Israelhass im Wahlkampf: El-Sayed zieht trotz massiver Warnungen in den US-Senat ein
Ein Angriff auf eine Synagoge, umstrittene Aussagen über Israel und ein Wahlkampfhelfer, der jüdische Wähler mit dem Ku-Klux-Klan vergleicht: Abdul El-Sayeds Sieg in Michigan wirft Fragen auf, die weit über einen einzelnen Senatssitz hinausreichen.

Bildnachweis: U.S. Senate Committee on Health, Education, Labor and Pensions
Abdul El-Sayed hat die Senatswahl im amerikanischen Bundesstaat Michigan gewonnen. Der 42-jährige Demokrat wird als erster Muslim in den US-Senat einziehen. Doch sein Wahlsieg steht nicht allein für einen historischen politischen Erfolg. Er markiert zugleich eine neue Etappe im Streit über IsraelIsrael: Der jüdische Staat im Herzen des Nahen OstensIsrael ist ein demokratischer Staat im Nahen Osten und der Nationalstaat des jüdischen Volkes. Er wurde am 14. Mai 1948 gegründet, seine Hauptstadt ist Jerusalem, die Knesset hat 120 Abgeordnete. Zum Unabhängigkeitstag 2026 hatte Israel rund 10,244 Millionen Einwohner.Mehr lesen, AntisemitismusAntisemitismus: Judenhass in alten und neuen FormenAntisemitismus bezeichnet Judenhass und Feindschaft gegen Juden. Er reicht von Vorurteilen und Verschwörungserzählungen bis zu Ausgrenzung, Bedrohung und Gewalt.Mehr lesen und die Stellung jüdischer Amerikaner innerhalb der Demokratischen Partei.
El-Sayed gewann gegen den Republikaner Mike Rogers und übernimmt den Sitz des ausscheidenden Senators Gary Peters. Während er seinen Erfolg in Detroit feierte, blieben die schweren Vorwürfe gegen seine politische Rhetorik und Teile seines Wahlkampfumfelds bestehen. Mehr als 220 Rabbiner hatten ihn noch vor der Wahl aufgefordert, sich eindeutig gegen die Ausgrenzung zionistischer Juden zu positionieren.
Die Warnungen kamen keineswegs ausschließlich von republikanischen Politikern oder konservativen jüdischen Organisationen. Zahlreiche Unterzeichner gehören zum liberalen und progressiven Spektrum. Viele betrachten die Demokratische Partei seit Jahrzehnten als ihre politische Heimat.
Gerade deshalb ist ihre Intervention von besonderer Bedeutung.
El-Sayed hatte im Wahlkampf immer wieder schwere Anschuldigungen gegen Israel erhoben. Er bezeichnete dessen Vorgehen im GazastreifenPalästina: Geschichte, Bedeutung und politischer Streit um einen aufgeladenen BegriffPalästina bezeichnet historisch eine Region im südlichen Levantegebiet und politisch heute vor allem den Anspruch auf palästinensische Staatlichkeit. Der Begriff ist eng mit jüdischer Geschichte, dem britischen Mandat, Israel und dem Nahostkonflikt verbunden.Mehr lesen als Völkermord und die israelische Politik als Apartheid. In seiner Siegesrede erklärte er erneut, amerikanisches Steuergeld dürfe nicht für solche Zwecke verwendet werden.
Der Demokrat fordert außerdem ein Ende der amerikanischen Militärhilfe für Israel. Nach seinen öffentlich dokumentierten Positionen betrifft dies nicht nur offensive Waffenlieferungen, sondern auch defensive militärische Unterstützung.
Damit stellt er eine zentrale Grundlage der bisherigen amerikanisch-israelischen Sicherheitskooperation infrage. Israel soll nach seiner Vorstellung auch bei der militärischen Abwehr von Bedrohungen nicht mehr auf die bisherige Unterstützung Washingtons zählen können.
