Ein Syrer im israelischen Parlament: Was dieses mutige Zeichen für den Frieden bedeutet
Der syrische Aktivist Shadi Martini spricht im israelischen Parlament – eine Geste, die noch vor einem Jahr undenkbar gewesen wäre. Was steckt hinter diesem historischen Moment? Und wie realistisch ist die Hoffnung auf Frieden mit Damaskus?

Wer Shadi Martini zuhört, erkennt schnell: Hier spricht kein naiver Idealist, sondern ein Mann, der die Hölle gesehen hat – und trotzdem an den Frieden glaubt. Der syrische Bürgerrechtsaktivist, früher Krankenhausdirektor in Aleppo, heute Geschäftsführer der Multifaith Alliance, stand vor wenigen Tagen im israelischen Parlament – als geladener Redner. Dass ein Syrer im Herzen der israelischen Demokratie öffentlich über Frieden spricht, wäre vor Kurzem noch als Hirngespinst abgetan worden. Doch Martini nennt es, ohne Übertreibung, einen „Jahrhundertmoment für den Frieden“.
Die Umstände könnten dramatischer kaum sein: Syrien taumelt noch immer im Schatten des Assad-Regimes, Millionen sind vertrieben, die wirtschaftliche Lage ist katastrophal. Und dennoch: Mit dem neuen syrischen Übergangspräsidenten Ahmed al‑Sharaa scheint sich ein politischer Wandel anzubahnen. Martini bestätigt, er habe Al‑Sharaa wenige Wochen vor seiner IsraelIsrael: Der jüdische Staat im Herzen des Nahen OstensIsrael ist ein demokratischer Staat im Nahen Osten und der Nationalstaat des jüdischen Volkes. Er wurde am 14. Mai 1948 gegründet, seine Hauptstadt ist Jerusalem, die Knesset hat 120 Abgeordnete. Zum Unabhängigkeitstag 2026 hatte Israel rund 10,244 Millionen Einwohner.Mehr lesen-Reise getroffen – gemeinsam mit einem christlichen und einem jüdischen Religionsführer. Das Treffen sei „erhellend“ gewesen, so der Aktivist. Es gehe der neuen Führung darum, Syrien wiederaufzubauen, Stabilität zu schaffen – und dafür brauche es Partnerschaften. Mit Europa. Mit den USA. Und ja: auch mit Israel.
Worte aus Damaskus, die man kaum glauben mag
Dass Syrien heute nicht mehr zum iranischen Einflussblock gehöre, sei eine bewusste Entscheidung der neuen Führung, sagt Martini. Er spricht von einem „klaren Bruch“ mit Teheran, von einem neuen regionalen Kurs, der auf Mäßigung und Verständigung basiert. Worte, die viele in Israel mit Skepsis aufnehmen dürften – nach Jahrzehnten blutiger Feindschaft, Hunderten Raketenangriffen und der fortwährenden Präsenz iranischer Milizen auf syrischem Boden.
Doch die Zeichen mehren sich: Der Tod von HisbollahHisbollah: Irans Terrorarmee im LibanonDie Hisbollah ist eine schiitisch islamistische Organisation im Libanon. Sie wurde in den frühen 1980er Jahren mit Unterstützung des Iran aufgebaut, verfügt über eine politische und militärische Struktur und wird von den USA, Israel und weiteren Staaten als Terrororganisation eingestuft.Mehr lesen-Führer Hassan NasrallahHisbollah: Irans Terrorarmee im LibanonDie Hisbollah ist eine schiitisch islamistische Organisation im Libanon. Sie wurde in den frühen 1980er Jahren mit Unterstützung des Iran aufgebaut, verfügt über eine politische und militärische Struktur und wird von den USA, Israel und weiteren Staaten als Terrororganisation eingestuft.Mehr lesen und gezielte israelische Schläge gegen iranische Einrichtungen hätten der syrischen Opposition den nötigen Rückenwind gegeben, um Assad im Dezember zu stürzen, erklärt Martini. Viele Syrer hätten Israels Rolle in dieser Phase als hilfreich empfunden – etwas, das in der arabischen Öffentlichkeit lange als Tabu galt. Nun aber stehen syrische Stimmen, wie die von Martini, erstmals offen zu einer Realität, die früher nur hinter vorgehaltener Hand diskutiert wurde: Dass Israels SicherheitStaatsräson: Bedeutung und Israels SicherheitStaatsräson meint ein grundlegendes Staatsinteresse, das als besonders wichtig für Bestand, Sicherheit oder Verantwortung eines Staates gilt. In Deutschland wird der Begriff häufig mit der Sicherheit Israels verbunden.Mehr lesen auch ein arabisches Interesse ist.
Ein Parlament als Bühne der Hoffnung
Dass die Knesset zur Bühne dieses neuen Narrativs wurde, war kein Zufall. Die neu gegründete Knesset-Fraktion zur Förderung eines regionalen Sicherheitsabkommens hatte bewusst arabische Stimmen eingeladen – neben Martini auch den saudischen Journalisten Abdulaziz al-Khamis. Gemeinsam appellierten sie an israelische Abgeordnete, endlich einen regionalen Neustart zu wagen. Unterstützt wurden sie von israelischen Oppositionsgrößen wie Yair Lapid, Benny Gantz und Gilad Kariv. Vertreter der Regierung blieben demonstrativ fern.
