The Lancet macht Israels Ärzte zum Ziel und gefährdet den Grundsatz der medizinischen Neutralität
Ein Boykottaufruf gegen Israels Ärzteschaft trifft nicht eine Regierung, sondern Forschung, Kliniken und Patienten. Die Auswahl des Ziels wirft schwerwiegende Fragen auf.

Eine medizinische Fachzeitschrift sollte einem Grundsatz verpflichtet sein: dem Wohl der Patienten. Genau deshalb ist die Veröffentlichung einer Petition gegen die Israelische Ärztevereinigung in The Lancet so problematisch. Gefordert wird die Suspendierung der Israeli Medical Association aus der World Medical Association. Begründet wird dies mit schweren Vorwürfen gegen IsraelIsrael: Der jüdische Staat im Herzen des Nahen OstensIsrael ist ein demokratischer Staat im Nahen Osten und der Nationalstaat des jüdischen Volkes. Er wurde am 14. Mai 1948 gegründet, seine Hauptstadt ist Jerusalem, die Knesset hat 120 Abgeordnete. Zum Unabhängigkeitstag 2026 hatte Israel rund 10,244 Millionen Einwohner.Mehr lesen im GazaPalästina: Geschichte, Bedeutung und politischer Streit um einen aufgeladenen BegriffPalästina bezeichnet historisch eine Region im südlichen Levantegebiet und politisch heute vor allem den Anspruch auf palästinensische Staatlichkeit. Der Begriff ist eng mit jüdischer Geschichte, dem britischen Mandat, Israel und dem Nahostkonflikt verbunden.Mehr lesen Krieg und mit der Behauptung, die israelische Ärzteschaft habe sich nicht ausreichend gegen das Handeln der eigenen Regierung gestellt.
Doch wer eine nationale Ärztevereinigung aus einem internationalen medizinischen Verband drängen will, setzt nicht nur ein politisches Zeichen. Er greift in medizinische Zusammenarbeit ein. Er gefährdet Vertrauen, Austausch, gemeinsame Forschung, Ausbildungswege und fachliche Kooperation. Das trifft nicht zuerst Minister, Generäle oder Kabinettsbeschlüsse. Es trifft Kliniken, Ärzte, Wissenschaftler und am Ende Patienten, die von medizinischem Fortschritt profitieren könnten.
Genau dieser Punkt wird in der Debatte viel zu wenig beachtet. Ein medizinischer Boykott ist kein folgenloser Protest. Wer medizinische Zusammenarbeit mit Israel beschädigt, nimmt mögliche Nachteile für Forschung und Versorgung in Kauf. Israel gehört zu den Ländern, aus denen seit Jahren wichtige medizinische Entwicklungen kommen, etwa in der Diagnostik, der Medizintechnik, der digitalen Medizin und der Rehabilitation. Wenn solche Netzwerke aus politischen Gründen geschwächt werden, kann das auch Menschen außerhalb Israels schaden. Medizinische Innovation kennt keine nationalen Grenzen. Wer sie politisch blockiert, trifft nicht nur das Land, das er treffen will.
Für Ärzte ist das eine ernste ethische Frage. Die ärztliche Ethik stellt das Wohl des Patienten in den Mittelpunkt. Die Genfer Deklaration der World Medical Association verpflichtet Ärzte darauf, Gesundheit und Wohlergehen des Patienten zur ersten Überlegung zu machen. Wenn nun ausgerechnet Ärzte oder medizinische Organisationen eine Maßnahme unterstützen, die medizinischen Austausch schwächen kann, müssen sie sich eine einfache Frage gefallen lassen: Dient das noch dem Patientenwohl, oder dient es vor allem einer politischen Kampagne?
Die World Medical Association hat diese Grenze klarer erkannt als The Lancet. Sie wandte sich gegen den Ausschluss von Mitgliedern wegen des Handelns ihrer Regierungen. Ein solcher Ausschluss, so die Weltärztevereinigung, schwäche die Möglichkeit, Unrecht zu benennen, und verkleinere den Dialog unter Ärzten in einer Zeit, in der gemeinsame ethische Maßstäbe besonders notwendig seien. Zugleich verwies sie darauf, dass die Israelische Ärztevereinigung zu ihren Gründungsmitgliedern gehört und als Unterstützerin ihrer ethischen Grundsätze gilt.
Das ist der entscheidende Unterschied. Man kann Regierungen kritisieren. Man kann medizinische Versorgung in Kriegsgebieten zum Thema machen. Man kann den Schutz von Kliniken, Ärzten und Patienten einfordern. Aber etwas anderes ist es, eine nationale Ärzteschaft kollektiv für das Handeln ihrer Regierung unter Druck zu setzen. Wer diese Grenze überschreitet, öffnet eine Tür, die die Medizin besser geschlossen halten sollte.