Angesichts der Raketenangriffe des iranischen Regimes, der Terrororganisation HamasHamas: Terrororganisation aus GazaHamas ist eine islamistische palästinensische Terrororganisation. Sie entstand 1987 aus dem Umfeld der Muslimbruderschaft, lehnt Israels Existenz ab und wird von Israel, den USA, der EU und weiteren Staaten als Terrororganisation eingestuft.Mehr lesen und weiterer bewaffneter Gruppen ist das eine weitreichende politische Forderung.
Nach Synagogenangriff folgte eine verhängnisvolle Aussage
Besonders schwer wiegt El-Sayeds Reaktion auf einen antisemitischen Angriff im März 2026 auf die Synagoge Temple Israel in West Bloomfield, Michigan.
Nach dem Angriff erklärte er zwar, jüdische Menschen hätten selbstverständlich das Recht, ohne Angst ihren Glauben auszuüben. Anschließend stellte er jedoch einen Zusammenhang mit Israels militärischem Vorgehen im Libanon her und verwendete die Formulierung „Hurt people hurt people“, sinngemäß: Verletzte Menschen verletzen andere Menschen.
Diese Aussage löste erhebliche Empörung aus.
Die Kritik richtet sich nicht gegen die Feststellung, dass Gewalt gesellschaftliche Folgen haben kann. Entscheidend ist der Zusammenhang, in dem El-Sayed diese Worte verwendete.
Nach einem Angriff auf eine jüdische Einrichtung, in der sich auch eine Vorschule befindet, erwarten die Betroffenen eine eindeutige Verurteilung der Tat. Wer stattdessen unmittelbar auf den Krieg im Nahen Osten verweist, riskiert den Eindruck, die Gewalt gegen jüdische Amerikaner sei eine nachvollziehbare Reaktion auf israelisches Handeln.
Genau davor warnen jüdische Organisationen seit Jahren: Juden außerhalb Israels dürfen nicht für Entscheidungen der israelischen Regierung verantwortlich gemacht werden.
El-Sayed hat den Antisemitismus mehrfach öffentlich verurteilt. Das ändert jedoch nichts daran, dass seine damalige Wortwahl eine berechtigte Debatte über die Relativierung antisemitischer Gewalt ausgelöst hat.
Auch beim Existenzrecht IsraelsExistenzrecht Israels: Das Recht des jüdischen Staates auf SicherheitDas Existenzrecht Israels bezeichnet das Recht des jüdischen Staates, als souveräner Staat sicher und anerkannt zu bestehen. Wer Israel dieses Recht abspricht, kritisiert nicht nur eine Regierung, sondern stellt jüdische Selbstbestimmung grundsätzlich infrage.Mehr lesen entstanden erhebliche Zweifel. El-Sayed bejahte in einem Interview mit CBS grundsätzlich die Existenz Israels und Palästinas. Er verbindet die politische Anerkennung IsraelsExistenzrecht Israels: Das Recht des jüdischen Staates auf SicherheitDas Existenzrecht Israels bezeichnet das Recht des jüdischen Staates, als souveräner Staat sicher und anerkannt zu bestehen. Wer Israel dieses Recht abspricht, kritisiert nicht nur eine Regierung, sondern stellt jüdische Selbstbestimmung grundsätzlich infrage.Mehr lesen als jüdischer Staat jedoch mit Bedingungen, die er aus seiner Vorstellung von Gleichberechtigung und einer Zwei-Staaten-Lösung ableitet.
Für seine Kritiker ist diese Unterscheidung problematisch: Während palästinensische Selbstbestimmung ausdrücklich befürwortet wird, erscheint die jüdische nationale Selbstbestimmung als etwas, das erst zusätzliche Voraussetzungen erfüllen müsse.
Das ist mehr als eine gewöhnliche Meinungsverschiedenheit über Benjamin Netanjahu.
Sein Wahlkampfhelfer verglich jüdische Wähler mit dem Ku-Klux-Klan
Besonders aufschlussreich ist El-Sayeds Zusammenarbeit mit dem linksgerichteten Streamer Hasan Piker.
