ICC Chefankläger Khan suspendiert: Der Strafgerichtshof verliert weiter an Glaubwürdigkeit
Karim Khan ist nach Vorwürfen sexuellen Fehlverhaltens nun auch von der britischen Berufsaufsicht vorläufig suspendiert. Der ICC gerät damit noch tiefer in die Krise.

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Der Internationale Strafgerichtshof steckt in einer Krise, die weit über eine Personalie hinausgeht. Karim Khan, der Chefankläger des Gerichts in Den Haag, ist nach Vorwürfen sexuellen Fehlverhaltens nun auch von der britischen Berufsaufsicht für Barrister vorläufig suspendiert worden. Zuvor hatte bereits das zuständige Gremium des Internationalen Strafgerichtshofs seine Suspendierung beschlossen. Khan bestreitet die Vorwürfe. Ein endgültiges Urteil über sein Verhalten liegt nicht vor. Doch der Schaden für die Glaubwürdigkeit einer Institution, die weltweit über schwerste Verbrechen urteilen will, ist schon jetzt enorm.
Die britische Bar Standards Board erklärte, die vorläufige Suspendierung gelte mit sofortiger Wirkung. Nach den Regeln der Berufsaufsicht muss ein zuständiges Gremium den Schritt innerhalb der kommenden vier Wochen prüfen. Es handelt sich also nicht um ein abgeschlossenes Disziplinarverfahren, sondern um eine vorläufige Maßnahme. Gerade deshalb ist saubere Sprache wichtig. Khan ist nicht rechtskräftig schuldig gesprochen. Er weist die Anschuldigungen zurück. Doch die Tatsache, dass zwei Ebenen innerhalb kurzer Zeit reagiert haben, zuerst der Internationale Strafgerichtshof selbst und nun die britische Berufsaufsicht, zeigt die Schwere des Vorgangs.
Der ICC hatte Khan am 8. Juni suspendiert und zugleich betont, diese Entscheidung sei kein Hinweis auf das endgültige Ergebnis. Das ist juristisch bedeutsam, aber politisch kaum beruhigend. Denn ein Gericht, das Regierungschefs, Militärführer und Kriegsverbrecher anklagen will, ist auf Vertrauen angewiesen. Dieses Vertrauen entsteht nicht nur durch juristische Zuständigkeit, sondern durch Integrität der handelnden Personen. Wenn ausgerechnet der Chefankläger wegen derart schwerer Vorwürfe suspendiert wird, steht nicht nur seine Person im Fokus. Dann steht die innere Ordnung des Gerichts selbst zur Debatte.
Nach Reuters-Informationen, die sich auf eine diplomatische Quelle beziehen, soll das Exekutivbüro des Leitungsgremiums des ICC nach einer langen Untersuchung zu dem Schluss gekommen sein, Khan habe schweres Fehlverhalten begangen. Demnach sollen die Vorwürfe nicht ein Randthema betreffen, sondern mutmaßliche nicht einvernehmliche sexuelle Kontakte mit einer Juristin aus seinem Büro. Reuters berichtet zudem, dass die Entfernung Khans aus dem Amt empfohlen worden sei. Auch hier gilt: Khan bestreitet die Vorwürfe, und die endgültige Entscheidung liegt nicht bei einer Zeitung, sondern bei den zuständigen Gremien und Mitgliedstaaten. Dennoch ist klar, dass der Vorgang eine historische Belastungsprobe für den ICC ist.
Die Mitgliedstaaten des Römischen Statuts müssen nun über Khans Zukunft entscheiden. Nach Berichten soll eine Abstimmung über seine mögliche Entfernung aus dem Amt vorbereitet werden. Damit steht der Strafgerichtshof vor einem ungewöhnlichen und institutionell gefährlichen Moment. Der ICC ist ohnehin seit Jahren politisch umstritten. Er steht unter Druck von Staaten, die seine Zuständigkeit ablehnen. Er steht unter Kritik jener, die ihm Einseitigkeit vorwerfen. Und er steht besonders seit den Verfahren rund um IsraelIsrael: Der jüdische Staat im Herzen des Nahen OstensIsrael ist ein demokratischer Staat im Nahen Osten und der Nationalstaat des jüdischen Volkes. Er wurde am 14. Mai 1948 gegründet, seine Hauptstadt ist Jerusalem, die Knesset hat 120 Abgeordnete. Zum Unabhängigkeitstag 2026 hatte Israel rund 10,244 Millionen Einwohner.Mehr lesen, HamasHamas: Terrororganisation aus GazaHamas ist eine islamistische palästinensische Terrororganisation. Sie entstand 1987 aus dem Umfeld der Muslimbruderschaft, lehnt Israels Existenz ab und wird von Israel, den USA, der EU und weiteren Staaten als Terrororganisation eingestuft.Mehr lesen, Russland und andere Konflikte im Zentrum globaler Machtkämpfe.
Für Israel hat die Personalie Khan eine besondere Bedeutung. Khan war der Chefankläger, unter dessen Verantwortung der ICC Haftbefehle gegen israelische Spitzenpolitiker vorantrieb. Diese Schritte wurden in JerusalemJerusalem: Hauptstadt Israels und Herz jüdischer GeschichteJerusalem ist die Hauptstadt Israels und die größte Stadt des Landes. Für Juden ist sie seit Jahrtausenden religiöser und historischer Mittelpunkt. Zugleich ist Jerusalem auch für Christen und Muslime heilig und steht im Zentrum politischer Streitfragen.Mehr lesen als politisch und juristisch schwer verzerrt kritisiert, weil sie den demokratischen Staat Israel in eine Reihe mit Terrorführern stellten und die besondere Lage nach dem Hamas-Massaker vom 7. Oktober7. Oktober 2023: Das Hamas-Massaker, das Israel veränderteDer 7. Oktober 2023 war der Tag des Hamas-Massakers in Israel. Terroristen aus Gaza ermordeten etwa 1.200 Menschen, vor allem Zivilisten, und verschleppten mehr als 240 Geiseln in den Gazastreifen.Mehr lesen 2023 aus israelischer Sicht nicht angemessen berücksichtigten. Man muss diese Kritik nicht in jedem Punkt teilen, um zu erkennen: Wenn der Chefankläger eines so umstrittenen Verfahrens selbst wegen schwerer Vorwürfe suspendiert wird, beschädigt das die Autorität der gesamten Anklagebehörde.
