Nach drei Jahren Krieg kippt die Stimmung: Palästinenser setzen zunehmend auf Verhandlungen

Nach drei Jahren Krieg kippt die Stimmung: Palästinenser setzen zunehmend auf Verhandlungen


Nur noch 13,3 Prozent halten bewaffneten Kampf für den besten Weg, 55,8 Prozent setzen auf Verhandlungen. Auch der Rückhalt für das Hamas-Massaker vom 7. Oktober bricht ein. Doch eine zweite aktuelle Umfrage zeigt, warum daraus noch kein gefestigter Friedenskurs geworden ist.

Nach drei Jahren Krieg kippt die Stimmung: Palästinenser setzen zunehmend auf Verhandlungen

Eine neue palästinensische Meinungsumfrage liefert Zahlen, die vor wenigen Jahren kaum vorstellbar gewesen wären. 55,8 Prozent der Befragten in Judäa und SamariaJudäa und Samaria: Israels historisches Kernland im politischen StreitJudäa und Samaria bezeichnen historische Landschaften zwischen Jerusalem, dem Jordantal und den zentralen Höhenzügen des Landes Israel. In Israel ist der Begriff gebräuchlich. International wird das Gebiet oft anders bezeichnet und politisch als umstritten eingeordnet.Mehr lesen, OstjerusalemJerusalem: Hauptstadt Israels und Herz jüdischer GeschichteJerusalem ist die Hauptstadt Israels und die größte Stadt des Landes. Für Juden ist sie seit Jahrtausenden religiöser und historischer Mittelpunkt. Zugleich ist Jerusalem auch für Christen und Muslime heilig und steht im Zentrum politischer Streitfragen.Mehr lesen und dem GazastreifenPalästina: Geschichte, Bedeutung und politischer Streit um einen aufgeladenen BegriffPalästina bezeichnet historisch eine Region im südlichen Levantegebiet und politisch heute vor allem den Anspruch auf palästinensische Staatlichkeit. Der Begriff ist eng mit jüdischer Geschichte, dem britischen Mandat, Israel und dem Nahostkonflikt verbunden.Mehr lesen halten friedliche Verhandlungen inzwischen für den besten Weg, palästinensische politische Ziele zu erreichen. Nur noch 13,3 Prozent entscheiden sich für bewaffneten Kampf.

Das geht aus der am 8. September veröffentlichten Umfrage Nr. 105 des Jerusalem Media and Communications Centre, JMCC, hervor, die gemeinsam mit der Friedrich-Ebert-Stiftung durchgeführt wurde. Befragt wurden zwischen dem 20. und 25. August 1.200 Erwachsene persönlich. 715 Interviews fanden in Judäa und Samaria einschließlich Ostjerusalems statt, 485 im Gazastreifen. Die angegebene Fehlertoleranz beträgt drei Prozentpunkte.

Der Vergleich mit September 2023 ist bemerkenswert. Damals hielten lediglich 28 Prozent Verhandlungen für den besten Weg. 37,1 Prozent bevorzugten bewaffneten Kampf. Drei Jahre später haben sich diese Werte beinahe umgekehrt.

Noch deutlicher fällt das Ergebnis im Gazastreifen aus. Dort nennen inzwischen 64,7 Prozent friedliche Verhandlungen als bevorzugte Methode. Lediglich 9,7 Prozent entscheiden sich für militärische Mittel. In Judäa und Samaria sind es 49,7 Prozent für Verhandlungen und 15,7 Prozent für bewaffneten Kampf.

Das ist eine reale Verschiebung. Sie sollte weder kleingeredet noch vorschnell als palästinensische Friedenswende verkauft werden.

Auch der 7. Oktober verliert seinen Glanz

Besonders aufschlussreich ist die Entwicklung in Judäa und Samaria beim Blick auf den Terrorangriff vom 7. Oktober 20237. Oktober 2023: Das Hamas-Massaker, das Israel veränderteDer 7. Oktober 2023 war der Tag des Hamas-Massakers in Israel. Terroristen aus Gaza ermordeten etwa 1.200 Menschen, vor allem Zivilisten, und verschleppten mehr als 240 Geiseln in den Gazastreifen.Mehr lesen. Das JMCC fragte, ob der von der HamasHamas: Terrororganisation aus GazaHamas ist eine islamistische palästinensische Terrororganisation. Sie entstand 1987 aus dem Umfeld der Muslimbruderschaft, lehnt Israels Existenz ab und wird von Israel, den USA, der EU und weiteren Staaten als Terrororganisation eingestuft.Mehr lesen begonnene Angriff den palästinensischen nationalen Interessen genutzt oder geschadet habe.