Piker unterstützte den Kandidaten bei Wahlkampfveranstaltungen und half ihm, ein junges, politisch aktives Publikum zu erreichen. Gleichzeitig fiel der Kommentator wiederholt durch Aussagen über Israel und jüdische Amerikaner auf, die massive Kritik auslösten.
Kurz vor der Wahl verglich Piker jüdische Wähler im wohlhabenden West Bloomfield mit Anhängern des Ku-Klux-Klans.
Anlass war der Versuch von Wahlkampfhelfern, dort Unterstützung für El-Sayed zu gewinnen. Piker erklärte sinngemäß, einen antizionistischen muslimischen Kandidaten in einem stark zionistischZionismus: Das Recht der Juden auf SelbstbestimmungZionismus bezeichnet die jüdische Nationalbewegung, die für die Rückkehr des jüdischen Volkes in seine historische Heimat und für jüdische Selbstbestimmung im Land Israel eintrat. Der moderne Zionismus entstand im 19. Jahrhundert als Antwort auf Antisemitismus, Verfolgung und Entrechtung.Mehr lesen geprägten jüdischen Viertel zu bewerben, sei vergleichbar damit, in einer Hochburg des Ku-Klux-Klans für einen schwarzen Kandidaten zu werben.
Er unterstellte den angesprochenen jüdischen Wählern eine Haltung jüdischer Überlegenheit, die er mit rassistischen Vorstellungen des Ku-Klux-Klans gleichsetzte.
Der demokratische Abgeordnete Noah Arbit aus Michigan verurteilte diese Aussagen scharf. Solche Vergleiche gefährdeten jüdische Menschen, weil sie Vorurteile verstärkten und Feindseligkeit schürten.
Dass Piker solche Aussagen öffentlich verbreitete, macht El-Sayed nicht automatisch für jedes Wort seines Unterstützers verantwortlich. Die Zusammenarbeit wirft jedoch Fragen auf, weil Pikers umstrittene Positionen bereits seit Monaten bekannt waren.
El-Sayed distanzierte sich im August von bestimmten Aussagen des Streamers über jüdische Amerikaner. Zugleich hatte er zuvor wiederholt mit ihm zusammengearbeitet.
Ein weiterer Vorfall verschärfte die Diskussion unmittelbar vor dem Wahltag.
Die Organisation Rebellion PAC veröffentlichte einen Werbespot, der steigende Lebensmittelpreise in den Vereinigten Staaten mit der amerikanischen Unterstützung Israels verknüpfte. Die Botschaft war, dass amerikanische Steuerzahler wirtschaftlich belastet würden, weil ihr Geld für israelische Militäraktionen ausgegeben werde.
Hinter der Aktion stand das politische Umfeld des Kommentators Cenk Uygur, der mit Piker verwandt ist. El-Sayeds Wahlkampfteam distanzierte sich von dem Spot und erklärte, er sei nicht Teil der offiziellen Kampagne gewesen.
Das muss bei der Bewertung berücksichtigt werden. Dennoch verdeutlicht die Episode, welche Erzählungen in Teilen des politischen Umfelds seiner Kandidatur verbreitet wurden.
Israel wird dabei nicht nur wegen seiner Regierungspolitik kritisiert. Es erscheint als Ursache amerikanischer wirtschaftlicher Probleme und internationaler Konflikte.
Selbst Parteifreunde zogen eine Grenze
Der politische Widerstand gegen El-Sayed reichte bis in die eigene Partei.
Die demokratische Kongressabgeordnete Haley Stevens hatte im August die Vorwahl gegen ihn verloren. Kurz vor der eigentlichen Senatswahl unterstützte sie überraschend seinen republikanischen Gegner Mike Rogers.
Ein solcher Schritt ist im amerikanischen Wahlkampf außergewöhnlich. Stevens begründete ihre Entscheidung unter anderem mit El-Sayeds politischem Umfeld und dessen Umgang mit umstrittenen Aussagen über Israel und jüdische Amerikaner.
Auch die frühere demokratische Vorsitzende des Repräsentantenhauses, Nancy Pelosi, kritisierte El-Sayeds Positionen gegenüber Israel ausdrücklich als falsch.
