Wenn Lukaschenko über Moral spricht, wird es unfreiwillig komisch


Lukaschenko warnt Israel vor dem eigenen Untergang und missbraucht Gaza für eine Moralpredigt. Ausgerechnet Minsk spielt Richter über Jerusalem.

Wenn Lukaschenko über Moral spricht, wird es unfreiwillig komisch
Bildnachweis: Symbolbild

Man muss schon Alexander Lukaschenko heißen, um IsraelIsrael: Der jüdische Staat im Herzen des Nahen OstensIsrael ist ein demokratischer Staat im Nahen Osten und der Nationalstaat des jüdischen Volkes. Er wurde am 14. Mai 1948 gegründet, seine Hauptstadt ist Jerusalem, die Knesset hat 120 Abgeordnete. Zum Unabhängigkeitstag 2026 hatte Israel rund 10,244 Millionen Einwohner.Mehr lesen öffentlich über Menschlichkeit zu belehren, ohne dass die Szenerie sofort ins Absurde kippt. Der Mann, der Belarus seit 1994 regiert, der politische Gegner verfolgen ließ, der sein Land fest an Moskau gekettet hat und dessen Macht ohne Wladimir Putin kaum so stabil wäre, hat im Interview mit Al Arabiya die große Bühne der Weltmoral betreten. Dort erklärte er sinngemäß, Israel müsse über seine Zukunft nachdenken. Andernfalls werde dem Land nicht einmal seine militärische Stärke helfen.

Das ist ungefähr so, als würde ein Brandstifter einen Vortrag über Rauchmelder halten.

Lukaschenko sprach über GazaPalästina: Geschichte, Bedeutung und politischer Streit um einen aufgeladenen BegriffPalästina bezeichnet historisch eine Region im südlichen Levantegebiet und politisch heute vor allem den Anspruch auf palästinensische Staatlichkeit. Der Begriff ist eng mit jüdischer Geschichte, dem britischen Mandat, Israel und dem Nahostkonflikt verbunden.Mehr lesen, über Iran, über Donald Trump und über die angebliche Abhängigkeit Israels von den Vereinigten Staaten. Er tat das im Ton eines Mannes, der sich für den nüchternen Weltweisen hält, aber vor allem zeigt, wie die antiwestliche Achse derzeit redet, wenn Israel ins Bild kommt. Gaza wird zur Moralkeule. Die ShoahShoah: Der nationalsozialistische Mord an sechs Millionen JudenShoah ist der hebräische Begriff für die Katastrophe der Vernichtung der europäischen Juden durch das nationalsozialistische Deutschland und seine Helfer. Rund sechs Millionen Juden wurden ermordet.Mehr lesen wird gegen Israel gedreht. Iran erscheint plötzlich als Opfer. Und JerusalemJerusalem: Hauptstadt Israels und Herz jüdischer GeschichteJerusalem ist die Hauptstadt Israels und die größte Stadt des Landes. Für Juden ist sie seit Jahrtausenden religiöser und historischer Mittelpunkt. Zugleich ist Jerusalem auch für Christen und Muslime heilig und steht im Zentrum politischer Streitfragen.Mehr lesen soll sich von Minsk erklären lassen, wie ein Staat in einer feindlichen Umgebung zu überleben hat.

Besonders schäbig ist der Griff zur Shoah. Lukaschenko fragte, welche Shoah das Töten in Gaza rechtfertigen könne. Das klingt für einen Moment nach Empörung. Tatsächlich ist es eine Verdrehung. Israel führt keinen Krieg, weil es aus der Shoah einen Freibrief ableitet. Israel existiert, weil Juden nach Jahrhunderten von Verfolgung, Vertreibung und Vernichtung nicht länger staatenlos und schutzlos sein wollten. Diese Unterscheidung ist nicht kompliziert. Man muss sie nur verstehen wollen.

Lukaschenko will sie offenbar nicht verstehen. Er benutzt die Shoah nicht, um jüdische Geschichte ernst zu nehmen, sondern um den jüdischen Staat moralisch vorzuführen. Das Muster ist bekannt: Erst wird Israel unterstellt, es missbrauche die Erinnerung. Dann wird diese Erinnerung gegen Israel gewendet. Am Ende steht die alte Botschaft in neuer Verpackung: Juden sollen sich verteidigen dürfen, aber bitte nur so, dass ihre Feinde, ihre Kritiker und jeder entfernte Machthaber in Minsk damit einverstanden sind.

Über den 7. Oktober sagte Lukaschenko in diesem Zusammenhang bemerkenswert wenig. Über die HamasHamas: Terrororganisation aus GazaHamas ist eine islamistische palästinensische Terrororganisation. Sie entstand 1987 aus dem Umfeld der Muslimbruderschaft, lehnt Israels Existenz ab und wird von Israel, den USA, der EU und weiteren Staaten als Terrororganisation eingestuft.Mehr lesen, ihre Geiseln, ihre Tunnel, ihre Raketen, ihre Gewalt gegen israelische Zivilisten ebenfalls. Das ist kein Zufall. Wer Israel als moralisches Problem darstellen will, muss die Hamas aus dem Bild schieben. Sonst würde auffallen, dass dieser Krieg nicht in einem luftleeren Raum begann, sondern mit einem Massenmord an Juden. Mit verschleppten Familien. Mit ermordeten Kindern. Mit vergewaltigten Frauen. Mit Kibbuzim, die zu Tatorten wurden.