Nur noch 15,7 Prozent erklären, der Angriff habe den palästinensischen Interessen genutzt. Im September 2025 waren es noch 30,9 Prozent, im September 2024 sogar 45 Prozent.

Gleichzeitig sagen inzwischen 50,1 Prozent in Judäa und Samaria, der Hamas-Angriff habe den palästinensischen Interessen geschadet. Vor einem Jahr lag dieser Wert bei 35,2 Prozent, 2024 bei lediglich 24,5 Prozent.

Das ist allerdings eine Aussage über den politischen Nutzen des Angriffs. Die Befragten wurden damit nicht gefragt, ob das Massaker an israelischen Zivilisten moralisch falsch gewesen sei. Genau diese Unterscheidung ist wichtig.

Die Zahlen können deshalb ebenso Ausdruck einer ernüchternden Kostenrechnung sein: Der Terrorangriff brachte weder einen palästinensischen Staat noch einen militärischen Sieg. Er führte zu einem langen Krieg, massiver Zerstörung im Gazastreifen und einem erheblichen Machtverlust der Hamas.

Auch die Terrororganisation selbst verliert massiv an Vertrauen. Nur noch 6,7 Prozent der JMCC-Befragten nennen Hamas als politische Organisation, der sie vertrauen. In Judäa und Samaria sank der Wert seit Oktober 2023 von 18,7 auf gerade einmal 4,5 Prozent.

FatahFatah: Von Arafats Kampfbewegung zur erstarrten Machtpartei der PalästinenserFatah ist eine säkular-nationalistische palästinensische Bewegung, die Ende der 1950er Jahre um Jassir Arafat entstand. Sie wurde zur dominierenden Kraft in der PLO und prägt bis heute die Palästinensische Autonomiebehörde.Mehr lesen kommt auf 22,3 Prozent. Der eigentliche Gewinner ist allerdings niemand: 55 Prozent vertrauen überhaupt keiner bestehenden politischen Organisation.

Bei einer Parlamentswahl würden nach dieser Erhebung 27,5 Prozent Fatah wählen und lediglich 7,6 Prozent Hamas. 40,2 Prozent erklären, gar nicht wählen zu wollen.

Auch bei der Zukunftsordnung zeichnet sich Bewegung ab. 47,9 Prozent bevorzugen inzwischen eine Zweistaatenlösung. Im September 2023 waren es lediglich 27,3 Prozent. Gleichzeitig sank die Zustimmung zu einem einzigen palästinensischen Staat auf dem gesamten Gebiet zwischen Jordan und Mittelmeer von 24,7 auf 18,6 Prozent.

Zwei Umfragen, dieselbe Richtung, aber unterschiedliche Größenordnung

Gerade bei diesen Zahlen lohnt sich der Vergleich mit einer zweiten großen palästinensischen Erhebung, die nur wenige Wochen zuvor durchgeführt wurde.

Das Palestinian Center for Policy and Survey Research, PCPSR, befragte vom 5. bis 8. August 2026 insgesamt 1.270 Menschen. Auch dort verlor der bewaffnete Kampf deutlich an Zustimmung und Verhandlungen gewannen.

Die Werte waren allerdings weniger spektakulär: 44 Prozent hielten Verhandlungen für das effektivste Mittel, 27 Prozent bewaffneten Kampf. Auch dort erreichte die Unterstützung für Verhandlungen den höchsten und die für bewaffneten Kampf den niedrigsten Stand seit vier Jahren.

Die Richtung stimmt damit in beiden voneinander getrennten Erhebungen überein.

Das ist bedeutsamer als die Unterschiede einzelner Prozentwerte.

