Katar und die Hamas: Ein Dokument von 1999 widerlegt Dohas zentrale Rechtfertigung
Katar behauptet seit Jahren, Hamas-Führer auf Wunsch Washingtons aufgenommen zu haben. Ein zeitgenössischer Bericht dokumentiert jedoch, dass Doha bereits 1999 eigenständig vier führenden Hamas-Vertretern Zuflucht gewährte. Auch neue Berichte über Geldflüsse und politische Einflussnahme werfen Fragen auf.

Katar stellt seine Beziehungen zur HamasHamas: Terrororganisation aus GazaHamas ist eine islamistische palästinensische Terrororganisation. Sie entstand 1987 aus dem Umfeld der Muslimbruderschaft, lehnt Israels Existenz ab und wird von Israel, den USA, der EU und weiteren Staaten als Terrororganisation eingestuft.Mehr lesen gern als notwendige diplomatische Vermittlung dar. Die Aufnahme führender Vertreter der Terrororganisation sei auf amerikanischen Wunsch erfolgt, um Gesprächskanäle offenzuhalten. Doch ein nun erneut ausgewertetes Dokument aus dem Jahr 1999 zeigt, dass diese Erklärung die Geschichte der katarischen Unterstützung nicht vollständig wiedergibt. Bereits damals nahm Doha führende Hamas-Funktionäre aus eigener Initiative auf. Washington wurde lediglich informiert.
Das Middle East Media Research Institute (MEMRI) verweist in seinem jüngsten Qatar Threat Monitor vom 16. Oktober 2026 auf einen Bericht der arabischen Zeitung Al-Bayan aus Dezember 1999. Darin erklärte Katars damaliger Außenminister Hamad bin Jassim Al Thani ausdrücklich, die Aufnahme der aus Jordanien ausgewiesenen Hamas-Führer sei nicht mit den Vereinigten Staaten oder IsraelIsrael: Der jüdische Staat im Herzen des Nahen OstensIsrael ist ein demokratischer Staat im Nahen Osten und der Nationalstaat des jüdischen Volkes. Er wurde am 14. Mai 1948 gegründet, seine Hauptstadt ist Jerusalem, die Knesset hat 120 Abgeordnete. Zum Unabhängigkeitstag 2026 hatte Israel rund 10,244 Millionen Einwohner.Mehr lesen abgestimmt worden.
Nach seinen eigenen Angaben hatte der damalige Emir Hamad bin Khalifa Al Thani beim jordanischen König Abdullah II. um die Aufnahme der Funktionäre gebeten. Die amerikanische Regierung wurde erst einen Tag vor deren Ankunft benachrichtigt. Eine Genehmigung aus Washington habe Doha nicht eingeholt.
Die Aussage ist deshalb bedeutsam, weil Katar seine Rolle als Gastgeber der Hamas später wiederholt mit amerikanischen Interessen begründete. Tatsächlich reicht die Bereitschaft des Emirats, führenden Mitgliedern der Terrororganisation Schutz und Aufenthalt zu gewähren, erheblich weiter zurück als die Eröffnung des Hamas-Politbüros im Jahr 2012.
Damals, 1999, gehörten zu den aufgenommenen Funktionären unter anderem Khaled Maschaal, Ibrahim Ghosheh und Izzat al-Rishq. Jordanien hatte gegen die Organisation vorgegangen und ihre Aktivitäten eingeschränkt. Katar übernahm vier führende Vertreter der Hamas.
Dass Washington später einen diplomatischen Kommunikationskanal über Doha unterstützte, ändert nichts an dieser früheren eigenständigen Entscheidung.
Vermittler, Gastgeber und politischer Schutzraum
Besonders aufschlussreich ist die langfristige Entwicklung. Katar stellte Hamas-Funktionären nicht lediglich vorübergehend Räumlichkeiten für einzelne Verhandlungen zur Verfügung. Das Emirat entwickelte sich über Jahre zu einem wichtigen politischen Aufenthaltsort ihrer Führung.
Im Mai 2021 bedankte sich der damalige Hamas-Chef im GazastreifenPalästina: Geschichte, Bedeutung und politischer Streit um einen aufgeladenen BegriffPalästina bezeichnet historisch eine Region im südlichen Levantegebiet und politisch heute vor allem den Anspruch auf palästinensische Staatlichkeit. Der Begriff ist eng mit jüdischer Geschichte, dem britischen Mandat, Israel und dem Nahostkonflikt verbunden.Mehr lesen, Yahya Sinwar, öffentlich bei Al Jazeera. Der katarische Sender sei nach seiner Darstellung eine besonders wichtige Plattform gewesen, um die Positionen der Hamas zu verbreiten.
