Judenhass in Kliniken und Hochschulen: Die Verantwortlichen schauen weg

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Judenhass in Kliniken und Hochschulen: Die Verantwortlichen schauen weg


Seit dem Hamas-Massaker berichten jüdische Mediziner von einer Welle antisemitischer Vorfälle. Doch Schulungen gegen Diskriminierung blenden Judenhass fast vollständig aus.

Judenhass in Kliniken und Hochschulen: Die Verantwortlichen schauen weg
Bildnachweis: Pixabay

Krankenhäuser, medizinische Hochschulen und Berufsverbände sprechen gern über Menschenwürde, Vielfalt und Schutz vor Diskriminierung. Sie veröffentlichen Leitlinien, organisieren Schulungen und versichern, dass Hass in ihren Einrichtungen keinen Platz habe. Doch sobald es um Juden geht, endet diese viel beschworene Haltung auffallend oft. Eine neue begutachtete Fachübersicht dokumentiert, wie jüdische Ärzte, Medizinstudenten, Pflegekräfte, Psychologen und andere Beschäftigte des Gesundheitswesens seit dem HamasHamas: Terrororganisation aus GazaHamas ist eine islamistische palästinensische Terrororganisation. Sie entstand 1987 aus dem Umfeld der Muslimbruderschaft, lehnt Israels Existenz ab und wird von Israel, den USA, der EU und weiteren Staaten als Terrororganisation eingestuft.Mehr lesen-Massaker vom 7. Oktober7. Oktober 2023: Das Hamas-Massaker, das Israel veränderteDer 7. Oktober 2023 war der Tag des Hamas-Massakers in Israel. Terroristen aus Gaza ermordeten etwa 1.200 Menschen, vor allem Zivilisten, und verschleppten mehr als 240 Geiseln in den Gazastreifen.Mehr lesen 2023 mit Ausgrenzung, Anfeindungen und offenem AntisemitismusAntisemitismus: Judenhass in alten und neuen FormenAntisemitismus bezeichnet Judenhass und Feindschaft gegen Juden. Er reicht von Vorurteilen und Verschwörungserzählungen bis zu Ausgrenzung, Bedrohung und Gewalt.Mehr lesen konfrontiert werden. Die Reaktion vieler Einrichtungen ist beschämend schwach.

Die Untersuchung mit dem Titel „Anatomy of Antisemitism in Health Professions Education and Practice“ führt Erkenntnisse aus den Vereinigten Staaten, Kanada, Großbritannien und Australien zusammen. Sie ist keine einzelne neue Befragung, sondern wertet bereits vorhandene Studien, Berichte und dokumentierte Fälle aus verschiedenen Gesundheitsberufen aus. Gerade diese breite Grundlage macht den Befund so schwerwiegend. Es geht nicht um eine einzelne Universität, ein bestimmtes Krankenhaus oder einen isolierten Vorfall. Das gleiche Muster erscheint in mehreren Ländern und beruflichen Bereichen: Jüdische Beschäftigte erleben seit dem 7. Oktober deutlich mehr Feindseligkeit, während die Verantwortlichen Antisemitismus weiterhin wie ein Randproblem behandeln.

In einer der ausgewerteten amerikanischen Untersuchungen erklärten 88 Prozent der befragten jüdischen Medizinstudenten und Ärzte, seit dem 7. Oktober Antisemitismus erlebt zu haben. Für die Zeit davor nannten 40 Prozent entsprechende Erfahrungen. Mehr als 35 Prozent berichteten von Vorfällen, die persönlich gegen sie gerichtet waren. Mehr als 30 Prozent erlebten antisemitische Angriffe oder Äußerungen unmittelbar von Angesicht zu Angesicht. Fast die Hälfte stieß in sozialen Netzwerken auf antisemitische Inhalte, 21 Prozent sogar in Lehrveranstaltungen oder Seminaren.

