Erdogans Justiz gegen Israel-Unterstützerin: Türkü Avcı bittet Israel um Schutz
Türkü Avcı stellte sich nach dem 7. Oktober öffentlich an Israels Seite und kritisierte Erdogan. Heute kann sie nach eigenen Angaben wegen eines Haftbefehls nicht mehr in die Türkei zurück und kämpft in Israel um einen sicheren Status.

Türkü Avcı kam aus der Türkei nach IsraelIsrael: Der jüdische Staat im Herzen des Nahen OstensIsrael ist ein demokratischer Staat im Nahen Osten und der Nationalstaat des jüdischen Volkes. Er wurde am 14. Mai 1948 gegründet, seine Hauptstadt ist Jerusalem, die Knesset hat 120 Abgeordnete. Zum Unabhängigkeitstag 2026 hatte Israel rund 10,244 Millionen Einwohner.Mehr lesen, um an der Hebräischen Universität JerusalemJerusalem: Hauptstadt Israels und Herz jüdischer GeschichteJerusalem ist die Hauptstadt Israels und die größte Stadt des Landes. Für Juden ist sie seit Jahrtausenden religiöser und historischer Mittelpunkt. Zugleich ist Jerusalem auch für Christen und Muslime heilig und steht im Zentrum politischer Streitfragen.Mehr lesen zu studieren. Heute ist die 27-Jährige von ihrer Familie getrennt, kann nach eigenen Angaben nicht mehr in ihre Heimat zurückkehren und befindet sich in Israel in einem Asylverfahren. Der Grund ist nicht irgendeine Straftat, die sie selbst einräumen würde. Avcı sagt, dass ihre öffentlichen Äußerungen gegen den türkischen Präsidenten Recep Tayyip Erdogan und ihre Unterstützung für Israel strafrechtliche Konsequenzen in der Türkei ausgelöst haben. N12 berichtet, gegen sie bestehe ein Haftbefehl wegen des Vorwurfs der „Beleidigung des Präsidenten Erdogan“ sowie wegen des Vorwurfs, die Souveränität und Einheit der Türkei zu untergraben. Die israelische Bevölkerungs- und Einwanderungsbehörde bestätigte gegenüber dem Sender zumindest, dass Avcı sich mit einem Visum für Asylsuchende in Israel befindet. Zu Einzelheiten ihres Verfahrens äußerte sich die Behörde nicht.
Damit muss journalistisch sauber zwischen bestätigten und von Avcı geschilderten Punkten unterschieden werden. Dass sie in Israel Asyl beantragt hat und als Asylsuchende registriert ist, ist bestätigt. Dass gegen sie in der Türkei strafrechtlich vorgegangen wird, wird nicht nur von ihr selbst berichtet: Bereits frühere Veröffentlichungen zitierten aus einer türkischen Anklageschrift, in der ihr unter anderem vorgeworfen wird, Erdogan beleidigt, Israel gelobt, die türkische Regierung herabgesetzt und die Einheit des Landes angegriffen zu haben. Einen von türkischen Behörden öffentlich einsehbaren Haftbefehl können wir dagegen nicht unabhängig prüfen. Avcıs Darstellung, bei einer Rückkehr festgenommen zu werden, sollte deshalb als ihre beziehungsweise durch weitere Berichte gestützte Darstellung kenntlich bleiben.
Der politische Hintergrund ihres Falls ist allerdings alles andere als erfunden. Avcı begann nach dem HamasHamas: Terrororganisation aus GazaHamas ist eine islamistische palästinensische Terrororganisation. Sie entstand 1987 aus dem Umfeld der Muslimbruderschaft, lehnt Israels Existenz ab und wird von Israel, den USA, der EU und weiteren Staaten als Terrororganisation eingestuft.Mehr lesen-Massaker vom 7. Oktober7. Oktober 2023: Das Hamas-Massaker, das Israel veränderteDer 7. Oktober 2023 war der Tag des Hamas-Massakers in Israel. Terroristen aus Gaza ermordeten etwa 1.200 Menschen, vor allem Zivilisten, und verschleppten mehr als 240 Geiseln in den Gazastreifen.Mehr lesen 2023 öffentlich für Israel einzutreten. In einem von N12 wiedergegebenen Video kritisierte sie, dass Erdogan unter dem Deckmantel der palästinensischen Sache einer Terrororganisation politischen Handlungsspielraum verschaffe. Sie warnte vor einer weiteren Abkehr von der säkularen türkischen Republik und erklärte zugleich, sie unterstütze Israel weiterhin und werde dies auch künftig tun.
