Andy Burnham vor Downing Street: Labour Favorit mit offener Israel Rechnung
Andy Burnham könnte nach Keir Starmers Rücktritt neuer britischer Premierminister werden. Für Israel und Großbritanniens Juden zählt nun, ob seine klaren Worte gegen Antisemitismus auch in der Außenpolitik tragen.

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Großbritannien steht vor einem erneuten Machtwechsel, und der Name, der nun in London alle politischen Gespräche beherrscht, lautet Andy Burnham. Nach dem angekündigten Rückzug von Premierminister Keir Starmer aus der Parteiführung hat der frühere Bürgermeister von Greater Manchester erklärt, dass er sich um die Labour Führung bewerben will. Sollte sich kein ernsthafter Gegenkandidat durchsetzen, könnte Burnham schon im Juli in die Downing Street einziehen. Für Großbritannien wäre es der nächste schnelle Wechsel an der Spitze. Für IsraelIsrael: Der jüdische Staat im Herzen des Nahen OstensIsrael ist ein demokratischer Staat im Nahen Osten und der Nationalstaat des jüdischen Volkes. Er wurde am 14. Mai 1948 gegründet, seine Hauptstadt ist Jerusalem, die Knesset hat 120 Abgeordnete. Zum Unabhängigkeitstag 2026 hatte Israel rund 10,244 Millionen Einwohner.Mehr lesen und die jüdische Gemeinschaft im Vereinigten Königreich stellt sich eine andere Frage: Wer ist dieser Mann, der bald über eine der wichtigsten europäischen Außenpolitiken mitentscheiden könnte?
Burnham ist kein politischer Neuling. Er gehörte schon unter Tony Blair und Gordon Brown zur politischen Führungsriege, war Kulturminister, Gesundheitsminister und später Innenpolitiker der Labour Opposition. 2017 wechselte er aus dem Unterhaus nach Greater Manchester und machte das Bürgermeisteramt dort zu einer nationalen Bühne. Besonders während der Corona Jahre wurde er als Stimme des Nordens bekannt, als Politiker, der London widersprechen konnte und damit weit über Manchester hinaus Zuspruch gewann. Sein nun gewonnener Sitz in Makerfield hat ihn zurück ins Zentrum der britischen Macht gebracht.
Für jüdische Bürger und für Israel ist Burnham schwerer einzuordnen als manche Schlagzeile nahelegt. Er ist kein Corbynist alter Schule, kein Mann der offenen Israel Dämonisierung, kein Politiker, der AntisemitismusAntisemitismus: Judenhass in alten und neuen FormenAntisemitismus bezeichnet Judenhass und Feindschaft gegen Juden. Er reicht von Vorurteilen und Verschwörungserzählungen bis zu Ausgrenzung, Bedrohung und Gewalt.Mehr lesen in der eigenen Partei kleinredete. Gerade während der schweren Labour Krise unter Jeremy Corbyn gehörte Burnham zu jenen, die deutlicher als andere sagten, dass Antisemitismus in einer Partei, die sich selbst als antirassistisch versteht, nicht geduldet werden dürfe. Er sprach von einer Krise, die Labour entschieden, schnell und klar angehen müsse. Das war damals nicht selbstverständlich. Viele in Labour wichen aus, relativierten oder verschoben Verantwortung. Burnham tat das nicht.
Auch in Manchester pflegte er über Jahre Kontakte zu jüdischen Organisationen. Beim HolocaustShoah: Der nationalsozialistische Mord an sechs Millionen JudenShoah ist der hebräische Begriff für die Katastrophe der Vernichtung der europäischen Juden durch das nationalsozialistische Deutschland und seine Helfer. Rund sechs Millionen Juden wurden ermordet.Mehr lesen Gedenken in Greater Manchester betonte er noch Anfang 2026 seinen Einsatz gegen Judenhass und erinnerte an den Holocaust Überlebenden Ike Alterman, der Hass als Krankheit beschrieben hatte. Vertreter jüdischer Organisationen haben Burnham mehrfach als verlässlichen Ansprechpartner gewürdigt. Kulturministerin Lisa Nandy, selbst eine wichtige Verbündete Burnhams, nannte ihn jüngst einen politischen Verbündeten der jüdischen Gemeinschaft und verwies darauf, dass er die besondere historische Bedeutung Israels als sichere Heimstätte für Juden verstehe.