Der Konflikt zeigt, dass die Auseinandersetzung nicht einfach zwischen Republikanern und Demokraten verläuft. Sie spaltet zunehmend das politische Spektrum, das traditionell zu den wichtigsten Trägern der amerikanisch-israelischen Beziehungen gehörte.
Für jüdische Demokraten ist das besonders problematisch. Viele unterstützen eine liberale Wirtschafts- und Gesellschaftspolitik, stehen aber gleichzeitig zum Existenzrecht Israels als jüdischem Staat.
Sie erleben nun, dass ihre Verbindung zu Israel in Teilen des progressiven politischen Umfelds zunehmend als grundsätzlich verdächtig behandelt wird.
Mehr als 220 Rabbiner formulierten deshalb vor der Wahl fünf zentrale Forderungen. Dazu gehörten die Sicherheit jüdischer Menschen unabhängig von ihrer Haltung zu Israel, das Recht auf jüdische Selbstbestimmung und die uneingeschränkte politische Teilhabe zionistischer Juden.
Das sind keine Forderungen nach bedingungsloser Unterstützung der israelischen Regierung. Es geht um die Frage, ob Menschen mit einer jüdisch-zionistischen Identität weiterhin gleichberechtigt am politischen Leben teilnehmen können.
Gerade dieser Unterschied wird in manchen Debatten über Antizionismus zunehmend verwischt.
El-Sayed gewann die Wahl trotz dieser Kritik. Daraus folgt nicht, dass seine Wähler insgesamt antisemitische Auffassungen teilen. Wirtschaftliche Probleme, die Gesundheitsversorgung und die Unzufriedenheit mit Donald Trump spielten ebenfalls eine wesentliche Rolle. Außerdem erhielt El-Sayed auch Unterstützung jüdischer Wähler.
Sein Sieg zeigt jedoch, dass die anhaltenden Kontroversen keine entscheidende Hürde für seine Wahl darstellten.
Mit seinem Einzug in den Senat gewinnen seine außenpolitischen Forderungen institutionelles Gewicht.
Er kann künftig an Entscheidungen über amerikanische Waffenlieferungen, Militärhilfe, Sanktionen und die Beziehungen zu Israel mitwirken. Seine Forderung nach einem Ende auch defensiver Unterstützung berührt unmittelbar die Sicherheit des jüdischen Staates.
Die Demokratische Partei steht damit vor einem Konflikt, der durch den Wahlsieg nicht beendet wird.
Die Unterstützung jüdischer Selbstbestimmung und das Eintreten für palästinensische Rechte müssen sich nicht ausschließen. Ebenso ist Kritik an israelischen Regierungen legitim. Problematisch wird es, wenn jüdische Amerikaner unter Rechtfertigungsdruck geraten, antisemitische Gewalt mit Nahostpolitik erklärt wird oder zionistische Wähler pauschal mit rassistischen Extremisten verglichen werden.
Der eigentliche Warnhinweis dieser Wahl liegt deshalb nicht in El-Sayeds Religion, sondern in seiner politischen Rhetorik und den Kräften, mit denen er zusammengearbeitet hat.
Ein Politiker, der Israel die bisherige amerikanische Militärhilfe entziehen will, schwere Anschuldigungen gegen den jüdischen Staat wiederholt und trotz massiver Warnungen aus liberalen jüdischen Kreisen gewählt wird, steht für eine Verschiebung innerhalb der amerikanischen Linken.
Für die jüdischen Gemeinden in Michigan und darüber hinaus bleibt eine unbequeme Frage: Werden ihre Sorgen vor Antisemitismus innerhalb der Demokratischen Partei künftig ernst genommen, auch wenn sie gleichzeitig am Existenzrecht Israels als jüdischem Staat festhalten?
El-Sayeds Wahlsieg hat diese Frage nicht beantwortet. Er hat ihr neue Dringlichkeit verliehen.
Autor: Redaktion
Artikel veröffentlicht am: Mittwoch, 4. November 2026