Diese Äußerung sagt viel über den Stellenwert des Senders aus Sicht der Terrororganisation. Sinwar betrachtete Al Jazeera offenbar nicht nur als gewöhnliches Nachrichtenmedium, sondern als bedeutenden Kanal, über den die Hamas ihre Botschaften international verbreiten konnte.
Dass ein Hamas-Führer einen Sender lobt, beweist für sich genommen keine staatliche Steuerung terroristischer PropagandaDesinformation: Gezielte Täuschung der ÖffentlichkeitDesinformation bezeichnet bewusst verbreitete falsche oder irreführende Informationen. Ziel ist häufig, Menschen zu täuschen, Vertrauen zu zerstören, Konflikte zu verschärfen oder politische Entscheidungen zu beeinflussen.Mehr lesen. Es zeigt jedoch, welchen politischen Nutzen die Organisation selbst in ihrer medialen Präsenz erkannte.
MEMRI dokumentiert außerdem eine Schlagzeile der katarischen Tageszeitung Al-Roya vom 7. Oktober 2026. Am dritten Jahrestag des Hamas-Massakers stellte das Blatt den Angriff als Tag dar, an dem der palästinensische Widerstand den Kampf gegen den ZionismusZionismus: Das Recht der Juden auf SelbstbestimmungZionismus bezeichnet die jüdische Nationalbewegung, die für die Rückkehr des jüdischen Volkes in seine historische Heimat und für jüdische Selbstbestimmung im Land Israel eintrat. Der moderne Zionismus entstand im 19. Jahrhundert als Antwort auf Antisemitismus, Verfolgung und Entrechtung.Mehr lesen neu entfacht habe.
Eine solche Darstellung verschiebt den Blick vom Massenmord an israelischen Zivilisten auf eine angeblich historische Leistung des sogenannten Widerstands. Der 7. Oktober war jedoch kein gewöhnlicher militärischer Zusammenstoß. Hamas-Terroristen und weitere bewaffnete Gruppen ermordeten rund 1.200 Menschen und verschleppten 251 Geiseln.
Wer diesen Tag als Aufbruch eines politischen Kampfes verklärt, lässt die Opfer des Massakers aus der historischen Darstellung verschwinden.
Mehr als 100 Millionen Dollar für Gaza
Auch die finanzielle Rolle Katars wirft Fragen auf. Nach einer Recherche von Israel Hayom vom 11. Oktober flossen während des Krieges seit dem Hamas-Angriff vom 7. Oktober 20237. Oktober 2023: Das Hamas-Massaker, das Israel veränderteDer 7. Oktober 2023 war der Tag des Hamas-Massakers in Israel. Terroristen aus Gaza ermordeten etwa 1.200 Menschen, vor allem Zivilisten, und verschleppten mehr als 240 Geiseln in den Gazastreifen.Mehr lesen Hilfsgüter, Treibstoff und Infrastrukturleistungen im Wert von mehr als 100 Millionen Dollar aus Katar in den Gazastreifen.
Offiziell dienten die Lieferungen der Versorgung der Zivilbevölkerung, medizinischen Einrichtungen und dem Wiederaufbau grundlegender Infrastruktur. Israel ließ entsprechende Hilfsmaßnahmen zu, weil die Versorgung der Bevölkerung auch während militärischer Operationen aufrechterhalten werden musste.
Doch die wirtschaftliche Wirkung solcher Lieferungen ist nicht auf ihre unmittelbare Zweckbestimmung beschränkt. Wenn ein externer Geldgeber zivile Aufgaben finanziert, muss die örtliche Herrschaft weniger eigene Ressourcen dafür aufwenden. Im Gazastreifen konnte davon auch die Hamas als herrschende Organisation profitieren.
Israel Hayom berichtet zudem über Projekte, die in Zusammenarbeit mit Hamas-nahen örtlichen Verwaltungsstrukturen durchgeführt wurden.
Damit ist nicht bewiesen, dass die gesamte humanitäre Hilfe zur Finanzierung terroristischer Operationen verwendet wurde. Der zentrale politische Vorwurf ist konkreter: Katar konnte seine Stellung im Gazastreifen durch umfangreiche Hilfsleistungen aufrechterhalten, während zugleich die von ihm beherbergte Hamas-Führung von diesem politischen und wirtschaftlichen Umfeld profitierte.