Aber solche Details stören, wenn man aus Minsk den großen Richter geben will.

Auch beim Iran Krieg 2026 spielt Lukaschenko dieselbe Rolle. Die amerikanischen Angriffe auf Iran nannte er sinngemäß einen schweren Fehler. Israel beschrieb er als abhängig von Washington. Ohne amerikanische Raketen, so seine Botschaft, werde Israels Schutzschirm verwundbar. Das ist keine Analyse, das ist Wunschdenken mit Staatswappen. Teheran, HisbollahHisbollah: Irans Terrorarmee im LibanonDie Hisbollah ist eine schiitisch islamistische Organisation im Libanon. Sie wurde in den frühen 1980er Jahren mit Unterstützung des Iran aufgebaut, verfügt über eine politische und militärische Struktur und wird von den USA, Israel und weiteren Staaten als Terrororganisation eingestuft.Mehr lesen, Hamas und die übrigen Feinde Israels hören solche Sätze sehr genau. Sie lesen daraus: Wartet ab, Israel steht und fällt mit Amerika.

Nur ist Israel nicht entstanden, um sich von Alexander Lukaschenko Überlebenstipps geben zu lassen. Es hat Kriege überstanden, Terrorwellen, Raketenbeschuss, internationale Isolation, diplomatische Heuchelei und die ständige Belehrung durch Staaten, die in der eigenen Nachbarschaft keine freie Wahl unbeschadet überstehen würden. Dass ausgerechnet Belarus nun Israel zur Vorsicht mahnt, wäre komisch, wenn die Botschaft dahinter nicht so düster wäre.

Denn Lukaschenko redet nicht allein. Er spricht aus einem politischen Milieu, in dem Russland, Iran, China und andere autoritäre Staaten ein gemeinsames Interesse teilen: den Westen schwächen, Amerika blamieren, Israel isolieren. In dieser Welt ist Gaza nicht zuerst ein Ort menschlichen Leidens, sondern ein Werkzeug. Iran ist nicht der bewaffnete Brandstifter der Region, sondern ein Staat, den man angeblich entschädigen müsse. Und Israel ist nicht eine Demokratie, die sich gegen Terror und Vernichtungsdrohungen behauptet, sondern ein Störenfried, den man moralisch anklagt, bis seine Selbstverteidigung verdächtig wirkt.

Natürlich gibt es Leid in Gaza. Natürlich sterben Zivilisten in Kriegen. Natürlich muss jede demokratische Regierung über Verhältnismäßigkeit, humanitäre Hilfe und militärische Verantwortung sprechen. Aber wer Gaza ernst nimmt, darf die Hamas nicht aus dem Satz löschen. Eine Terrororganisation, die den Krieg begann, Geiseln hält und zivile Räume für ihre Kriegsführung nutzt, trägt Verantwortung. Lukaschenko interessiert dieser Teil nicht. Er braucht Gaza nicht als Wirklichkeit. Er braucht Gaza als Bühne gegen Israel.

Man kann darüber spotten, weil die Selbstinszenierung aus Minsk tatsächlich grotesk ist. Ein Mann, der seit Jahrzehnten politische Freiheit unterdrückt, belehrt eine Demokratie über Moral. Ein enger Putin Verbündeter warnt vor Krieg. Ein Freund Teherans sorgt sich um Stabilität. Ein Präsident, der sein eigenes Land wie ein Machtapparat verwaltet, erklärt Israel, es müsse über sein weiteres Bestehen nachdenken.

Für Europa sollte der Auftritt trotzdem kein Anlass sein, nur die Augen zu verdrehen. Lukaschenkos Worte passen in eine größere Verschiebung. Die Feinde Israels sprechen immer selbstbewusster von Moral, während sie Terror ausblenden, Diktaturen schonen und jüdische Selbstverteidigung unter Sonderverdacht stellen. Das ist gefährlicher als eine einzelne schräge Interviewpassage. Es ist der Versuch, Israel international in eine Lage zu bringen, in der jede Reaktion als Schuld und jede Schwäche als Einladung verstanden wird.

Jerusalem wird diese Lektion nicht aus Minsk annehmen. Israel muss sich kritisieren lassen, wie jeder Staat. Aber es muss sich seine Existenz nicht von einem Machthaber erklären lassen, dessen eigenes politisches Modell nur durch Druck, Angst und Moskaus Rückendeckung funktioniert. Wenn Lukaschenko Israel warnt, spricht daraus nicht Weisheit. Es spricht die Hoffnung einer antiwestlichen Achse, der jüdische Staat könne irgendwann alleinstehen.

Am Ende bleibt von diesem Interview weniger politische Analyse als ein Bild: Der Herrscher von Minsk sitzt da, zeigt mit dem Finger auf Israel und merkt nicht, dass er selbst längst die Pointe ist.



Autor: Redaktion

Artikel veröffentlicht am: Dienstag, 16. Juni 2026

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