Diese Zahlen allein müssten jede Klinikleitung und jede Hochschulverwaltung alarmieren. Doch der eigentliche Skandal folgt unmittelbar danach: Weniger als zwei Prozent der Befragten erklärten, ihre eigene Einrichtung habe Antisemitismus in Schulungen gegen Diskriminierung aufgenommen. Während über nahezu jede Form möglicher Benachteiligung gesprochen wird, bleibt Judenhass vielerorts unerwähnt. Nicht weil das Problem unbekannt wäre, sondern obwohl die Betroffenen seit Jahren darauf hinweisen.

Vielfalt wird beschworen, Judenhass wird ausgespart

Das Versagen liegt nicht nur darin, dass Antisemitismus vorkommt. Kein Krankenhaus und keine Universität kann garantieren, dass unter Tausenden Beschäftigten niemals ein Vorurteil geäußert wird. Das Versagen beginnt dort, wo Vorfälle heruntergespielt, Beschwerden verschleppt und jüdische Betroffene mit ihrem Problem allein gelassen werden. Es beginnt dort, wo ausgerechnet jene Einrichtungen, die für jede denkbare Form der Diskriminierung eigene Programme entwickeln, beim ältesten Hass Europas plötzlich sprachlos werden.

In Großbritannien berichteten 95 Prozent von 293 befragten jüdischen Beschäftigten im Gesundheitswesen, der Antisemitismus in ihrem Alltag habe seit dem 7. Oktober zugenommen. 73 Prozent hatten mindestens einen antisemitischen Vorfall erlebt. Viele erklärten, dass mindestens einer dieser Vorfälle aus dem eigenen beruflichen Umfeld gekommen sei. Besonders bitter ist, dass nur ein kleiner Teil derjenigen, die einen Vorfall meldeten, die Reaktion der Einrichtung als angemessen empfand.

In Kanada fiel die Veränderung ebenso drastisch aus. Vor dem 7. Oktober betrachtete lediglich ein Prozent der befragten jüdischen Mediziner, Studenten und Beschäftigten Antisemitismus als schwerwiegendes Problem im medizinischen Bereich. Danach waren 98 Prozent darüber besorgt. Dieser Sprung zeigt, wie grundlegend sich das Klima verändert hat. Der Hamas-Terror traf nicht nur IsraelIsrael: Der jüdische Staat im Herzen des Nahen OstensIsrael ist ein demokratischer Staat im Nahen Osten und der Nationalstaat des jüdischen Volkes. Er wurde am 14. Mai 1948 gegründet, seine Hauptstadt ist Jerusalem, die Knesset hat 120 Abgeordnete. Zum Unabhängigkeitstag 2026 hatte Israel rund 10,244 Millionen Einwohner.Mehr lesen. Er löste in westlichen Gesellschaften eine Welle aus, in der Juden plötzlich für die Reaktion des jüdischen Staates verantwortlich gemacht, zur politischen Rechtfertigung gedrängt oder als Vertreter einer angeblich verbrecherischen Gemeinschaft behandelt wurden.

Dabei ist die Methode immer dieselbe. Jüdische Kollegen werden gefragt, ob sie sich von Israel distanzieren. Ihre Sorge um Angehörige und Freunde wird als politische Provokation behandelt. Das Bekenntnis zum Existenzrecht IsraelsExistenzrecht Israels: Das Recht des jüdischen Staates auf SicherheitDas Existenzrecht Israels bezeichnet das Recht des jüdischen Staates, als souveräner Staat sicher und anerkannt zu bestehen. Wer Israel dieses Recht abspricht, kritisiert nicht nur eine Regierung, sondern stellt jüdische Selbstbestimmung grundsätzlich infrage.Mehr lesen gilt nicht mehr als selbstverständliche Haltung, sondern wird als moralischer Makel dargestellt. In Seminaren, Arbeitsgruppen und sozialen Netzwerken wird ZionismusZionismus: Das Recht der Juden auf SelbstbestimmungZionismus bezeichnet die jüdische Nationalbewegung, die für die Rückkehr des jüdischen Volkes in seine historische Heimat und für jüdische Selbstbestimmung im Land Israel eintrat. Der moderne Zionismus entstand im 19. Jahrhundert als Antwort auf Antisemitismus, Verfolgung und Entrechtung.Mehr lesen dämonisiert, während antisemitische Aussagen als politische Kritik entschuldigt werden.