Doch genau hier beginnt die politische Spannung. Denn Burnham hat einerseits wiederholt klar gegen Antisemitismus Stellung bezogen, andererseits in der Israel Politik Positionen vertreten, die in Teilen der jüdischen Gemeinschaft auf deutliche Kritik stießen. Nach dem Massaker der HamasHamas: Terrororganisation aus GazaHamas ist eine islamistische palästinensische Terrororganisation. Sie entstand 1987 aus dem Umfeld der Muslimbruderschaft, lehnt Israels Existenz ab und wird von Israel, den USA, der EU und weiteren Staaten als Terrororganisation eingestuft.Mehr lesen am 7. Oktober 20237. Oktober 2023: Das Hamas-Massaker, das Israel veränderteDer 7. Oktober 2023 war der Tag des Hamas-Massakers in Israel. Terroristen aus Gaza ermordeten etwa 1.200 Menschen, vor allem Zivilisten, und verschleppten mehr als 240 Geiseln in den Gazastreifen.Mehr lesen verurteilte er die Angriffe auf israelische Zivilisten ausdrücklich. Er sprach von barbarischer Gewalt, betonte die Sorgen der jüdischen Gemeinschaft in Greater Manchester und verwies auf verstärkte Polizeipräsenz rund um jüdische Einrichtungen. Er sagte auch, Israel habe das Recht, sich und seine Bürger im Rahmen des Völkerrechts zu verteidigen.
Nur wenige Wochen später unterstützte Burnham jedoch einen Aufruf zu einer Feuerpause, während Hamas weiterhin Geiseln festhielt. Der Appell enthielt zwar eine Verurteilung des Hamas Terrors und forderte die Freilassung der Geiseln, wurde aber von jüdischen Vertretern in Manchester dennoch kritisiert. Der Vorwurf: Der Text gebe Israels Recht und Pflicht, seine Bürger zu schützen, nicht ausreichend Gewicht. Diese Kritik bleibt politisch relevant. Denn sie zeigt das Grundproblem vieler europäischer Nahostdebatten: Nach dem 7. Oktober wird das Entsetzen über den Terror zunächst erklärt, doch sobald Israel militärisch reagiert, rückt der Schutz israelischer Bürger sehr schnell in den Hintergrund.
Genau an diesem Punkt wird Burnham, sollte er Premierminister werden, nicht mehr im Schutzraum kommunaler Symbolpolitik stehen. Als Bürgermeister konnte er Gemeinschaften zusammenführen, Mahnwachen besuchen, Polizeipräsenz anordnen lassen und versöhnliche Formeln finden. Als Premierminister müsste er entscheiden, ob Großbritannien Israel in einer Lage unterstützt, in der Terrororganisationen und ihre Unterstützer weiterhin versuchen, das Land militärisch und politisch unter Druck zu setzen. Die bequeme Formel von der Zwei Staaten Lösung wird dann nicht reichen. Entscheidend wird sein, ob Burnham anerkennt, dass kein demokratischer Staat seinen Bürgern den Schutz verweigern kann, wenn Familien, Städte und ganze Regionen durch Raketen, Terror, Tunnel, Drohnen oder Geiselnahmen bedroht werden.
Auffällig ist, dass Burnham sich dem stärksten Druck aus dem pro palästinensischen Lager zuletzt nicht gebeugt hat. Anfang Juni lehnte er es ab, Israels Vorgehen in GazaPalästina: Geschichte, Bedeutung und politischer Streit um einen aufgeladenen BegriffPalästina bezeichnet historisch eine Region im südlichen Levantegebiet und politisch heute vor allem den Anspruch auf palästinensische Staatlichkeit. Der Begriff ist eng mit jüdischer Geschichte, dem britischen Mandat, Israel und dem Nahostkonflikt verbunden.Mehr lesen als Genozid zu bezeichnen. Er sagte sinngemäß, ein Urteil dieser Tragweite könne er aus seiner Position als Bürgermeister von Greater Manchester nicht treffen. Das brachte ihm sofort Kritik aus linken und pro palästinensischen Kreisen ein. Gerade diese Reaktion zeigt, wie eng der Raum für Differenzierung in Großbritannien geworden ist. Wer Israel nicht mit dem schwersten aller völkerrechtlichen Vorwürfe belegt, gilt in manchen Milieus bereits als verdächtig.
Gleichzeitig ist Burnham kein bedingungsloser Unterstützer Israels. Er befürwortet seit Jahren eine Zwei Staaten Lösung, spricht vom Recht palästinensischer Staatlichkeit und kritisierte israelische Siedlungspolitik scharf. Schon 2015 erklärte er, palästinensische Staatlichkeit sei kein Geschenk, sondern ein Recht, das anerkannt werden müsse. Zugleich lehnte er Boykottaufrufe gegen Israel ab und bezeichnete die Boykottbewegung als falsch. Auch das unterscheidet ihn von Teilen der radikalen Linken, für die Israel nicht als Staat mit legitimen Sicherheitsinteressen erscheint, sondern als Projekt, das wirtschaftlich, kulturell und politisch isoliert werden soll.
