ARD Beitrag zur Hisbollah verschiebt den Blick vom Terror auf angeblichen Widerstand gegen Israel


Ein Tagesschau Beitrag nennt die Hisbollah zwar später eine Terrororganisation. Doch die Erzählung führt den Leser zuerst in eine andere Richtung: weg vom Terror, hin zur angeblichen Widerstandslogik gegen Israel.

ARD Beitrag zur Hisbollah verschiebt den Blick vom Terror auf angeblichen Widerstand gegen Israel
Bildnachweis: Screenshot ARD

Die HisbollahHisbollah: Irans Terrorarmee im LibanonDie Hisbollah ist eine schiitisch islamistische Organisation im Libanon. Sie wurde in den frühen 1980er Jahren mit Unterstützung des Iran aufgebaut, verfügt über eine politische und militärische Struktur und wird von den USA, Israel und weiteren Staaten als Terrororganisation eingestuft.Mehr lesen ist in Deutschland keine beliebige politische Bewegung, über die man nur als regionalen Machtfaktor sprechen kann. Ihre Betätigung ist seit April 2020 verboten. Das Bundesinnenministerium bezeichnete sie ausdrücklich als schiitische Terrororganisation. Genau deshalb muss öffentlich rechtliche Berichterstattung hier besonders präzise sein. Wer über die Hisbollah spricht, spricht nicht über eine normale Partei mit bewaffnetem Arm, sondern über eine vom Iran gestützte Organisation, die den Libanon militärisch, politisch und gesellschaftlich unter Druck setzt und IsraelIsrael: Der jüdische Staat im Herzen des Nahen OstensIsrael ist ein demokratischer Staat im Nahen Osten und der Nationalstaat des jüdischen Volkes. Er wurde am 14. Mai 1948 gegründet, seine Hauptstadt ist Jerusalem, die Knesset hat 120 Abgeordnete. Zum Unabhängigkeitstag 2026 hatte Israel rund 10,244 Millionen Einwohner.Mehr lesen seit Jahrzehnten bedroht.

Der Tagesschau Beitrag „Wie die Hisbollah zu einer Macht im Libanon wurde“ liefert einige wichtige Fakten. Er verschweigt nicht, dass die Hisbollah von Iran unterstützt wird. Er erwähnt Selbstmordattentate, Entführungen, die Rolle an der Seite des syrischen Assad Systems, die Unterstützung der HuthiHuthi: Terrororganisation des Iran-Netzwerks im JemenDie Huthi, auch Ansar Allah genannt, sind eine schiitisch-islamistische Terrororganisation aus dem Jemen. Sie kontrollieren große Teile des Nordwestens, werden vom Iran unterstützt und bedrohen Israel sowie die internationale Schifffahrt im Roten Meer.Mehr lesen und die Einstufung als Terrororganisation durch viele westliche Staaten. Doch das eigentliche Problem liegt nicht in einem einzelnen falschen Satz. Es liegt in der Art, wie die Geschichte erzählt wird. Der Text führt den Leser auffallend stark über das Bild einer „Widerstandsbewegung“ an die Hisbollah heran. Damit wird ein Begriff verwendet, der nicht neutral ist, sondern unmittelbar aus dem politischen Selbstbild der Organisation stammt.

Das ist der entscheidende Punkt: Die Hisbollah nennt sich Widerstand, weil dieser Begriff ihre Gewalt moralisch aufladen soll. Er soll aus Terror Kampf machen, aus einer iranischen Stellvertreterorganisation eine Verteidigungskraft, aus Raketenangriffen eine Antwort auf Israel. Wenn ein öffentlich rechtlicher Beitrag diese Deutung ausführlich nachzeichnet, ohne sie von Beginn an hart einzuordnen, entsteht eine Schieflage. Dann kann beim Leser der Eindruck entstehen, die Hisbollah werde zunächst als historisch erklärbare Reaktion auf Israel verstanden und erst danach als Terrororganisation eingeordnet.