Später kritisierte sie insbesondere Erdogans immer aggressivere Sprache gegenüber dem jüdischen Staat. Im März 2025 sagte der türkische Präsident während des Feiertags zum Ende des Ramadan nach übereinstimmenden Berichten sinngemäß: „Möge Allah das zionistische Israel vernichten.“ Auch im Juni 2026 erklärte Erdogan öffentlich, der ZionismusZionismus: Das Recht der Juden auf SelbstbestimmungZionismus bezeichnet die jüdische Nationalbewegung, die für die Rückkehr des jüdischen Volkes in seine historische Heimat und für jüdische Selbstbestimmung im Land Israel eintrat. Der moderne Zionismus entstand im 19. Jahrhundert als Antwort auf Antisemitismus, Verfolgung und Entrechtung.Mehr lesen bedrohe nicht nur ihn oder seine Partei, sondern die gesamte Türkei; der Kampf dagegen diene dem Überleben von Staat und Volk. Das sind keine Interpretationen israelischer Medien über Erdogans Haltung, sondern öffentlich dokumentierte Äußerungen des türkischen Präsidenten.
Wer Erdogan widerspricht, riskiert mehr als politischen Streit
Avcı sagt, sie habe genau gegen diese Entwicklung protestiert. Gegenüber N12 erklärte sie, sie habe Erdogan kritisiert, weil ein Staatspräsident nicht zur Vernichtung eines anderen Staates aufrufen dürfe. Zudem habe sie auf die Verfolgung politischer Gegner in der Türkei hingewiesen und ihre Solidarität mit Israel öffentlich gemacht. Den Vorwurf, die türkische Souveränität oder Einheit angegriffen zu haben, weist sie zurück.
Ihr Fall fügt sich dabei in ein seit Jahren dokumentiertes Problem der türkischen Rechtsordnung ein. Artikel 299 des türkischen Strafgesetzbuches stellt die Beleidigung des Präsidenten gesondert unter Strafe und ermöglicht Haftstrafen. Der Europäische Gerichtshof für Menschenrechte stellte im Fall Vedat Şorli gegen die Türkei fest, dass die besondere strafrechtliche Privilegierung des Staatsoberhaupts gegenüber Kritik nicht mit den Anforderungen der Europäischen Menschenrechtskonvention vereinbar ist. Auch die Parlamentarische Versammlung des Europarats und die Venedig-Kommission haben wiederholt eine Abschaffung der Vorschrift gefordert. Der Europarat verweist darauf, dass Artikel 299 in der Türkei weiterhin gegen Journalisten, Aktivisten und andere Kritiker eingesetzt wird.
Damit lässt sich nicht automatisch sagen, jede Anklage wegen Präsidentenbeleidigung sei politisch motiviert oder jeder Angeklagte unschuldig. Auch Meinungsfreiheit schützt nicht jede denkbare Äußerung vor allgemeinen Gesetzen. Bei öffentlichen Personen und insbesondere Staatsoberhäuptern gelten nach der europäischen Rechtsprechung jedoch besonders weitreichende Grenzen zulässiger Kritik. Gerade deshalb ist relevant, dass Avcıs Fall offenbar nicht von einer einzelnen Beschimpfung losgelöst wird, sondern ihre pro-israelische Haltung und ihre Kritik an der türkischen Regierung ausdrücklich Bestandteil der gegen sie erhobenen Vorwürfe sein sollen.
