170 angebliche Journalisten waren Terroristen: Israels Akten erschüttern die Gaza-Statistiken

170 angebliche Journalisten waren Terroristen: Israels Akten erschüttern die Gaza-Statistiken


Jahrelang wurde Israel vorgeworfen, in Gaza gezielt Journalisten zu töten. Nun erklärt die IDF nach umfangreichen Recherchen, 170 der als Medienmitarbeiter geführten Toten seien zugleich Mitglieder von Hamas, Islamischem Dschihad oder anderen Terrororganisationen gewesen. Die ersten Fälle zeigen, wie tief das Problem reicht.

170 angebliche Journalisten waren Terroristen: Israels Akten erschüttern die Gaza-Statistiken
Bildnachweis: Symbolbild / KI

IsraelIsrael: Der jüdische Staat im Herzen des Nahen OstensIsrael ist ein demokratischer Staat im Nahen Osten und der Nationalstaat des jüdischen Volkes. Er wurde am 14. Mai 1948 gegründet, seine Hauptstadt ist Jerusalem, die Knesset hat 120 Abgeordnete. Zum Unabhängigkeitstag 2026 hatte Israel rund 10,244 Millionen Einwohner.Mehr lesen legt neue Geheimdienstinformationen über PalästinenserPalästinenser: Herkunft, Begriffswandel und politische IdentitätPalästinenser bezeichnet heute meist palästinensische Araber mit eigener nationaler Identität. In der Mandatszeit konnte der Begriff jedoch allgemein Bewohner des britischen Mandatsgebiets Palästina meinen, auch Juden.Mehr lesen vor, die weltweit als getötete Journalisten geführt wurden, nach Angaben der IDF jedoch gleichzeitig in den militärischen Strukturen von Terrororganisationen dienten. Insgesamt habe man inzwischen 170 solcher Fälle identifiziert. Einige der Betroffenen sollen nicht nur Funktionen bei HamasHamas: Terrororganisation aus GazaHamas ist eine islamistische palästinensische Terrororganisation. Sie entstand 1987 aus dem Umfeld der Muslimbruderschaft, lehnt Israels Existenz ab und wird von Israel, den USA, der EU und weiteren Staaten als Terrororganisation eingestuft.Mehr lesen oder Palästinensischem Islamischem Dschihad ausgeübt haben, sondern sich am 7. Oktober 20237. Oktober 2023: Das Hamas-Massaker, das Israel veränderteDer 7. Oktober 2023 war der Tag des Hamas-Massakers in Israel. Terroristen aus Gaza ermordeten etwa 1.200 Menschen, vor allem Zivilisten, und verschleppten mehr als 240 Geiseln in den Gazastreifen.Mehr lesen selbst am Angriff auf Israel beteiligt haben.

Die IDF veröffentlichte am Donnerstag zunächst zehn Fälle und richtete dafür eine eigene Datenbank ein. Nach Angaben des Militärs stützt sich die Untersuchung auf erbeutete Dokumente, offene Quellen, Verhöre von Terroristen und weitere Geheimdienstinformationen. Zu den Veröffentlichungen gehören Namen, zivile und teilweise militärische Identifikationsnummern sowie Angaben über die jeweilige Funktion innerhalb der Terrororganisationen. Weitere Datensätze sollen folgen.

Die Zahl von 170 stammt bislang aus der israelischen Untersuchung und ist nicht in jedem einzelnen Fall unabhängig überprüft. Doch sie steht nicht isoliert. Das Committee to Protect Journalists musste seine eigenen GazaPalästina: Geschichte, Bedeutung und politischer Streit um einen aufgeladenen BegriffPalästina bezeichnet historisch eine Region im südlichen Levantegebiet und politisch heute vor allem den Anspruch auf palästinensische Staatlichkeit. Der Begriff ist eng mit jüdischer Geschichte, dem britischen Mandat, Israel und dem Nahostkonflikt verbunden.Mehr lesen-Listen in diesem Jahr vollständig überprüfen, nachdem Hamas und Palästinensischer Islamischer DschihadIslamischer Dschihad: Irans Terrorpartner gegen IsraelDer Islamische Dschihad ist eine palästinensische Terrororganisation, die Anfang der 1980er Jahre entstand. Sie lehnt Israel ab, wird stark vom Iran unterstützt und verfügt mit den Al Quds Brigaden über einen bewaffneten Arm.Mehr lesen selbst Männer als Kämpfer ehrten, die zuvor international als Journalisten geführt worden waren. CPJ strich daraufhin mehrere Namen. Reporter ohne Grenzen korrigierte ebenfalls Fälle. Damit ist längst belegt, dass zumindest ein Teil der international verbreiteten Journalistenstatistiken Personen enthielt, die gleichzeitig Terroristen waren.

Journalist für die Welt, Hamas-Mann in den eigenen Akten

Besonders deutlich wird das Problem bei den ersten zehn veröffentlichten Namen. Mohammed Sami Abdullah Jarghoun wurde nach israelischen Angaben als Mitarbeiter von Media Smart und als einer der ersten im Krieg getöteten Journalisten dargestellt. Laut IDF gehörte er jedoch einer Unterstützungsstruktur der Rafah-Brigade des militärischen Hamas-Arms an und drang am 7. Oktober nach Israel ein. Reporter ohne Grenzen entfernte Jarghoun bereits im Sommer aus seiner Liste, nachdem neue Informationen über seine Hamas-Zugehörigkeit überprüft worden waren.