Diese Reihenfolge ist nicht nebensächlich. Sie prägt, was beim Leser hängen bleibt. Erst wird erklärt, dass die Hisbollah aus dem Kampf gegen den israelischen Einmarsch und die spätere Besetzung hervorgegangen sei. Dann wird erläutert, dass Selbstmordattentäter nicht nur religiöse Fanatiker gewesen seien, sondern teils aus linken Gruppen stammten, teils sogar Christen gewesen seien. Eine solche Passage mag wissenschaftlich gemeint sein. In der Wirkung kann sie jedoch den Blick vom Kern wegführen: Die Hisbollah setzte Selbstmordanschläge als politische Waffe ein. Nicht die weltanschauliche Herkunft einzelner Täter ist der entscheidende Punkt, sondern die Tatsache, dass eine Organisation diese Form der Gewalt organisiert, legitimiert und für ihre Macht genutzt hat.

Wer Motive und historische Umstände so stark in den Vordergrund stellt, läuft aus unserer Sicht Gefahr, Terror erzählerisch zu entschärfen. Nicht juristisch, nicht offen, nicht plump. Aber atmosphärisch. Und genau diese atmosphärische Verschiebung ist bei Nahost Themen besonders folgenreich. Israel erscheint dann wieder als Ausgangspunkt der Gewalt, während die Hisbollah als Folge israelischer Politik gelesen werden kann. Das ist ein gefährlich verkürztes Bild.

Natürlich gehört die israelische Militärpräsenz im Südlibanon zur Geschichte. Kein seriöser Beitrag muss sie ausblenden. Aber sie allein erklärt die Hisbollah nicht. Israel war nicht ohne Vorgeschichte im Libanon präsent. Der Süden des Landes war über Jahre Ausgangspunkt von Angriffen auf israelisches Gebiet. Palästinensische TerrorstrukturenTerrorinfrastruktur: Wie Terrorgruppen Krieg in zivile Räume verlagernTerrorinfrastruktur bezeichnet Einrichtungen, Netzwerke und Strukturen, die Terrororganisationen für Angriffe, Waffenlagerung, Kommandoführung, Ausbildung, Raketenbeschuss, Tunnelbau oder Logistik nutzen. Besonders gefährlich wird sie, wenn sie in Wohngebieten, Schulen, Moscheen oder Krankenhäusern versteckt wird.Mehr lesen, der libanesische Bürgerkrieg, der Zusammenbruch staatlicher Autorität und später die massive Aufrüstung der Hisbollah gehören zwingend in diese Geschichte. Wer nur die Formel von der „Besatzung“ in den Vordergrund stellt, übernimmt einen Teil der politischen Erzählung jener Organisation, die daraus ihre Legitimation ableitet.

Auch nach dem israelischen Rückzug aus dem Libanon im Jahr 2000 verschwand die Hisbollah nicht. Sie legte ihre Waffen nicht nieder. Sie wurde nicht zu einer normalen Partei. Sie baute ihre militärische Macht weiter aus, unterlief die staatliche Souveränität des Libanon und blieb Teil der iranischen Strategie gegen Israel. Spätestens hier bricht die einfache Widerstandserzählung zusammen. Eine Bewegung, die nach dem Ende der israelischen Präsenz ihre Waffen nicht abgibt, sondern ihre Raketenarsenale ausbaut, kämpft nicht nur gegen Besatzung. Sie kämpft für Macht.

