Elf Tage vor dem Massaker: Ägyptens Geheimdienstchef kam persönlich nach Israel und warnte vor Hamas

Elf Tage vor dem Massaker: Ägyptens Geheimdienstchef kam persönlich nach Israel und warnte vor Hamas


Abbas Kamel blieb nur 67 Minuten in Israel. Seine Warnung enthielt keinen Angriffstermin – doch sie fügt der Geschichte der übersehenen Warnzeichen vor dem 7. Oktober ein neues, brisantes Kapitel hinzu.

Elf Tage vor dem Massaker: Ägyptens Geheimdienstchef kam persönlich nach Israel und warnte vor Hamas
Bildnachweis: Symbolbild / KI

Zwei Tage nach dem HamasHamas: Terrororganisation aus GazaHamas ist eine islamistische palästinensische Terrororganisation. Sie entstand 1987 aus dem Umfeld der Muslimbruderschaft, lehnt Israels Existenz ab und wird von Israel, den USA, der EU und weiteren Staaten als Terrororganisation eingestuft.Mehr lesen-Massaker wies Benjamin Netanyahus Büro Berichte über eine ägyptische Vorwarnung scharf zurück. Der Ministerpräsident habe seit Bildung seiner Regierung weder direkt noch indirekt mit Ägyptens Geheimdienstchef Abbas Kamel gesprochen oder ihn getroffen. Fast drei Jahre später bekommt diese Darstellung ein neues Problem: Eine umfangreiche Recherche des US-Magazins The Atlantic rekonstruiert einen bislang unbekannten Besuch Kamels in IsraelIsrael: Der jüdische Staat im Herzen des Nahen OstensIsrael ist ein demokratischer Staat im Nahen Osten und der Nationalstaat des jüdischen Volkes. Er wurde am 14. Mai 1948 gegründet, seine Hauptstadt ist Jerusalem, die Knesset hat 120 Abgeordnete. Zum Unabhängigkeitstag 2026 hatte Israel rund 10,244 Millionen Einwohner.Mehr lesen am 26. September 2023, nur elf Tage vor dem Massaker. Ein mit dem ägyptischen Geheimdienst verbundenes Cessna-Flugzeug landete demnach am Ben-Gurion-Flughafen und blieb dort exakt 67 Minuten. Flugprotokolle der israelischen Flughafenbehörde und unabhängige Flugtracking-Daten sollen die Reise bestätigen.

Kamel war damals einer der engsten Vertrauten des ägyptischen Präsidenten Abdel Fattah al-Sisi und Chef des mächtigen General Intelligence Service. Nach Aussagen israelischer, ägyptischer, amerikanischer, arabischer und europäischer Regierungsvertreter, die nach dem 7. Oktober über den Besuch informiert wurden, hatte er eine Botschaft dabei, die heute schwer wiegt: Hamas mobilisiere sich für einen größeren Angriff, das Zeitfenster zur Verhinderung einer Eskalation werde kleiner. Ein ehemaliger israelischer Regierungsvertreter fasste Kamels Warnung gegenüber The Atlantic sinngemäß so zusammen: Wenn Israel seinen Kurs nicht ändere, werde GazaPalästina: Geschichte, Bedeutung und politischer Streit um einen aufgeladenen BegriffPalästina bezeichnet historisch eine Region im südlichen Levantegebiet und politisch heute vor allem den Anspruch auf palästinensische Staatlichkeit. Der Begriff ist eng mit jüdischer Geschichte, dem britischen Mandat, Israel und dem Nahostkonflikt verbunden.Mehr lesen ihm „ins Gesicht explodieren“.

Die neue Recherche beweist allerdings etwas Entscheidendes nicht: Kamel brachte offenbar keinen Angriffstermin, keine Zielorte und keine Beschreibung des späteren Invasionsplans mit. Auch ist weiterhin unbekannt, mit welchen israelischen Verantwortlichen er während der 67 Minuten zusammentraf. Das unterscheidet eine ernste strategische Warnung von konkreter taktischer Geheimdienstinformation. Niemand kann aus den heute bekannten Angaben seriös behaupten, Ägypten habe Israel den Plan für den 7. Oktober auf den Tisch gelegt und Israel habe ihn einfach ignoriert.

Gerade deshalb ist ein anderes Detail so bemerkenswert: Kamel flog persönlich. Seine Besuche in Israel waren selten. Ein ägyptischer Vertreter erklärte der Recherche, allein die Entsendung des Geheimdienstchefs habe zeigen sollen, wie ernst Kairo die Lage einschätzte. Ein früherer israelischer Offizieller formulierte es noch deutlicher: „The messenger was the message.“ Die persönliche Reise eines Geheimdienstchefs für kaum mehr als eine Stunde ist etwas anderes als eine routinemäßige diplomatische Warnung per Kabel.

Am selben Tag sprach Netanyahu über die Lehren von 1973

Die zeitliche Überschneidung wirkt im Rückblick beinahe surreal. Rund zwei Stunden nach Kamels Landung nahm Netanyahu in JerusalemJerusalem: Hauptstadt Israels und Herz jüdischer GeschichteJerusalem ist die Hauptstadt Israels und die größte Stadt des Landes. Für Juden ist sie seit Jahrtausenden religiöser und historischer Mittelpunkt. Zugleich ist Jerusalem auch für Christen und Muslime heilig und steht im Zentrum politischer Streitfragen.Mehr lesen an einer Veranstaltung zum 50. Jahrestag des Jom-Kippur-Krieges teil. Dort sprach er über das Überraschungsversagen von 1973, über übersehene Geheimdienstinformationen und Selbsttäuschung. Einer seiner Sätze lautete: „Wir unterschätzen keine Bedrohung.“ Später am selben Tag nahm Netanyahu laut öffentlichem Terminkalender an einer geheimen Sicherheitsbesprechung teil. Kurz darauf genehmigte Israel wirtschaftliche Erleichterungen für Gaza. Ob Kamels Warnung bei dieser Besprechung konkret behandelt wurde, ist weiterhin unbekannt.

