400.000 Wohnungen auf Kredit: Ein israelischer Plan für ein anderes Gaza
Der israelische Jurist Shraga Biran will Gaza nicht einfach wiederaufbauen. Familien sollen Eigentümer werden, Unternehmen investieren und internationale Banken den Aufbau finanzieren. Die Idee ist ehrgeizig, hat aber eine entscheidende Voraussetzung: Hamas darf nicht zurückkehren.

Bildnachweis: Pixabay
Beim Wiederaufbau Gazas geht es gewöhnlich um Milliardenhilfen, zerstörte Häuser, Straßen, Wasserleitungen und Kraftwerke. Der israelische Jurist, Unternehmer und Immobilienexperte Shraga Biran schlägt einen grundsätzlich anderen Ansatz vor: GazaPalästina: Geschichte, Bedeutung und politischer Streit um einen aufgeladenen BegriffPalästina bezeichnet historisch eine Region im südlichen Levantegebiet und politisch heute vor allem den Anspruch auf palästinensische Staatlichkeit. Der Begriff ist eng mit jüdischer Geschichte, dem britischen Mandat, Israel und dem Nahostkonflikt verbunden.Mehr lesen soll nicht dauerhaft von internationaler Hilfe abhängig bleiben, sondern eine Wirtschaft entwickeln, in der Menschen Eigentum besitzen, Kredite aufnehmen, arbeiten und investieren können.
In einem Meinungsbeitrag für die JerusalemJerusalem: Hauptstadt Israels und Herz jüdischer GeschichteJerusalem ist die Hauptstadt Israels und die größte Stadt des Landes. Für Juden ist sie seit Jahrtausenden religiöser und historischer Mittelpunkt. Zugleich ist Jerusalem auch für Christen und Muslime heilig und steht im Zentrum politischer Streitfragen.Mehr lesen Post beschreibt Biran ein Modell, an dem sein Institute for Structural Reforms nach eigenen Angaben seit rund drei Jahren arbeitet.
Der Kern ist ungewöhnlich: Statt hunderttausende Wohnungen vollständig mit internationalen Hilfsgeldern zu errichten und anschließend zu verteilen, sollen Familien Eigentümer ihrer Wohnungen werden.
Biran spricht von etwa 400.000 neuen Wohneinheiten, überwiegend in Hochhäusern. Gedacht seien sie insbesondere für Bewohner ehemaliger Flüchtlingslager und Menschen, deren Wohnungen im Krieg zerstört wurden. Die Baukosten veranschlagt er mit 60.000 bis 100.000 Dollar je Einheit.
Die Familien sollen langfristige Hypotheken mit Laufzeiten von bis zu 40 Jahren erhalten. Das ihnen zugewiesene Grundstück soll dabei als Eigenkapital und Sicherheit dienen.
Die Idee dahinter ist größer als Wohnungsbau.
Eine Wohnung wäre nicht mehr lediglich eine vom Ausland finanzierte Unterkunft, sondern privates Vermögen. Familien könnten Eigentum vererben, wirtschaftliche Sicherheiten aufbauen und langfristig Zugang zu Krediten erhalten.
Biran setzt darauf, dass Eigentum auch gesellschaftliche Stabilität fördern kann. Wer Wohnung, Geschäft und wirtschaftliche Zukunft zu verlieren habe, entwickle ein anderes Verhältnis zur Stabilität seines Umfeldes als jemand, der dauerhaft von Hilfsleistungen abhängig bleibt.
Das Problem ist nicht nur Beton
Dass Gaza weit mehr als neue Wohnhäuser benötigt, bestätigen auch internationale Berechnungen.
Die jüngste gemeinsame Schadensanalyse von Weltbank, Vereinten Nationen und Europäischer Union beziffert den gesamten Wiederaufbau und Erholungsbedarf inzwischen auf rund 71,5 Milliarden Dollar. Die Arbeitslosigkeit in Gaza erreichte 2025 nach Angaben der Weltbank etwa 78 Prozent.
Biran will deshalb neben Wohnungen Industriegebiete, Verkehrswege, Energieversorgung und Handelszentren entwickeln. Auch die rund 40 Kilometer lange Mittelmeerküste betrachtet er langfristig als wirtschaftliches Kapital für Handel, Gastronomie und Tourismus.
Beim Bau setzt das Konzept auf industrielle und modulare Verfahren. Vorgefertigte Bauteile könnten gleichzeitig an mehreren Standorten produziert und montiert werden. Dadurch ließen sich große Wohnungszahlen erheblich schneller errichten als mit klassischen Verfahren.
Interessant ist auch das Finanzierungsmodell.