Ein anderer Fall betrifft Amro Nahid Abdel Rahman Abu Odeh. Er wurde als palästinensischer Fotojournalist bezeichnet und arbeitete nach Angaben von N12 auch als Freelancer für Reuters. Die IDF führt ihn dagegen als Gruppenführer einer Fotoeinheit im militärischen Arm der Hamas. Dass jemand journalistische Arbeit für eine internationale Nachrichtenagentur verrichtet hat, schließt eine parallele Mitgliedschaft in einer Terrororganisation nicht automatisch aus. Genau dieser Doppelstatus ist der Kern des Problems.

Mohammed Mahmoud Abu Sharia wurde als Journalist und Redaktionsleiter der Agentur Shams News geführt. Sein Name fand sogar Eingang in eine französische Gedenkstätte für getötete Journalisten. Nach den nun veröffentlichten israelischen Unterlagen war er gleichzeitig Scharfschütze der Gaza-Brigade des Palästinensischen Islamischen Dschihad.

Noch brisanter ist der Fall von Asem Adli Ahmed al-Barsh. Er arbeitete demnach für das palästinensische Radio Al-Rai und wurde von Reporter ohne Grenzen in einer Beschwerde beim Internationalen Strafgerichtshof als getöteter Journalist angeführt. Laut IDF gehörte er gleichzeitig dem militärischen Arm der Hamas an.

Hassan Majdi Ibrahim Abu Warda wurde als Gründer und Leiter der Nachrichtenagentur Gaza Barq präsentiert. Israel führt ihn als Scharfschützen des Islamischen Dschihad. Yaqoub Anan Mohammed al-Barsh, Geschäftsführer des Radiosenders Namaa, soll zugleich eine Einheit der militärischen Propagandaabteilung der Hamas im Norden Gazas kommandiert haben. Mohammed Manhal Abu Armana von Palestine Now, dessen Tod international verurteilt wurde, wird von der IDF als Kommandeur in der militärischen Propagandastruktur der Rafah-Brigade geführt.

Das Muster wiederholt sich: Medienarbeit auf der einen Seite, militärische Funktion auf der anderen.

Eine Statistik ist keine Antwort auf die Frage, wer Journalist war

Damit gerät eine zentrale Erzählung über den Gaza-Krieg erneut unter Druck. Organisationen wie CPJ und Reporter ohne Grenzen haben Israel über Jahre eine außergewöhnlich hohe Zahl getöteter Journalisten zugerechnet. Teilweise wurde daraus unmittelbar der Vorwurf abgeleitet, Israel führe gezielt Krieg gegen die Presse.

Dass in Gaza tatsächlich zahlreiche Journalisten und Medienmitarbeiter ums Leben gekommen sind, steht außer Frage. Ebenso wenig folgt aus den neuen israelischen Angaben, dass jeder getötete palästinensische Journalist Mitglied einer Terrororganisation gewesen wäre oder jeder israelische Angriff automatisch rechtmäßig war.

Aber genau so wenig darf künftig jeder Mensch, der nebenbei eine Kamera hielt, für ein Medium arbeitete oder auf einer Presseliste stand, automatisch als ziviler Journalist behandelt werden, wenn gleichzeitig Belege für eine militärische Funktion vorliegen.

Das ist nicht nur eine statistische Frage. Der Schutz von Journalisten im Krieg beruht darauf, dass sie Zivilisten sind und nicht unmittelbar an Feindseligkeiten teilnehmen. Wer gleichzeitig als Kämpfer, Kommandeur, Scharfschütze oder Angehöriger eines militärischen Terrorapparates tätig ist, kann sich nicht allein durch eine journalistische Tätigkeit immunisieren.

haOlam hat auf genau dieses Problem bereits mehrfach hingewiesen. Im Juni konfrontierte Israels UN-Botschafter Danny Danon die Vereinten Nationen mit Fällen, in denen angeblich zivile Journalisten später als Terroristen identifiziert wurden. Im August berichteten wir über Korrekturen bei Reporter ohne Grenzen. Erst vor wenigen Tagen zeigte eine weitere Recherche bei einer von BBC Arabic geführten Liste, dass zahlreiche dort als Journalisten verzeichnete Tote Terrorbezüge aufwiesen.

Nun nennt die IDF eine Größenordnung, die weit darüber hinausgeht: 170 Fälle.

Ob jeder davon der angekündigten Prüfung standhält, wird sich an den Belegen entscheiden, die Israel veröffentlicht. Genau diese Prüfung ist notwendig.

Aber eines lässt sich nach den bisherigen Korrekturen bereits nicht mehr seriös behaupten: dass die internationalen Listen getöteter Journalisten aus Gaza einfach mit einer Liste ziviler Pressevertreter gleichgesetzt werden können.

Hamas hat ihre militärischen Strukturen über Jahre mit Schulen, Krankenhäusern, Hilfsorganisationen und ziviler Infrastruktur verflochten. Dass sie auch den Medienbereich dafür nutzte, wäre keine Ausnahme von diesem System.

Es wäre seine logische Fortsetzung.



Autor: Redaktion

Artikel veröffentlicht am: Freitag, 2. Oktober 2026

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