Irans Sicherheitschef macht die Atombombe zur Lehre aus dem Krieg
Mohsen Rezaee behauptet, der amerikanische Angriff habe Atomwaffen für andere Staaten attraktiver gemacht. Gleichzeitig droht Teheran seinen Nachbarn mit Angriffen, während die eigene Bevölkerung unter Inflation, Jobverlusten und einer immer härteren Versorgungskrise leidet.

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Es ist eine bemerkenswerte Botschaft ausgerechnet von dem Mann, der seit wenigen Tagen an einer der wichtigsten Schaltstellen der iranischen Macht sitzt. Mohsen Rezaee, neuer Sekretär des Obersten Nationalen Sicherheitsrates, erklärte im iranischen Staatsfernsehen, der Krieg gegen Iran habe der Welt eine gefährliche Lektion erteilt: Internationale Atomkontrollen und die Mitgliedschaft im Atomwaffensperrvertrag böten einem Staat keinen Schutz vor einem militärischen Angriff. Donald Trumps „Dummheit“, so Rezaee, habe deshalb das Interesse an Atomwaffen weltweit erhöht. Er behauptete, andere Staaten könnten nun zu dem Schluss kommen, eine eigene Bombe sei der zuverlässigere Schutz. Rezaee sagte damit nicht ausdrücklich, Iran werde nun selbst eine Atomwaffe bauen. Seine Argumentation ist dennoch brisant: Einer der höchsten Sicherheitsfunktionäre des Regimes präsentiert nukleare Abschreckung öffentlich als nachvollziehbare Konsequenz aus dem Krieg.
Rezaee versucht damit zugleich, die Verantwortung für eine mögliche neue nukleare Aufrüstung vollständig Washington zuzuschieben. Iran, behauptete er, habe internationale Kontrollen akzeptiert, sich an den Atomwaffensperrvertrag gebunden und mit der Internationalen Atomenergiebehörde zusammengearbeitet. Wenn ein solcher Staat trotzdem militärisch angegriffen werde, stelle sich anderen Ländern zwangsläufig die Frage, weshalb sie nicht selbst nach einer Atombombe streben sollten. Diese Darstellung ist die politische Argumentation Teherans, keine neutrale Beschreibung der jahrelangen Auseinandersetzungen um das iranische Atomprogramm. Trotzdem ist bemerkenswert, wie offen ein führender Funktionär inzwischen mit der Logik nuklearer Abschreckung argumentiert.
Dass diese Worte ausgerechnet von Rezaee kommen, erhöht ihr Gewicht. Der 71-Jährige führte die RevolutionsgardenIslamische Revolutionsgarden: Machtzentrum des iranischen RegimesDie Islamischen Revolutionsgarden sind eine mächtige militärische, politische und wirtschaftliche Organisation der Islamischen Republik Iran. Sie wurden nach der Revolution von 1979 gegründet, unterstehen dem Obersten Führer und steuern über die Quds-Einheit Irans regionales Terrornetzwerk.Mehr lesen 16 Jahre lang, darunter während eines großen Teils des Iran-Irak-Krieges, und gehört seit Jahrzehnten zum innersten Machtapparat der Islamischen Republik. Erst im August wurde er zum Sekretär des Obersten Nationalen Sicherheitsrates ernannt. Reuters beschreibt ihn als Hardliner und engen Verbündeten des neuen Obersten Führers Mojtaba Khamenei. Bereits vor seiner Ernennung hatte Rezaee einen deutlich härteren Kurs gegenüber Washington vertreten und sich skeptisch gegenüber Waffenruhen und Verhandlungen gezeigt. Seine Beförderung gilt deshalb als Teil einer personellen Neuordnung, mit der Khamenei die sicherheitspolitische Linie Teherans verschärft.