Das passt zugleich zu Erdogans Umgang mit Israel seit dem 7. Oktober. Der türkische Präsident weigert sich, Hamas als Terrororganisation zu behandeln, bezeichnete sie vielmehr wiederholt als „Widerstandsbewegung“. Reuters berichtete zudem über Kontakte der türkischen Regierung zu Hamas-Funktionären. Diese politische Linie ist seit Jahren einer der zentralen Konfliktpunkte zwischen Ankara und Jerusalem.
haOlam hatte Avcıs Geschichte bereits im Juli aufgegriffen. Schon damals berichteten wir über das gegen sie gerichtete Verfahren, HetzeVolksverhetzung: Wenn Hass strafbar wirdVolksverhetzung ist eine Straftat nach § 130 StGB. Gemeint sind unter anderem Hassaufrufe, Gewaltforderungen oder menschenwürdeverletzende Hetze gegen nationale, religiöse, ethnische oder andere geschützte Gruppen.Mehr lesen in sozialen Netzwerken und ihre Entscheidung, Schutz in Israel zu suchen. Die neue N12-Reportage zeigt nun, wie tief die Folgen inzwischen in ihr persönliches Leben reichen.
Der härteste Preis ist ihre Familie
Avcı berichtet, täglich Tausende Drohungen über soziale Netzwerke zu erhalten. Der schwerste Preis sei für sie jedoch nicht der Hass fremder Menschen, sondern die Trennung von ihrer Familie in der Türkei. Seit dem 7. Oktober habe sie ihre Angehörigen nicht mehr gesehen. Inzwischen bestehe kaum noch Kontakt, weil sie fürchte, ihre öffentliche Tätigkeit könne auch ihre Familie in Gefahr bringen.
Dabei spricht Avcı keineswegs wie jemand, der mit seiner Heimat abgeschlossen hat. Gegenüber N12 betont sie, dass sie die Türkei liebe und stolz darauf sei, Türkin zu sein. Genau das macht ihren Fall so bemerkenswert. Ihre Kritik richtet sich nicht gegen die Existenz der Türkei oder gegen das türkische Volk. Sie richtet sich gegen Erdogan und gegen dessen politische Linie.
Eine Demokratie müsste diese Unterscheidung aushalten können.
Wer einen Präsidenten kritisiert, verrät nicht automatisch sein Land. Wer Israels ExistenzrechtExistenzrecht Israels: Das Recht des jüdischen Staates auf SicherheitDas Existenzrecht Israels bezeichnet das Recht des jüdischen Staates, als souveräner Staat sicher und anerkannt zu bestehen. Wer Israel dieses Recht abspricht, kritisiert nicht nur eine Regierung, sondern stellt jüdische Selbstbestimmung grundsätzlich infrage.Mehr lesen verteidigt, greift nicht automatisch die territoriale Integrität der Türkei an. Und wer Erdogans Haltung gegenüber Hamas ablehnt, verliert dadurch nicht seine türkische Identität.
Dass solche Selbstverständlichkeiten überhaupt ausgesprochen werden müssen, sagt viel über den politischen Zustand der Türkei unter Erdogan aus.
Avcı beschrieb unter Tränen, wie sehr sie ihre Familie vermisse. Ihr gesamtes Leben habe sich verändert: keine Familie in ihrer Nähe, nicht mehr die eigene Muttersprache im Alltag und keine Möglichkeit, einfach nach Hause zurückzukehren. Sie empfinde das als zutiefst ungerecht, weil sie nach ihrer Darstellung lediglich gesagt habe, was sie denke.
Die türkische Seite hat sich zu den konkreten Vorwürfen Avcıs in der N12-Reportage nicht geäußert. Das muss ebenfalls erwähnt werden. Es wäre daher falsch, sämtliche von ihr beschriebenen Folgen ohne Einschränkung als gerichtlich festgestellte Tatsachen darzustellen. Ebenso falsch wäre es allerdings, ihren Fall als bloße subjektive Angst abzutun, nachdem Anklagevorwürfe dokumentiert sind und die Anwendung des türkischen Straftatbestands der Präsidentenbeleidigung seit Jahren international kritisiert wird.