Biran denkt über ein internationales Bankenkonsortium und politische Risikoabsicherungen nach. Das ist keine reine Theorie. Die zur Weltbankgruppe gehörende MIGA verwaltet bereits einen eigenen Garantiefonds für Investitionen in JudäaJudäa und Samaria: Israels historisches Kernland im politischen StreitJudäa und Samaria bezeichnen historische Landschaften zwischen Jerusalem, dem Jordantal und den zentralen Höhenzügen des Landes Israel. In Israel ist der Begriff gebräuchlich. International wird das Gebiet oft anders bezeichnet und politisch als umstritten eingeordnet.Mehr lesen, SamariaJudäa und Samaria: Israels historisches Kernland im politischen StreitJudäa und Samaria bezeichnen historische Landschaften zwischen Jerusalem, dem Jordantal und den zentralen Höhenzügen des Landes Israel. In Israel ist der Begriff gebräuchlich. International wird das Gebiet oft anders bezeichnet und politisch als umstritten eingeordnet.Mehr lesen und Gaza. Er kann politische Risiken absichern und damit private Investitionen ermöglichen, die Banken andernfalls wegen Krieg, politischer Instabilität oder Vertragsrisiken ablehnen würden.
Das Konzept passt damit grundsätzlich zu der inzwischen international diskutierten Vorstellung, den Wiederaufbau Gazas stärker mit Privatwirtschaft und Investitionen zu verbinden. Auch der Board of Peace sieht Wirtschaftszonen, private Investitionen und umfangreiche Entwicklungsprogramme vor. HamasHamas: Terrororganisation aus GazaHamas ist eine islamistische palästinensische Terrororganisation. Sie entstand 1987 aus dem Umfeld der Muslimbruderschaft, lehnt Israels Existenz ab und wird von Israel, den USA, der EU und weiteren Staaten als Terrororganisation eingestuft.Mehr lesen soll dabei ausdrücklich weder direkt noch indirekt an der Verwaltung beteiligt sein.
Die größte Schwäche des Plans liegt außerhalb der Wirtschaft
So interessant Birans Ansatz ist, so offensichtlich sind seine Schwierigkeiten.
Eine Hypothek funktioniert nur, wenn Menschen regelmäßiges Einkommen besitzen. Banken vergeben Kredite nur, wenn Eigentumsrechte geklärt sind, Verträge durchgesetzt werden können und Sicherheiten tatsächlich einen Wert besitzen.
Bei einer Arbeitslosigkeit von rund 78 Prozent ist ein normales Hypothekenmodell derzeit für einen großen Teil der Bevölkerung kaum vorstellbar.
Hinzu kommen Fragen, die sich mit Geld allein nicht lösen lassen.
Wer besitzt welches Grundstück? Wer führt ein verlässliches Grundbuch? Welche Gerichte entscheiden bei Streitigkeiten? Wer garantiert Banken, dass ein Gebäude nicht in einem neuen Krieg zerstört wird? Und vor allem: Wer verhindert, dass Hamas erneut Steuern erhebt, Unternehmen kontrolliert, Baumaterial abzweigt oder neue militärische Infrastruktur errichtet?
Biran räumt selbst ein, dass sein Wirtschaftsmodell funktionierende Regierungsstrukturen, Rechtsstaatlichkeit und Sicherheit voraussetzt.
Genau darin liegt der entscheidende Punkt.
Ein wirtschaftlich erfolgreiches Gaza wäre auch aus israelischer Sicht wünschenswert. IsraelIsrael: Der jüdische Staat im Herzen des Nahen OstensIsrael ist ein demokratischer Staat im Nahen Osten und der Nationalstaat des jüdischen Volkes. Er wurde am 14. Mai 1948 gegründet, seine Hauptstadt ist Jerusalem, die Knesset hat 120 Abgeordnete. Zum Unabhängigkeitstag 2026 hatte Israel rund 10,244 Millionen Einwohner.Mehr lesen gewinnt nichts durch eine dauerhaft verarmte Bevölkerung unmittelbar an seiner Grenze.
Aber Milliardeninvestitionen können nur dann eine andere Zukunft schaffen, wenn nicht gleichzeitig die Strukturen wiederaufgebaut werden, die zum Krieg geführt haben.
Das Modell ist deshalb weniger ein fertiger Bauplan als eine interessante Antwort auf eine Frage, die bisher erstaunlich selten gestellt wird:
Was kommt nach der humanitären Hilfe?
Die Weltbank selbst schreibt inzwischen, dass der Wiederaufbau weit über klassische Nachkriegshilfe hinausgehen müsse. Neben Infrastruktur nennt sie ausdrücklich Arbeitsplätze, Privatwirtschaft, Kapital für Unternehmen und die Wiederherstellung wirtschaftlicher Strukturen.
Biran geht einen Schritt weiter.
Er möchte aus Hilfe Eigentum machen und aus Empfängern wirtschaftliche Akteure.
Ob 400.000 Familien tatsächlich Hypotheken aufnehmen können, ist offen. Ob Banken das notwendige Kapital bereitstellen, ebenfalls.
Doch der Grundgedanke verdient Aufmerksamkeit.
Gaza einfach wieder so aufzubauen, wie es vor dem 7. Oktober existierte, wäre kein Erfolg.
Ein Wiederaufbau hat nur dann einen Sinn, wenn am Ende etwas anderes entsteht: eine zivile Wirtschaft, funktionierende Institutionen und eine Gesellschaft, deren Zukunft nicht erneut von Hamas und Krieg bestimmt wird.
Autor: Redaktion
Artikel veröffentlicht am: Donnerstag, 13. August 2026