Gaza im Wartestand: Lokale Milizen können Hamas nicht ersetzen
Israel unterstützt lokale bewaffnete Gruppen als Gegengewicht zu Hamas. Doch sie sind zu schwach, um die Terrororganisation zu stürzen. Gleichzeitig lähmen die Wahlen in Israel und den USA größere Entscheidungen.

Im GazastreifenPalästina: Geschichte, Bedeutung und politischer Streit um einen aufgeladenen BegriffPalästina bezeichnet historisch eine Region im südlichen Levantegebiet und politisch heute vor allem den Anspruch auf palästinensische Staatlichkeit. Der Begriff ist eng mit jüdischer Geschichte, dem britischen Mandat, Israel und dem Nahostkonflikt verbunden.Mehr lesen hat sich eine eigentümliche Zwischenlage verfestigt. HamasHamas: Terrororganisation aus GazaHamas ist eine islamistische palästinensische Terrororganisation. Sie entstand 1987 aus dem Umfeld der Muslimbruderschaft, lehnt Israels Existenz ab und wird von Israel, den USA, der EU und weiteren Staaten als Terrororganisation eingestuft.Mehr lesen ist militärisch erheblich geschwächt, verfügt aber weiterhin über Tausende Bewaffnete und kontrolliert große Teile der palästinensischen Bevölkerung. IsraelIsrael: Der jüdische Staat im Herzen des Nahen OstensIsrael ist ein demokratischer Staat im Nahen Osten und der Nationalstaat des jüdischen Volkes. Er wurde am 14. Mai 1948 gegründet, seine Hauptstadt ist Jerusalem, die Knesset hat 120 Abgeordnete. Zum Unabhängigkeitstag 2026 hatte Israel rund 10,244 Millionen Einwohner.Mehr lesen hält wiederum beträchtliche Gebiete des Gazastreifens militärisch unter Kontrolle und kann Hamas-Kommandeure, WaffenlagerTerrorinfrastruktur: Wie Terrorgruppen Krieg in zivile Räume verlagernTerrorinfrastruktur bezeichnet Einrichtungen, Netzwerke und Strukturen, die Terrororganisationen für Angriffe, Waffenlagerung, Kommandoführung, Ausbildung, Raketenbeschuss, Tunnelbau oder Logistik nutzen. Besonders gefährlich wird sie, wenn sie in Wohngebieten, Schulen, Moscheen oder Krankenhäusern versteckt wird.Mehr lesen und andere Ziele angreifen, ohne erneut eine umfassende Bodenoffensive zu beginnen. Gleichzeitig kommt der von Washington angestrebte politische Umbau Gazas nur langsam voran.
Eine Analyse der JerusalemJerusalem: Hauptstadt Israels und Herz jüdischer GeschichteJerusalem ist die Hauptstadt Israels und die größte Stadt des Landes. Für Juden ist sie seit Jahrtausenden religiöser und historischer Mittelpunkt. Zugleich ist Jerusalem auch für Christen und Muslime heilig und steht im Zentrum politischer Streitfragen.Mehr lesen Post beschreibt diese Situation als festgefahrenen Status quo, an dem derzeit keine der beteiligten Seiten grundsätzlich rütteln kann. Die lokalen bewaffneten Gruppen, die Israel als Gegengewicht zu Hamas unterstützt, ändern daran bislang wenig. Sie können Hamas regional unter Druck setzen und für begrenzte Aufgaben eingesetzt werden, sind aber weit davon entfernt, die Terrororganisation im gesamten Gazastreifen ersetzen zu können.
Dass Israel mit solchen Gruppen zusammenarbeitet, ist inzwischen keine bloße Spekulation mehr. Ministerpräsident Benjamin Netanyahu bestätigte bereits im Juni 2025 öffentlich, dass Israel Clans im Gazastreifen unterstütze, die gegen Hamas stehen. Damals ging es insbesondere um die Gruppe von Yasser Abu Shabab. Netanyahu verteidigte die Strategie mit dem Argument, sie könne das Leben israelischer Soldaten schützen. Israelische Sicherheitsquellen bestätigten seinerzeit ebenfalls die Zusammenarbeit.
Nach aktuellen Berichten soll dieses Modell inzwischen ausgeweitet worden sein. Haaretz berichtete demnach von sechs lokalen bewaffneten Gruppen, die in verschiedenen Teilen Gazas aktiv seien. Die Jerusalem Post schreibt unter Berufung auf israelische Militärquellen, dass der Shin Bet bei diesen Beziehungen die führende Rolle spiele, die IDF jedoch ebenfalls regelmäßig beteiligt sei. Das langfristige Ziel sei, innerhalb der palästinensischen Gesellschaft Kräfte aufzubauen, die Hamas eines Tages ihre Herrschaft streitig machen könnten.
