Iran zugerechnete Bot-Netze hetzen gegen Nova-Überlebende und leugnen das Massaker
Sie überlebten Terror, Entführung und den Mord an ihren Freunden. Nun werden Nova-Überlebende gezielt als Lügner beschimpft, mit dem Tod bedroht und erneut zu Opfern gemacht.

Bildnachweis: Symbolbild / KI
Überlebende des Massakers beim Nova-Musikfestival werden seit Monaten von einer organisierten digitalen Hasskampagne verfolgt. Tausende verdächtige oder gefälschte Konten verbreiten nach Erkenntnissen der Organisation Fighting Online Antisemitism, kurz FOA, Verschwörungserzählungen über den 7. Oktober 20237. Oktober 2023: Das Hamas-Massaker, das Israel veränderteDer 7. Oktober 2023 war der Tag des Hamas-Massakers in Israel. Terroristen aus Gaza ermordeten etwa 1.200 Menschen, vor allem Zivilisten, und verschleppten mehr als 240 Geiseln in den Gazastreifen.Mehr lesen, verhöhnen Betroffene und richten persönliche Drohungen gegen Menschen, die Terror, Entführung und den Verlust ihrer Angehörigen überlebt haben. Ein Teil der koordinierten Netzwerke wird staatlichen Akteuren zugerechnet, vor allem dem iranischen Regime.
Der im April veröffentlichte FOA-Bericht untersucht Beiträge auf X, Instagram, TikTok, Reddit und Telegram, die zwischen Oktober 2023 und April 2026 gesammelt wurden. Die Verfasser sprechen von einer anhaltenden, mehrstufigen Kampagne, die das Massaker zunächst leugnet oder verfälscht und anschließend jene Menschen angreift, die Zeugnis darüber ablegen können. Die dokumentierten Inhalte reichen von der Behauptung, der Angriff sei mit Schauspielern und künstlichem Blut inszeniert worden, bis zu der Lüge, israelische Kampfhubschrauber hätten die meisten Festivalbesucher getötet.
Dahinter steht mehr als die übliche Grausamkeit einzelner anonymer Nutzer. Der Bericht erkennt wiederkehrende Erzählungen, nahezu identische Formulierungen und eine Verbreitung über mehrere Plattformen und Sprachen hinweg. Koordinierte falsche Konten geben den Botschaften Reichweite, reale Nutzer greifen sie auf und tragen sie weiter. Aus gelenkter PropagandaDesinformation: Gezielte Täuschung der ÖffentlichkeitDesinformation bezeichnet bewusst verbreitete falsche oder irreführende Informationen. Ziel ist häufig, Menschen zu täuschen, Vertrauen zu zerstören, Konflikte zu verschärfen oder politische Entscheidungen zu beeinflussen.Mehr lesen wird dadurch scheinbar gewöhnliche öffentliche Meinung.
Die Täter sollen verschwinden, die Opfer zu Schuldigen werden
Die Methode folgt einem klaren Ziel. Die Verantwortung der HamasHamas: Terrororganisation aus GazaHamas ist eine islamistische palästinensische Terrororganisation. Sie entstand 1987 aus dem Umfeld der Muslimbruderschaft, lehnt Israels Existenz ab und wird von Israel, den USA, der EU und weiteren Staaten als Terrororganisation eingestuft.Mehr lesen soll aus dem Blick verschwinden. Statt über Terroristen zu sprechen, die auf fliehende Menschen schossen, Granaten in Schutzräume warfen, Frauen misshandelten und Geiseln nach GazaPalästina: Geschichte, Bedeutung und politischer Streit um einen aufgeladenen BegriffPalästina bezeichnet historisch eine Region im südlichen Levantegebiet und politisch heute vor allem den Anspruch auf palästinensische Staatlichkeit. Der Begriff ist eng mit jüdischer Geschichte, dem britischen Mandat, Israel und dem Nahostkonflikt verbunden.Mehr lesen verschleppten, soll über angebliche israelische Inszenierungen diskutiert werden. Die Täter werden aus der Erzählung entfernt, während die Opfer als Lügner, Provokateure oder sogar als Verantwortliche ihres eigenen Leidens dargestellt werden.
FOA dokumentierte Beiträge, die den Besuchern vorwarfen, das Festival auf angeblich gestohlenem Land oder zu nah an Gaza veranstaltet zu haben. Andere Kommentare erklärten, wer dort gefeiert habe, sei selbst schuld gewesen. Auch Berichte über sexualisierte Gewalt werden verspottet oder pauschal bestritten. Das ist keine Kritik an einer israelischen Regierung. Es ist die nachträgliche Rechtfertigung eines Massakers.
Besonders häufig werden bekannte Überlebende und ehemalige Geiseln persönlich angegriffen. Noa Argamani, deren gewaltsame Verschleppung auf einem weltweit verbreiteten Video zu sehen war, wurde nach ihrer Befreiung als Terroristin beschimpft und mit frauenfeindlichen Beleidigungen überzogen. Auch Romi Gonen, die vom Festival entführt und über lange Zeit in Gaza festgehalten wurde, wurde Ziel von Botschaften, in denen ihr Tod verlangt und ihr Leiden verhöhnt wurde.
Diese Angriffe verfolgen einen doppelten Zweck. Sie sollen die Betroffenen einschüchtern und gleichzeitig mögliche Leser davon abhalten, ihren Aussagen zu glauben. Wer öffentlich über das Geschehen spricht, wird mit einer Flut aus Beschimpfungen, Unterstellungen und Drohungen überzogen. Die Botschaft lautet: Schweige, oder wir machen dein Leben erneut unerträglich.