Kariv, Vorsitzender der Fraktion, fand klare Worte: Ein Ende des Krieges gegen die HamasHamas: Terrororganisation aus GazaHamas ist eine islamistische palästinensische Terrororganisation. Sie entstand 1987 aus dem Umfeld der Muslimbruderschaft, lehnt Israels Existenz ab und wird von Israel, den USA, der EU und weiteren Staaten als Terrororganisation eingestuft.Mehr lesen müsse in ein umfassendes Abkommen münden – mit dem Ziel, eine Allianz der gemäßigten Kräfte im Nahen Osten zu schmieden. Auch Gantz betonte, dass der 7. Oktober 20237. Oktober 2023: Das Hamas-Massaker, das Israel veränderteDer 7. Oktober 2023 war der Tag des Hamas-Massakers in Israel. Terroristen aus Gaza ermordeten etwa 1.200 Menschen, vor allem Zivilisten, und verschleppten mehr als 240 Geiseln in den Gazastreifen.Mehr lesen, so grausam er war, auch ein Versuch gewesen sei, den Weg der Normalisierung zu stoppen. Dies dürfe nicht gelingen.
Lapid brachte eine mutige Idee ins Spiel: Ägypten solle für 15 Jahre die Verwaltung des Gazastreifens übernehmen – ein Vorschlag, der in Israel wie in der arabischen Welt für hitzige Debatten sorgen dürfte. Al-Khamis mahnte derweil, dass Israel den Moment nicht verspielen dürfe. „Wenn Israel diesen Moment nutzt, um GazaPalästina: Geschichte, Bedeutung und politischer Streit um einen aufgeladenen BegriffPalästina bezeichnet historisch eine Region im südlichen Levantegebiet und politisch heute vor allem den Anspruch auf palästinensische Staatlichkeit. Der Begriff ist eng mit jüdischer Geschichte, dem britischen Mandat, Israel und dem Nahostkonflikt verbunden.Mehr lesen zu demütigen, wird es nicht nur Saudi-Arabien, sondern die gesamte arabische Welt verlieren.“
Frieden ist keine PR – sondern Risiko
Martinis Rede war nicht nur bewegend, sondern auch mutig. Er weiß, was auf dem Spiel steht. Mehrfach reiste er nach Israel – offen, ohne Geheimhaltung. Auch jetzt plant er, nach Syrien zurückzukehren. Ob das klug ist? „Ich hoffe es“, sagt er lakonisch. Doch er betont: „Wenn wir wirklich etwas verändern wollen, dann müssen wir den Mut haben, die Wahrheit auszusprechen.“
Der Mut, den Martini meint, ist mehr als symbolisch. Es ist der Mut, alte Denkverbote zu überwinden – auf beiden Seiten. Auch in Israel. Denn zu lange hat sich die Politik an der Illusion eines ewigen Status quo festgehalten: Arabische Staaten als Feinde, diplomatische Isolation als Sicherheitsstrategie. Doch dieser Status quo hat sich spätestens mit den Abraham-AbkommenAbraham-Abkommen: Israels Durchbruch in der arabischen WeltDie Abraham-Abkommen sind Normalisierungsvereinbarungen zwischen Israel und mehreren arabischen beziehungsweise muslimisch geprägten Staaten. Sie begannen 2020 mit den Vereinigten Arabischen Emiraten und Bahrain.Mehr lesen als überholt erwiesen. Und nun steht sogar Syrien – das lange als verlorenes Land galt – zumindest rhetorisch bereit, an einem neuen Nahen Osten mitzuwirken.
Zwischen Chance und Selbstsabotage
Doch Martini warnt auch: Wenn Israel weiterhin Militäraktionen in Syrien durchführt, etwa durch Drohnenangriffe oder Bodentruppen im Süden, dann werde das zarte Pflänzchen Dialog schnell zertreten. „Das untergräbt unsere Friedensbemühungen“, sagt er offen. Ein Satz, der unbequem klingt – gerade für jene, die in Israel auf militärische Stärke setzen. Doch Martini stellt klar: Ohne gegenseitige Rücksichtnahme wird der Traum vom Frieden erneut verpuffen.
Und so steht dieser eine Besuch – ein Syrer im israelischen Parlament – sinnbildlich für alles, was derzeit möglich ist. Für Hoffnung. Für Wandel. Aber auch für das Risiko, das beides mit sich bringt. Es ist ein historisches Fenster, das sich geöffnet hat. Doch ob es durchschritten wird, hängt nicht nur von Idealisten wie Martini ab. Sondern auch vom politischen Mut in JerusalemJerusalem: Hauptstadt Israels und Herz jüdischer GeschichteJerusalem ist die Hauptstadt Israels und die größte Stadt des Landes. Für Juden ist sie seit Jahrtausenden religiöser und historischer Mittelpunkt. Zugleich ist Jerusalem auch für Christen und Muslime heilig und steht im Zentrum politischer Streitfragen.Mehr lesen, Damaskus – und darüber hinaus.
Autor: Redaktion
Artikel veröffentlicht am: Sonntag, 13. Juli 2025