In Israel beginnt der nächste Kampf
Sicherheit vor einer möglichen türkischen Strafverfolgung bedeutet für Avcı noch keine gesicherte Zukunft. Ihre Anwältin Liat Kraskas erklärte gegenüber N12, dass ihre Mandantin zwar als Asylsuchende registriert sei, aber noch um einen dauerhafteren beziehungsweise vorläufigen Aufenthaltsstatus kämpfe. Nach Darstellung der Anwältin besitzt Avcı weder eine israelische Identitätskarte noch einen entsprechenden regulären Arbeitsstatus, wodurch unter anderem Zugang zu Arbeit und weiteren sozialen Strukturen erschwert werde.
Die israelische Bevölkerungs- und Einwanderungsbehörde bestätigte gegenüber N12 lediglich den Status als Asylsuchende und wollte darüber hinaus keine persönlichen Angaben machen. Das ist auch aus Datenschutzgründen nachvollziehbar. Grundsätzlich können ausländische Staatsangehörige in Israel politisches Asyl beantragen; anschließend erfolgt ein Verfahren mit Registrierung und Prüfung des individuellen Schutzbegehrens. Die bloße Antragstellung bedeutet ausdrücklich noch keine Anerkennung als Flüchtling.
Auch deshalb wäre es falsch, Israel nun einfach zur sofortigen Anerkennung zu verpflichten, ohne das vorgesehene Verfahren abzuwarten. Rechtsstaatlichkeit muss auch in einem emotional außergewöhnlichen Fall gelten. Aber ebenso selbstverständlich sollte sein, dass die israelischen Behörden den besonderen Hintergrund dieses Falls sorgfältig prüfen und ihn nicht wie irgendeine gewöhnliche aufenthaltsrechtliche Angelegenheit behandeln.
Avcı hat sich öffentlich für Israel exponiert, obwohl diese Haltung für sie persönlich keinerlei Vorteil versprach. Im Gegenteil: Nach ihrer Darstellung hat sie dadurch ihre Rückkehrmöglichkeit verloren, sich von ihrer Familie entfernen müssen und ist zur Zielscheibe massiver Hetze geworden.
Dass sich gleichzeitig die Beziehungen zwischen Israel und der Türkei weiter verschlechtert haben, erschwert ihre Situation zusätzlich. Ankara hat seine antiisraelische Rhetorik 2026 weiter verschärft, während die beiden Staaten auch in Syrien zunehmend gegensätzliche strategische Interessen verfolgen. Für Avcı wird damit selbst die Hoffnung auf eine rasche diplomatische Lösung ihres persönlichen Problems kleiner.
Sie sagt, sie wolle keinen privilegierten Platz in Israel. Sie wolle einen legalen Status, arbeiten und ihr Leben wieder aufbauen. Ihre Bitte formuliert sie ebenso nüchtern wie bedrückend: Sie brauche Schutz, weil sie keinen anderen Ort habe, an den sie gehen könne.
Türkü Avcı liebt nach eigenen Worten weiterhin die Türkei. Sie ist stolz auf ihre Herkunft. Aber sie weigert sich, Loyalität zu ihrer Heimat mit Gehorsam gegenüber Recep Tayyip Erdogan gleichzusetzen.
Genau darin liegt die politische Bedeutung ihres Falls.
Der türkische Präsident kann seine Politik gegenüber Israel radikalisieren. Er kann Hamas als „Widerstandsbewegung“ verteidigen und den Zionismus zum Feindbild erklären. Und die türkische Justiz kann Kritik am Präsidenten weiterhin mit einem Straftatbestand verfolgen, den europäische Menschenrechtsinstitutionen seit Jahren scharf beanstanden.
Aber eine freie Gesellschaft beginnt bei dem Recht, einem Präsidenten zu widersprechen.
Türkü Avcı hat dieses Recht für sich beansprucht. Nun bittet sie Israel um Schutz vor den Konsequenzen, die ihr deshalb nach eigenen Angaben in Erdogans Türkei drohen.
Autor: Redaktion
Artikel veröffentlicht am: Montag, 31. August 2026