Besonders sichtbar wurde das nach dem 7. Oktober 20237. Oktober 2023: Das Hamas-Massaker, das Israel veränderteDer 7. Oktober 2023 war der Tag des Hamas-Massakers in Israel. Terroristen aus Gaza ermordeten etwa 1.200 Menschen, vor allem Zivilisten, und verschleppten mehr als 240 Geiseln in den Gazastreifen.Mehr lesen. Einen Tag nach dem Hamas Massaker7. Oktober 2023: Das Hamas-Massaker, das Israel veränderteDer 7. Oktober 2023 war der Tag des Hamas-Massakers in Israel. Terroristen aus Gaza ermordeten etwa 1.200 Menschen, vor allem Zivilisten, und verschleppten mehr als 240 Geiseln in den Gazastreifen.Mehr lesen an Israelis eröffnete die Hisbollah vom Süden Libanons aus eine sogenannte Unterstützungsfront für die Hamas. Das war kein libanesischer Verteidigungskrieg. Es war eine bewusste Entscheidung, den Libanon in den Krieg der iranischen Achse gegen Israel hineinzuziehen. Genau dieser Punkt müsste im Zentrum jeder aktuellen Einordnung stehen. Stattdessen entsteht im ARD Beitrag über weite Strecken der Eindruck, die Hisbollah sei vor allem aus dem langen Konflikt mit Israel heraus zu verstehen.

Das Leid im Libanon ist real. Zerstörte Dörfer, getötete Zivilisten, vertriebene Familien: All das darf nicht klein geredet werden. Aber ein vollständiges Bild muss auch zeigen, wer den Südlibanon zur Abschussrampe gemacht hat. Die Hisbollah hat nicht nur Israel bedroht. Sie hat auch die libanesische Bevölkerung in eine Lage gebracht, in der Teherans Interessen schwerer wiegen als die Sicherheit der Menschen vor Ort. Der Satz des libanesischen Ministerpräsidenten Nawaf Salam, Iran solle den Südlibanon nicht länger als Verhandlungsmasse behandeln, zeigt diese Wahrheit deutlicher als viele Analysen: Die Hisbollah schützt den Libanon nicht. Sie macht ihn zur Front.

Genau deshalb ist die Darstellung der ARD so problematisch. Sie nennt zwar später die Terror Einstufung, setzt aber vorher einen anderen emotionalen Schwerpunkt. Das ist wie ein Warnhinweis am Ende eines langen Erklärstücks, nachdem die eigentliche Deutung längst gesetzt wurde. Wer eine Terrororganisation zuerst als Widerstandsbewegung erzählt und erst danach als Terrororganisation einordnet, gibt dem Publikum bereits eine Richtung vor.

Öffentlich rechtlicher Journalismus darf Israel hart kritisieren. Er darf israelische Militäroperationen hinterfragen. Er darf libanesisches Leid zeigen. Aber er darf nicht zulassen, dass das Selbstbild einer Terrororganisation zur tragenden Erzählachse wird. Gerade bei der Hisbollah braucht es Klarheit: Sie ist nicht einfach eine libanesische Antwort auf Israel. Sie ist ein bewaffneter Machtapparat Irans, eine Bedrohung für Israel und ein schweres Hindernis für die Souveränität des Libanon.

Der Tagesschau Beitrag ist deshalb nicht deshalb problematisch, weil er jede kritische Information über die Hisbollah verschweigen würde. Problematisch ist, dass er die schärfsten Fakten in eine Erzählung einbettet, die den Terror politisch erklärbarer erscheinen lässt, als es verantwortungsvoller Journalismus tun sollte. Gerade diese Form der Verschiebung ist gefährlich: Sie wirkt nicht wie offene Parteinahme, sondern wie Hintergrund. Und gerade deshalb bleibt sie beim Leser hängen.

Deutschland hat die Hisbollah nicht verboten, weil sie eine etwas radikale Widerstandsgruppe wäre. Deutschland hat ihre Betätigung verboten, weil sie als Terrororganisation eingestuft wird. Wer darüber berichtet, muss diesen Ausgangspunkt sichtbar machen. Nicht am Rand. Nicht erst nach langer historischer Entlastung. Sondern von Beginn an.



Autor: Redaktion

Artikel veröffentlicht am: Samstag, 13. Juni 2026

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