Wie haOlam bereits im August berichtete, zeigt die PCPSR-Erhebung zugleich die Grenzen dieser Entwicklung. 72 Prozent lehnten darin eine Entwaffnung der Hamas ab, solange IsraelIsrael: Der jüdische Staat im Herzen des Nahen OstensIsrael ist ein demokratischer Staat im Nahen Osten und der Nationalstaat des jüdischen Volkes. Er wurde am 14. Mai 1948 gegründet, seine Hauptstadt ist Jerusalem, die Knesset hat 120 Abgeordnete. Zum Unabhängigkeitstag 2026 hatte Israel rund 10,244 Millionen Einwohner.Mehr lesen sich nicht vollständig aus dem Gazastreifen zurückgezogen hat. Genau deshalb wäre es falsch, aus wachsender Unterstützung für Verhandlungen bereits eine grundsätzliche Abkehr von bewaffneter Gewalt abzuleiten.

Auch bei der Hamas zeigen die beiden Institute deutlich unterschiedliche Werte, weil sie unterschiedliche Fragen stellen. Das JMCC misst Vertrauen in politische Organisationen und kommt bei Hamas auf 6,7 Prozent. PCPSR fragte dagegen nach politischer Unterstützung und erhielt 24 Prozent. Unter wahrscheinlichen Wählern kam Hamas dort sogar auf 29 Prozent.

Ähnlich stark unterscheiden sich die Ergebnisse bei Marwan Barghouti. Das JMCC misst lediglich 6,3 Prozent persönliches Vertrauen in den wegen fünf Morden zu fünfmal lebenslanger Haft verurteilten Fatah-Funktionär. In der PCPSR-Umfrage würde Barghouti dagegen eine hypothetische Präsidentschaftswahl unter wahrscheinlichen Wählern mit 54 Prozent klar gewinnen.

Das ist kein Widerspruch, der eine der beiden Erhebungen wertlos macht. Es zeigt vielmehr, wie stark Ergebnisse von Fragestellung, Antwortmöglichkeiten und politischem KontextKontextualisierung: Fakten verständlich einordnenKontextualisierung bedeutet, Informationen in einen Zusammenhang zu stellen. Sie hilft, Ereignisse nicht isoliert zu betrachten, sondern mit Vorgeschichte, Ursachen, Folgen und beteiligten Akteuren zu verstehen.Mehr lesen abhängen.

Trotzdem bleibt der Trend bemerkenswert.

Hamas hat drei Jahre nach dem 7. Oktober einen erheblichen Teil ihrer politischen Anziehungskraft verloren. Der bewaffnete Kampf wird deutlich häufiger als gescheiterte Strategie betrachtet. Gerade im Gazastreifen, dessen Bevölkerung die Folgen der Hamas-Entscheidung besonders unmittelbar erlebt, sind Verhandlungen inzwischen mit Abstand die bevorzugte Option.

Für Israel ist das eine Entwicklung, die Aufmerksamkeit verdient. Ein dauerhafter Frieden kann nicht allein militärisch erzwungen werden. Wenn sich in der palästinensischen Gesellschaft tatsächlich die Erkenntnis durchsetzt, dass Terror, Raketen und bewaffneter Kampf keine Zukunft geschaffen haben, wäre das eine wichtige Voraussetzung für Veränderung.

Aber Voraussetzung ist noch kein Ergebnis.

Denn zwischen der Aussage, Verhandlungen seien wirksamer, und der Bereitschaft, Terrororganisationen dauerhaft zu entwaffnen, Israel anzuerkennen und Gewalt als politisches Instrument aufzugeben, liegt weiterhin ein erheblicher Abstand.

Die neuen Zahlen zeigen deshalb weder den großen Durchbruch noch eine belanglose Momentaufnahme.

Sie zeigen etwas vielleicht Interessanteres: Nach Jahren, in denen bewaffneter Kampf und Hamas zeitweise erheblich an Unterstützung gewannen, scheint ein wachsender Teil der palästinensischen Gesellschaft zu dem Schluss zu kommen, dass dieser Weg vor allem eines gebracht hat.

Zerstörung.

Ob daraus irgendwann eine wirkliche politische Friedensbewegung entsteht, bleibt offen.

Aber erstmals seit langer Zeit bewegt sich die Kurve deutlich in diese Richtung.



Autor: Redaktion

Artikel veröffentlicht am: Donnerstag, 10. September 2026

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