Für Israel ergibt sich daraus ein gemischtes Bild. Burnham ist kein Politiker, vor dem JerusalemJerusalem: Hauptstadt Israels und Herz jüdischer GeschichteJerusalem ist die Hauptstadt Israels und die größte Stadt des Landes. Für Juden ist sie seit Jahrtausenden religiöser und historischer Mittelpunkt. Zugleich ist Jerusalem auch für Christen und Muslime heilig und steht im Zentrum politischer Streitfragen.Mehr lesen dieselbe Alarmstufe ausrufen müsste wie einst bei Jeremy Corbyn. Er hat Judenhass benannt, Holocaust Erinnerung unterstützt, nach dem Terroranschlag auf die Synagoge in Manchester Solidarität mit der jüdischen Gemeinschaft gezeigt und sich nicht dem Genozid Vorwurf angeschlossen. Das sind wichtige Signale in einem Land, in dem jüdische Bürger seit dem 7. Oktober verstärkt unter Druck stehen und in dem die Grenze zwischen Israelkritik und offenem Judenhass immer wieder verwischt wird.
Aber Burnham ist auch kein Garant für eine robuste Israel Politik. Sein früher Aufruf zu einer Feuerpause nach dem 7. Oktober, seine deutliche Kritik an israelischer Politik und sein Versuch, verschiedene Lager in Labour zusammenzuführen, könnten dazu führen, dass er als Premierminister stärker auf Ausgleich mit dem linken Parteiflügel und pro palästinensischen Aktivisten setzt. Das wäre für Israel problematisch, wenn daraus die Erwartung entsteht, Jerusalem solle seine Sicherheitspolitik nach britischen innenpolitischen Bedürfnissen ausrichten.
Der eigentliche Test für Burnham wird nicht sein, ob er bei Gedenkveranstaltungen die richtigen Worte findet. Der Test wird kommen, wenn Israel wieder unter Beschuss steht, wenn Hamas oder andere Terrororganisationen die Lage ausnutzen, wenn HisbollahHisbollah: Irans Terrorarmee im LibanonDie Hisbollah ist eine schiitisch islamistische Organisation im Libanon. Sie wurde in den frühen 1980er Jahren mit Unterstützung des Iran aufgebaut, verfügt über eine politische und militärische Struktur und wird von den USA, Israel und weiteren Staaten als Terrororganisation eingestuft.Mehr lesen, Iran oder andere Akteure Druck aufbauen und London vor der Wahl steht, zwischen schneller moralischer Distanzierung und nüchterner Sicherheitsanalyse zu unterscheiden. Dann wird sich zeigen, ob Burnham versteht, dass Israels Selbstverteidigung keine rhetorische Fußnote ist, sondern die Grundbedingung dafür, dass jüdisches Leben im Nahen Osten überhaupt geschützt werden kann.
Für Großbritanniens jüdische Gemeinschaft ist Burnham deshalb weder Feindbild noch Entwarnung. Er ist ein Politiker mit glaubwürdigen Verdiensten im Kampf gegen Antisemitismus, aber auch mit offenen Fragen in der Israel Politik. Wer ihn beurteilt, sollte beides sehen. Gerade nach den Labour Jahren unter Corbyn wäre es unseriös, jeden Labour Politiker pauschal unter Verdacht zu stellen. Ebenso unseriös wäre es, aus freundlichen Worten bei Holocaust Gedenkfeiern bereits eine belastbare Nahostpolitik abzuleiten.
Sollte Andy Burnham tatsächlich Premierminister werden, wird Israel genau beobachten müssen, ob London unter ihm beim alten europäischen Reflex bleibt: Terror verurteilen, Israels Antwort beklagen, danach eine Feuerpause fordern, bevor die Bedrohung beseitigt ist. Ein britischer Regierungschef, der es ernst meint mit dem Schutz jüdischen Lebens, muss mehr leisten. Er muss Antisemitismus im eigenen Land bekämpfen und zugleich anerkennen, dass der jüdische Staat nicht weniger Recht auf Schutz hat als jedes andere Land.
Burnham steht nun vor der politischen Entscheidung, die ihn international definieren könnte. Er kann der Premierminister werden, der Labour endgültig aus dem Schatten der Corbyn Jahre führt. Oder er kann der nächste europäische Regierungschef werden, der Israel zwar formal das Recht auf Selbstverteidigung zugesteht, dieses Recht aber praktisch immer dann einschränkt, wenn Israel es tatsächlich ausüben muss. Für Jerusalem, für britische Juden und für alle, die Antisemitismus nicht nur in Sonntagsreden bekämpfen wollen, wird genau das entscheidend sein.
Autor: Redaktion
Artikel veröffentlicht am: Montag, 22. Juni 2026