Bewaffnete Gegner der Hamas, aber keine neue Regierung
Genau an diesem Punkt wird jedoch deutlich, wie begrenzt dieses Konzept bislang ist. Die lokalen Gruppen verfügen nach der Analyse jeweils nur über einige Dutzend bis möglicherweise wenige Hundert Kämpfer. Hamas kann dagegen weiterhin auf Tausende Bewaffnete zurückgreifen.
Noch entscheidender ist ihre Abhängigkeit von Israel. Viele dieser Gruppen können in ihren derzeitigen Gebieten gerade deshalb bestehen, weil die IDF Hamas dort militärisch daran hindert, sie vollständig auszuschalten. Ohne israelischen Schutz könnten sie sich gegen die Terrororganisation kaum behaupten.
Damit eignen sie sich als taktisches Instrument, aber bisher nicht als politische Alternative.
Sie können Informationen liefern, bestimmte Gebiete sichern, Hamas-Mitglieder bekämpfen oder der Terrororganisation lokal die vollständige Kontrolle erschweren. Eine funktionsfähige Verwaltung für mehr als zwei Millionen PalästinenserPalästinenser: Herkunft, Begriffswandel und politische IdentitätPalästinenser bezeichnet heute meist palästinensische Araber mit eigener nationaler Identität. In der Mandatszeit konnte der Begriff jedoch allgemein Bewohner des britischen Mandatsgebiets Palästina meinen, auch Juden.Mehr lesen lässt sich daraus jedoch nicht ableiten.
Hinzu kommt das erhebliche Risiko, bewaffnete Akteure aufzubauen, deren langfristige Loyalität keineswegs garantiert ist. Bereits 2025 warnten Kritiker davor, dass heute gegen Hamas gerichtete Waffen später gegen Israel eingesetzt werden könnten. Auch die Geschichte einzelner Clans und Vorwürfe über Kriminalität und Plünderungen machen deutlich, dass aus einem gemeinsamen Feind noch kein verlässlicher strategischer Partner entsteht.
Wer glaubt, sechs bewaffnete Gruppen könnten Hamas kurzfristig aus Gaza vertreiben und anschließend eine stabile Ordnung errichten, verwechselt deshalb ein taktisches Hilfsmittel mit einer politischen Lösung.
Die Jerusalem Post kommt zu einer ähnlichen Einschätzung. Für eine tatsächliche Ablösung von Hamas wäre wahrscheinlich eine wesentlich breitere Konstruktion erforderlich: Teile der Palästinensischen Autonomiebehörde, arabische Staaten wie Ägypten, die geplante internationale Stabilisierungstruppe und weiterhin israelische Sicherheitsunterstützung müssten zusammenwirken.
Hamas gewinnt Zeit
Das größere Problem ist, dass Hamas die gegenwärtige Unentschlossenheit selbst nutzt.
Nach der Analyse kontrolliert die Terrororganisation weiterhin jene 40 bis 50 Prozent des Gazastreifens, in denen sich mehr als 90 Prozent der palästinensischen Bevölkerung aufhalten sollen. Weil dort bislang keine funktionsfähige politische Alternative aufgebaut wurde, kann Hamas Verwaltungsstrukturen erhalten, ihre Kontrolle über die Bevölkerung festigen und versuchen, Teile ihrer militärischen Fähigkeiten wiederherzustellen.
Israel reagiert darauf mit gezielten Angriffen. In den vergangenen Wochen wurden erneut Hamas-Kommandeure und Waffenlager angegriffen. Mehrere Terroristen, die am Massaker vom 7. Oktober7. Oktober 2023: Das Hamas-Massaker, das Israel veränderteDer 7. Oktober 2023 war der Tag des Hamas-Massakers in Israel. Terroristen aus Gaza ermordeten etwa 1.200 Menschen, vor allem Zivilisten, und verschleppten mehr als 240 Geiseln in den Gazastreifen.Mehr lesen beteiligt waren oder nach israelischen Angaben wieder Anschläge vorbereiteten, wurden ausgeschaltet.
Von einer Rückkehr der Hamas zu ihrer militärischen Stärke vor dem 7. Oktober kann allerdings ebenfalls keine Rede sein. Die Jerusalem Post weist darauf hin, dass die Organisation derzeit kaum größere militärische Übungen offen durchführen könnte, praktisch keine beziehungsweise nur noch sehr wenige Raketen besitze und große Verbände nicht unbemerkt durch israelisch kontrollierte Gebiete bewegen könne. Selbst die zuletzt über die Grenze geschickten Ballons waren nach dem Bericht keine Brand- oder Sprengballons wie in früheren Jahren.