Für Menschen, die den 7. Oktober überlebt haben, ist dies keine abstrakte Auseinandersetzung um Inhalte im Internet. Viele leiden weiterhin unter Angstzuständen, Schuldgefühlen, Schlafstörungen und schweren traumatischen Erinnerungen. Wenn ihnen anschließend erklärt wird, ihr Erlebnis sei erfunden oder sie hätten den Angriff verdient, wird die ursprüngliche Gewalt digital fortgesetzt.
Omri Sassi, einer der Organisatoren des Nova-Festivals, berichtete, wie er Menschen neben sich unter Maschinengewehrfeuer zusammenbrechen sah und wie Terroristen auf Fahrzeuge schossen und Granaten warfen. Die fortgesetzte Leugnung und der Hass hätten sein Trauma verschärft. Als Antwort beteiligte er sich an einer Ausstellung in London, die dokumentiert, was auf dem Festivalgelände geschah.
Er kann die anonymen Angreifer nicht kontrollieren. Er kann jedoch zeigen, was sie auslöschen wollen: die Namen der Opfer, die Aussagen der Überlebenden und die sichtbaren Spuren eines Terrorangriffs, der sich nicht in eine bequeme antiisraelische Erzählung einfügt.
Teherans Krieg endet nicht an der Front
Die Zuordnung sämtlicher Hassbeiträge zu Iran wäre unseriös. Nicht jeder Nutzer ist ein Bot, nicht jede Verschwörungserzählung wird unmittelbar in Teheran geschrieben. Der FOA-Bericht verweist jedoch auf koordinierte Netzwerke mit Tausenden falschen Konten, von denen Teile mit staatlichen Akteuren und besonders mit Iran in Verbindung gebracht werden. Diese Netzwerke verstärken vorhandenen AntisemitismusAntisemitismus: Judenhass in alten und neuen FormenAntisemitismus bezeichnet Judenhass und Feindschaft gegen Juden. Er reicht von Vorurteilen und Verschwörungserzählungen bis zu Ausgrenzung, Bedrohung und Gewalt.Mehr lesen, nutzen politische Spannungen und bringen vorbereitete Erzählungen in den öffentlichen Raum.
Das passt zu bekannten iranischen Einflussoperationen. Das israelische Institut für Nationale Sicherheitsstudien beschreibt, wie Teheran digitale Kampagnen nutzt, um gesellschaftliche Konflikte zu vertiefen, Unsicherheit zu erzeugen und Menschen zu Handlungen zu bewegen. Iranische Netzwerke haben sich als Israelis ausgegeben, gefälschte Gruppen gegründet, manipulierte Videos verbreitet und gezielt versucht, die israelische Gesellschaft gegeneinander aufzubringen.
Der Informationskrieg richtet sich dabei nicht nur gegen Staaten und Armeen. Er trifft bewusst einzelne Menschen. Überlebende und Angehörige sind besonders verwundbar, weil ihre Namen bekannt sind, ihre Bilder im Netz zirkulieren und ihre Aussagen für die historische Erinnerung entscheidend sind. Wer sie zum Schweigen bringt oder unglaubwürdig erscheinen lässt, greift zugleich die Dokumentation des 7. Oktober an.
Auch die sozialen Netzwerke tragen Verantwortung. FOA berichtet, dass selbst eindeutig gewaltverherrlichende Beiträge und persönliche Drohungen nach Meldungen häufig erreichbar bleiben. X gilt als wichtiger Umschlagplatz für Erzählungen über angebliche israelische Täterschaft. Auf TikTok werden antisemitische Botschaften und die Verhöhnung der Opfer in beliebte Tonspuren, kurze Videos und aktuelle Trends eingebaut. Telegram dient als weitgehend unkontrolliertes Verteilerzentrum, aus dem Behauptungen später auf größere Plattformen wandern.
Die Unternehmen können sich nicht darauf zurückziehen, lediglich neutrale technische Räume bereitzustellen. Ihre Systeme empfehlen Inhalte, erhöhen Reichweiten und belohnen Empörung. Wenn Mordaufrufe und gezielte Belästigungen trotz wiederholter Meldungen online bleiben, handelt es sich nicht nur um das Fehlverhalten einzelner Nutzer. Es ist auch ein Versagen der Plattformen.
Die Überlebenden von Nova wurden am 7. Oktober von Hamas-Terroristen gejagt. Nun werden sie im Internet von Menschen und automatisierten Konten verfolgt, die ihr Leiden leugnen, ihre Entführer entschuldigen und ihnen erneut den Tod wünschen.
FOA beschreibt dies treffend als eine zweite Schädigung. Zuerst kommt das Massaker. Danach beginnt der Kampf darum, ob die Welt den Opfern überhaupt noch glaubt.
Iranische Propaganda kann die Toten nicht zurückbringen und die Aufnahmen des Angriffs nicht ungeschehen machen. Sie kann jedoch Zweifel säen, Täter entlasten und das Leiden der Überlebenden verlängern. Genau deshalb ist der digitale Angriff kein Nebenschauplatz. Er ist die Fortsetzung des Krieges gegen IsraelIsrael: Der jüdische Staat im Herzen des Nahen OstensIsrael ist ein demokratischer Staat im Nahen Osten und der Nationalstaat des jüdischen Volkes. Er wurde am 14. Mai 1948 gegründet, seine Hauptstadt ist Jerusalem, die Knesset hat 120 Abgeordnete. Zum Unabhängigkeitstag 2026 hatte Israel rund 10,244 Millionen Einwohner.Mehr lesen und gegen die Erinnerung an den 7. Oktober.
Autor: Redaktion
Artikel veröffentlicht am: Montag, 13. Juli 2026