Kritik an einer israelischen Regierung ist legitim. Die kollektive Beschuldigung jüdischer Kollegen ist es nicht. Wer einen jüdischen Arzt für Entscheidungen in JerusalemJerusalem: Hauptstadt Israels und Herz jüdischer GeschichteJerusalem ist die Hauptstadt Israels und die größte Stadt des Landes. Für Juden ist sie seit Jahrtausenden religiöser und historischer Mittelpunkt. Zugleich ist Jerusalem auch für Christen und Muslime heilig und steht im Zentrum politischer Streitfragen.Mehr lesen verantwortlich macht, handelt antisemitisch. Wer von jüdischen Studenten verlangt, sich vom einzigen jüdischen Staat zu distanzieren, bevor sie als akzeptable Gesprächspartner gelten, handelt antisemitisch. Wer Zionismus zur Krankheit, zur Form des Rassismus oder zur Ursache psychischer Probleme erklärt, greift nicht nur eine politische Idee an. Er dämonisiert die nationale Selbstbestimmung des jüdischen Volkes.

Ausgerechnet im Gesundheitswesen ist dieses Verhalten besonders verstörend. Ärzte, Pflegekräfte, Psychologen und Sozialarbeiter verlangen das Vertrauen von Menschen in verletzlichen Situationen. Patienten müssen sich darauf verlassen können, dass Herkunft, Religion oder Verbindung zu Israel keinen Einfluss auf ihre Behandlung haben. Jüdische Mitarbeiter müssen sicher sein können, dass ihre berufliche Stellung nicht davon abhängt, ob sie sich politisch von Israel lossagen.

Die Untersuchung behauptet nicht, dass jüdische Patienten flächendeckend schlechter behandelt werden. Eine solche Aussage wäre durch die vorliegenden Daten nicht gedeckt. Doch ein berufliches Umfeld, in dem Beschäftigte antisemitische Inhalte verbreiten, jüdische Kollegen isolieren und IsraelhassAnti-Zionismus: Wenn Israelhass als Politik getarnt wirdAnti-Zionismus bezeichnet die Ablehnung des Zionismus und damit häufig die Ablehnung jüdischer Selbstbestimmung im Staat Israel. Nicht jede Kritik an israelischer Politik ist antisemitisch. Anti-Zionismus wird jedoch dort antisemitisch, wo Israel delegitimiert, dämonisiert oder mit doppelten Maßstäben behandelt wird.Mehr lesen als moralische Pflicht darstellen, zerstört Vertrauen. Wer im Internet über Juden und Zionisten hetzt, kann nicht erwarten, dass jüdische Patienten solche Äußerungen vergessen, sobald die Person einen weißen Kittel trägt.

Institutionelles Schweigen ist keine Neutralität

Besonders entlarvend ist der Vergleich mit anderen Forschungsthemen. Die Autoren fanden bei einer Suche in der medizinischen Datenbank PubMed lediglich 61 Veröffentlichungen zu Antisemitismus in Gesundheitsberufen. Zum Themenfeld Vielfalt, Gleichbehandlung und Einbeziehung gab es 732 Treffer, zu Rassismus 3.824. Die Zahlen sind wegen unterschiedlich breiter Suchbegriffe nicht unmittelbar gleichzusetzen. Trotzdem machen sie sichtbar, wie wenig wissenschaftliche Aufmerksamkeit Antisemitismus bisher erhalten hat.

Das ist kein Zufall. In vielen Einrichtungen wird Judenhass nur dann erkannt, wenn er in der Sprache historischer Rechtsextremisten erscheint. Sobald er sich gegen Israel richtet, mit Begriffen wie Antikolonialismus schmückt oder von Menschen verbreitet wird, die sich selbst für fortschrittlich halten, beginnt das Wegsehen. Plötzlich gelten Doppelstandards, Dämonisierung und kollektive Schuldzuweisungen als komplizierter politischer Streit. Von jüdischen Betroffenen wird erwartet, die Feindseligkeit auszuhalten, während die Institution ihre eigene Untätigkeit als Ausgewogenheit verkauft.