Besonders problematisch erscheint dies im Zusammenhang mit der Rolle Dohas bei den Geiselverhandlungen. Katar vermittelte zwischen Israel und der Hamas und verfügte gerade wegen seiner langjährigen Beziehungen zur Terrororganisation über Gesprächsmöglichkeiten, die anderen Staaten fehlten.
Diese Kontakte konnten bei der Freilassung von Geiseln hilfreich sein. Gleichzeitig stellt sich die Frage, wie weit ein Vermittler tatsächlich unabhängig agieren kann, wenn er über Jahrzehnte enge Beziehungen zu einer der Konfliktparteien aufgebaut hat.
Qatargate reicht bis in Netanjahus Umfeld
Der neue MEMRI-Bericht verweist auch auf die sogenannte Qatargate-Affäre in Israel. Nach Recherchen des Senders N12, über die Ynet am 12. Oktober berichtete, soll Netanjahus enger Berater Jonatan Urich im September 2024 ChatGPT nach Möglichkeiten gefragt haben, das internationale Ansehen Katars zu verbessern.
Die in den Ermittlungen thematisierten Anfragen bezogen sich unter anderem auf israelische Bürger, jüdische Gemeinschaften weltweit und amerikanische Meinungsführer.
Urich bestreitet, dass aus den Anfragen tatsächliche Maßnahmen entstanden seien. Die Ermittlungen und die politische Auseinandersetzung darüber dauern an.
Für Israel ist der Vorgang dennoch besonders sensibel. Während israelische Soldaten gegen die Hamas kämpften und Geiseln im Gazastreifen festgehalten wurden, beschäftigte sich nach den veröffentlichten Ermittlungsunterlagen ein enger Mitarbeiter des Ministerpräsidenten mit möglichen Kommunikationsstrategien zugunsten Katars.
Oppositionspolitiker wie Gadi Eisenkot und Avigdor Lieberman erhoben daraufhin schwere Vorwürfe gegen Netanjahus Umfeld.
Auch hier muss zwischen dokumentierten ChatGPT-Anfragen, behaupteten politischen Aktivitäten und strafrechtlich nachgewiesenen Handlungen unterschieden werden. Schon die nachweisliche Beschäftigung mit derartigen Strategien wirft jedoch Fragen über die politische Einflussnahme Katars auf.
Die internationale Stellung des Emirats macht diese Fragen besonders wichtig. Katar ist enger Sicherheitspartner der Vereinigten Staaten, beherbergt amerikanische Streitkräfte und veranstaltet vom 20. bis 22. Oktober erneut die Sicherheitsmesse Milipol Qatar. Das Land präsentiert sich damit als Partner westlicher Sicherheitsinteressen, während seine Beziehungen zur Hamas international umstritten bleiben.
Katar ist kein gewöhnlicher Beobachter des Nahostkonflikts. Seine politischen Kontakte, finanziellen Möglichkeiten und Medienangebote verschaffen dem Emirat erheblichen Einfluss.
Der Fund von 1999 zeigt nun, dass Doha diese Rolle gegenüber der Hamas bereits lange vor der späteren amerikanisch unterstützten Vermittlungsstruktur aktiv gesucht hat.
Genau darin liegt der entscheidende Nachrichtenwert des MEMRI-Berichts: Katar kann die Verantwortung für seine historischen Entscheidungen nicht vollständig auf Washington übertragen.
Die Vereinigten Staaten mögen die spätere Nutzung Dohas als Gesprächskanal unterstützt haben. Die Aufnahme führender Hamas-Funktionäre im Jahr 1999 war nach den eigenen damaligen Aussagen Katars jedoch eine eigenständige Entscheidung des Emirats.
Wer Katars Rolle heute verstehen will, muss diese Vorgeschichte berücksichtigen. Doha war nicht erst Vermittler, nachdem die internationale Gemeinschaft einen Ansprechpartner zur Hamas benötigte. Es hatte sich bereits zuvor entschieden, führende Vertreter der Organisation aufzunehmen.
Diese historische Tatsache macht die aktuellen Fragen nach katarischer Finanzierung, medialem Einfluss und möglichen politischen Einflussoperationen in Israel umso dringlicher.
Autor: Redaktion
Artikel veröffentlicht am: Sonntag, 18. Oktober 2026