Wer Washington hilft, soll Irans Gegner werden
Rezaees Auftritt blieb nicht bei der nuklearen Drohkulisse. Er warnte sämtliche Nachbarstaaten davor, sich an Trumps neuer wirtschaftlicher Offensive gegen Iran zu beteiligen. Zunächst werde Teheran mit diesen Ländern sprechen und verlangen, dass sie sich von der amerikanischen Kampagne fernhalten. Wer sich dennoch beteilige, werde von Iran als Gegner betrachtet. Dann, so Rezaee, werde Teheran deren Interessen angreifen. Besonders deutlich wurde er beim Ölhandel: Sollten die GolfstaatenStraße von Hormus: Die gefährlichste Engstelle der WeltwirtschaftDie Straße von Hormus ist eine Meerenge zwischen Iran und Oman. Sie verbindet den Persischen Golf mit dem Golf von Oman und ist eine der wichtigsten Routen für Öl und Flüssigerdgas weltweit.Mehr lesen Washington unterstützen, werde Iran nicht zulassen, dass weiterhin Öl durch den Persischen Golf und die Straße von HormusStraße von Hormus: Die gefährlichste Engstelle der WeltwirtschaftDie Straße von Hormus ist eine Meerenge zwischen Iran und Oman. Sie verbindet den Persischen Golf mit dem Golf von Oman und ist eine der wichtigsten Routen für Öl und Flüssigerdgas weltweit.Mehr lesen ausgeführt werde. Auch alternative Exportwege könnten nach seinen Worten ins Visier geraten. AP und Anadolu geben diese Drohung übereinstimmend wieder.
Damit beantwortet Teheran Trumps „Economic D-Day“ nicht nur wirtschaftlich, sondern mit der Androhung militärischer Gewalt. Washington will Banken, Unternehmen, Häfen und Staaten bestrafen, die Iran weiterhin Geld und Handelswege verschaffen. Rezaee erklärt nun praktisch: Wer dabei hilft, Iran wirtschaftlich zu isolieren, muss damit rechnen, selbst zum Ziel iranischer Maßnahmen zu werden. Er drohte außerdem amerikanischen Wirtschaftsinteressen in der Region. Bisher, so seine Darstellung, habe Iran vor allem militärische Einrichtungen der Vereinigten Staaten angegriffen. Bei einer weiteren wirtschaftlichen Verschärfung könnten auch amerikanische Öl- und Wirtschaftsunternehmen getroffen werden.
Die Sprache soll Stärke vermitteln. Doch sie fällt in eine Phase, in der die Islamische Republik wirtschaftlich immer stärker unter Druck gerät. Genau deshalb bekommt Rezaees Auftritt eine zweite Bedeutung. Während die Führung Nachbarstaaten bedroht und über die strategischen Lehren nuklearer Abschreckung spricht, wird der Preis des Krieges im iranischen Alltag immer sichtbarer.
Der Internationale Währungsfonds erwartet für Iran 2026 inzwischen einen Rückgang der realen Wirtschaftsleistung um 5,4 Prozent. Die durchschnittliche Verbraucherpreisinflation wird auf 68,9 Prozent geschätzt. Der IWF weist zugleich ausdrücklich darauf hin, dass seine Iran-Prognose wegen des Krieges, der Sanktionen und der unsicheren Entwicklung des Ölhandels mit ungewöhnlich großen Unsicherheiten verbunden ist.
AP beschreibt eine Wirtschaft, in der Geschäfte zwar weiterhin Waren anbieten, viele Familien diese aber immer weniger bezahlen können. Lebensmittelpreise steigen, die iranische Währung hat massiv an Kaufkraft verloren und Arbeitsplätze sind verschwunden. Ein 52-jähriger Taxifahrer aus Teheran berichtete, mittlerweile 15 Stunden täglich arbeiten zu müssen, während seine Familie Obst, eiweißreiche Lebensmittel, Freizeitaktivitäten und selbst freie Tage gestrichen habe. Andere Familien reduzieren ihre Einkäufe auf das Notwendigste. Das bedeutet nicht, dass Iran unmittelbar vor dem wirtschaftlichen Zusammenbruch steht. Es zeigt aber, dass die Kosten der Konfrontation längst nicht mehr nur in staatlichen Haushalten und Exportstatistiken auftauchen, sondern am Küchentisch.
Die Härte nach außen wächst, während innen die Luft dünner wird
Genau dieser Gegensatz prägt die iranische Politik derzeit. Präsident Masoud Pezeshkian spricht davon, den Krieg beenden zu wollen. Parlamentspräsident Mohammad Bagher Ghalibaf warnte zuletzt ungewöhnlich offen, militärische Stärke allein könne ein Land nicht tragen, wenn die Bevölkerung Hunger leide und wirtschaftliches Wachstum ausbleibe. Rezaee repräsentiert dagegen jene Machtzentren, die überzeugt sind, Iran könne länger durchhalten als seine Gegner und müsse den wirtschaftlichen Druck mit einer noch härteren strategischen Haltung beantworten.