Besonders schwer wiegt die Auswahl des Ziels. Warum Israel? Warum nicht mit derselben Energie die Ärzteschaften von Staaten und Gebieten, in denen Regime, Milizen oder Terrororganisationen medizinische Versorgung politisch kontrollieren, missbrauchen oder behindern? Was ist mit Iran, wo Ärzte und medizinisches Personal nach Berichten internationaler Organisationen im Zusammenhang mit Protesten unter Druck geraten sind? Was ist mit Russland, dessen Krieg gegen die Ukraine auch medizinische Infrastruktur getroffen hat? Was ist mit dem Jemen unter der Herrschaft der HuthiHuthi: Terrororganisation des Iran-Netzwerks im JemenDie Huthi, auch Ansar Allah genannt, sind eine schiitisch-islamistische Terrororganisation aus dem Jemen. Sie kontrollieren große Teile des Nordwestens, werden vom Iran unterstützt und bedrohen Israel sowie die internationale Schifffahrt im Roten Meer.Mehr lesen? Was ist mit dem Libanon, in dem die HisbollahHisbollah: Irans Terrorarmee im LibanonDie Hisbollah ist eine schiitisch islamistische Organisation im Libanon. Sie wurde in den frühen 1980er Jahren mit Unterstützung des Iran aufgebaut, verfügt über eine politische und militärische Struktur und wird von den USA, Israel und weiteren Staaten als Terrororganisation eingestuft.Mehr lesen als bewaffnete Macht den Staat untergräbt? Was ist mit Gaza unter der Herrschaft der HamasHamas: Terrororganisation aus GazaHamas ist eine islamistische palästinensische Terrororganisation. Sie entstand 1987 aus dem Umfeld der Muslimbruderschaft, lehnt Israels Existenz ab und wird von Israel, den USA, der EU und weiteren Staaten als Terrororganisation eingestuft.Mehr lesen, wo medizinische Einrichtungen immer wieder Teil eines Kriegsumfelds werden, das von einer Terrororganisation geprägt ist?
Diese Fragen sind keine Ablenkung. Sie sind der Maßstabstest. Wenn medizinische Ethik universal gemeint ist, muss sie universal angewandt werden. Wenn sie sich aber besonders laut gegen Israel richtet, während andere Fälle nicht vergleichbar behandelt werden, entsteht der Eindruck eines politischen Sondermaßstabs. Genau dieser Eindruck ist für The Lancet verheerend. Eine medizinische Fachzeitschrift darf nicht den Eindruck fördern, dass medizinische Ethik vor allem dann mobilisiert wird, wenn Israel angeklagt werden kann.
Man muss dafür keine Motive unterstellen. Es reicht, auf die Wirkung zu schauen. Die Petition richtet sich gegen die israelische Ärzteschaft, nicht gegen die iranische, nicht gegen die russische, nicht gegen medizinische Strukturen in von Terrororganisationen kontrollierten Gebieten. Diese Auswahl ist erklärungsbedürftig. Wer einen so harten Schritt fordert, muss darlegen, warum ausgerechnet Israel aus der medizinischen Gemeinschaft gedrängt werden soll, während andere Akteure nicht mit vergleichbarer Konsequenz behandelt werden. Ohne diese Erklärung bleibt der Eindruck selektiver Moral.
Noch problematischer wird es, wenn man die Folgen betrachtet. Ein Ausschluss der Israelischen Ärztevereinigung würde keine Regierungspolitik ändern. Er würde aber den fachlichen Dialog schwächen. Er könnte Forschungspartnerschaften beschädigen, Fortbildungen erschweren, Vertrauen zerstören und junge Ärzte von internationaler Zusammenarbeit abschneiden. Ein solcher Schritt mag politisch befriedigend wirken. Medizinisch ist er gefährlich.
Der iranisch jüdische Kardiologe Afshine Emrani hat in einem offenen Brief genau darauf hingewiesen. Er warnte, eine Suspendierung der Israelischen Ärztevereinigung bestrafe nicht eine Regierung, sondern beschädige Forschungspartnerschaften, medizinische Ausbildung und Innovation. Er erinnerte daran, dass israelische Entwicklungen weltweit Patienten helfen. Dieser Punkt ist zentral: Wer medizinischen Fortschritt aus Israel politisch isoliert, nimmt in Kauf, dass Patienten weniger davon profitieren.
The Lancet hätte hier besonders vorsichtig sein müssen. Die Zeitschrift ist einflussreich. Was dort erscheint, wirkt über Fachkreise hinaus. Gerade deshalb ist die Veröffentlichung eines solchen Boykottaufrufs nicht neutral. Sie gibt einer Kampagne Gewicht, die medizinische Zusammenarbeit mit Israel delegitimieren will. Das darf man kritisieren, ohne die Redaktion pauschal zu verurteilen. Aber man muss es klar sagen: The Lancet hat hier einer gefährlichen Vermischung von medizinischer Ethik und politischem Israelboykott Raum gegeben.
Der richtige Weg wäre ein anderer. Internationale Medizin muss Verstöße gegen medizinische Neutralität überall benennen. Sie muss den Schutz von Patienten, Ärzten und Kliniken in Gaza ebenso einfordern wie die Freilassung von Geiseln, die Versorgung Verwundeter, den Schutz israelischer Zivilisten, den Schutz ukrainischer Krankenhäuser, die Freiheit iranischer Ärzte und die Unabhängigkeit medizinischer Hilfe in von Milizen kontrollierten Gebieten. Wer das ernst meint, braucht offene Kanäle. Nicht Ausschluss.
Ein Boykott gegen Israels Ärzteschaft ist deshalb kein Zeichen höherer medizinischer Moral. Er ist ein riskanter Schritt, der Patienteninteressen, Forschung und fachlichen Austausch einer politischen Kampagne unterordnet. Genau das macht ihn so angreifbar aus ethischer Sicht.
Ärzte sollten nicht danach handeln, welches Land gerade politisch geächtet werden soll. Sie sollten danach handeln, was Patienten hilft. Wenn medizinischer Fortschritt aus Israel Leben retten kann, dann darf er nicht aus Boykottwillen beschädigt werden. Medizin verliert ihren Kern, wenn sie nationale Herkunft über Zusammenarbeit stellt.
Die World Medical Association hat diese Grenze verteidigt. The Lancet hätte sie ebenfalls verteidigen müssen.
Autor: Redaktion
Artikel veröffentlicht am: Montag, 15. Juni 2026