Das ist wichtig, denn Kamels Empfehlung bestand offenbar nicht in einem Militärschlag gegen Hamas. Ägypten drängte vielmehr darauf, die Spannungen durch wirtschaftliche Maßnahmen zu senken. Israel öffnete wenige Tage später den Übergang Erez wieder für Arbeiter aus Gaza und stellte weitere Erleichterungen in Aussicht. Damals sah das wie klassische Deeskalationspolitik aus. Heute wissen wir, dass Hamas dieselbe Phase nutzte, um ihre Angriffsvorbereitungen abzuschließen. Von Israel später sichergestellte Hamas-Dokumente zeigen, dass die Terrororganisation seit langer Zeit an einer wesentlich größeren Operation arbeitete, während Vermittler noch über Arbeitserlaubnisse, Treibstoff und Grenzproteste verhandelten.

Und Kamels Besuch war offenbar nicht das Ende der Warnungen. Nach Angaben von The Atlantic meldete Ägypten seine Sorgen bis zwei Tage vor dem Massaker weiter. Am 5. Oktober ging erneut eine Botschaft an Israel, wonach die Situation nicht haltbar sei und ein Angriff drohen könne. Auch diese Warnung enthielt weder Datum noch Angriffsmethode. Bereits am 28. September hatte außerdem die CIA intern vor einer möglichen Hamas-Eskalation gewarnt, allerdings eher vor Raketenbeschuss als vor einer koordinierten Invasion mit tausenden Terroristen. Eine weitere US-Analyse folgte am 5. Oktober.

Dass es ägyptische Warnungen gab, war unmittelbar nach dem Massaker bereits berichtet worden. Am 9. Oktober 2023 zitierte die Associated Press einen ägyptischen Geheimdienstvertreter, der erklärte, Israel sei mehrfach vor „etwas Großem“ gewarnt worden. Zwei Tage später sagte der damalige Vorsitzende des Auswärtigen Ausschusses des US-Repräsentantenhauses Michael McCaul nach einer geheimen Unterrichtung, man wisse, dass Ägypten Israel drei Tage vor dem Angriff gewarnt habe. Schon damals blieb jedoch offen, auf welcher Ebene diese Warnungen ankamen und wie konkret sie waren.

Aus einer einzelnen Warnung wird ein immer dichteres Muster

haOlam hat in den vergangenen Wochen bereits über weitere Hinweise berichtet, die vor dem 7. Oktober vorhanden gewesen sein sollen. Dazu gehört der umstrittene Bericht über eine persönliche Warnung des Präsidenten der Vereinigten Arabischen Emirate, Mohammed bin Zayed, an Netanyahu. Auch diese Darstellung bestreitet Netanyahus Büro. Ebenso dokumentiert sind Warnungen innerhalb des israelischen Sicherheitsapparates, Hamas-Übungen, der bekannte Angriffsplan „Jericho Wall“ und Hinweise von Beobachtungssoldatinnen, die Aktivitäten an der Grenze zunehmend als reale Vorbereitung und nicht als bloße Übung verstanden.

Damit verändert sich die zentrale Frage zum 7. Oktober. Sie lautet immer weniger: Gab es überhaupt Warnzeichen? Davon gab es inzwischen nachweislich zahlreiche. Die schwierigere Frage lautet, warum diese Hinweise nicht zu einem Gesamtbild zusammengesetzt wurden, das Israel rechtzeitig in höchste Alarmbereitschaft versetzt hätte.

Dabei darf die Verantwortung nicht nachträglich künstlich auf Netanyahu allein reduziert werden. Die Untersuchungen zeigen ein wesentlich breiteres Versagen: Militär, Nachrichtendienste und politische Führung hielten Hamas über Jahre für abgeschreckt und zunehmend an wirtschaftlicher Stabilität interessiert. Hinweise, die diesem Konzept widersprachen, wurden wiederholt anders interpretiert. Der damalige Generalstabschef Herzi Halevi räumte später selbst ein, das Sicherheitssystem sei vor dem Angriff gewissermaßen „eingeschläfert“ worden.

Genauso wenig darf die neue Recherche vorschnell als Entlastung oder Verurteilung einzelner Akteure benutzt werden. Tzachi Hanegbi, der 2023 Netanyahus Nationalen Sicherheitsrat leitete, bestreitet gegenüber The Atlantic weiterhin sowohl Kamels Besuch als auch eine ägyptische Warnung. Netanyahus Büro und das Büro al-Sisis beantworteten die aktuellen Anfragen des Magazins nicht. Auf der anderen Seite stehen Flugprotokolle, Tracking-Daten und Aussagen von Regierungsvertretern aus sieben Staaten. Dieser Widerspruch verlangt Aufklärung.

Besonders brisant bleibt deshalb die einfache Zahl 67. So lange soll das ägyptische Geheimdienstflugzeug am 26. September 2023 in Israel gestanden haben. Elf Tage später durchbrachen Hamas-Terroristen die Grenze, ermordeten rund 1.200 Menschen und verschleppten 251 Geiseln nach Gaza.

Kamel hatte Israel offenbar nicht gesagt, was genau passieren würde.

Aber nach der neuen Recherche war er persönlich gekommen, um zu sagen, dass etwas Großes drohte.



Autor: Redaktion

Artikel veröffentlicht am: Samstag, 26. September 2026

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