Seine Ernennung zeigt, dass diese Kräfte keineswegs an Einfluss verloren haben. Als ehemaliger Chef der Revolutionsgarden kennt Rezaee nicht nur den militärischen Apparat, sondern gehört seit Jahrzehnten zu jener politischen Generation, die Durchhaltefähigkeit und Abschreckung zum Kern iranischer Machtpolitik gemacht hat. Dass ausgerechnet er jetzt öffentlich erklärt, der Krieg mache Atomwaffen für Staaten attraktiver, sollte deshalb nicht als zufällige Polemik eines Fernsehinterviews abgetan werden.
Rezaee formuliert keine offizielle Entscheidung zum Bau einer iranischen Bombe. Das muss deutlich bleiben. Aber er verschiebt die Argumentation. Atomwaffen erscheinen in seiner Erzählung nicht als gefährliche Eskalation, sondern als verständliche Konsequenz eines internationalen Systems, das Iran aus seiner Sicht nicht geschützt habe. Die Logik lautet: Wer trotz Verträgen und Inspektionen angegriffen werden kann, wird irgendwann nach einer stärkeren Abschreckung suchen.
Für IsraelIsrael: Der jüdische Staat im Herzen des Nahen OstensIsrael ist ein demokratischer Staat im Nahen Osten und der Nationalstaat des jüdischen Volkes. Er wurde am 14. Mai 1948 gegründet, seine Hauptstadt ist Jerusalem, die Knesset hat 120 Abgeordnete. Zum Unabhängigkeitstag 2026 hatte Israel rund 10,244 Millionen Einwohner.Mehr lesen ist genau diese Argumentation alarmierend. Denn der Streit um Irans Atomprogramm drehte sich über Jahre nicht allein darum, was Teheran heute besitzt, sondern welche Fähigkeiten das Regime aufbauen könnte und welche Entscheidung es unter verändertem politischen Druck treffen würde. Wenn einer der höchsten Sicherheitsfunktionäre nun öffentlich beschreibt, warum Staaten nach einem Krieg zu Atomwaffen greifen könnten, berührt das den Kern dieser Sorge.
Gleichzeitig versucht Teheran, seine wirtschaftliche Schwäche durch regionale Drohungen auszugleichen. Die Botschaft an die Golfstaaten lautet nicht: Bleibt neutral, weil wir euch überzeugen können. Sie lautet: Bleibt neutral, weil eine Beteiligung an Washingtons Kampagne Folgen für eure Interessen haben kann. Die Botschaft an die Vereinigten Staaten lautet nicht: Sanktionen werden uns nichts anhaben. Sie lautet: Wenn ihr wirtschaftlich weitergeht, können wir den Konflikt militärisch ausweiten.
Gerade darin liegt der Widerspruch des aktuellen iranischen Auftretens. Ein Regime, das behauptet, wirtschaftlichen Druck problemlos überstehen zu können, müsste seine Nachbarn nicht mit Angriffen bedrohen, damit sie sich diesem Druck nicht anschließen. Ein Staat, der von seiner strategischen Sicherheit überzeugt wäre, müsste Atomwaffen nicht als nachvollziehbare Lehre aus seiner eigenen Erfahrung präsentieren.
Teheran möchte Stärke zeigen. Doch hinter der Härte wird sichtbar, was die Führung zunehmend fürchtet: dass militärische Durchhaltefähigkeit wenig wert ist, wenn Öl schwieriger verkauft werden kann, die Wirtschaft schrumpft und immer mehr Familien den Preis des Krieges selbst bezahlen.
Rezaees Worte über die Atombombe sind deshalb mehr als eine Beleidigung Donald Trumps.
Sie zeigen, welche Schlussfolgerung ein Teil der iranischen Führung aus diesem Krieg ziehen will.
Und diese Schlussfolgerung ist alles andere als beruhigend.
Autor: Redaktion
Artikel veröffentlicht am: Sonntag, 23. August 2026