Genau hier liegt die Gefahr. Die Vorwürfe gegen Khan dürfen nicht als Freibrief benutzt werden, jedes ICC-Verfahren pauschal für nichtig zu erklären. Der Rechtsstaat lebt davon, dass Vorwürfe geprüft und nicht politisch ausgeschlachtet werden. Aber genauso falsch wäre es, den institutionellen Schaden kleinzureden. Ein Strafgerichtshof, der moralische und rechtliche Autorität beansprucht, muss höhere Maßstäbe an sich selbst anlegen. Wenn interne Schutzmechanismen zu spät, zu unklar oder zu widersprüchlich wirken, leidet nicht nur eine Personalakte. Dann leidet das Vertrauen in internationale Justiz.
Gerade im Bereich sexuellen Fehlverhaltens ist die Verantwortung besonders groß. Internationale Institutionen sprechen oft von Menschenwürde, Schutz von Opfern und Rechenschaft. Sie verlangen von Staaten, Armeen und Behörden Transparenz. Dann müssen sie selbst zeigen, dass sie Hinweise auf Machtmissbrauch, Abhängigkeiten und mögliche Übergriffe nicht hinter diplomatischer Rücksichtnahme verstecken. Wer über Kriegsverbrechen spricht, darf bei Fehlverhalten im eigenen Haus nicht wegsehen.
Der Fall Khan zeigt zudem, wie kompliziert die Lage ist. Berichte verweisen auf unterschiedliche Bewertungen von Untersuchungen und rechtlichen Gremien. Es gibt Hinweise auf eine UN-Untersuchung, auf vertrauliche Dokumente, auf rechtliche Einwände von Khans Seite und auf politische Spannungen innerhalb der Mitgliedstaaten. Das alles macht den Fall nicht einfacher. Aber Komplexität ist kein Grund für Schweigen. Sie ist ein Grund für besonders gründliche, transparente und nachvollziehbare Verfahren.
Für die Öffentlichkeit bleibt entscheidend: Welche Vorwürfe sind belegt? Welche Standards gelten in Disziplinarverfahren? Welche Rechte hat der Beschuldigte? Wie wird die mögliche Betroffene geschützt? Welche Konsequenzen zieht der ICC für seine internen Strukturen? Und wie wird verhindert, dass politische Lager den Fall entweder instrumentalisieren oder unter den Teppich kehren?
Die Krise des ICC ist damit nicht nur eine Krise Khans. Sie ist eine Krise der internationalen Strafjustiz. Der Gerichtshof wollte ein Ort sein, an dem Macht nicht vor Verantwortung schützt. Jetzt muss er beweisen, dass dieser Anspruch auch nach innen gilt. Wenn die Institution bei sich selbst nicht glaubwürdig handelt, wird jeder künftige Haftbefehl, jede Anklage und jede moralische Erklärung leichter angreifbar.
Für Israel ist diese Entwicklung bitter, aber nicht überraschend. Jerusalem hat seit langem gewarnt, dass internationale Institutionen politische Schlagseiten entwickeln können. Die Verfahren gegen Israel wurden von vielen Israelis nicht als nüchterne Rechtsarbeit wahrgenommen, sondern als Teil einer internationalen Tendenz, den jüdischen Staat auch dort unter Sonderdruck zu setzen, wo Terrororganisationen wie Hamas und HisbollahHisbollah: Irans Terrorarmee im LibanonDie Hisbollah ist eine schiitisch islamistische Organisation im Libanon. Sie wurde in den frühen 1980er Jahren mit Unterstützung des Iran aufgebaut, verfügt über eine politische und militärische Struktur und wird von den USA, Israel und weiteren Staaten als Terrororganisation eingestuft.Mehr lesen die eigentlichen Auslöser und Treiber der Gewalt sind. Die Khan-Krise beweist nicht automatisch, dass jede israelische Kritik am ICC richtig war. Aber sie gibt der Forderung nach strenger Prüfung der Anklagebehörde neues Gewicht.
Man sollte diesen Fall deshalb nicht mit Häme betrachten. Zu schwer sind die Vorwürfe, zu ernst ist die mögliche Betroffenheit, zu wichtig ist die Unschuldsvermutung. Aber man darf Klarheit verlangen. Karim Khan muss die Möglichkeit haben, sich zu verteidigen. Die mutmaßlich betroffene Person muss Schutz und Gehör erhalten. Die Mitgliedstaaten müssen entscheiden, ohne politische Rücksichtnahmen über Recht und Unrecht zu stellen. Und der ICC muss offenlegen, wie er seine eigene Integrität künftig sichern will.
Ein Gericht, das über Verbrechen gegen die Menschlichkeit urteilt, darf nicht den Eindruck erwecken, im eigenen Haus mit zweierlei Maß zu arbeiten. Genau das ist jetzt die eigentliche Bewährungsprobe. Nicht nur für Khan. Für den Internationalen Strafgerichtshof selbst.
Autor: Redaktion
Artikel veröffentlicht am: Freitag, 19. Juni 2026