Neutral ist dieses Verhalten nicht. Wer Antisemitismus kennt und trotzdem nicht handelt, trifft eine Entscheidung. Er entscheidet, dass jüdische Studenten und Mitarbeiter weniger Schutz verdienen. Er entscheidet, dass bei ihnen andere Regeln gelten. Er entscheidet, dass Leitbilder über Vielfalt und Menschenwürde nicht für alle gleichermaßen verbindlich sind.

Die Autoren der Fachübersicht fordern deshalb eine verbindliche Aufnahme des Antisemitismus in Ausbildung und Schulungen. Dazu gehören Kenntnisse über jüdische Identität, die Geschichte des Judenhasses, die Beteiligung medizinischer Berufe an den Verbrechen des NationalsozialismusShoah: Der nationalsozialistische Mord an sechs Millionen JudenShoah ist der hebräische Begriff für die Katastrophe der Vernichtung der europäischen Juden durch das nationalsozialistische Deutschland und seine Helfer. Rund sechs Millionen Juden wurden ermordet.Mehr lesen, die Umkehrung des HolocaustShoah: Der nationalsozialistische Mord an sechs Millionen JudenShoah ist der hebräische Begriff für die Katastrophe der Vernichtung der europäischen Juden durch das nationalsozialistische Deutschland und seine Helfer. Rund sechs Millionen Juden wurden ermordet.Mehr lesen gegen Israel und die modernen Erscheinungsformen antisemitischer Verschwörungserzählungen. Beschwerden müssen untersucht, Verantwortliche zur Rechenschaft gezogen und berufliche Regeln tatsächlich durchgesetzt werden.

Das ist keine Sonderbehandlung. Es ist die längst überfällige Anwendung derselben Maßstäbe, die medizinische Einrichtungen bei anderen Formen von Hass öffentlich für unverzichtbar erklären. Wer überall von Schutz spricht, aber beim Judenhass schweigt, besitzt kein glaubwürdiges Konzept gegen Diskriminierung. Er besitzt lediglich eine Auswahl darüber, welche Opfer ihm wichtig genug sind.

Seit dem 7. Oktober haben jüdische Ärzte und Studenten nicht nur um Menschen in Israel getrauert. Sie mussten gleichzeitig erleben, wie Kollegen das Massaker relativierten, die Täter entschuldigten oder Israel zum eigentlichen Schuldigen erklärten. Manche verbargen ihre jüdische Identität. Andere vermieden berufliche Kontakte oder Veranstaltungen. Wieder andere dachten darüber nach, ihre Ausbildung, ihren Arbeitsplatz oder sogar ihr Land zu verlassen.

Und während all das geschah, hielten die zuständigen Einrichtungen weiter Vorträge über Vielfalt.

Die neue Fachübersicht legt offen, was jüdische Beschäftigte längst wissen: Antisemitismus im Gesundheitswesen ist kein Randphänomen mehr. Er ist sichtbar, dokumentiert und international verbreitet. Das Problem ist nicht nur der Hass selbst. Das Problem sind auch jene Verantwortlichen, die wegsehen, beschwichtigen und sich hinter unverbindlichen Erklärungen verstecken.

Ein Krankenhaus, das Judenhass ignoriert, verletzt seine eigenen ethischen Ansprüche. Eine medizinische Hochschule, die Antisemitismus aus ihren Schulungen ausspart, versagt bei ihrem Bildungsauftrag. Und ein Gesundheitswesen, das jüdische Beschäftigte erst um Beweise bitten muss, nachdem die Zahlen längst vorliegen, hat nicht zu wenig gewusst. Es hat zu lange nicht wissen wollen.



Autor: Redaktion

Artikel veröffentlicht am: Donnerstag, 6. August 2026

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