Sechs Minuten, zwei jüdische Schulen: Bombendrohungen zwingen Kinder in Brooklyn zur Evakuierung
Sprengstoff wurde nicht gefunden, doch die Drohungen treffen eine jüdische Gemeinschaft, die längst unter verschärftem Schutz lebt. In New York richtet sich mehr als die Hälfte der bestätigten Hassdelikte gegen Juden.

Innerhalb von nur sechs Minuten gingen am Freitagmorgen Bombendrohungen gegen zwei jüdische Schulen in Brooklyn ein. Kinder und Jugendliche mussten ihre Gebäude verlassen, Spezialeinheiten der New Yorker Polizei rückten mit Sprengstoffspürhunden an, Straßen wurden abgesperrt und Eltern warteten darauf zu erfahren, ob ihre Kinder sicher waren.
Am Ende fand die Polizei keine Bombe.
Damit war die unmittelbare Gefahr vorbei. Harmlos war der Vorgang deshalb nicht.
Der erste Drohanruf erreichte nach Angaben des New York Police Department am 9. Oktober gegen 9.54 Uhr die Yeshivah of Flatbush Joel Braverman High School an der Avenue J. Nur sechs Minuten später erhielt die United Talmudical Academy im Stadtteil Williamsburg einen ähnlichen Anruf.
Bei beiden Einrichtungen handelt es sich eindeutig um jüdische Schulen.
Die Emergency Service Unit der NYPD und speziell ausgebildete Hundestaffeln durchsuchten die Gebäude. Schüler und Mitarbeiter wurden evakuiert. In Flatbush waren auf Aufnahmen Jugendliche und Schulbusse vor dem abgesperrten Gelände zu sehen, in Williamsburg standen Feuerwehr- und Einsatzfahrzeuge entlang der Straße.
Explosivstoffe oder andere gefährliche Materialien wurden nicht gefunden. Verletzt wurde niemand. Die Polizei stufte beide Drohungen schließlich als unbegründet ein.
Wer hinter den Anrufen steckt, war zunächst unbekannt. Festnahmen gab es nicht.
Das ist für die Einordnung wichtig: Dass ausgerechnet zwei jüdische Schulen innerhalb weniger Minuten bedroht wurden, ist auffällig. Ein antisemitisches Motiv oder eine Verbindung zwischen beiden Anrufen hat die Polizei bislang jedoch nicht öffentlich bestätigt. Solange die Ermittlungen laufen, darf aus dem Ziel der Drohung nicht automatisch auf den Täter oder dessen Motiv geschlossen werden.
Für die betroffenen jüdischen Familien ändert diese juristisch notwendige Vorsicht wenig an der Realität dieses Morgens.
Ihre Kinder mussten eine jüdische Schule verlassen, weil jemand behauptete, dort eine Bombe platziert zu haben.
Eine falsche Bombendrohung ist keine folgenlose Drohung
Gerade bei jüdischen Einrichtungen kann eine Bombendrohung nicht wie ein schlechter Scherz behandelt werden.
Schulen wissen in dem Moment des Anrufs nicht, dass später nichts gefunden wird. Lehrer und Sicherheitskräfte müssen davon ausgehen, dass die Gefahr real sein könnte. Kinder müssen aus Klassenräumen gebracht, Gebäude geräumt und Spezialkräfte alarmiert werden. Eltern erfahren, dass die Schule ihres Kindes wegen einer möglichen Bombe evakuiert wird.
Genau deshalb funktioniert eine solche Drohung auch dann als Einschüchterung, wenn nie ein Sprengsatz existiert hat.
Die Yeshivah of Flatbush erklärte gegenüber Eltern während des Einsatzes, man habe zunächst einen vollständigen Lockdown angeordnet und anschließend vorsorglich evakuiert. Die Maßnahmen seien entsprechend den bestehenden Sicherheitsprotokollen und den Anweisungen der Polizei erfolgt.
Dass jüdische Schulen überhaupt über solche detaillierten Abläufe verfügen müssen, gehört inzwischen zum Alltag jüdischen Lebens in vielen amerikanischen Städten.
Nur wenige Tage zuvor hatte es auch im stark orthodox geprägten Lakewood im benachbarten New Jersey eine Bombendrohung gegen eine Synagoge gegeben. Am 5. Oktober meldete sich dort nach lokalen Polizeiinformationen ein Mann telefonisch und behauptete, in einem jüdischen Gotteshaus eine Bombe gelegt zu haben.
Polizei und Hundestaffeln räumten und überprüften vorsorglich mehrere Synagogen. Auch dort wurde kein Sprengsatz gefunden.
Ob zwischen den Vorfällen in Lakewood und Brooklyn irgendeine Verbindung besteht, ist nicht bekannt.
Die zeitliche Nähe zeigt jedoch, unter welchem Sicherheitsdruck jüdische Einrichtungen stehen.
