersuchung des Pew Research Center von 2025 zeigte, dass 82 Prozent der befragten jüdischen Israelis das fehlende Vertrauen zwischen Israelis und Palästinensern als wesentliches Hindernis für einen dauerhaften Frieden ansahen. Bei den arabischen Befragten waren es 44 Prozent.
Diese Unterschiede zeigen, wie stark die Wahrnehmung politischer Lösungen von den jeweiligen Erfahrungen und gesellschaftlichen Perspektiven abhängt.
Das deutsche Bild von Israel braucht mehr Wirklichkeit
Das eigentliche Problem beginnt dort, wo solche Unterschiede nicht mehr ausreichend erklärt werden.
Israel lässt sich weder auf die Entscheidungen Netanjahus reduzieren noch auf Bilder aus dem Gazastreifen, politische Demonstrationen in Tel Aviv oder die Auseinandersetzungen um jüdische GemeindenGlobale Intifada: Die Parole, die Gewalt gegen Israel exportiert„Globale Intifada“ oder „Globalize the Intifada“ ist eine antiisraelische Parole, die den Kampf gegen Israel weltweit ausweiten soll. Aktuelle Kampagnen nutzen Karten, Zielorte und Lieferkettenlisten gegen Firmen, Häfen und Schiffe.Mehr lesen in Judäa und SamariaJudäa und Samaria: Israels historisches Kernland im politischen StreitJudäa und Samaria bezeichnen historische Landschaften zwischen Jerusalem, dem Jordantal und den zentralen Höhenzügen des Landes Israel. In Israel ist der Begriff gebräuchlich. International wird das Gebiet oft anders bezeichnet und politisch als umstritten eingeordnet.Mehr lesen. All das gehört zur Wirklichkeit des Landes. Aber es ist nicht die gesamte Wirklichkeit.
Wer ausschließlich über militärische Operationen berichtet, zeigt einen Staat im Krieg. Wer vor allem seine gesellschaftlichen Spannungen untersucht, beschreibt eine gespaltene Gesellschaft. Wer überwiegend Regierungsgegner interviewt, vermittelt möglicherweise den Eindruck, ihre Ansichten seien repräsentativ für die gesamte Bevölkerung.
Jede dieser Perspektiven kann journalistisch berechtigt sein. Problematisch wird es, wenn sie regelmäßig an die Stelle eines umfassenderen Bildes tritt.
Die israelische Gesellschaft besteht auch aus Menschen, die mit politischen Gegnern zusammenarbeiten, aus Familien unterschiedlicher Herkunft, aus Unternehmern, Wissenschaftlern, religiösen Gemeinschaften und Bürgern, die ihre Regierung kritisieren, ohne deshalb die Sicherheit des Staates infrage zu stellen.
Sie besteht aus Menschen, die sich im politischen Streit kaum einigen können und dennoch gemeinsame Erfahrungen teilen. Und sie besteht aus Bürgern, deren Vorstellungen von Frieden, Sicherheit und gesellschaftlicher Ordnung sich nicht immer in deutsche politische Kategorien übersetzen lassen.
Gerade in der deutschen Berichterstattung sollte deshalb deutlicher zwischen dem Verhalten einer Regierung, den Ansichten einzelner politischer Gruppen und den Interessen einer gesamten Bevölkerung unterschieden werden.
Das bedeutet nicht, dass israelische Politik weniger kritisch betrachtet werden müsste. Im Gegenteil: Eine ernsthafte Kritik verlangt genaue Kenntnisse der gesellschaftlichen und politischen Zusammenhänge. Wer die Wirklichkeit eines Landes nicht ausreichend kennt, kann auch seine Probleme nur unzureichend erklären.
Die Verantwortung dafür liegt bei Journalisten, politischen Kommentatoren und allen, die über Israel öffentliche Urteile formulieren. Sie müssen hinterfragen, ob ihre Auswahl von Gesprächspartnern, Themen und Informationen der tatsächlichen Vielfalt entspricht oder vor allem jene Sichtweisen bestätigt, die ihrem Publikum bereits vertraut sind.
Deutschland trägt gegenüber jüdischem Leben und Israel eine besondere historische Verantwortung. Daraus folgt weder die Pflicht, jede israelische Entscheidung zu unterstützen, noch ein Verbot politischer Kritik. Es folgt aber die Verpflichtung, jüdische Geschichte und israelische Gegenwart nicht auf vereinfachende Vorstellungen zu reduzieren.
Das gilt besonders für die Frage der jüdischen Selbstbestimmung. Israel ist nicht bloß ein historischer Zufluchtsort. Es ist ein souveräner Staat, dessen Bürger selbst über ihre politische Zukunft entscheiden und der wie andere Staaten das Recht besitzt, seine Bevölkerung im Rahmen des Völkerrechts zu verteidigen.
Die Anerkennung dieses Rechts bedeutet nicht, jede militärische Entscheidung gutzuheißen. Sie bedeutet aber, die Sicherheitsinteressen Israels als eigenständigen und legitimen Bestandteil politischer Betrachtungen ernst zu nehmen.
Wer Israel nur dann versteht, wenn seine Bürger den eigenen politischen Erwartungen entsprechen, hat nicht Israel verstanden, sondern vor allem seine eigenen Erwartungen bestätigt.
Die wichtigste Aufgabe einer unabhängigen Berichterstattung besteht deshalb nicht darin, den Israelis zu erklären, wie sie sein sollten. Sie besteht darin, dem Publikum zu zeigen, wie sie tatsächlich leben, denken, streiten und entscheiden.
Erst auf dieser Grundlage wird eine Kritik möglich, die der Wirklichkeit gerecht wird, statt sie auf ein bereits vorhandenes Bild zu reduzieren.
Autor: Redaktion
Artikel veröffentlicht am: Sonntag, 1. November 2026