Hamas bleibt also gefährlich, aber ihre gegenwärtige Stärke sollte ebenso wenig übertrieben werden wie die Fähigkeiten ihrer lokalen Gegner.
Wahlen bestimmen zunehmend die Gaza-Politik
Hinzu kommt ein Faktor, der mit Gaza selbst nur indirekt zu tun hat: Israel wählt am 27. Oktober, die amerikanischen Zwischenwahlen folgen am 3. November. Nach Einschätzung der Jerusalem Post beeinflussen beide Wahlkämpfe inzwischen erheblich, wann die nächsten Schritte im Gazastreifen umgesetzt werden.
Die Trump-Regierung verfolgt unter maßgeblichem Einfluss Jared Kushners einen schrittweisen Plan. Israel soll sich langfristig von derzeit ungefähr 50 bis 60 Prozent des Gazastreifens auf eine deutlich kleinere Sicherheitszone zurückziehen. Parallel soll der Wiederaufbau beginnen, eine internationale Stabilisierungstruppe in Gaza Fuß fassen und ein technokratisches palästinensisches Komitee zivile Regierungsaufgaben übernehmen. Hamas wiederum soll schrittweise entwaffnet werden.
Hier liegt allerdings eine der größten Schwächen des gesamten Modells: Washington setzt auf einen Prozess, bei dem mehrere Schritte parallel erfolgen sollen, während Israel nach dem 7. Oktober nachvollziehbarerweise vermeiden will, Gebiete zu räumen, aus denen Hamas anschließend wieder militärische Strukturen aufbauen kann.
Netanyahu wiederum hätte nach Darstellung des Autors einen wesentlich härteren militärischen Kurs bevorzugt. Einen erneuten umfassenden Einmarsch in Gaza dürfte Präsident Donald Trump derzeit jedoch kaum unterstützen. Washington will Ruhe im Nahen Osten und weitere regionale NormalisierungsabkommenAbraham-Abkommen: Israels Durchbruch in der arabischen WeltDie Abraham-Abkommen sind Normalisierungsvereinbarungen zwischen Israel und mehreren arabischen beziehungsweise muslimisch geprägten Staaten. Sie begannen 2020 mit den Vereinigten Arabischen Emiraten und Bahrain.Mehr lesen. Eine neue große israelische Bodenoffensive würde diese Ziele gefährden.
Das Ergebnis ist die heutige Zwischenlage: Israel zieht sich kaum weiter zurück, ein umfassender Wiederaufbau kommt ebenfalls nicht voran, Hamas bleibt an der Macht, wird aber regelmäßig militärisch getroffen, und die geplanten neuen Strukturen warten weiterhin auf ihre tatsächliche Umsetzung.
Selbst die Debatte um die Wiederöffnung des Grenzübergangs Erez zeigt diese politische Unsicherheit. Nach Darstellung der Jerusalem Post sollte die IDF zunächst Vorbereitungen für eine Öffnung treffen. Nachdem innenpolitische Kritik aufkam, verzögerte Netanyahu den Schritt wieder. Dahinter soll eine mit Washington grundsätzlich vereinbarte Regelung stehen, deren Umsetzung nun offensichtlich auch vom israelischen Wahlkampf beeinflusst wird.
Damit wird Gaza zunehmend von zwei Wahlkalendern mitbestimmt.
Für Israel ist das gefährlich. Ein Status quo kann kurzfristig weniger riskant erscheinen als eine neue Großoffensive oder ein überhasteter Rückzug. Er darf Hamas jedoch nicht genügend Zeit verschaffen, ihre Herrschaft erneut zu konsolidieren.
Die lokalen Milizen können dabei nützlich sein, aber sie sind kein Ersatz für eine politische Strategie. Solange sie nur unter dem Schutz der IDF bestehen können und Hamas ihnen zahlenmäßig weit überlegen bleibt, werden sie die Terrororganisation nicht aus eigener Kraft stürzen.
Die entscheidende Frage für Gaza lautet deshalb weiterhin nicht, welcher Clan Hamas bekämpft. Entscheidend ist, wer Hamas dauerhaft als militärische und politische Macht ersetzen kann, ohne dass Israel sich wenige Jahre später erneut einem bewaffneten Terrorregime gegenüber sieht.
Darauf gibt es auch fast drei Jahre nach dem 7. Oktober noch keine überzeugende Antwort.
Autor: Redaktion
Artikel veröffentlicht am: Montag, 31. August 2026