Mehr als die Hälfte der bestätigten Hassdelikte trifft Juden
Brooklyn ist nicht irgendein Ort für einen solchen Vorfall. New York beherbergt eine der größten jüdischen Gemeinschaften außerhalb Israels.
Und die aktuellen Zahlen der Stadt zeigen, dass ihre Sicherheitsbedenken keineswegs eingebildet sind.
NYPD Commissioner Jessica Tisch erklärte erst im September bei einer Sicherheitsbesprechung vor den jüdischen Feiertagen, dass bestätigte Hassverbrechen in New York in den ersten acht Monaten des Jahres 2026 gegenüber dem entsprechenden Vorjahreszeitraum um 16 Prozent gestiegen seien.
Antisemitische Hassdelikte lagen demnach neun Prozent höher.
Noch deutlicher ist ein anderer Wert: Mehr als die Hälfte aller bestätigten Hassverbrechen in New York richtete sich gegen jüdische Einwohner, obwohl Juden nach Angaben der Stadt ungefähr zehn Prozent der Bevölkerung ausmachen.
Diese Zahlen bedeuten nicht, dass jeder Vorfall an einer jüdischen Einrichtung automatisch antisemitischAntisemitismus: Judenhass in alten und neuen FormenAntisemitismus bezeichnet Judenhass und Feindschaft gegen Juden. Er reicht von Vorurteilen und Verschwörungserzählungen bis zu Ausgrenzung, Bedrohung und Gewalt.Mehr lesen motiviert ist. Sie erklären aber, warum eine Bombendrohung gegen eine Yeshiva nicht in einem gesellschaftlichen Vakuum stattfindet.
New Yorks Behörden haben selbst eingeräumt, dass sich die Bedrohungslage seit dem HamasHamas: Terrororganisation aus GazaHamas ist eine islamistische palästinensische Terrororganisation. Sie entstand 1987 aus dem Umfeld der Muslimbruderschaft, lehnt Israels Existenz ab und wird von Israel, den USA, der EU und weiteren Staaten als Terrororganisation eingestuft.Mehr lesen-Massaker vom 7. Oktober7. Oktober 2023: Das Hamas-Massaker, das Israel veränderteDer 7. Oktober 2023 war der Tag des Hamas-Massakers in Israel. Terroristen aus Gaza ermordeten etwa 1.200 Menschen, vor allem Zivilisten, und verschleppten mehr als 240 Geiseln in den Gazastreifen.Mehr lesen 2023 verschärft hat.
Die städtischen Sicherheitsbehörden verfolgen Drohungen und Anschlagsplanungen gegen jüdische Einrichtungen. Erst im Sommer wurde ein jüdischer Mann vor einer Synagoge auf der Upper West Side niedergestochen. Im September wurden während eines Gottesdienstes in der Central Synagogue ein Besucher und ein Sicherheitsmitarbeiter angegriffen.
haOlam berichtete in diesem Jahr ebenfalls mehrfach darüber, wie weit die Bedrohung jüdischen Lebens inzwischen in den amerikanischen Alltag hineinreicht.
Im Februar wurde in New York ein 17-Jähriger festgenommen, nachdem über ein schulisches E-Mail-System eine Nachricht mit der Aufforderung „Tötet alle Juden“ an mehr als 300 Schüler verschickt worden war.
Im August drang ein mit einem Hammer bewaffneter Mann auf das Gelände einer jüdischen Schule in Queens vor. Dabei wurde ein achtjähriges Kind verletzt. In diesem Fall gab es nach dem Ermittlungsstand allerdings gerade keine Hinweise auf ein antisemitisches Motiv. Auch das gehört zu einer sauberen Einordnung.
Nicht jedes Verbrechen an einem jüdischen Ort ist Antisemitismus.
Aber jüdische Einrichtungen werden so häufig bedroht, angegriffen oder gezielt ausgewählt, dass Synagogen, Schulen und Gemeindezentren heute Sicherheitsstrukturen benötigen, die bei anderen gesellschaftlichen Einrichtungen kaum vorstellbar wären.
Am Freitag funktionierten diese Strukturen.
Die Schulen reagierten.
Die Polizei kam.
Die Gebäude wurden durchsucht.
Die Kinder blieben unverletzt.
Das ist die gute Nachricht.
Die schlechte lautet, dass jüdische Kinder überhaupt lernen müssen, wie eine Evakuierung nach einer Bombendrohung abläuft.
Die beiden Drohanrufe von Brooklyn dauerten vermutlich nur Minuten. Für Polizei und Schulen endeten sie mit der Entwarnung.
Für jüdische Eltern ist damit die größere Frage nicht erledigt.
Sie lautet, warum der Besuch einer jüdischen Schule in New York im Jahr 2026 weiterhin Sicherheitsmaßnahmen erfordert, die daran erinnern, dass jüdisches Leben selbst dort nicht selbstverständlich ungefährdet ist.
Autor: Redaktion
Artikel veröffentlicht am: Sonntag, 11. Oktober 2026